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Tagesbericht

30. Oktober 1953
Informationsdienst Nr. 2007 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

In den Industrie- und Verkehrsbetrieben hält die Diskussion über die durchgeführte Preissenkung1 weiterhin an. Die Arbeiter erkennen immer mehr, dass die weitere Verbesserung der Lebenslage in der DDR durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität und Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse garantiert ist. Sie drücken deshalb ihren Dank an die Partei und Regierung durch weitere freiwillige Normerhöhungen und Abschluss von Wettbewerben zur Steigerung der Produktion aus. In einzelnen Bezirken, besonders Potsdam, Frankfurt/Oder und Karl-Marx-Stadt, werden mehr als in den letzten Tagen Diskussionen darüber geführt, dass die Preissenkung ganz schön ist, aber die Preise in Westdeutschland trotzdem noch niedriger sind. In anderen Stellungnahmen kommt zum Ausdruck, dass die Preise für Nahrungsmittel zu hoch sind (besonders Butter) und die Preise für Textilien jetzt erst wieder den Stand haben, den sie vor der Preiserhöhung für Textilien hatten. Nachfolgend einige Beispiele:

Neun Brigaden des Fischkombinates Saßnitz, Kreis Bergen, erhöhten ihre Norm freiwillig um 15–50 %. In einem Schacht der Wismut AG in Auerbach schlossen von 288 Brigaden 240 einen Wettbewerb ab. Dem Beispiel Frida Hockauf folgend, verpflichteten sich fünf Kollegen des Textil- und Gummiwerkes Neugersdorf, Kreis Löbau/Dresden, zusätzlich 2 285 m verschiedene Waren herzustellen.

Ein Arbeiter der Reichsbahn aus Strasburg/Neubrandenburg: »Es wird nach diesem neuen Beschluss unserer Regierung wohl kaum einen Menschen geben, der nach dem Westen liebäugelt. Jetzt weiß jeder, wo sein Platz ist, nämlich dort, wo die Regierung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für alle Schichten der Bevölkerung sorgt.«

Im Kraftwerk des EKB Bitterfeld/Halle trat eine Brigade geschlossen der DSF bei.

Ein Arbeiter des VEB Patentpapierfabrik Penig, Kreis Rochlitz/Karl-Marx-Stadt: »Die Preissenkung ist anerkennenswert und ein Zeichen, dass es mit dem neuen Kurs vorwärts geht. Aber die Produkte wie Butter z. B. sind nicht gesenkt worden und gerade dies wird am meisten gebraucht.«

Eine Arbeiterin aus Erfurt: »Ich komme gerade aus dem Westen und dort ist alles viel billiger als hier bei uns in der DDR, so z. B. Margarine und noch andere Sachen. Die im Westen können sich für 60,00 DM mehr kaufen als wir hier für das gleiche Geld.«

Ein Arbeiter aus Freital/Dresden: »Die werden die Preise so lange senken, dass wir gar nicht mehr nachkommen, d. h. dass man von den Preissenkungen spricht, die Waren aber immer teurer werden. So hat z. B. eine Arbeitshose im vorigen Jahr 9,00 DM gekostet und jetzt kostet sie 17,00 DM

Schwierigkeiten bei der Waggongestellung treten im VEB Silika-Werk Bad Lausick/Leipzig auf. Der Betrieb muss am 30.10.1953 stillgelegt werden, wenn nicht durch die Reichsbahn Waggons zum Antransport von Rohstoffen zur Verfügung gestellt werden.

Die Arbeiter des gleichen Betriebes wollten am 31.10.1953 eine Sonderschicht aufgrund der Preissenkung leisten, die jedoch wegen Materialmangel von der Betriebsleitung abgelehnt werden musste.

Ähnliche Schwierigkeiten hat der VEB MIFA Sangerhausen/Halle. Dem Werk fehlen zur Produktion von Fahrrädern Nippel für Fahrradspeichen. Die Herstellerfirma ist nicht in der Lage, Nippel zu produzieren, da im Walzwerk Hettstedt der erforderliche Messingdraht nicht vorrätig ist. Die Auslieferung der bereits fertiggestellten Fahrräder erfolgt aufgrund mangelnder Bereitstellung von Transportraum durch die Reichsbahn außerordentlich schleppend.

b) Handel und Versorgung

Aus verschiedenen Bezirken werden durch mangelnden Transportraum Schwierigkeiten in der Versorgung mit Einkellerungskartoffeln gemeldet, was sich negativ auf die Stimmung eines Teils der Bevölkerung auswirkt. Im Bezirk Magdeburg liegt die Versorgung mit Einkellerungskartoffeln bei 68,4 %, im Bezirk Suhl bei 64,6 % und im Bezirk Karl-Marx-Stadt bei 67,4 %. Im Bezirk Cottbus konnten vom Konsum erst 55 % der bestellten Kartoffeln ausgeliefert werden. Dies ist zum Teil Anlass zu negativen Meinungsäußerungen, da bereits vor vier Wochen die Bezahlung der Kartoffeln erfolgte. Äußerungen wie: »Die Preissenkung soll wohl ein Ausgleich für die nicht zu erwartende Belieferung mit Winterkartoffeln sein«, sind festzustellen.

In Rostock und Stralsund tritt in Erscheinung, dass verschiedene private Fleischereien sich weigern, Bockwurst herzustellen, demgegenüber aber mehr Brühpolnische, die im Preis höher liegen, fertigen, da sie angeblich mehr Verdienst bringen. Es wurde die Anweisung gegeben, die Produktion von Bockwurst wieder aufzunehmen.

Schwierigkeiten in der Fleischversorgung werden aus dem Bezirk Leipzig berichtet. Die HO-Gaststätten konnten nur noch mit 30 % der angeforderten Menge beliefert werden.

c) Landwirtschaft

Die Situation im Landwirtschaftlichen Sektor ist gegenüber den Vortagen unverändert. Die Preissenkung wird zum überwiegenden Teil als ein wesentlicher Fortschritt, besonders aber als Beweis dafür angesehen, dass der neue Kurs verwirklicht wird. Vereinzelt werden noch Selbstverpflichtungen aus LPG und MTS bekannt. Verschiedentlich wird die Befürchtung ausgesprochen, dass durch die Preissenkung auch die erhöhten Preise für den freien Aufkauf landwirtschaftlicher Produkte wegfallen könnten. In geringem Maße treten bereits wieder negative Diskussionen über die durchgeführten Stromabschaltungen in Erscheinung.

Vier Brigaden der MTS Kamenz/Dresden verpflichteten sich, ihren Produktionsplan bis zum 15.11.1953 100%ig zu erfüllen. Die LPG »Helmut Just« im Kreis Annaberg/Karl-Marx-Stadt verpflichtet sich, ihre Schweinemastverträge vorfristig zu erfüllen und dem freien Aufkauf 5 000 Ltr Milch zur Verfügung zu stellen.

Ein Mittelbauer aus Niesky/Dresden: »Die Preissenkung bringt auch für uns Bauern Vorteile im Ankauf von Bedarfsartikeln und zeigt die Aufwärtsentwicklung unserer Friedenswirtschaft.«

Ein Mittelbauer aus Pasewalk/Neubrandenburg: »Ich habe den neuen Kurs immer als eine Propagandaangelegenheit angesehen. Durch die Maßnahmen der Regierung habe ich aber erkannt, dass es ernst gemeint ist. Ich habe dadurch mehr Vertrauen zu unserer Regierung.«

Eine Neubäuerin aus Bücknitz/Potsdam: »Wir Bauern begrüßen die Preissenkung, hoffentlich werden dadurch nicht die Preise für die Übersollablieferung herabgesetzt, denn dann wäre kein Bauer mehr existenzfähig.«

Ein Bauer aus Fraureuth/Karl-Marx-Stadt: »Gerade jetzt während der Ernte, wo man bis zum Einbruch der Dunkelheit auf dem Feld arbeitet, anschließend noch Kartoffeln abzuladen und das Vieh zu füttern ist, wird der Strom mehr abgeschaltet als bisher.«

Die Überprüfung der BHG im Kreis Lobenstein/Gera ergab, dass in Wurzbach 5 605 kg, in Gleina2 1 000 kg und in Ruppersdorf 4 260 kg Rindermastfutter lagern, die durch Getreidemilben verseucht sind.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Wie bereits in den Vortagen berichtet, hält die positive Diskussion und freudige Stimmung weiter an. Wie aus den positiven Diskussionen, die weit überwiegen, zu ersehen ist, wurde durch die Lohnsteuer-3 und Preissenkung das Vertrauen zur Partei und Regierung gefestigt. Die Möglichkeit des Ankaufes verschiedener Gegenstände auf Teilzahlung4 wird allgemein positiv aufgenommen. Hauptpunkte der negativen Meinungsäußerung sind, wie bereits am Vortage berichtet, Butter, Zucker, Mehl und dgl. hätten im Preis gesenkt werden müssen, verschiedene Waren wurden erst erhöht und jetzt gesenkt. Außerdem treten die bereits bekannten Diskussionen über Stromabschaltungen und ungenügende Kartoffelbelieferung wieder in Erscheinung.

Ein Angestellter aus Hildburghausen/Suhl: »Die Preissenkung ist ein Beweis, dass es die Regierung mit dem neuen Kurs ernst meint und dass die Versprechungen keine leeren Worte bleiben.«

Eine Hausfrau aus Greifswald/Rostock: »Die Preissenkung macht bei mir 14–15 DM im Monat aus, das ist für mich schon die halbe Miete.«

Ein Postangestellter aus Delitzsch/Leipzig: »Ich begrüße die Möglichkeit der Teilzahlung für Möbel und dgl., denn dadurch wird es mir ermöglicht, bald zu heiraten und eine Wohnung einzurichten.«

Ein Arbeiter aus Blumberg/Frankfurt: »So soll die Regierung weitermachen, dann hat sie die Arbeiter hinter sich.«

Eine Hausfrau aus Leipzig: »Das Einkommen meines Mannes ist gerade so, dass es für das Allernotwendigste reicht. Man hätte Nährmittel für Kinder, wie Gries, Mehl oder Knochen und Innereien in der HO senken müssen, dann hätten auch wir Geld, die nun billiger gewordenen Schuhe für Kinder zu kaufen.«

Ein Handwerker aus Rostock: »Dass die Preise für verschiedene Waren erst erhöht wurden, hat man nicht bekannt gegeben. Von der Preissenkung aber wird sehr viel gesprochen und geschrieben.«

Organisierte Feindtätigkeit

Vereinzelte Verbreitung von Flugblättern wird aus den Bezirken Gera, Rostock, Karl-Marx-Stadt, Cottbus, Halle und Berlin berichtet. Bei den Flugblättern handelt es sich in der Mehrzahl um solche der NTS,5 SPD6 und »Aktionsgemeinschaft«.7

Am 29.10.1953, gegen 1.15 Uhr, wurde der Vorsitzende des Kreisfriedensrates von Berlin-Pankow in der Wollankstraße von zwei Westberliner Rowdys (18 und 20 Jahre alt) niedergeschlagen und mit einem Schlagring erheblich verletzt. Beide Täter wurden gefasst.

In den letzten Tagen wurden mehrmals im Kreis Bernau und Eberswalde/Frankfurt Traktoristen beim nächtlichen Pflügen überfallen bzw. bedroht. In einem Fall wurde ein Traktorist aufgefordert sein Geld, Zigaretten und den Personalausweis abzugeben. Daraufhin erklärte ein Traktorist, dass er künftig nachts nicht mehr arbeiten wird.

Im Kreis Annaberg/Karl-Marx-Stadt fanden am vergangenen Sonntag in 19 Kirchen Bittgottesdienste für zurückgekehrte und verurteilte Kriegsgefangene statt.

Betr. Berichtigung der Meldung vom 29.10.19538 über den Vorfall auf der Autobahn Dresden–Berlin: Der am 29.10.1953 berichtete Überfall von zwei Motorradfahrern auf einen VP-Angehörigen wurde von diesem vorgetäuscht, wobei sich der VP-Angehörige selbst verletzte.

Einschätzung der Situation

In vielen Betrieben zeigt sich weiterhin eine wachsende Unterstützung der Politik unserer Partei und Regierung. Die Mehrheit der Werktätigen ist überzeugt vom neuen Kurs, und ihr Vertrauen zur Regierung hat sich gefestigt. Der Gegner versucht, die Verbesserung der Lebenslage in ihrer Bedeutung herabzusetzen. Dies gelingt ihm meistens nicht. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ist dem RIAS-Schwindel mit dem Vergleich der Preise zwischen West und Ost zum Opfer gefallen.

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