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Tagesbericht

15. August 1953
Information Nr. 1041

Stimmung der Bevölkerung

Wie aus vorliegenden Stimmungsberichten zu ersehen ist, ist nach wie vor eine negative Diskussion über die zzt. durchgeführten Stromabschaltungen zu verzeichnen. Zum überwiegenden Teil richten sich diese Diskussionen gegen unsere Regierung, da, wie man zum Ausdruck bringt, diese beschlossen hat, dass keine Stromabschaltungen mehr stattfinden.1 Besonders wird durch die Stromabschaltungen in ländlichen Gegenden Unzufriedenheit hervorgerufen, da dadurch der Drusch verschiedentlich ins Stocken kommt.

So herrschte am 12.8.1953 bei den werktätigen Bauern in Wundersleben, Bezirk Erfurt, eine starke Unzufriedenheit, da der Strom bereits gegen 4.00 Uhr abgeschaltet wurde, die Spitzenzeit jedoch erst um 6.00 Uhr beginnt. Der Leiter der Energiewerke, Energieabteilung Altentreptow, Bezirk Neubrandenburg, äußerte sich: »Es ist alles Lüge, die Regierung müsste wissen, dass es gar nicht möglich ist, jetzt in der Druschzeit keine Stromabschaltungen durchzuführen.«

Die Hausfrau [Name 1] aus Eisenach, Bezirk Erfurt, sagte: »Es ist eine Schweinerei, dass schon jetzt im August wieder Stromsperren sind. Aber in der Zeitung immer erst die große Fresse, dass es keine Stromsperren mehr geben soll.«

Weiterhin wird unter der Bevölkerung noch negativ über die Brennstoffversorgung diskutiert, indem zum Ausdruck gebracht wird, dass in den Zeitungen berichtet wird, dass die Braunkohlenwerke ihr Plansoll übererfüllen, jedoch die Versorgung noch zu wünschen übrig lässt. So äußerte der Kollege [Name 2] aus Sömmerda, Bezirk Erfurt: »Eine große Diskussion gibt es immer wieder, wenn in der Zeitung steht, Braunkohlenwerk sowieso hat das Plansoll um so und so viel Prozent übererfüllt und dann gibt es keine Kohle. Entweder es wird nur so in der Zeitung geschrieben, um uns die Augen zu verkleistern, oder es ist Schiebung.«

Auch wird durch die noch teilweise mangelhafte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln Unzufriedenheit hervorgerufen. So wird in den Kreisen Pasewalk und Ueckermünde, Bezirk Neubrandenburg, von der Bevölkerung stark bemängelt, dass die Zuckerbelieferung noch zu gering ist, zumal jetzt in der Einkochzeit ein erhöhter Verbrauch vorliegt. Im Bezirk Schwerin wird besonders die Versorgung mit Frischfleisch kritisiert, da diese sehr mangelhaft ist. So wurde die Bevölkerung in Sternberg, Bezirk Schwerin, zum größten Teil mit altem Fleisch beliefert. Einige Hundert Kilo waren bereits verdorben.

Es ist zu verzeichnen, dass vereinzelt Personen in der Öffentlichkeit mit provokatorischen Reden gegen unsere Regierung hetzen: So äußerte der Postangestellte [Vorname Name 3], wohnhaft in Gulow, Ortsteil Steinberg, in einer öffentlichen Versammlung der Nationalen Front am 8.8.1953 in Gulow, Kreis Perleberg, Bezirk Schwerin: »Die Regierung der DDR ist nicht fähig ihre Funktion auszuführen, die Regierung muss abtreten. Die Arbeiter sehen es sich nicht länger mit an und jagen beim nächsten Mal die Regierung zum Teufel. Der neue Kurs ist alles Mist, es sind ja doch keine Änderungen zu erwarten.«

[Vorname Name 4], Angestellter der DHZ Lebensmittel in Haldensleben, Mitglied der SED, erklärte am 1.8.1953 in der Gastwirtschaft Sarge in Haldensleben, Bülstringer Straße: »Niemals sind wir so belogen und betrogen worden wie von der jetzigen Regierung, sie hat ihre Unfähigkeit zugegeben und jetzt ist es die Aufgabe eines jeden Deutschen, aufklärend zu wirken und geschlossen zu verlangen, dass die Regierung zurücktritt. Wenn wir Fehler begehen, dann werden wir eingesperrt bzw. entlassen.«

Demgegenüber kommt es unter der Bevölkerung auch zu sehr positiven Stellungnahmen: So wurde von den Kumpels im Schacht 6, Oberschlema,2 eine Kurzversammlung durchgeführt. Die Kumpels begrüßten den Waffenstillstand in Korea und äußerten sich dahingehend, dass nun endlich das Morden aufgehört hat und es nun auch bald zu Verhandlungen über die deutsche Frage kommen kann. Hierbei übernahm die Brigade »Bär« eine Selbstverpflichtung. In dieser Selbstverpflichtung kommt zum Ausdruck: »Wir, die Angehörigen der Brigade Helmut Bär, wünschen dem koreanischen Volk zu dem Waffenstillstand als ersten Schritt zur nationalen Einheit Koreas und zum Wiederaufbau der Volkswirtschaft von ganzem Herzen einen vollen Erfolg. Wir fahren für euch Stoss- und Ehrenschichten am 7., 13., 15., 21. und 30. August 1953 und spenden je Mann zum nationalen Aufbau einen Schichtlohn. Was der Imperialismus in Korea zerstörte, wollen wir in brüderlicher Hilfe helfen aufzubauen.«

Feindtätigkeit

Im Bezirk Cottbus versucht der Gegner in verstärktem Maße Briefe mit Flugblättern in die DDR zu schicken. Die Überschriften der Flugblätter sind: »Warum die Sowjetzone hungern muss« und »Wir rufen die Brüder in der Zone.« Diese Briefsendungen werden verschickt vom Hilfswerk der Solidarität, Berlin NW 65, Afrikanische Straße 39.3 In den Flugblättern wird die Bevölkerung der DDR aufgefordert, nebenberufliche Mitarbeit für das Hilfswerk »Solidarität« in der Ostzone zu leisten. Rückfragen sollen persönlich im Hilfswerk durchgeführt werden.

Im Bezirk Gera wurden in letzter Zeit wiederholt Flugblätter des Ostbüros der SPD4 gefunden. Die Flugblätter wurden mithilfe von Luftballons abgesetzt.

Im Kreis Ludwigslust, Bezirk Schwerin, erhielt der Vorsitzende einer LPG einen Brief mit Hetzschriften gesandt. Hierin wurden die Bauern aufgefordert, aus der LPG auszutreten. Weiterhin wird passiver Widerstand gegen unsere Ordnung verlangt. Die Hetzschriften wurden vom Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen5 herausgegeben und vom demokratischen Sektor von Berlin abgesandt.

Am 13.8.1953, gegen 22.15 Uhr, brach in Templin, Lychener Straße, bei Röwert & Kröning ein Scheunenbrand aus. Der Schaden beträgt ca. 35 000 DM. Die Ursache ist Brandstiftung. Bei diesem Brand wurden eine massive Scheune, eine Strohpresse, eine Häckselmaschine, zwei Dreschmaschinen und mehrere landwirtschaftliche Maschinen sowie 300 Ztr. Getreide, 300 Ztr. Stroh und 60 Ztr. Heu vernichtet.

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