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Tagesbericht

10. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2043 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über die Note der Sowjetregierung und die zu erwartende Viererkonferenz1 wird nach wie vor diskutiert. Allerdings sind diese Diskussionen nicht allzu stark verbreitet. Die meisten der bekannt gewordenen Stimmen erhoffen von einer Viererkonferenz endlich die friedliche Lösung der deutschen Frage, die Einheit Deutschlands. Allerdings zweifeln noch viele Menschen an einem greifbaren Erfolg der Verhandlungen. Die Argumente sind die üblichen.

Ein Arbeiter vom Waggonbau Niesky: »Ich hoffe, dass die Westmächte aufgrund des Druckes der Völker jetzt gezwungen werden, das zu verwirklichen, was dem deutschen Volk die letzten acht Jahre vorenthalten blieb, die Einheit Deutschlands.«

Arbeiter aus Zeulenroda/Gera: »Das ganze Verhandeln hat wenig Zweck. Die politischen Gegensätze sind viel zu groß und nicht zu überbrücken.«

Vorfristige Planerfüllung wird aus mehreren Betrieben gemeldet, z. B. aus dem VEB Glaswerk Großräschen/Calau/Cottbus.2 In vielen Betrieben strengen sich die Arbeiter an, um ebenfalls ihre Pläne vorfristig zu erfüllen. In der Porzellanfabrik Kloster Veilsdorf/Suhl führten mehrere Kollegen Stoßschichten durch, in denen sie fast das Doppelte sonst übliche leisteten.

Über die Entlarvung feindlicher Agenten sprach ein Offizier des SfS im Zeiss-Werk Jena.3 Seine Ausführungen wurden interessiert aufgenommen. Die Arbeiter diskutierten positiv darüber. Ein Arbeiter, der bisher eine negative Meinung zur Politik unserer Regierung hatte, meinte: »Jetzt habe ich erst einen Einblick in diese Dinge bekommen und ich sehe viel klarer, wie der Gegner arbeitet. Ich bin von dem Referat beeindruckt. Ich weiß, dass ich in meiner Arbeit noch wachsamer sein muss, damit ich helfen kann, die Gegner zu entlarven.«

Waggonmangel wird wieder aus mehreren Betrieben gemeldet. Der VEB Futtermittelwerk Greifswald musste seine Arbeiter entlassen, weil die Lagerräume überfüllt sind und kein Waggon zum Abtransport geschickt wird. Das Reifenwerk Fürstenwalde hat seine Produktion wesentlich erhöht. Aber Waggons werden nicht mehr bereitgestellt. Zzt. stellt die Reichsbahn nur für Exportaufträge Waggons zur Verfügung.

Materialmangel meldet die Bau-Union Aue/Karl-Marx-Stadt. Um die soweit fertiggestellten Häuser winterfest machen zu können, werden ca. 250 000 Dachziegel gebraucht.

Zu einer Arbeitsniederlegung kam es am 8.12.1953 in einem Wismut-Schacht in Johanngeorgenstadt. Zimmerlinge4 hatten bei der Abrechnung Betrug gemacht. Die Schachtleitung merkte das und erhöhte entsprechend die Norm. Die Zimmerlinge legten daraufhin ihre Arbeit nieder und die anderen 60 Kumpel des Reviers führten einen zweistündigen Sympathiesitzstreik durch. Die Arbeit verläuft wieder normal.

Eine Prämie, die in Höhe des 1½-fachen Monatsgehalts an die Angehörigen der technischen Intelligenz im Porzellan-Werk Neuhaus-Schierschnitz/Suhl ausgezahlt werden soll, ist Anlass zu einer schlechten Stimmung unter den Arbeitern des Betriebes. Sie sind mit diesen hohen Prämien nicht einverstanden.

Über mangelhafte Kartoffelversorgung herrscht in Betrieben des Kreises Eberswalde/Frankfurt/Oder noch immer schlechte Stimmung. Ein Arbeiter meinte: »Die neue Sowjetnote, die Rückgabe der 33 SAG-Betriebe und alle anderen Freundschaftsbeweise der SU sind durchaus anerkennenswert. Aber man muss doch alles im Zusammenhang sehen und da ist es eben nicht wegzuleugnen, dass im Kreis Eberswalde noch einige tausend Personen keine Kartoffeln bekommen haben.«

Über mangelhaften Kontakt höherer Parteileitungen mit den Arbeitern beschweren sich Genossen aus dem Bezirk Leipzig. Ein Genosse aus der Glashütte Torgau sagte: »Warum gehen die Genossen der Kreisleitung Torgau, wenn sie in die Betriebe kommen, nur zur Parteileitung und nicht zu den Arbeitern. Ich bin der Meinung, dass sie sich persönlich mit den Arbeitern an deren Arbeitsstellen aussprechen sollten.«

Berichtigung: In unserer Meldung vom 9.12.1953 über Arbeitsniederlegungen schrieben wir von einem Streik in der privaten Tuchfabrik Schönfeld in Crimmitschau, [Kreis] Werdau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt. Es handelt sich jedoch hier nicht um einen organisierten Streik. Am 4.12.1953 kam es zu Unruhen und langen erregten Debatten im Betrieb, die ungefähr vier Stunden andauerten, weil sich der Betriebsinhaber weigerte, den Arbeitern ein Weihnachtsgeld zu zahlen. Am 5.12.1953 wurde eine Versammlung durchgeführt, die ergebnislos abgebrochen werden musste, weil der Betriebsinhaber nicht da war. Nach einer ganztägigen Versammlung am 7.12.1953 erklärte sich der Betriebsinhaber bereit, eine Weihnachtsgratifikation in der von der Regierung beschlossenen Höhe zu bezahlen.5 Die Arbeiter setzten auch durch, dass der durch die Verhandlungen entstandene Arbeitsausfall bezahlt wird.

In der Zuckerfabrik Reinsdorf/Halle handelt es sich ebenfalls nicht um einen organisierten Streik, sondern um eine einstündige Arbeitsniederlegung des Batterieführers, wodurch 20 andere Kollegen nicht arbeiten konnten, ohne dass sie dazu aufgefordert worden wären.

Handel und Versorgung

Mangel an Lebensmitteln besteht in den Bezirken Schwerin, bei Stärkeerzeugnissen, Obstkonserven und Südfrüchten, in Frankfurt/Oder, Halle und Leipzig an Margarine Sorte I und II, in Gera bei Weihnachtszutaten und in Leipzig bei Wild und Geflügel.

Mangel an Textilien und Industriewaren besteht in den Bezirken Neubrandenburg bei Winterbekleidung und Schwerin bei Winterunterwäsche und Perlonwaren, in Frankfurt/Oder fehlen Fahrrad-Dynamos.

Landwirtschaft

Schwierigkeiten in der Ablieferung und Erfassung werden aus den Bezirken Rostock, Frankfurt/Oder und Potsdam gemeldet. Aus verschiedenen Gemeinden der Bezirke Potsdam und Frankfurt/Oder wird berichtet, dass in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben für das kommende Frühjahr keine bzw. unzureichend Pflanzkartoffeln vorhanden sind. So sind bei drei LPG im Kreis Neuruppin/Potsdam keine Saatkartoffeln mehr vorhanden. Ähnlich ist es auch in anderen staatlichen landwirtschaftlichen Betrieben. Bauern in Schwedt/Frankfurt/Oder wollen das rückständige Kartoffelsoll nicht abliefern, weil sie sonst kein Saatgut haben. Sie sind jedoch bereit, für die Kartoffeln Schweinefleisch zu liefern. Weiterhin weigern sich auch feindliche Elemente auf dem Lande Kartoffeln abzuliefern und drohen mit Absetzen nach Westdeutschland bzw. legen ihre Kartoffeln in versteckten Mieten an.

Ein Kleinbauer aus Lancken6/Rostock: »Wer über meine Schwelle kommt, den schlage ich tot. Ich steck den ganzen Kram an und setze mich nach dem Westen ab.«

Eine Großbäuerin aus Haseloff/Postdam, welche ihr Soll erst mit 60 % erfüllt hat, legte 150 dz Kartoffeln in einer versteckten Miete an. Diese Miete versah sie mit dem Namensschild einer anderen Bäuerin.

Bei den Wettbewerben der MTS im Bezirk Leipzig führten die regelmäßigen Auswertungen zu guten Erfolgen. So war es möglich, außer der 100%igen Realisierung der Verträge für die Winterfurche bis 5.12.1953 noch 1 000 ha über den Plan hinaus zu ziehen.

Mangel an Ersatzteilen besteht bei MTS in dem Bezirk Schwerin. Besonders fehlt es an Ersatzteilen für Traktoren. Durch Mangel an Batterien fallen auf der MTS Tessenow 50 % der Traktoren aus.

Die Bildung von LPG Typ III7 wird oft von Genossenschaftsbauern des Bezirkes Potsdam verlangt. Selbst ehemalige Genossenschaftsbauern äußern, dass sie wieder eine LPG bilden würden, wenn sie zum Typ III übergehen könnten. So äußerten die ehemaligen Genossenschaftsbauern der LPG »Karl Marx« aus Thyrow/Potsdam, die sich im Juli 1953 auflöste, dass sie gewillt sind, wieder LPG-Mitglieder zu werden, wenn man zum Typ III übergehen würde.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über die Note der Sowjetregierung wird in gleichem Umfang und mit gleichen Argumenten wie bisher diskutiert. Angestellter der Konsumgenossenschaft Cottbus: »Die unermüdlichen Bemühungen der Regierung der SU haben nun die Westmächte gezwungen, einer Konferenz der Außenminister der vier Großmächte in Berlin zuzustimmen. Darin sehe ich gleichzeitig einen erneuten Ansporn für alle deutschen Patrioten, sich noch mehr für die Einheit unseres Vaterlandes einzusetzen.«

Vorsitzender der VdgB Hohenbollentin/Neubrandenburg: »Die Einheit Deutschlands kann erst nach Beseitigung der Oder-Neiße-Grenze erfolgen, vorher kommt es zu keinen Friedensverhandlungen.«

Bei Aufklärungseinsätzen über die sowjetische Note wurden gute Erfolge erzielt. Im Kreis Freiberg/Karl-Marx-Stadt übernahmen von 1 800 aufgesuchten Familien 160 Personen Einzelverpflichtungen, indem sie sich der 100-Watt-Bewegung8 anschlossen. 67 Einzelverpflichtungen hatten zum Inhalt, dass man die Hockauf-Bewegung9 durch Sammeln von Alttextilien unterstützen will. Weitere elf Personen verpflichteten sich an westdeutsche Patrioten, die eingekerkert wurden, Solidaritätspakete zu senden.

Über Weihnachtszuwendungen wird von den Personen, die diese nicht erhalten, immer noch negativ diskutiert.10 Angestellter des Rettungsamtes Berlin, Marienburger Straße: »Man hat einen Verantwortlichen für den 17.6. gefunden und man wird Anfang des nächsten Jahres auch einen Verantwortlichen finden, der die Schuld daran hat, dass an uns kein Weihnachtsgeld gezahlt wurde, aber dann ist es zu spät für uns.« Angestellter der Poliklinik-Süd Erfurt: »Man soll Sammlungen nur noch in den Betrieben durchführen, wo Weihnachtszuwendungen gezahlt wurden.«

Die Unterschriftensammlung für eingekerkerte Friedensfreunde in Westdeutschland im Bezirk Dresden wurde im Allgemeinen von der Bevölkerung positiv aufgenommen. Ein geringer Teil der Bevölkerung lehnte die Unterschrift ab.11 Pfarrer aus Nieder-Seifersdorf/Dresden: »Ich bin nicht gewillt meine Unterschrift zu geben. Ihr sammelt ja auch nicht für die Menschen, die bei uns inhaftiert sind.«

Bei den Elternbeiratswahlen versucht die Kirche noch mehr Einfluss zu gewinnen, um auf die Jugend besser einwirken zu können. Hausmeister der Schule Hainsberg/Dresden: »Dieses Jahr merkt man deutlich, dass die Kirche die Anweisung gab, die Versammlungen zu den Elternbeiratswahlen zu besuchen, denn ich kenne die meisten Anwesenden als Kirchenanhänger.« In der Gemeinde Brüz/Schwerin erhielt die Frau eines Pfaffen die meisten Stimmen. Diese Frau wählte man auch als 1. Vorsitzende. Anschließend hielt sie noch eine kurze Ansprache, in der sie sagte: »Man muss einen Weg zur Erziehung der Kinder finden, denn die heutige Jugend ist total verkommen.«

Über Freistellung von Wohnraum für sowjetische Familien in Ohrdruf/Erfurt wird von der Bevölkerung sehr negativ diskutiert. Es werden in Ohrdruf 150 Wohnungen geräumt. Die Unterbringung der Familien ist in Ohrdruf nicht möglich. Ein Gastwirt aus Ohrdruf, der jetzt sein zweites Grundstück räumen muss, hat sich aufgrund dessen die Pulsadern aufgeschnitten. In der Kreisstadt Gotha müssen ebenfalls 140 Wohnungen freigemacht werden.

Kirchenpräsident Niemöller12 führte in Erfurt, Gotha, Nordhausen und Arnstadt Predigten durch. Bei der am 7.12.1953 in der Predigerkirche Erfurt abgehaltenen Predigt waren ca. 1 200 Personen, überwiegend aus dem Mittelstand, anwesend. Niemöller nahm mit keinem Wort zum Friedenskampf Stellung. Unter anderem brachte er noch zum Ausdruck, dass in den letzten 50 Jahren viele Weltanschauungen vergangen sind, auch der Marxismus wäre bereits tot, selbst die diesen propagieren, glauben nicht daran.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter geringer in den Bezirken Gera, Neubrandenburg, Halle, Rostock und in Berlin, stärker in Karl-Marx-Stadt und Potsdam. Überwiegend KgU13 und NTS.14

In Horst, [Kreis] Grimmen, wurde am 5.12.1953 ein Agitator der Partei aus Berlin von einem durch reaktionäre Elemente verhetzten Landarbeiter niedergeschlagen.

Am 9.12.1953 abends brannten in Goldberg/Schwerin vier Scheunen und ein Geräteschuppen nieder. Schaden: 15 000 bis 20 000 DM. Als Brandstifter wurde ein Großbauernsohn festgenommen. Er gab bei der Vernehmung an, er habe den Brand nach Beeinflussung durch seine Eltern und durch den RIAS angelegt.

Im Bezirk Frankfurt/Oder wurden in der Zeit vom 23.11. bis 3.12.1953 vier schwere Diebstähle in HO-Geschäften verübt. Besonders wurden Fotoapparate, Ferngläser und Armbanduhren gestohlen. Gesamtwert des gestohlenen Gutes: 16 700 DM.

In Crostau, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurden vom VdgB-Vorsitzenden Scheiben eingeschlagen, zwei Hühner vergiftet und ein Strick mit der Aufschrift »Hier ist der Strick« vor die Haustür gehängt. Dem LPG-Vorsitzenden in Dornheim, [Kreis] Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, wurden durch Giftweizen, der im Hof ausgestreut wurde, fünf Hühner vergiftet. Im Kreis Doberan/Rostock erhielten einige Stadträte gefälschte Kohlenscheine zugesandt.

Einschätzung der Situation

Die Diskussionen über die Bemühungen der Regierungen der SU und der DDR um eine friedliche Lösung der deutschen Frage halten weiterhin an, wobei sich viele ein günstiges Ergebnis von der Viermächtekonferenz erhoffen. Viele zweifeln aber auch an einem Erfolg dieser Konferenz.

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