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Tagesbericht

5. August 1953
Information Nr. 1032

Stimmung der Bevölkerung

Wie bekannt wurde, kam es am 4.8.1953, um 10.45 Uhr, in der Badstraße am Gesundbrunnen zu Ansammlungen von Erwerbslosen und Rentnern, die nach der Prinzenallee 8 zur Schule,1 in der die Amipakete ausgegeben werden, gingen. Die dort stationierte Stupo2 konnte mit diesen Personen nicht fertigwerden, aber auch die Einsatzpolizei schaffte es nicht. Daraufhin holte man den Wasserwerfer, um die Prinzenallee und Badstraße zu räumen, wozu 1¼ Stunde gebraucht wurde. Die Bevölkerung antwortete gegen dieses brutale Vorgehen durch heftige Gegenrufe.

Um 14.30 Uhr wurde von der Stupo die Bornholmer Straße nach dem demokratischen Sektor gesperrt. Kein Westberliner wurde in den demokratischen Sektor gelassen, worüber die Bevölkerung empört ist. Die Stimmung bei den Erwerbslosen und der Bevölkerung gegen die »Amipaketholer« wird als sehr schlecht bezeichnet.

Vor der Schule Reichenbachstraße und in der Straße selbst waren viele Gruppen festzustellen, die erregt diskutierten. Die Polizei war in Alarmbereitschaft und ging mit gezogenem Gummiknüppel umher. Plötzlich kam es zu Schlägereien zwischen Stupos und Straßenpassanten. In kurzer Zeit waren mindestens 200 Stupos zusammengezogen mit Funkwagen und Wasserwerfern. Polizei schlug brutal auf Frauen und Männer ein. Bürgermeister Kressmann3 war selbst im Schutz der Polizei mit zugegen.

Wie bekannt wurde, soll die Paketausgabe neuerdings unter Vorlage des Versicherungsausweises mit der dazu gehörigen Vollmacht für den Betreffenden [erfolgen], für den das Paket mitgebracht werden soll. Nach Abschluss dieser jetzigen Aktion soll eine Paketverteilung, in welcher sich Genussmittel wie Kakao usw. befinden, durchgeführt werden sowie [mit] Textilien im Werte von 10,00 DM West.

Aus der Unterhaltung mit Leuten aus der Gegend Bitterfeld, Magdeburg, Wolfen, Leuna und Buna geht hervor, »dass diese Ende August eine große und endgültige Sache erwarten. Sie bringen zum Ausdruck, dass es in Leuna und Buna kocht und die unverständlichen Maßnahmen der SED diese Sache nur noch beschleunigen und umso sicherer gelingen lassen.«

Am heutigen Tage wurde bekannt, dass um 11.30 Uhr sich in Westberlin in der Badstraße größere Menschenansammlungen und Diskussionsgruppen befanden.

Die sogenannte »USA-Hilfsaktion« wird von der Bevölkerung unterschiedlich aufgenommen. Ein Teil der Bevölkerung bringt zum Ausdruck, dass man sich als Deutscher schämen müsste, dass es Menschen gibt, die sich soweit herabwürdigen und die Bettelpakete aus Westberlin abholen. Zum Teil werden strengere Maßnahmen von der VP und den Staatsorganen gegen die sogenannten »Paketabholer« verlangt. Man begründet dies damit, dass in der DDR bis jetzt noch keiner verhungert sei. Dieser Teil der Bevölkerung diskutiert sehr stark über die wahren Hintergründe der sogenannten »USA-Hilfsaktion«. So brachte eine HO-Verkäuferin der Imbisshalle im Bahnhof Meißen, Bezirk Dresden, zum Ausdruck: »Ich kann die Menschen nicht verstehen, dass sie für das bisschen Ware nach Westberlin fahren und so viel Fahrgeld ausgeben. Es ist ganz richtig, wenn die Fahrkarten nach Berlin gesperrt werden. Personen, die schon ihre Fahrkarten haben, dürften das Fahrgeld gar nicht wieder zurückerhalten.«

Der Rentner [Name 1]: »Die Menschen die nach Berlin fahren, um sich Pakete zu holen, sind des Ausspuckens nicht wert, da sie sich kaufen lassen und ihr Vaterland verraten.«

Der HO-Kellner [Name 2]: »Die Deutschen haben doch kein Nationalgefühl, sonst würden sie sich diese Pakete nicht holen. Haben die schon vergessen, dass die Amerikaner unsere Städte durch Bomben zerstört haben.«

Der Wismut-Arbeiter [Name 3] hatte am 3.8.1953 neun Pakete aus Westberlin mitgebracht. Die Belegschaft der Garage nahm am 4.8.1953 zu seinem Verhalten Stellung. Es waren 160 Kumpels anwesend. Acht Diskussionsredner forderten Bestrafung und Entlassung des [Name 3]. Verschiedene Kumpel wollten [Name 3] für seine verwerfliche Handlung einen Denkzettel verabreichen. ([Name 3] wurde entlassen, Bildbericht wird in der Presse veröffentlicht.)4

Ein anderer Teil der Bevölkerung richtet sich mehr oder weniger gegen die Fahrtbeschränkung auf der Reichsbahn nach Berlin5 und ist bemüht, die »Lebensmittelpakete« aus Westberlin abzuholen. Zum Teil diskutiert man so: »Wenn man etwas geschenkt bekommt, soll man es nehmen.« Oder: »Der Amerikaner hat bei uns so viel zusammengeschlagen und jeder einzelne müsste sich das Paket holen, um ihn damit zu schädigen.« Unter anderem wird von solchen Personen unsere Regierung in gemeinster Art und Weise beschimpft. Unter den »Paketabholern« in Westberlin konnte festgestellt werden, dass sich dort eine gewisse Unruhe bemerkbar macht. Man befürchtet insbesondere, dass die Pakete in der DDR abgenommen werden. So wurde, um ein Beispiel anzuführen, von den Bauarbeitern der Staatsoper Unter den Linden in einer internen Versammlung der Vorschlag gemacht, die »Lebensmittelpakete« abzuholen. Es wurde aufgezeigt, dass der Ami so viel bei uns zerschlagen habe und dies jetzt alles wiedergutmachen müsse. Man soll so viel wie möglich Pakete abholen.

Die Hausfrau [Name 4] aus Gießen, Kreis Genthin: »Die drüben sorgen wenigstens für uns. Hier wird man ja nur schikaniert.«

Der Möbelhändler [Name 5]: »Erst lehnt man die 15 Mio. Dollar ab6 und jetzt verhindert man noch die Fahrt nach Berlin zur Abholung der Pakete, wodurch die Leute etwas zum Leben hätten.«

Am 29.7.1953 brachte ein Angestellter der SVK in einer Betriebsversammlung die Forderung vor, dass auch an die Verwaltungen Werksküchenessen zu verabreichen ist. Er brachte zum Ausdruck, wenn diese Forderungen in Meißen vonseiten des FDGB nicht unterstützt werden, sollte man streiken oder erst einmal die Beiträge des FDGB stoppen.

Bei einer Filmvorführung in Garvensdorf, Kreis Bad Doberan, brachten die Neubauern zum Ausdruck, dass sie keine Russenfilme sehen wollen und auch nicht solche aus den Volksdemokratien. Weiterhin erklärten sie, dass man sie verdummen will. Die Regierung hat viele Fehler gemacht, aber der größte Fehler von allen ist der, dass man ihnen das Radio gelassen hätte, denn so lange sie die westlichen Sender hören können, kann man sie nicht für dumm verkaufen.

Wie aus dem Amt für Erfindungs- und Patentwesen in Erfahrung gebracht werden konnte, herrscht unter der Intelligenz und den Erfindern eine Missstimmung, da die Ablehnung der Betriebe betreffs Einführung neuer Erfindungen verstärkt in Erscheinung tritt. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass Millionenwerte, die einerseits dringend benötigt werden, brachliegen und auf der anderen Seite die Anwendung ihrer Erfindung gehemmt wird. Wie durch den Vizepräsidenten und Leiter der Wirtschaftsabteilung des Amtes für Erfindungs- und Patentwesen Raabe mitgeteilt wird, besteht seit Jahren in der Arbeit des AfEuP eine große Schwierigkeit darin, dass gute patentierte und von hohem volkswirtschaftlichen Werte getragene Erfindungen nicht zur Einführung in die Industrie kommen und somit der volkswirtschaftlichen Nutzung verloren gehen. Wenn der Erfinder oder das AfEuP versuchen, eine patentierte Erfindung der Industrie zur Nutzung anzubieten, so schrecken diese Betriebe in jedem Falle zurück und lehnen die Einführung mit der Begründung ab, hierfür keine Investitionsmittel zur Verfügung zu haben. Raabe äußerte, dass bei Nichtbeachtung dieser Angelegenheit sich ungünstige politische Folgen ergeben könnten und er am 16.6.1953 diesbezüglich einen Vorschlag an den Ministerrat der DDR gegeben hat.

Aufgrund des Regierungsbeschlusses über Einstellung des Aufbaus der Schwerindustrie wurden im EK »J. W. Stalin«, Stalinstadt, folgende Anlagen sofort abgestoppt:

  • 1.

    Aufbau des Stahlwerkes mit allen Nebenanlagen,

  • 2.

    Aufbau des Walzwerkes mit allen Nebenanlagen,

  • 3.

    Aufbau des Bahnbetriebswerkes mit allen Nebenanlagen und dazu gehörigen Einrichtungen.

Der Aufbau dieser Objekte sollte kurzfristig durchgeführt werden, wodurch der größte Teil der Stahlmontagen und dazu gehörigen Anlagen sofort zur Fertigstellung an Großfirmen übergeben wurde. Ein großer Teil dieser in Auftrag gegebenen Arbeiten wurde bereits fertiggestellt. Ein Teil dieser Konstruktionsteile befindet sich bereits im EK »J. W. Stalin« und ein Teil beim Stahlbau Berlin-Lichtenberg.

Dadurch tritt folgender Zustand ein:

  • a)

    Stahlbau Berlin-Lichtenberg ist nicht in der Lage, weitere Konstruktionen vorzunehmen, da sämtliche Lagerplätze und ein Teil der Hallen von den dort lagernden Konstruktionsteilen belegt sind. Vom Ministerium für Aufbau wurde die Anweisung gegeben, die restlichen Konstruktionsteile zum EK »J. W. Stalin« zu schicken.

  • b)

    Die Aufbauleitung des EK »J. W. Stalin« ist zzt. nicht in der Lage, die Stahlkonstruktionsteile auf einem geeigneten Platz winterfest zu lagern sowie die Konstruktionsteile rostfrei durch einen Rostschutzanstrich zu versehen, da für die Transportmittel sowie Einrichtungen eines Lagerplatzes und den Rostschutzanstrich keinerlei Investmittel zur Verfügung stehen.

Vom Ministerium für Hüttenwesen wurde der Aufbauleitung »J. W. Stalin« nur eine mündliche Anweisung gegeben, die Stahlkonstruktionen abzunehmen und dass mit dem Aufbau der angeführten Objekte auch in den Jahren 1954 und 1955 nicht zu rechnen ist. Dadurch besteht die Gefahr, dass das bereits fertige Material und die Konstruktionsteile der Witterung ausgesetzt sind und somit einer Verrottung preisgegeben werden. Bei den Ingenieuren und Technikern macht sich eine Arbeitsunlust bemerkbar, weil sie vor einer Entlassung aus der Aufbauleitung des EK »J. W. Stalin« stehen. Zzt. konnten diese Personen von keiner Institution7 Aufklärung erhalten. Besonders zeigt sich die Unsicherheit bei den Ingenieuren und Technikern, die vor Kurzem nach Stalinstadt zugezogen sind.

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