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Tagesbericht

29. September 1953
Information Nr. 1080

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Von den Parteiorganisationen offensiv geführte Diskussionen über das 16. Plenum des ZK finden nach wie vor vereinzelt statt. Auch der Inhalt der Diskussionen lässt oft auf die Aktivität der Parteiorganisationen in den Betrieben schließen. Im VEB Optik Liebenwerda/Cottbus ist die überwiegende Mehrheit der Belegschaft über die Ankündigung einer Preissenkung im Sommer 1954 befriedigt.1 Nur einzelne Arbeiter diskutieren negativ, und zwar diejenigen, die am 17. Juni aktiv waren.

Überaus negativen Charakter tragen die Diskussionen, die mehr oder weniger dem Selbstlauf überlassen sind oder wo sich feindliche Elemente in der Offensive befinden. Das ist z. B. in den Zeiss-Werken und bei Jenapharm der Fall. Einige Genossen bei Zeiss sagten übereinstimmend: »Es wird höchste Zeit, dass stark spürbare Verbesserungen kommen, sonst kommt wieder ein Tag ›X‹, der noch schlimmer als der erste wird. Von einer spürbaren Verbesserung kann man erst sprechen, wenn ein Bockwurst 30 Pfennige kostet.«

Ein Arbeiter aus den Ernst-Thälmann-Werken in Magdeburg sagte: »Es wäre besser, wenn Walter Ulbricht nicht so viel Versprechungen macht, sondern weniger verspricht und mehr hält. Es kann dann nicht eintreten, dass die Bevölkerung verbittert ist, wenn das gesteckte Ziel nicht erreicht wird.«

In einigen Betrieben des Bezirkes Halle hat sich die Situation zum Positiven gewendet. Die Beitragszahlung des FDGB ist allgemein besser geworden. Im Otto-Brosowski-Schacht in Eisleben wird seit einigen Tagen der Produktionsplan wieder 100%ig erfüllt, nachdem nach dem 17. Juni die Produktion stark zurückgegangen war. Am 26.9.1953 fuhren 24 Brigaden zu Ehren einer Versammlung der Betriebsparteiorganisation eine Sonderschicht, bei der das bisher höchste Förderergebnis erreicht wurde. Im Zementwerk Nienburg/Halle wurde der Quartalsplan vorfristig erfüllt.

Unterschiedliche Meinungen werden nach wie vor bei der Entlarvung und Entlassung von Provokateuren geäußert: Im Leipziger Metallgusswerk wurden einige aktive Teilnehmer des Juni-Putsches aus der Partei ausgeschlossen. Während in der Parteiorganisation Einmütigkeit vorherrschte, teilten sich die Meinungen bei den Parteilosen. Die einen meinten, die Strafe sei zu hart, die anderen sagten, dass solche Elemente in volkseigenen Betrieben nichts zu suchen hätten. Im Fuhrpark des Kombinats Espenhain herrschte nach der Entlassung eines Provokateurs eisiges Schweigen. In der Abteilung Verkehr des Stahlwerkes Riesa stimmten von 70 Arbeitern 36 gegen die Entlassung eines Provokateurs.

Bei Diskussionen über Aktivistenvorschläge treten wiederholt Tendenzen der Gleichmacherei auf, in denen zum Ausdruck kommt, man solle die Prämien gleichmäßig an alle Arbeiter verteilen. Beispiele: VEB Gewosei Gera und Feintuchwerke Forst/Cottbus.

In Hallenser Betrieben wird negativ darüber diskutiert, dass die Stromsperren zunehmen. Die Arbeiter des VEB EKM Görlitz wandten sich mit einem Aufruf zur Disziplin im Stromverbrauch an die Bevölkerung der Stadt, nachdem sie im eigenen Betrieb alle Möglichkeiten der Stromersparnis ausgeschöpft hatten.

Ingenieure der Warnowwerft Warnemünde beschweren sich über ihre mangelhaften Wohnverhältnisse und niedrige Gehälter, sie verdienen weniger als Brigadiere des Werkes.

In den Wismut-Schächten in Oberschlema und Aue wird erneut über die Bildung einer paritätischen deutsch-sowjetischen Gesellschaft diskutiert,2 dabei wird verbreitet, am 1.1.1954 würden die Prämien und die hohen Löhne wegfallen.

b) Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung bestehen im Kreis Aue/Karl-Marx-Stadt. In Staaken/Potsdam sind gleichfalls in der Kartoffel- und Gemüseversorgung Mängel aufgetreten.

In Plau/Schwerin müssen täglich sieben bis acht Waggons Kartoffeln für Sachsen und Thüringen verladen werden. Die Reichsbahn stellt jedoch nur ein bis zwei zur Verfügung. Im Kreis Hildburghausen/Suhl führt die Bevölkerung Klage, dass die Kartoffeln von der VEAB frei Haus 3,75 DM kosten und im Konsum dagegen bei Selbstabholung 4,50 DM. Ein Vertreter des Kreis-Konsums erklärte, dies sei die Handelsspanne. Die Winterkartoffelversorgung wurde im Bezirk Dresden gut durchgeführt. Gut hat sich der Konsum daran beteiligt, die HO weniger.

Die Versorgung mit HO-Butter ist in einzelnen Kreisen des Bezirkes Dresden ungenügend. Im Kreis Gransee/Potsdam fehlt Margarine. In Belzig/Potsdam äußert man, dass die Importbutter zum Teil ungenießbar sei. In mehreren Geschäften des Bezirkes Suhl ist der Eierverkauf zurückgegangen, weil zu viele Eier schlecht sind.

Im Kreis Bad Salzungen/Suhl ist der Umsatz der HO Textil- und Haushaltswaren zurückgegangen. Grund: Die Bevölkerung rechnet immer noch mit einer baldigen Preissenkung.

Im Bezirk Erfurt ist die Bevölkerung im Durchschnitt bis 90 % mit Hausbrand beliefert. Ab 28.9.1953 wird [sic!] zusätzlich pro Kopf der Bevölkerung 50 kg Briketts ausgegeben.

c) Landwirtschaft

Die Landbevölkerung diskutiert stark über die Stromabschaltungen. In einer Bauernversammlung in Stützengrün/Karl-Marx-Stadt wurde geäußert: »Wenn die Stromabschaltungen nicht aufhören, werden wir eben keine Milch mehr abliefern, damit diese Zustände abgeändert werden.«

In Blesewitz/Neubrandenburg sagten Bauern auf einer Versammlung: »Es wäre angebracht, wenn man den Strom nach 20.00 Uhr abschalten würde, damit wir vorher erst das Vieh füttern können. Wir Bauern sind sonst gezwungen mit Lampen in den Stall zu gehen und es entstehen dadurch mehr Brände.«

Aus mehreren Kreisen des Bezirkes Magdeburg und Rostock wird berichtet, dass die gelieferten Kartoffelroder vom Typ Schatzgräber von sehr schlechter Qualität sind, sodass sie oft nach 5–6 ha Rodungen unbrauchbar werden. So äußert ein Traktorist der MTS Diesdorf/Magdeburg: »Es ist eine Schande, wenn bei der LPG Haselhorst 45 Personen aus der Stadt zum Kartoffelroden da sind und mein Schatzgräber kann nicht eingesetzt werden, da die Federn laufend brechen.« Bei der MTS Klebe/Schwerin stehen wegen Ersatzteilmangel vier Traktoren und 50 % aller Pflüge still.

In Groß Schmölen/Schwerin herrschte bei der Landbevölkerung große Freude, da von der Grenzpolizei aus Dömitz Volkspolizisten zur Kartoffelrodung eingesetzt waren. Die LPG Goldenstedt/Schwerin ist von 14 auf 38 Mitglieder angewachsen. Immer mehr Bauern stellen den Antrag auf Aufnahme in die LPG. Sie beabsichtigen, zur Type 33 überzugehen.

Im Bezirk Cottbus ist in einigen Kreisen die Sollerfüllung in Getreide noch mangelhaft (Kreis Luckau 54 %). So hat z. B. der Bürgermeister aus Duben4 trotz mehrmaliger Aufforderung noch kein kg Getreide abgeliefert. Er gibt an, aufgrund des neuen Kurses hätten die Gesetze über Ablieferung keine Wirkung mehr.

Im Bezirk Cottbus breitet sich die Schweinepest weiter aus.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Diskussionen über Stromsperren werden in den Bezirken Dresden, Halle, Erfurt und Potsdam geführt, über eine angeblich bald zu erwartende Preissenkung in den Bezirken Erfurt, Halle, Leipzig und Rostock. In Schmölln/Leipzig kursiert das Gerücht, am 17.10.1953 erfolge eine Preissenkung. Ein Postangestellter aus Grimmen/Rostock sagte: »Die heutigen Preise sind zu hoch. Sie müssen den Löhnen angepasst sein. Erst dann ist der Arbeiter zufrieden.«

In letzter Zeit stellen sich im Kreis Freiberg/Dresden besonders Kleinbürger gegen die Bildung von Haus- und Hofgemeinschaften. So scheiterten in den letzten drei Wochen in 67 Fällen die Gründungen derselben.

Über die Rückkehr der Kriegsgefangenen5 äußerte ein Friseur aus Schmalkalden/Suhl: »Die SU hat großzügig gehandelt. Hoffentlich erkennen dies die Entlassenen an und verhalten sich danach. Mancher ist es noch nicht wert, entlassen zu werden.«

Feindtätigkeit

a) organisiert

Verstärkte Flugblatttätigkeit in den Bezirken Karl-Marx-Stadt und Gera, vorwiegend Flugblätter der NTS,6 vereinzelt in den Bezirken Leipzig, Dresden, Halle, Rostock, Cottbus, Neubrandenburg, Suhl, Erfurt, Frankfurt/Oder und Berlin (NTS, KgU,7 SPD-Ostbüro).8

Im VEB Bauplattenwerk Luckenwalde/Potsdam treten laufend Störungen (Schäden an Maschinen und Motoren) auf. In diesem Betrieb ist eine Konzentrierung von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern und kriminellen Elementen festzustellen.

Am 27.9.1953 wurde in einer Gaststätte ein Instrukteur der SED-Kreisleitung Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, von zwei Jugendlichen mit Schlagring niedergeschlagen. Am 28.9.1953 wurde ein VP-Angehöriger (Betriebsschutz) in Schwarzenberg/Karl-Marx-Stadt von fünf Personen überfallen und durch Messerstiche verletzt.

b) vermutlich

Im Kreis Nauen/Potsdam fordern Erfasser die Bauern auf, erst freie Spitzen9 abzuliefern und dann ihrer Sollerfüllung nachzukommen.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich nicht verändert. Erfolge der politischen Arbeit zeigen sich weiterhin in Betrieben des Bezirkes Halle. In einigen Bezirken rechnet man immer noch mit einer großen Preissenkung in den nächsten Tagen. Schwierigkeiten in der Landwirtschaft bestehen weiter durch Mangel an Ersatzteilen für die Maschinen der MTS.

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