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Tagesbericht

8. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2041 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über die Note der Sowjetregierung1 wird in etwas größerem Umfange als an den Vortagen diskutiert. Die meisten der bekannt gewordenen Meinungen sind positiv und ersehnen erfolgreiche Viermächteverhandlungen, um das deutsche Problem zu klären. Verbreitet ist noch Misstrauen in den Erfolgen der sowjetischen Bemühungen. Negative Meinungen sind in geringem Umfange bekannt geworden. Neue Argumente sind nicht aufgetaucht.

Über das Wohnungsbauprogramm im Rahmen des neuen Kurses sprechen die Arbeiter der Beilhütte Hettstedt vom Mansfeld-Kombinat »Wilhelm Pieck« positiv. Charakteristisch ist die Meinung eines Arbeiters: »Wie Pilze wachsen die Wohnungen jetzt aus der Erde. Das ist doch ein Beweis, dass sich der neue Kurs durchgesetzt hat und sich im nächsten Jahr noch mehr durchsetzen wird, sodass die Wohnungsnot bald ein Ende haben wird.«

Materialmangel wird wieder aus mehreren Betrieben gemeldet. Im Kalk- und Zementwerk Rüdersdorf/Frankfurt/Oder fehlt es an Rohkalksteinen. Dadurch sind die Arbeiter nur jeweils einen halben Monat im Leistungslohn voll beschäftigt. In der anderen Zeit verrichten sie unproduktive Arbeit, die nur mit Stundenlohn bezahlt wird. Schlechte Stimmung ist die Folge.

Im Buna-Werk bestehen Schwierigkeiten in der Koksversorgung. Die Reserven wurden bereits soweit verbraucht, dass sie nur noch fünf Tage reichen werden. Das zuständige Ministerium ist informiert, hat aber noch nichts verändert.

Bei Horch Zwickau herrscht Engpass in Glasscheiben für Lkw. Lieferbetrieb ist der VEB Glasfabrik Babelsberg. Wenn keine bessere Lieferung erfolgt, müssen die Fahrzeuge ohne Scheiben ausgeliefert werden.

Über mangelhafte Margarineversorgung wird in Betrieben der Kreise Merseburg, Wittenberg und Bitterfeld im Bezirk Halle negativ diskutiert.

Lohnfragen sind im Funkwerk Köpenick Anlass zu Unstimmigkeiten. Die Werksleitung veröffentlichte ein Rundschreiben, wodurch die Arbeiter der Lohngruppen VI–VII, die oft mit Arbeiten aus der Lohngruppe V beschäftigt sind, keinen Lohnausgleich mehr erhalten, sondern nur noch die Lohngruppe V. Die Arbeiter sind darüber sehr ungehalten, denn sie sind nicht schuld daran, dass sie nicht entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt werden.

Schwierigkeiten bei der VP-Werbung2 werden aus dem Bezirk Frankfurt/Oder gemeldet. Im Kranbau Eberswalde versuchen junge Arbeiter, bei sowjetischen Dienststellen Arbeit zu finden und damit den Werbern zu entgehen. In der Kalksandsteinfabrik Schwedt/Oder hat der Betriebsleiter einem Genossen, der bereits geworben worden war, ein höheres Gehalt angeboten, um ihn im Betrieb zu halten. Der Genosse ging auch darauf ein und blieb im Betrieb.

Handel und Versorgung

Mangel an Lebensmitteln (Margarine Sorte I, Weihnachtszutaten, Südfrüchte usw.) zeigt sich in den Bezirken Schwerin, Neubrandenburg, Halle und Leipzig. Aufgrund der schlechten Belieferung mit Rosinen, Bananen, Apfelsinen und Kokosnüssen wird im Bezirk Leipzig darüber gesprochen, ob der neue Kurs sich so auswirkt, dass alles nur für Berlin da sei und die Republik nichts erhalte.

Die Planziffern des staatlichen und genossenschaftlichen Handels im Kreis Sternberg/Schwerin reichen in fast allen Warensorten nicht aus, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Das Kontingent des Kreises Bitterfeld an Margarine Sorte I ist fast restlos erschöpft.

Textilien (Winterbekleidung, Handschuhe, Halstücher, Kinderbekleidung und -schuhe) fehlen im Bezirk Neubrandenburg.

Landwirtschaft

2. Konferenz der LPG-Vorsitzenden am 5. und 6.12.1953 in Halle verlief ohne besondere Vorkommnisse. Es nahmen ca. 1 300 Personen teil.

Mängel in der Ablieferung und Erfassung werden aus den Bezirken Neubrandenburg, Schwerin, Rostock und Cottbus berichtet, Nichtablieferung wird mit Futtermangel begründet. Ein Teil Bauern weigert sich die Kartoffeln abzuliefern und droht, bei Druck nach dem Westen zu gehen.

Bauer aus Danneborth/Rostock: »Ich habe die Schnauze voll von dieser Treiberei hier in der DDR, ich suche nur noch den nächsten Weg nach Westdeutschland.«

Mittelbauer aus Wilhelmshayn/Neubrandenburg: »Wenn man mir die Kartoffeln wegnimmt, lasse ich die Wirtschaft im Stich und es ist wieder einer mehr in Westberlin.«

Im Bezirk Rostock ist bereits zu verzeichnen, dass sich Bauern nach Westberlin bzw. Westdeutschland abgesetzt haben, nachdem man ihre Kartoffeln abgeholt hat.

So setzte sich ein Bauer aus Klüss3/Rostock nach dem Westen ab. Unmittelbar vorher hatte man von ihm die Kartoffeln abgeholt. Ein Neubauer aus Rosenhagen4/Rostock setzte sich ebenfalls aufgrund »restloser Erfassung« nach dem Westen ab.

Teilweise werden von den Bauern auch versteckte Kartoffelmieten angelegt. So wurde in der Gemeinde Klein-Tröben5 im Walde eine Anzahl versteckter Kartoffelmieten aufgefunden. Besitzer derselben sind nicht bekannt.

Durch Mangel an Waggongestellung gingen bei der LPG Ziegendorf/Schwerin 15 t als Speisekartoffeln verloren (angefroren) und mussten der Stärkefabrik übergeben werden.

Schlechte Arbeit landwirtschaftlicher Betriebe, VEG und der VdgB führt zu negativen Diskussionen unter der Landbevölkerung. So z. B. lieferte der staatliche Betrieb in Garz [bei] Hoppenrade6/Potsdam, welcher ein Soll von 1 667 dz Kartoffeln hat, bisher erst 106 dz ab. Dies ist auf ungenügende Feldbestellung und deren Pflege zurückzuführen.

Auf den Feldern des VEG Damm7/Potsdam lagern noch 100 ha Hanf, welcher bereits gemäht ist, jedoch noch abgefahren werden muss. Trotz Mitteilung an den Rat des Kreises um Zuweisung von Arbeitskräften, sind bisher noch keine Arbeitskräfte dem VEG zur Verfügung gestellt worden.

Verschiedene Bauern führen darüber Klage, dass die VEAB (Bezirk Gera) gelieferte landwirtschaftliche Produkte erst nach längerer Zeit bezahlt. So äußerte eine Bäuerin aus Merkendorf/Gera: »Ich erhalte von der VEAB noch 2 000 DM für von mir gelieferte Waren, die tun aber gar nicht so, als ob sie das Geld überweisen wollen. Wenn wir was kaufen wollen, müssen wir es gleich bezahlen, die VEAB hat es aber nicht nötig.«

Schwierigkeiten in LPG traten im Bezirk Schwerin und Frankfurt/Oder auf. Der Grund ist im Allgemeinen eine schlechte Wirtschaftsführung. So treten in den LPG Tessenow, Ziegendorf, Poltnitz, Möllenbeck/Schwerin Schwierigkeiten beim Jahresabschluss auf. Es wurde festgestellt, dass die Ausgaben die Einnahmen weit überschreiten. Die LPG Rathstock/Frankfurt/Oder hat in der Jahresabrechnung einen Schaden von ca. 30 000 DM. Sie musste Schweine, die sie zur Erhöhung des Viehbestandes aufgekauft hatte, auf Ablieferungssoll abgeben, da sie mit ihrem Getreidesoll im Rückstand war.

Schweinepest verursachte im Bezirk Frankfurt/Oder einen erheblichen Schaden. So z. B. mussten auf dem Güterkombinat Polßen seit dem 1.11.1953 etwa 2 000 Schweine notgeschlachtet werden.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über die Note der Sowjetregierung wird in etwas größerem Maße unter der gesamten Bevölkerung in der Mehrzahl positiv Stellung genommen. Die Argumente sind die gleichen wie bisher. Installateur aus Schermen/Magdeburg: »Wenn es den Sowjets gelingt, die Westmächte in Berlin an einen Tisch zu bringen, sehe ich die Einheit Deutschlands bald gekommen.« Einwohner aus Stavenhagen/Neubrandenburg: »Ich begrüße die Note der UdSSR, aber ob dabei viel herauskommt glaube ich nicht, die haben doch eine andere Politik als wir.«

Versammlungsleiter (SED) aus Dommitzsch/Leipzig erklärte: »Die Befreier haben uns ja die Stromversorgung gekürzt, indem sie uns die Betriebe abmontiert haben. Ich stehe auch nur hier und erkläre Ihnen das alles. Ich bin ja auch nur ein Mittel zum Zweck.«

Zur Zahlung der Weihnachtszuwendungen8 werden noch weiterhin negative Äußerungen unter der Bevölkerung zum Ausdruck gebracht. Angestellter der Stadtverwaltung Lengefeld/Karl-Marx-Stadt: »Die Verteilung der Weihnachtsgratifikation empfinde ich als ungerecht. Ich mit einem Monatsgehalt von 286,00 DM sehe nicht ein, dass ich nichts und Produktionsarbeiter mit 600,00 DM Lohn dieses Geld erhalten.«

An der Unterschriften- und Spendensammlung für eingekerkerte Friedenskämpfer in Westdeutschland im Bezirk Dresden beteiligt sich ein großer Teil der Bevölkerung.9 Ein geringer Teil glaubt nicht an einen Erfolg dieser Sammlung. So äußert ein Lehrer der NDPD-Schule Bärenstein/Dresden: »Die Leute in Bärenstein glauben nicht, dass die Unterschriftensammlung Erfolg hat. Sie sind von der Hinrichtung der Rosenbergs zu deprimiert, dort hat ja auch alles nichts genützt.«

Negative Elemente zeigen eine feindliche Haltung und verweigern ihre Unterschrift und Unterstützung. Der Pfarrer aus Bärenstein warf die Aufklärer hinaus und drohte, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen, wenn sie ihn noch einmal belästigen sollten.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter in geringerem Maße in den Bezirken Potsdam, Cottbus und in Berlin, stärker in den Bezirken Schwerin, Frankfurt/Oder, Gera und Karl-Marx-Stadt.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

In Gersdorf, [Kreis] Görlitz, [Bezirk] Dresden, erkrankten einige Rinder von werktätigen Bauern, eine Kuh verendete. Die Tiere waren unsachgemäß geimpft worden. Die Impfstellen wurden vorher nicht gereinigt und das Serum wurde aus einer Milchkanne in die Spritzen gefüllt.

Stimmen aus Westberlin

Auf dem Steglitzer Wochenmarkt wurde beobachtet, dass fortwährend Bauern aus der DDR an Verkaufsständen Waren verkaufen und sogar größere Bestellungen auf Butter, Eier und Geflügel aufnehmen. Die Bauern transportieren ihre Waren in Rucksäcken und Koffern. Das eingenommene Westgeld setzen sie meist gleich in Kleidungsstücke, Schokolade u. Ä. um.

In einer Versammlung des Landesverbandes Berlin der Gesamtdeutschen Volkspartei in einer Charlottenburger Schule (35 Personen nahmen teil) sagten die Referenten, Dr. Kempner10 und Heinz Krüger,11 u. a. die Partei habe durch die Bundestagswahlen 70 000 Mark Schulden. Wenn das Vierertreffen in Berlin zustande kommen sollte, will die GVP zu einer Massenkundgebung am Funkturm aufrufen, auf der Dr. Heinemann12 sprechen werde.

Einschätzung der Situation

Die Diskussionen über die Note der SU und die Regierungserklärung der DDR werden umfangreicher. Viele hoffen auf Viermächteverhandlungen und auf die Lösung der deutschen Frage. Von vielen wird aber auch gezweifelt am Erfolg der friedlichen Bemühungen der SU und der DDR. Negative Diskussionen sind verhältnismäßig gering. Bei der Ablieferung landwirtschaftlicher Produkte machen sich in einigen Bezirken immer wieder ernste Schwierigkeiten und teilweise auch Widerstand bemerkbar. Die Unzufriedenheit unter einem Teil der Beschäftigten in öffentlichen Verwaltungen und Institutionen über die Weihnachtszuwendung ist nicht mehr in dem Umfang wie vorher festzustellen.

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