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Tagesbericht

13. August 1953
Information Nr. 1039

Stimmung der Bevölkerung

Wie aus den Bezirken Neubrandenburg und Schwerin bekannt wurde, tragen die Diskussionen über die sogenannte »USA-Hilfsaktion«1 mehr und mehr positiven Charakter. Negative Diskussionen treten durch die Abnahme der Pakete in Erscheinung. So äußerte die Stationshilfe [Name 1], Demmin: »Unsere VP macht sich immer verhasster, wenn sie die ›Westpakete‹ den Empfängern abnimmt.«

Im VEB Schiffbau-Projektierungs- und Konstruktionsbüro Berlin-Köpenick wird negativ darüber diskutiert, dass in unserer Presse gegen das Abholen der »USA-Pakete« und Registrierung Stellung genommen wird. »Wie ist es aber zu vereinbaren, dass Genossen und Parteilose des Betriebes nach Westberlin geschickt werden, um diese ›Pakete‹ zu holen, damit sie im demokratischen Sektor an Erwerbslose verteilt werden können. Diese Personen werden auch registriert.« Zu den Zeitungsnotizen im ND vom 5.8.19532 wird Folgendes geäußert: »Die Unruhen an den Verteilungsstellen in Westberlin sind nicht durch Westberliner Erwerbslose entstanden, jedem ist bekannt, dass Personen aus dem demokratischen Sektor hinüber geschickt wurden.«

Die Senkung der HO-Preise für Perlonstrümpfe, Schreibmaschinen usw.3 löst bei der Bevölkerung negative Diskussionen aus. Von Arbeitern wird zum Ausdruck gebracht, dass ihnen eine Preissenkung an den wichtigsten Lebensmitteln helfen kann, nicht aber Schreibmaschinen usw.

Wie aus dem Bezirk Neubrandenburg gemeldet wird, ruft die mangelhafte Belieferung mit Frischfleisch unter der Bevölkerung eine gewisse Missstimmung hervor. Es wird gefordert, das Gefrierfleisch im Verhältnis 1: 3 zu verkaufen. Hier wird auch das Gerücht verbreitet, dass es in nächster Zeit nur noch konserviertes Fleisch geben soll.

Aufgrund der zzt. in fast allen Bezirken durchgeführten Stromabschaltungen werden negative Diskussionen geführt und zum größten Teil Zweifel an der Durchführung der Regierungsbeschlüsse geäußert.4 So äußerte z. B. der Vorsitzende der VdgB Kreher aus Annaberg: »Gerade als Landwirt habe ich die Verordnung der Regierung begrüßt, kann aber nicht verstehen, dass bereits nach sechs Wochen die Beschlüsse der Regierung nicht mehr geachtet werden. Die Bevölkerung zweifelt aufgrund der Stromabschaltungen bereits an der Durchführung der Beschlüsse.«

Bei Interzonenreisenden treten negative Diskussionen auf, da diese kein Geld umgetauscht bekommen5 und dadurch in Westdeutschland als »arme Menschen aus der Hungerzone« angesehen werden (so äußern sich Interzonenreisende).

Der Konstrukteur vom VEB Motorradwerk Zschopau, [Name 2], äußerte sich wie folgt: »Beim Umsteigen auf einem Bahnhof in Westdeutschland, wo einige Zeit Aufenthalt war, setzten sich alle Reisenden aus der DDR an einen Tisch. Als die Kinder etwas zu Trinken verlangten, musste ihnen Wasser gebracht werden. Meiner Frau war es nicht mal möglich, auf dem Bahnhof austreten zu gehen. Da wir nichts bestellten, wurden Personen an anderen Tischen aufmerksam und bedauerten im Allgemeinen die ›armen Ostzonenbewohner‹.«

Der Werkschutzmann [Name 3] aus Salzwedel äußerte: »Es ist eine Schande, man kommt sich wie ein Bettler vor, wenn man nach Westdeutschland kommt. Nicht eine DM bekommt man umgetauscht.«

Am 7.8.1953 wurde in der Zigarettenfabrik Unitas Schwerin eine Belegschaftsversammlung durchgeführt, an welcher 124 Betriebsangehörige teilnahmen. Der Referent wurde mehrmals durch provokatorische Äußerungen unterbrochen, die sich gegen den FDGB richteten.

Die Arbeiter der Flachsröste Neubrandenburg legten am 11.8.1953 von 6.00 bis 10.00 Uhr die Arbeit nieder, da sie nicht einverstanden sind, dass die Arbeiter der Lohngruppe IV mehr verdienen als die in der Lohngruppe V.6 Nachdem der Parteisekretär und die BGL mit der Belegschaft darüber diskutierten, dass zzt. eine Lohnerhöhung nicht durchgeführt werden könne, sie aber die Forderung der Belegschaft unterstützen, wurde die Arbeit aufgenommen.

In fast allen Bezirken der DDR macht sich eine Ablehnung der Funktion des Bürgermeisters bemerkbar. So wird z. B. aus dem Bezirk Schwerin bekannt, dass durch die geringe Bezahlung der Bürgermeister und Angestellten eine starke Fluktuation einsetzt. Industriearbeiter, die nach einem Lehrgangsbesuch die Übernahme der Funktion eines Bürgermeisters durchführen sollen, lehnen dies mit der Begründung ab: »Nicht eher bevor die Gehaltsfrage geregelt ist.«

Wie bekannt wurde, werden von Westdeutschland aus Versuche unternommen, um folgende Wissenschaftler abzuziehen:

  • 1.

    Prof. Dr. Röhrer,7 Leiter des Instituts für Tierseuchenforschung der Insel Riems,

  • 2.

    Prof. Dr. Stahl,8 Leiter des Instituts in Dummerstorf, Bezirk Rostock,

  • 3.

    Prof. Dr. Heinisch,9 Leiter des Instituts in Kleinwanzleben und an der Universität Leipzig,

  • 4.

    Prof. Klinkowski,10 Prof. an der Universität Halle, Pflanzenschutz,

  • 5.

    Prof. Dr. Stubbe,11 Präsident der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR, Leiter des Instituts in Gatersleben.12

Aus Westberlin wird bekannt, dass alle Personen, die im demokratischen Sektor arbeiten und einen Teil des Lohnes in Westmark umgetauscht erhalten, einer »politischen Überprüfung« unterzogen werden. So z. B. wurde Frau Kapelitz, beschäftigt in Oberschöneweide13 als Laborantin, bei der Stummpolizei vorgeladen und nach Folgendem befragt: Arbeitsstelle, Mitglied welcher Formation, Art der Tätigkeit (genaue Beschreibung), wie viel Lohn, Namen der Vorgesetzten und Anzahl der Mitarbeiter im engeren Arbeitskreis.

Feindtätigkeit

Im Kreisgebiet Worbis, Bezirk Erfurt, wurden Hetzschriften durch einen Ballon verstreut. Hierdurch wurde die Bevölkerung der DDR aufgerufen, Namen und Anschriften von Personen mitzuteilen, die am 17.6. ums Leben kamen bzw. im Laufe [sic!] festgenommen wurden. Mitteilungen sollen unter dem Deckwort »17. Juni« an [Vorname Name 4], Berlin-Charlottenburg 9, Postlagerkarte 86, gerichtet werden.

Im Kreis Königs Wusterhausen, Bezirk Potsdam, wurde in den letzten Tagen eine verstärkte Flugblatttätigkeit seitens des Klassengegners festgestellt. Die Flugblätter liegen zum größten Teil in der Nähe von Straßen.

Anlage vom 13. August 1953 zur Information Nr. 1039

Information Nr. 1039a: Betr.: Energieversorgung

Aufgrund der zzt. noch bestehenden Schwächen in der Energieversorgung erscheint [es] wichtig, auf nachfolgend aufgeführten Verbesserungsvorschlag hinzuweisen:

Bereits am 17. Oktober 1952 machte Dr. Knoch, Ministerium für Schwermaschinenbau, HV Energie- und Kraftmaschinenbau, folgenden Vorschlag: Da die maschinelle Ausrüstung des Bahnkraftwerkes Muldenstein bei Bitterfeld zurückgezogen wurde, beschloss die Reichsbahndirektion, dieses Kraftwerk 1953 mit vier Kesseleinheiten à 40 t Dampfleistung und zwei Turbosätzen à 16 MW wieder aufzubauen, ebenso die Elektrifizierung von 150 km Bahnstrecke vorzunehmen. Dr. Wolf äußert sich hierzu: »Die vorhandenen Generatoren liefern meines Wissens einphasigen Wechselstrom mit 16 2/3 per sec14 und laufen über Getriebe mit einer Untersetzung von 3: 1. Es wird vorgeschlagen, diese Spezialgeneratoren durch zwei normale Generatoren à 16 MW [bei]15 3 000 U/min, passend zu der Drehzahl der Turbinen, zu ersetzen, das Kraftwerk auf das Verbundnetz der DDR zu schalten und die Elektrifizierung der 150 km Bahnstrecke bis 1953 zurückzustellen.«

Dr. Knoch stellte die Frage, was ist in der gegenwärtigen Situation wichtiger, 200 Mio. kWh je Jahr für den Aufbau der volkseigenen Wirtschaft kurzfristig zur Verfügung zu haben oder 150 km Bahnstrecke zu elektrifizieren, wozu mehrere Tausend Tonnen Profilmaterialien für die Masten und Materialien für die Oberleitungen dem Ausbau der volkseigenen Wirtschaft entzogen werden müssten. Am 25.7.1953 richtete Dr. Knoch nochmals eine Abschrift seines Vorschlages vom 17. Oktober 1952 an das Staatssekretariat für Energie, z. Hd. Kollegen Prutzek.

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