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Tagesbericht

14. Dezember 1953
Informationsdienst Nr. 2046 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die neue Verordnung der Regierung1 steht im Mittelpunkt der Diskussion, die die Masse der Arbeiter erfasst hat. Die meisten Arbeiter begrüßen die Maßnahmen und bringen der Regierung immer größeres Vertrauen entgegen. Negative Elemente versuchen, die Regierungsverordnung zu bagatellisieren. Die unzufriedenen und negativen Meinungen kommen meist aus Angestelltenkreisen. Einige Arbeiter übernahmen wieder neue Produktionsverpflichtungen.

Ein Wismut-Kumpel: »Was unsere Regierung beschließt, ist richtig und entspricht den Interessen der Arbeiter, denn es sind ja alles Arbeiter, die an der Regierung sitzen.«

Ein Hochöfner aus der Maxhütte: »Das sind Beschlüsse, die alle Arbeiter angehen. Das ist wirklich was. Die zukünftige Lohnerhöhung der Lohngruppen V–VIII, die Fahrpreisermäßigung für Urlauber, für Wohnungsbau, alles das sind Dinge für uns Arbeiter. Durch solche Beschlüsse können sie uns alle gewinnen, und die Arbeit macht dann auch mehr Spaß.«

Ein Steinkohlenkumpel aus Freital/Dresden: »Diese neue Verordnung, die im Beisein von Arbeitern beraten wurde, ist eine feine Sache. Wer diese Verbesserungen nicht sieht, der hat bestimmt ein Brett vor dem Kopf.«

Ein Arbeiter aus einem Privatbetrieb in Dippoldiswalde/Dresden: »Jetzt sind wir nicht mehr Arbeiter zweiter Klasse, sondern erhalten genau dieselben Vergünstigungen wie die Arbeiter in den volkseigenen Betrieben, darüber freuen wir uns am meisten.«

Eine Maurerbrigade von der Großbaustelle Ostseestraße in Berlin beschloss, sich der Frida-Hockauf-Bewegung2 anzuschließen und monatlich 6 000 Steine zusätzlich zu vermauern. Eine Brigade im Stahlwerk Hennigsdorf fuhr zu Ehren der Regierungsverordnung in der Nacht vom 10. zum 11.12.1953 eine Stoßschicht und erreichte dabei ihre bisher höchste Leistung. Kollegen aus dem VEB Tuchfabrik Cottbus schrieben einen Brief an die Belegschaft einer Textilfirma in Augsburg, in dem sie eine Delegation einluden, damit sich die westdeutschen Arbeiter von dem steigenden Wohlstand der Werktätigen in der DDR überzeugen können.

Ein Angestellter aus der Dresdner Konsumbäckerei: »Es ist sehr zu begrüßen, dass die Regierung eine solche Verordnung beschlossen hat. Jedoch werden die nachgeordneten Organe es wieder verstehen, eine solche Auslegung zu finden, dass die Arbeiter doch nicht in den Genuss der versprochenen Dinge kommen.«

Ein Angestellter aus dem VEB »Heinrich Rau« Wildau: »Das ist eine reine Gewerkschaftsangelegenheit und geht darauf hinaus, dass die Gewerkschaften sich noch mehr einschalten müssen, damit mehr geleistet wird. An sich bringt uns der Beschluss gar nichts.«

Ein Verladearbeiter aus der Maxhütte, Angehöriger einer christlichen Sekte: »Na was haben sie nun Erleichterndes gebracht? Gar nichts, keine Preissenkung, nur großes Geschrei.«

Angestellte der kaufmännischen Abteilung in der Farbenfabrik Wolfen/Halle sagten, Walter Ulbricht hätte ihnen 1951 bereits auf einer Kundgebung in der Filmfabrik Wolfen eine Verbesserung in der Gehaltsfrage versprochen. Bis jetzt habe sich jedoch noch nichts geändert und in der Verordnung der Regierung sei diese Frage auch nicht berücksichtigt worden.

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz3 sind nur vereinzelt Meinungsäußerungen ohne neue Argumente bekannt geworden. Es ist anzunehmen, dass dieses Problem durch die Regierungsverordnung vorübergehend etwas in den Hintergrund gedrängt worden ist.

Prozesse gegen Agenten und Saboteure fanden in den letzten Tagen in Erfurt (gegen ehemalige leitende Angestellte des Kalikombinats Volkenroda)4 und in Magdeburg (gegen Agenten des Büros Blank)5 statt.6 Die Teilnehmer an den Prozessen, Arbeiter, haben nicht nur schlechthin eingesehen, dass die Wachsamkeit in den Betrieben verstärkt werden muss und dass die Verbrecher hart bestraft werden müssen, sondern oft wurde die Meinung laut, die Angeklagten hätten noch viel härter bestraft werden müssen.

Materialmangel verhindert im VEB Messgerätewerk Treuenbrietzen/Potsdam die Erfüllung des Planes. Flach- und Sechskanteisen fehlen. Die DHZ Berlin antwortet, bis Ende April 1954 könne solches Material nicht geliefert werden. Die Arbeiter sind deshalb missgestimmt und diskutieren: »Wenn wir trotz der Planerfüllung in den Walzwerken kein Material erhalten, muss doch da oben etwas faul sein. Entweder sitzen in der Staatlichen Plankommission unfähige Leute oder Saboteure.«

Handel und Versorgung

Mängel in der Versorgung mit Lebensmitteln bestehen in den Bezirken Erfurt und Halle bei Margarine Sorte I und II (im Kreis Dessau wegen Rohstoffmangel wenig Margarine), im Bezirk Potsdam bei Mandeln, Rosinen, Zitronat u. Ä.

Eine Lieferung verdorbener Gänse kam am 11.12.1953 in Berlin an. Es handelt sich um 16 t, die aufgrund zu enger Lagerung und mangelhafter Vereisung sich in einem schlechten Zustand befanden. Um einen Verlust zu vermeiden, muss ein sofortiger Verkauf auf der Freibank erfolgen, da ein Verkauf in HO und Konsum nicht mehr erfolgen kann.

Mangel7 an Textilien werden [sic!] gemeldet aus den Bezirken Neubrandenburg und Karl-Marx-Stadt mit Winterbekleidung und aus Bezirk Erfurt mit Herrenanzugstoffen, Unterwäsche und Bettwäsche.

Schwierigkeiten in der Belieferung mit Möbeln und Porzellanwaren durch Waggonmangel werden aus dem Kreis Worbis/Erfurt berichtet. Abgeschlossene Verträge im Werte von 46 700 DM konnten bisher nur mit 8 000 DM realisiert werden.

Landwirtschaft

Schwierigkeiten in der Ablieferung werden von Bauern aus dem Bezirk Rostock und Potsdam bekannt. Im Allgemeinen wird dabei geäußert, dass durch die konsequente Erfassung die Futtergrundlage nicht gewährleistet sei.

Abschnittsbevollmächtigter der Gemeinde Kurtschlag/Potsdam: »Meiner Meinung nach geht man in der Erfassung bei den werktätigen Bauern zu radikal vor. So hat man hier bei einem Bauern die Kartoffeln zwangserfasst ohne zu überprüfen, warum der Bauer sein Soll nicht erfüllt hat. Das führt dann meistens dazu, dass die Bauern in ihrer Verärgerung den Erfasser vom Hof prügeln wollen. Wie ich festgestellt habe, hat der Erfasser seine Aufgabe nur durch Druck zu lösen versucht.«

Schlechte Parteiarbeit wurde vom 1. Parteisekretär der Ortsparteiorganisation der SED in Podelzig/Frankfurt/Oder geleistet. Die Genossin lehnte eine Agitation unter den Bauern über die Regierungserklärung und die Sowjetnote sowie die Kartoffelerfassung ab, da sie sich mit den Bauern »nicht überwerfen will«.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Über die bevorstehende Viermächtekonferenz wird unter der Bevölkerung und Landbevölkerung weiterhin diskutiert. Die Argumente sind die gleichen wie bisher. Während die Mehrzahl einen Erfolg auf dieser Konferenz erhofft, sieht ein Teil darin keinen Fortschritt. Die zweifelnden Stimmen treten auf dem Lande stärker in Erscheinung als in den Städten.

Die Agitationseinsätze haben dort, wo sie gut vorbereitet und durchgeführt wurden, auch gute Erfolge gebracht. So verpflichteten sich in der Gemeinde Karlshof/Frankfurt/Oder acht werktätige Einzel- und Genossenschaftsbauern, schon jetzt Fleisch für das Jahr 1954 zu liefern. Dagegen wurden im Kreis Seelow/Frankfurt/Oder, wo die Agitationseinsätze mit der Kartoffelablieferung verbunden wurden, negative Stellungnahmen abgegeben.

Über den Ministerratsbeschluss8 wird unter der Bevölkerung, einschließlich Landbevölkerung, im Allgemeinen positiv gesprochen. Ein Schlosser der MTS Schmölln/Bischofswerda/Dresden: »Wer jetzt noch nicht begriffen hat, dass die Regierung alles für uns tut, läuft blind durch die Welt. Mit solchen Maßnahmen muss es doch zu einer Einigung kommen.«

Einzelne negative Stimmen bringen zum Ausdruck, dass sie von dieser Sitzung mehr erhofft hätten. Angestellter der Versicherungsanstalt Cottbus: »Ich hatte mir von der Sitzung mehr erhofft, eine große Preissenkung, Vergünstigungen finanzieller Art, Rentenerhöhungen oder Ähnliches.«

Aufenthaltsbescheinigungen für Interzonenreisende können in Rudolstadt/Gera seit einigen Tagen nicht mehr ausgegeben werden, da keine Vordrucke vorhanden sind. Dies führt zur Verärgerung unter der Bevölkerung.

Freistellung von Wohnraum für sowjetische Familien führte in den Kreisen Glauchau und Hohenstein-Ernstthal/Karl-Marx-Stadt zu negativen Diskussionen unter der Bevölkerung. In Glauchau kam es zu einigen Zwischenfällen und es mussten Zwangsräumungen durchgeführt werden. Einwohner aus Oberlungwitz, Kreis Hohenstein-Ernstthal: »Es ist eine Schande, dass der knappe Wohnraum immer mehr eingeschränkt wird. Man muss einmal die Familien hören, die räumen müssen. Wenn man das erzählen würde, wie die über diese Maßnahmen sprechen, so müsste man Angst haben, dass sie vom SSD9 eingesperrt werden.«

Ereignisse von besonderer Bedeutung

3. Tag des Deutschen Friedenstages in Weimar:10 Die organisatorische Vorbereitung, Unterbringung und Verpflegung der Delegierten war gut. Im organisatorischen Ablauf der Veranstaltung traten durch zeitweiliges Ausfallen der Lautsprecher am 13.12.1953 bei wichtigen Diskussionen Störungen auf, die den Unwillen der Delegierten erregten. Der Verantwortliche erklärte, dass dies eine »objektive Störung« sei.

Weiterhin hinterließ der Dolmetscher bei der Übersetzung der Rede des sowjetischen Delegierten Sofronow11 einen schlechten Eindruck, da die Übersetzung schlecht und stockend ausgeführt wurde. Inhaltlich wurde diese Rede mit großem Beifall aufgenommen.

Zur Unterstützung der Friedensarbeit in Westdeutschland sagte ein westdeutscher Delegierter, dass wir dabei noch einen Fehler begehen würden, indem wir den Marxismus zu stark als Plattform benutzen. Den westdeutschen Friedenskämpfern wurde marxistische Literatur zugesandt, das stoße manche ab. Er schlug vor, mehr schöngeistige Bücher nach Westdeutschland zu senden.

Die Teilnahme der Bevölkerung an der Abschlusskundgebung betrug ca. 15 000 Personen.

Organisierte Feindtätigkeit

Flugblätter geringer in den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig, Neubrandenburg, stärker in Gera, Cottbus und Halle.

Der RIAS brachte: Die Auszahlung der Weihnachtszuwendung werde von Funktionären in einigen Betrieben von der Mitgliedschaft im FDGB [und] von [der] Beitragszahlung abhängig gemacht. Außerdem werde in den Betrieben propagiert, die Arbeiter mögen auf das Geld verzichten. RIAS fordert die Arbeiter auf, solche »Machenschaften« nicht zu dulden, denn sie ständen im Widerspruch zur Anordnung der Regierung.

Überfälle: In den Abendstunden des 11.12.1953 wurde der Parteisekretär in der Gemeinde Burg Dorf/Cottbus beim Verlassen eines Geschäftes von einem aus der Partei ausgeschlossenen Kriminellen tätlich angegriffen. In Leipzig wurde in einer Gaststätte der Leiter des Projektierungsbüros der Bau-Union Leipzig von einem Unbekannten ins Gesicht geschlagen, weil er das Aktivistenabzeichen trug. Im Tagebau Schleenhain, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, wurde in der Nacht vom 10. zum 11.12.1953 im Geschäftszimmer der Betriebsparteiorganisation eingebrochen und die Mitgliederkartei gestohlen.

Von München wird neuerdings eine Broschüre »Die ersten Opfer des Kommunismus – Weißbuch über die religiösen Verfolgungen in der Ukraine«, Herausgeber: Logos-Druckerei München,12 in die Republik eingeschleust.

Stimmen aus Westberlin und Westdeutschland

In den Stimmen der Viermächtekonferenz kommen die Wünsche und Hoffnungen auf einen erfolgreichen Verlauf dieser Konferenz zum Ausdruck. Dazu äußerte ein Arbeiter aus Westberlin: »Ich habe die starke Hoffnung, dass es das letzte Weihnachten ist, das wir in dem Zustande verleben müssen. Ich hoffe, dass diese letzte Aufforderung der UdSSR an die anderen verstanden wird und dass sie endlich dazu übergehen, einen Frieden für Deutschland und die ganze Welt herbeizuführen.«

Eine Hausfrau aus Westberlin: »Es ist alles auf die neue Konferenz gespannt. Welchen Erfolg die haben wird. Nur muss man wünschen, dass man endlich einen Erfolg sehen möchte.«

Ein Arbeiter aus Westberlin: »Nun hoffen wir auf die Viererkonferenz. Bei gutem Willen von beiden Seiten muss sich ein Weg finden lassen.«

Andererseits kommt in den Stimmen der Einfluss der Antisowjethetze und Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck, wie z. B. ein Arbeiter aus Nürnberg: »Jetzt werden öfter Versuche unternommen mit den Russen ins Gespräch zu kommen, aber die Russen beweisen immer ihre Sturheit und wollen nicht verhandeln.«

Eine Angestellte aus Westberlin: »Jetzt setzt man alle Hoffnungen auf das Vierertreffen in Berlin, ist vielleicht auch Unsinn. Es ist eine moderne Taktik, Menschen erwartungsfroh zu machen, zu vertrösten und schließlich fallen zu lassen.«

Einschätzung der Situation

Die Stimmung der Arbeiter in den Betrieben verbessert sich weiter aufgrund der neuen Regierungsverordnung, das Vertrauen zur Regierung wächst und der neue Kurs findet große Unterstützung. Eine Minderheit, besonders Angestellte, ist skeptisch und diskutiert negativ. Auch die in geringem Umfange geführten Diskussionen sind im Allgemeinen zustimmend. Die Diskussionen über die Viermächtekonferenz gehen weiter, in Betrieben weniger, wobei teilweise Zweifel am Erfolg bestehen, besonders auf dem Lande.

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