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Tagesbericht

21. Juli 1953
Information Nr. 1019

Stimmung der Bevölkerung

Der Genosse [Name 1], beschäftigt im Leuna-Werk, äußert sich, dass die Kumpel der Leuna- und Buna-Werke davon sprechen, dass am 23. und 24.7.1953 etwas los ist (Sitzstreik).

Der Arbeiter [Name 2], beschäftigt im Leuna-Werk, erklärte, dass die Werktätigen verlangen, dass Dr. Schirmer1 aus dem Werk verschwindet, er soll wieder nach Piesteritz gehen, u. a. äußert er sich: »Wenn die Russen nicht da wären, würde es anders aussehen.«

Der kfm. Angestellte [Name 3] bringt zum Ausdruck, dass die Arbeiter darüber diskutieren und als schlecht bezeichnen, dass keine Großversammlung, auf der Genosse Ulbricht sprechen sollte, stattfindet. In allen Werken der DDR sind Großveranstaltungen durchgeführt worden, nur in Leuna nicht.

In einer Belegschaftsversammlung des VEB Starkstromanlagenbau Berlin wurde von den Arbeitern die Forderung gestellt, den Lohn der Arbeiter an den des Schwermaschinenbaus anzugleichen. Der Vertreter des Ministeriums für Maschinenbau, Seifert, gab zu verstehen, dass eine Ministerratsvorlage ausgearbeitet und dem Ministerrat zur Beschlussfassung vorgelegt werden soll. Der Minister für Handel und Versorgung, Wach, brachte zum Ausdruck, dass die Forderung der Arbeiter eine gerechte sei und für solche Angelegenheiten ein Kollektiv beim Ministerrat besteht, welches sofort zur Beschlussfassung übergehen könnte.

Minister Wach stellte als Termin der Regelung dieser Frage den 12.7.1953. Der Betriebsleiter Genosse Großmann gab am 16.7.1953 zu verstehen, dass die Eingruppierung in den Schwermaschinenbau vom Finanzministerium abgelehnt wurde. Er vertritt die Meinung, dass er dies der Belegschaft nicht bekannt geben kann, um keine neue Unruhe innerhalb des Betriebes herbeizuführen.

Im VEB Aufzugsbau Berlin ist aufgrund der Materialschwierigkeiten eine Missstimmung unter den Arbeitern zu verzeichnen, zzt. verrichtet ein Teil der Arbeiter nur »Buddelarbeiten«, was zur Folge hat, dass sie nicht das Geld verdienen wie bei normaler Produktion. U. a. wird im Betrieb so diskutiert, dass größere Entlassungen vorgenommen werden sollten.

Anlage vom 21.7.1953 zur Information Nr. 1019 (1. Expl.)

Information Nr. 1019a: Überplanbestände aller Materiallager der Reichsbahn

Eine Überprüfung sämtlicher Materiallager der Reichsbahn ergab, dass erhebliche Überplanbestände, in wenigen Fällen Schwarzlager, vorhanden sind. Bei den Überplanbeständen handelt es sich um Materialien, die am Ort der Lagerung nicht verwendet werden können. Dieses Material lagert zum Teil schon Jahre und wurde auch teilweise der Reichsbahndirektion gemeldet (unternommen wurde nichts). Millionenbeträge lagern nutzlos an verschiedenen Stellen, die in anderen Dienststellen dringend benötigt werden. Zurückzuführen sind diese Überplanbestände zum Teil auf den Wechsel der Produktion, z. B., Umstellung von Lok auf Güterwagenproduktion usw.

So wurde im Reichsbahnausbesserungswerk Kirchmöser schon 1945 die Produktion von Lok auf Güterwagen umgestellt. Es lagern noch heute große Mengen von Lok-Ersatzteilen sowie Spezialwerkzeuge für Lok-Ausbesserungen in Kirchmöser, die dort nicht mehr benötigt werden. Solche und ähnliche Beispiele können beliebig erweitert werden.

Wie festgestellt wurde, werden in verschiedenen Werkstätten Bremsklötze dringend benötigt, so z. B. im Bezirk der Reichsbahndirektion Cottbus, wo Lokomotiven wegen Mangel an Bremsklötzen aus dem Verkehr gezogen werden sollen. Demgegenüber lagern im RAW Karl-Marx-Stadt 248 Bremsklötze, die nicht benötigt werden. Im Bahnbetriebswerk Reichenbach besteht ein Engpass an Heiz-, Rauch- und Überhitzrohren für Loks. Im Bahnbetriebswerk Riesa aber lagern 252 Heizrohre verschiedener Größen sowie 18 Rauchrohre verschiedener Größen.

Ein ebensolcher Mangel besteht an Schrauben und Muttern, während bei der Kontrolle verschiedentlich festgestellt wurde, dass erhebliche Mengen an Überplanbeständen von Schrauben und Muttern vorhanden sind. So lagern allein im Ersatzstofflager Halle 41 150 kg Schrauben und Muttern, die für das Jahr 1953 nicht gebraucht werden.

Schwarzlagerungen

Schwarzlager wurden zum Teil vollkommen verheimlicht oder karteimäßig erfasst, aber nicht gemeldet und so der Wirtschaft entzogen. Zum größten Teil liegt dies an dem sogenannten Betriebsegoismus, um einige stille Reserven zu haben. Um als Beispiel das Bahnbetriebswerk Dresden herauszugreifen, wo 107 kg Quecksilber lagern, die nicht erfasst wurden, weil man der Ansicht ist, dass man es später evtl. selbst noch einmal gebrauchen kann.

Im RAW Meiningen wurde unter zur Reparatur abgestellten Kesseln, Tendern und Rädern 35 komplette Federn für Loks, ein Wert von ca. 7 000 DM, festgestellt. Federn für Loks sind nach wie vor ein Engpass.

Wenn man bedenkt, dass im RAW Karl-Marx-Stadt 4 t Elektroden2 lagern, die in allen Werken dringend benötigt werden, wo man sich zum Teil mit Ersatzmaterial behelfen muss, wird verständlich, dass diesem Zustand schnellstens Abhilfe geschaffen werden muss. Wie schon erwähnt, können die aufgeführten Beispiele beliebig erweitert werden, da die Überplanbestände im Detail aufgegliedert von jedem Materiallager der Reichsbahn vorliegen.

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