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Tagesbericht

29. Oktober 1953
Informationsdienst Nr. 2006 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Nach wie vor wird in den Betrieben zur Preissenkung1 zum größten Teil positiv Stellung genommen. Normerhöhungen, Wettbewerbe und Selbstverpflichtungen werden ständig in größerem Maße als Ausdruck des Dankes an Partei und Regierung abgeschlossen. Trotz der Zustimmung zur Preissenkung wird verschiedentlich die Meinung vertreten, dass die Preise für Nahrungsmittel, besonders für Butter, noch zu hoch sind. Ebenfalls wird auch zur Preisherabsetzung bei Textilien geäußert, dass die jetzigen Preise erst wieder den Stand erreicht haben, wie sie vor der Abschaffung der Rationierung für Textilien waren. Nachfolgend einige Beispiele:

Ein Sägewerksarbeiter eines Wismut-Objektes in Ronneburg/Gera, Mitglied der SED: »Die Preissenkung ist eine prima Sache, ich habe dadurch eine große Verbesserung meiner Lebenslage erhalten und ich schlage vor, dass wir als Dank an die Partei und Regierung unsere Norm für die Arbeiter des Halbholzschnittes um 30 % erhöhen.« Dieser Vorschlag wurde nach eingehender Diskussion von allen Brigademitgliedern angenommen.

Von drei Arbeitern des VEB Kunstlederwerkes Tannenbergsthal, Kreis Klingenthal/Karl-Marx-Stadt, wurde ein Aufruf an die Kollegen ihrer Abteilung verfasst, darin heißt es: »Unserer Regierung müssen wir Arbeiter des VEB Kunstlederwerkes ebenso wie auch die übrige Arbeiterschaft für ihre Bemühungen danken. Unser besonderer Dank besteht darin, weiterhin unseren Mann in der Produktion zu stehen und den Reichtum unserer Republik zu mehren. Deshalb werden wir eine Stoßschicht zu Ehren unserer Regierung durchführen mit dem Ziel, unsere Norm mit 148 % zu erfüllen. Wir fordern alle Kollegen unserer Abteilung auf mitzutun und schlagen der gesamten Belegschaft einen langfristigen Wettbewerb vor.«

Eine Putzerbrigade des Blocks 40 der Stalinallee verpflichtete sich, alle Putzerbrigaden der Baustelle zu einem Wettbewerb aufzufordern. Inhalt des Wettbewerbes: Rechtzeitige Planerfüllung, Materialeinsparung, Verbesserung der Qualität der Arbeit und Einhaltung der Unfallverhütungsvorschriften.

Die Verwaltungsangestellten des VEB Gaselan/Frankfurt verpflichteten sich zu einer Sonderschicht am Sonntag, dem 1.11.1953, um Aufräumungsarbeiten im Betrieb durchzuführen. Im VEB IKA Suhl konnte der Vorsitzende der DSF zwei Tage nach der Preissenkung 54 Mitglieder für die DSF werben.

Ein Professor der Musikhochschule Dresden: »Wenn auch die Zigaretten für euch (Studenten) erst zwei Pfennig billiger geworden sind, so werden sie im nächsten Jahr wieder um zwei Pfennig gesenkt. Allmählich kommen wir dahin, wohin wir alle wollen.«

Ein parteiloser Brigadier des Elektromotorenwerkes Wernigerode/Magdeburg: »Mir gefällt vor allen Dingen die Teilzahlung für Möbel und Motorräder. Was mir nicht gefällt ist, dass die Butter nicht im Preis gesenkt wurde.«

Ein Abteilungsleiter (parteilos) im Elektrostahlgusswerk Leipzig: »Von einer Preissenkung bei Textilien kann man nicht sprechen, da die Preise für diese Artikel in der vorhergegangenen Zeit heraufgesetzt wurden.«

Mängel in der Stromversorgung und Planung, die sich teilweise auf die Erfüllung der Produktionspläne negativ auswirken: Der VEB NAGEMA Staßfurt/Magdeburg erhielt vom Ministerium für Schwermaschinenbau die Anweisung, nur 140 000 kW Energie monatlich zu verbrauchen. Trotz Sparmaßnahmen werden jedoch nach Überrechnung des technischen Leiters 160 000 kW zur Aufrechterhaltung der Produktion benötigt. Ein vom technischen Leiter gestellter Antrag auf Mehrverbrauch wurde unter Androhung einer hohen Bestrafung für ihn abgelehnt. Das zugeteilte Kontingent war jedoch mit Ablauf des 27.10.1953 verbraucht. Der Genosse technische Leiter veranlasste jedoch, die Produktion nicht zu unterbrechen, da sonst die Planerfüllung und damit die Fertigstellung der Exportaufträge für die SU bis Monatsende infrage gestellt ist.

Zum Abschluss des Wettbewerbes im Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck«2 sagte ein Betriebsmeister auf einer dortigen Gewerkschaftsversammlung: »Beim Abschluss des Wettbewerbes für die Steigerung der Produktion besteht die Gefahr, dass wir keinen Strom haben und noch mehr abgeschaltet werden.«

Am 28.10.1953 legten in den Morgenstunden 20 Bauarbeiter der Bau-Union Gräfenhainichen/Halle für eine halbe Stunde die Arbeit nieder. Der Grund dazu war, dass der TAN-Sachbearbeiter einfach die übererfüllten Normen der Bauarbeiter gestrichen hatte. Nachdem der Bauleiter die falsche Maßnahme rückgängig machte und den Arbeitern das Geld nachgezahlt wurde, nahmen sie die Arbeit wieder auf.

b) Handel und Versorgung

In den Verkaufsstellen der HO und des Konsums macht sich allgemein durch die Preissenkung ein erhöhter Umsatz bemerkbar. Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung, die auf Transportraummangel zurückzuführen sind und teilweise Anlass zu Missstimmungen geben, werden aus den Bezirken Magdeburg, Potsdam, Cottbus und Halle berichtet. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt ist in der Kartoffelversorgung eine Verbesserung eingetreten, jedoch bestehen in Karl-Marx-Stadt und Plauen noch immer Schwierigkeiten.

c) Landwirtschaft

Auch im landwirtschaftlichen Sektor halten die positiven Diskussionen über die durchgeführte Preissenkung weiter an. Verschiedentlich werden von Mitgliedern der LPG und Belegschaften der VEG und MTS, vereinzelt von werktätigen Bauern, Selbstverpflichtungen übernommen. Neben diesen Selbstverpflichtungen sind Beispiele vorhanden, wo Belegschaftsangehörige der MTS den Antrag stellen Kandidat der SED zu werden. Einzelerscheinungen, die aus allen Bezirken berichtet werden, besagen, dass von Bauern, teilweise auch von Genossenschaftsbauern, die Befürchtung ausgesprochen wird, dass nach der Preissenkung auch die Preise für freie Spitzen3 herabgesetzt werden.

Mehrere Brigaden der MTS Krieschow/Cottbus verpflichteten sich, ihre Jahresproduktionsauflage um 20–50 % überzuerfüllen. Im Bezirk Halle verpflichteten sich sieben LPG insgesamt 29 Schweine, 5 500 Ltr Milch, 150 dz Saatkartoffeln und 200 Eier dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen. Die Belegschaft des VEG Petkus/Potsdam verpflichtet sich, 100%ig am Parteilehrjahr teilzunehmen.

Ein Mittelbauer aus Klein Nieköhr/Neubrandenburg verpflichtet sich, 250 kg Schwein und 600 kg Milch auf freie Spitzen zu liefern. Ein Neubauer aus Pasewalk verpflichtet sich, 1 000 kg Milch dem freien Aufkauf zur Verfügung zu stellen. Zwei Traktoristen der MTS Baruth/Potsdam stellten den Antrag als Kandidaten der SED aufgenommen zu werden.

Ein Neubauer aus Alt Krenzlin/Schwerin: »Durch die Preissenkung bin ich in der Lage meine Wirtschaft zu stärken, vier Zigaretten kann ich am Tage mehr rauchen und so manchen Gebrauchsgegenstand mehr kaufen.«

Eine Bäuerin aus Lychen/Neubrandenburg: »Wenn durch die Preissenkung die Preise für freie Spitzen wegfallen oder gesenkt werden, können wir nicht mehr existieren.«

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Aus allen Bezirken wird berichtet, dass die freudige Stimmung anhält und die Menschen viel aufgeschlossener diskutieren. Wie aus der Mehrzahl der positiven Diskussionen zu ersehen ist, wird die von Partei und Regierung beschlossene und durchgeführte Preissenkung als Beweis für die Durchführung des neuen Kurses angesehen. Neben den positiven Diskussionen über die Verbesserung der Lebenslage werden verschiedentlich politische Vergleiche zwischen der DDR und Westdeutschland gezogen, die zum überwiegenden Teil eine Absage an die westlichen Kriegstreiber sind. In der verhältnismäßig geringen Zahl der negativen Meinungsäußerungen treten als Hauptpunkte hervor: Warum wurden die Preise für Butter, Zucker, Mehl und dgl. nicht gesenkt? Warum wurde die Preissenkung für Haushaltsgeschirr wieder zurückgezogen? Die Preise für Textilien und andere Waren wurden erst vor Kurzem erhöht, man kann demnach nicht von einer Preissenkung sprechen. Nachfolgend einige Beispiele:

Eine HO-Angestellte aus Flöha/Karl-Marx-Stadt: »Es ist schön, jetzt Verkäuferin zu sein, wenn man all die strahlenden Augen der Mitarbeiterinnen und der Kundschaft sieht. Jeder ehrliche Mensch muss jetzt zugeben, dass der neue Kurs von unserer Regierung verwirklicht wird.«

Eine Hausfrau aus Rostock: »Ich kann es noch nicht fassen, dass nach der Lohnsteuersenkung jetzt die Preissenkung kam. Das bedeutet für uns eine große Hilfe. Wenn der Frieden erhalten bleibt, dann geht es uns im nächsten Jahr besser als der Bevölkerung in Westdeutschland.«

Eine Angestellte des Konsums aus Neubrandenburg (parteilos): »Die Preissenkung war ein erheblicher Schlag gegen die Kriegstreiber, davon werden sie sich nicht so schnell erholen.«

Ein Grundschullehrer aus dem Bezirk Leipzig (CDU): »Die Preissenkung bestätigt den neuen Kurs unserer Regierung und wird auch die westdeutsche Bevölkerung aus ihrer Gleichgültigkeit gegenüber der amerikanischen Politik erwachen lassen.«

Eine Hausfrau aus Meiningen/Suhl: »Man hätte die lebensnotwendigsten Produkte wie Butter, Zucker, Süßwaren und dgl. senken müssen, anstelle von Fernsehempfängern und Fotoapparaten und dgl.«

Ein Abteilungsleiter im Postamt Rathenow/Potsdam: »Das Volk wird doch wieder betrogen. Die Preissenkung für Stoffe und andere Waren ist keine Preissenkung, da diese Artikel erst vor einiger Zeit erhöht wurden.«

Eine Angestellte aus Bitterfeld/Halle: »Was mögen da oben nur für Leute sitzen? Erst geben sie durch den Minister bekannt, welche Waren im Preis gesenkt werden und dann nehmen sie einen Teil wieder zurück.«

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Im Bezirk Cottbus sind durch Wurstwaren, die in allen Fällen aus Fleisch vom Schlachthof Forst hergestellt wurden, Erkrankungen aufgetreten, in verschienen Fällen Paratyphus. Die Gesamtzahl der bisher erfassten Kranken beträgt 102 Personen. Im Einvernehmen mit dem Ministerium für Gesundheitswesen wurde die Schließung des Schachthofes Forst angeordnet.

Stimmen aus Westberlin

Anlässlich einer Kundgebung der »Deutschen Partei« am 26.10.1953 in der Festhalle am Funkturm, bei der ca. 3 000 Personen anwesend waren, erklärte der Minister Hellwege4 aus Bonn, dass der Kapp-Putsch im Jahre 1920 sehr schlecht organisiert war. Dadurch wäre der Generalstreik der Kommunisten gelungen. Nur die Reste der alten Wehrmacht und die Freikorps wären später der Situation gewachsen gewesen und hätten aufgrund der politischen Gerichtsbarkeit 60 Kommunisten im Ruhrgebiet erschossen. Anlässlich der Wahlen in Westdeutschland erklärte H., dass das deutsche Volk mit einem gesunden Nationalismus der SPD und SED eine Absage erteilte. Zum Programm der DP: 1. die völlige Ausschaltung von links, 2. der Kampf gegen den Bolschewismus.

Organisierte Feindtätigkeit

Vereinzelte Verbreitung von Flugblättern, in der Mehrzahl NTS,5 KgU6 und SPD,7 werden aus den Bezirken Rostock, Dresden, Schwerin, Gera, Cottbus, Neubrandenburg, Potsdam, Berlin und Frankfurt/Oder gemeldet.

Bei einem Ausspracheabend am 27.10.1953 in Neu Brenz, Kreis Ludwigslust, der von einigen Funktionären des Rates des Kreises mit Bauern durchgeführt wurde, putschte ein Bauer die übrigen Anwesenden auf, die Funktionäre rauszuschmeißen, weil sie die Bauern angeblich einsperren lassen wollen, wenn sie ihre Ablieferungspflicht nicht erfüllen. Drei andere Bauern bedrohten daraufhin den dort anwesenden Parteisekretär mit einem Stuhl. Nachdem von den Funktionären das Schnellkommando der VP benachrichtigt wurde, stellten sich ca. 30 Personen beim Eintreffen des Schnellkommandos vor die Gastwirtschaft und drohten den VP-Angehörigen mit Bierflaschen.

Verstärkte Tätigkeit der »Zeugen Jehovas«8 wird aus Bad Klosterlausnitz/Gera gemeldet. Hier finden regelmäßige Zusammenkünfte dieser Sekte statt.

Einschätzung der Situation

Die Erkenntnis, dass man, um besser zu leben, mehr, besser und billiger produzieren muss, setzt sich bei den Arbeitern in den Betrieben und im geringeren Umfang in MTS und VEG immer mehr durch. Die Bereitschaft zur Unterstützung des neuen Kurses wächst in den Betrieben und auf dem Lande. Steigende Selbstverpflichtungen, freiwillige Normenerhöhung und Wettbewerbe in Betrieben, MTS, VEG, LPG und auch schon verschiedentlich bei werktätigen Einzelbauern beweisen diese Entwicklung. In verhältnismäßig wenigen Diskussionen werden die Preise für einige Nahrungsmittel, Haushaltsgeschirr und Textilien bemängelt.

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