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Tagesbericht

17. August 1953
Information Nr. 1042

Stimmung der Bevölkerung

Wie wir aus vorliegenden Stimmungsberichten ersehen, wird noch besonders über die sogenannte »USA-Hilfsaktion«1 diskutiert. Ein Teil der Bevölkerung verurteilt diese »Paketaktion«, indem er zum Ausdruck bringt, dass wir in der DDR genügend zu essen haben und eine Hilfe der Amerikaner nicht benötigen. Der andere Teil der Bevölkerung begrüßt diese »Pakethilfe« und verurteilt die Sperrung der Fahrkarten nach Berlin.2

So äußern sich Arbeiter der Thälmann-Werft in Brandenburg: »Wenn die Angehörigen der Paten-LPG Roskow, Bezirk Potsdam, Zeit haben, um sich in Westberlin die Pakete zu holen, so sind wir der Meinung, dass wir dann diesen Bauern keine Unterstützung geben brauchen.«

[Vorname Name 1], beschäftigt im Labor des Hydrierwerkes Zeitz, Bezirk Halle, äußerte: »Ich kenne die Paketaktionen der Amis von früher. Wir brauchen keine Bettelpakete, der Amerikaner soll uns fernbleiben.«

Der Fördermann [Vorname Name 2] aus Freital, Bezirk Dresden, sagte: »Man müsste Sonderzüge kostenlos von Berlin und zurück einrichten, um die Pakete in großen Mengen abholen zu können und sie dann hier an Rentner und andere elend lebende Menschen zu verteilen.«

[Vorname Name 3], wohnhaft: Neuruppin, [Straße, Nr.], äußerte: »Die Sperrung der Fahrkarten nach Berlin ist gesetzwidrig und eine Verletzung der persönlichen Freiheit. Bekanntlich kann jeder Bürger innerhalb der DDR reisen wohin er will, was ihm nach der Verfassung auch garantiert ist.«

Starke Diskussionen werden weiterhin von der Bevölkerung über die noch vorhandenen Stromabschaltungen geführt, was sich zum größten Teil auf ländliche Gegenden erstreckt.

Ein weiterer Punkt in der Diskussion der Bevölkerung ist, wie zum Ausdruck gebracht wird, die viel zu hohen Preise in der HO. Negative Diskussionen werden besonders über die letzte Preissenkung in der HO (Schreibmaschinen und Fernsehempfänger usw.)3 geführt, zum Teil wird dies als eine Verhöhnung hingestellt. Von Arbeitern wird zum Ausdruck gebracht, dass ihnen eine solche Preissenkung nichts nützt, sie aber Wert darauf legen, dass die Preise der wichtigsten Lebensmittel gesenkt werden. So wird, um ein Beispiel anzuführen, bekannt, dass die Bauarbeiter der Bau-Union Senftenberg, die in der Großkokerei »Mathias Rakosi« beschäftigt sind, wie oben aufgeführt diskutieren.

Unter den Arbeitern wird ebenfalls noch stark in der Lohnfrage diskutiert, was besonders bei Arbeitern, die nach Lohngruppe V bezahlt werden, zu verzeichnen ist. So äußern sich z. B. die Arbeiter im Kraftwerk Lautawerk4 von der Lohngruppe V, dass man sich ja jetzt nicht mehr zu qualifizieren braucht und Spezialschulen zu besuchen, da die Arbeiter der Lohngruppe I–IV (besonders IV) fast den gleichen Lohn bekommen.5

Von Arbeitern aus der Privatindustrie wird besonders negativ über die Lohnfrage diskutiert, da man sie als »fünftes Rad am Wagen« betrachtet. So wurden von den Arbeitern des Privatbetriebes Schmidt & Weilepp, Farnstädt, Kreis Querfurt, Bezirk Halle, geäußert: »Wir sehen nicht ein, dass die Löhne in den volkseigenen Betrieben erhöht worden sind. Die Behauptung, die wir schon jahrelang aufgestellt haben, ist und bleibt immer so, dass der Kollege in der Privatindustrie ›das fünfte Rad am Wagen‹ ist.«

[Feindtätigkeit]

Im Bezirk Schwerin wurden an verschiedene Personen Hetzschriften in Briefen vom Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen und vom Ostbüro der SPD, zugesandt. In diesen Hetzschriften wird die Bevölkerung zum passiven Widerstand und zur Selbsthilfe aufgerufen. Weiterhin fordert der Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen noch zu Dienstleistungen auf. So erhielten z. B. am 13.8.1953 der Arbeiter [Vorname Name 1] aus Schwerin, [Straße, Nr.], eine Hetzschrift in einem Brief durch die Post zugestellt und der Füllfederhalterfabrikant Herbert Wurach aus Bad Wilsnack6 ebenfalls.

Am 14.8.1953 wurde in Lübtheen, Kreis Hagenow, ein Hetzflugblatt gefunden.

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