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Tagesbericht

11. November 1953
Informationsdienst Nr. 2018 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die beschlossene Ausgabe von Weihnachtszuwendungen1 steht augenblicklich im Vordergrund der Diskussionen in den Betrieben. Dabei wird diese Maßnahme vom größten Teil der Arbeiter freudig begrüßt und als weiteres Zeichen der Sorge der Regierung für die Werktätigen in der DDR betrachtet. Besonders ungünstig ist dabei, dass verschiedentlich von Mitgliedern der SED diese Maßnahme nicht verstanden und teilweise sogar abgelehnt wird. In anderen Fällen wird bemängelt, dass die Differenzierung der festgelegten Beträge ungenügend ist.

Ein Arbeiter aus dem VEB Zuckerfabrik in Lützen/Halle: »Die Regierung hält doch den neuen Kurs ein und macht den Fehler vom vorigen Jahr wieder gut, wo niemand etwas erhielt.2 40,00 DM sind 40,00 DM, die kann man schon mitnehmen. Dies ist ein Zeichen, dass eben die Regierung für die Arbeiter was übrig hat.«

Ein Arbeiter der Bau-Union Riesa/Dresden: »Es ist schlecht, dass die Zuwendungen zu wenig differenziert sind. So bekommen z. B. Verheiratete, ganz gleich ob ohne oder mit wenig Kindern, 40,00 DM, während werktätige Frauen, deren Ehemänner im Krieg gefallen sind und vielleicht drei Kinder haben, nur 30,00 DM erhalten. Ich bin der Meinung, dass dies ungerecht ist.«

Ein Genosse aus dem VEB Waggonbau Niesky: »Vor einem Jahr haben wir gesagt, dass die Weihnachtszuwendungen eine kapitalistische Methode seien und jetzt wird es sogar von der Regierung angeordnet.«

Einige Angestellte aus Grimma/Leipzig: »Es ist nicht richtig, dass nur Produktionsbetriebe solche Gratifikationen erhalten, denn gerade am 17. Juni haben die Angestellten ein gutes Bewusstsein gezeigt und die Arbeit nicht niedergelegt.«

Zur Note der SU3 wird verhältnismäßig nur noch vereinzelt diskutiert. Der größte Teil der Diskussionen trägt positiven Charakter. Immer wieder wird von den Arbeitern zum Ausdruck gebracht, dass schon genügend Noten gewechselt wurden, dabei aber nichts herauskommt.

Ein parteiloser Arbeiter, Anhänger der Sekte »Lorenzianer«,4 aus dem VEB Holzbau Olbernhau/Karl-Marx-Stadt: »Was wollen wir mehr, wir sehen in den Sowjetmenschen den der uns hilft [sic!] und keinen Hass gegen uns führt. Wir müssen als Deutsche wirklich noch besser zu den friedlichen Völkern stehen.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Gummiwerk Riesa: »Was nützt das alles, wenn hin und her geschrieben wird und nichts dabei rauskommt.«

Im Rahmen des Monats der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft wurden teilweise Produktionsverpflichtungen eingegangen und verschiedentlich gute Ergebnisse bei der Werbung für die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft erzielt. Im VEB IKA Suhl traten seit dem 1.11.1953 bisher 174 Kollegen der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bei. Aus Anlass des Freundschaftsmonats verpflichteten sich die Kumpel des BKW »Glückauf« Hoyerswerda, Abteilung Abraum, vier Sonderschichten zu fahren und das Jahressoll bis zum 25.11.1953 zu erfüllen.

Zum Schreiben der Regierung der DDR an die Westmächte5 gibt es ebenfalls nur wenige, meist positive Stellungnahmen. Ein parteiloser Arbeiter des Kunstseidenwerkes Premnitz/Potsdam: »Diesen Schritt der Regierung kann man nur für gut heißen. Wenn die Westmächte hierzu keine Stellung nehmen, zeigen sie nur ihre wahre Absicht, nämlich Deutschland zu versklaven.«

Zur Entlarvung der Agentengruppen in der DDR6 treten nur, wie auch zu den anderen politischen Fragen festgestellt werden kann, vereinzelte Diskussionen auf. Dabei wird zum Ausdruck gebracht, dass die Bestrafung für derartige Elemente nicht hoch genug sein kann.

Durch mangelhafte Waggongestellung muss die Produktion im Kalkwerk Querfurt/Halle um 50 % und teilweise noch mehr herabgesetzt werden. Da der Abtransport des Bau- und Düngekalks nicht erfolgt, müssen bei weiterem Anhalten dieses Zustandes von drei vorhandenen Brennöfen zwei stillgelegt werden.

Laut Vertrag müsste die Reichsbahn dem VEB Schamottenwerk Großbothen/Leipzig pro Monat 90 Waggons zur Verfügung stellen. Im September wurden jedoch nur 66 und Oktober nur 60 Waggons durch die Reichsbahn bereitgestellt. Durch diesen Waggonmangel ist der Betrieb nicht in der Lage seine Lieferverträge dem Stahlwerk Hennigsdorf gegenüber einzuhalten. Um eine Verbesserung des Gütertransportverkehrs zu erreichen, hat das Reichsbahnamt Senftenberg die Ämter Cottbus, Greifswald und Berlin zu einem Wettbewerb aufgerufen.

Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Versorgung mit Einkellerungskartoffeln, die zum Teil Anlass zu negativen Diskussionen geben, werden aus den Bezirken Cottbus, Suhl, Halle, Karl-Marx-Stadt und Leipzig berichtet.

Landwirtschaft

Selbstverpflichtungen von LPG und werktätigen Bauern anlässlich des Monats der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft werden aus dem Bezirk Dresden berichtet. Ein Genossenschaftsbauer der LPG in Jahna/Dresden verpflichtete sich, 1954 pro ha 280 dz Kartoffeln zu ernten. In einer Versammlung der Gemeinde Schönbach, die zum Monat der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft durchgeführt wurde, verpflichteten sich vier Bauern 100 kg Milch zu normalen Preisen über ihr Soll zu liefern.

Aus Cottbus wird berichtet, dass bei vielen Bauern die Bereitschaft vorliegt, ihr noch nicht erfülltes Getreidesoll mit Austauschprodukten, wie z. B. mit Rind- und Schweinefleisch, zu erfüllen.

In Schmiedehausen/Gera wird heftig über die Anweisung des Hauptwerkes der Zuckerfabrik Camburg diskutiert. Die Zuckerfabrik hat abgelehnt, Zuckerrüben von Einzelbauern im Monat November abzunehmen, da das Fassungsvermögen nur 800 t beträgt. Ähnliche Diskussionen werden aus Halle berichtet, wo die Zuckerfabriken nicht mehr in der Lage sind, weitere Zuckerrüben anzunehmen.

Bei mehreren LPG im Bezirk Potsdam wurde festgestellt, dass die Kartoffelrodung zwar abgeschlossen, große Mengen aber nicht aufgesammelt wurden. Bei den LPG im Kreis Pritzwalk z. B. sind noch ca. 1 000 ha Kartoffelacker abzusammeln. Die Arbeitskräfte reichen dazu nicht aus, Hilfskräfte wurden vom Bezirk abgelehnt, da Pritzwalk nicht als Schwerpunkt angesehen wird.

Durch fehlende Ersatzteile wie Batterien, Lichtmaschinen und dgl. können in der MTS Gademow/Rostock nur sieben Traktoren im Zwei-Schichten-System eingesetzt werden. In der MTS Gingst/Rostock können nur zwei Traktoren eingesetzt werden.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Zur Note der SU vertritt ein großer Teil der Bevölkerung die Meinung, dass schon sehr viele Noten gewechselt wurden, aber ein Erfolg noch nicht zu verzeichnen ist. Dabei kommt eine gewisse Gleichgültigkeit zum Ausdruck. Mit dem Inhalt der Note beschäftigt man sich nur wenig, was zum großen Teil auf mangelhafte Aufklärungsarbeit zurückzuführen ist. In positiven Diskussionen wird immer wieder die Friedensliebe der SU und die Hilfe für das deutsche Volk hervorgehoben.

Ein Lehrer aus Bargischow/Neubrandenburg: »Man kann zur SU stehen wie man will. Die Beharrlichkeit, mit der sie immer im entscheidenden Moment ihre Friedensvorschläge bringt, setzt einen in Erstaunen. Durch diese Beharrlichkeit und Initiative wird sie immer mehr Freunde in der großen Welt erwerben.«

Ein Holzarbeiter aus Neuruppin/Potsdam: »Was nützen uns die vielen Noten. Bis jetzt wurden diese nur ausgetauscht, die SU an die USA und die USA an die SU. Es hat sich aber an der Lage noch nichts geändert. Bis heute hat man sich noch nicht ernstlich über die friedliche Lösung der deutschen Frage ausgesprochen.«

Neben dem bereits aufgezeigten, wird wie aus den Berichten zu ersehen ist, nur sehr wenig über politische Fragen diskutiert.

Zur Entlarvung der Agenten in der DDR wurden z. B. nur vereinzelt Stimmen bekannt, die aber fast ausschließlich positiv sind. Eine Hausfrau aus Spremberg/Cottbus: »Wie kann es bei uns überhaupt Menschen geben, die sich für die schmutzigsten Zwecke von ausländischen Spionagediensten kaufen lassen, um den Aufbau unserer Wirtschaft zu stören. Die Strafe gegen solche Menschen kann nicht hoch genug sein, damit die anderen schon vorher ihre Finger davon lassen.«

Über die Freilassung des ehemaligen faschistischen Generalfeldmarschalls Paulus7 sind gleichfalls nur vereinzelt Stimmen bekannt. In der Mehrzahl wird zum Ausdruck gebracht, dass Paulus ein Kriegsverbrecher sei, der in Stalingrad viele junge Soldaten in den Tod trieb.

Die durch die Preissenkung8 hervorgerufene freudige Stimmung wird teilweise durch Mängel in der Versorgung herabgemindert. Diskussionen über die schlechte Versorgung mit Einkellerungskartoffeln, zeitweilige Frischfleisch- und Margarineknappheit, Stromversorgung und dgl. treten wieder stärker in Erscheinung.

Eine Hausfrau aus Leipzig: »Solange ich meine Kartoffeln nicht habe, habe ich keine Ruhe. Wie lange soll man darauf noch warten? Bei der vorgerückten Jahreszeit ist es leicht möglich, dass uns die Kartoffeln erst dann geliefert werden, wenn diese angefroren sind.«

Organisierte Feindtätigkeit

Verstärkte Verbreitung von Flugblättern wird aus dem Bezirk Frankfurt/Oder, vereinzelt aus den Bezirken Dresden, Halle, Karl-Marx-Stadt und Potsdam gemeldet. Es handelt sich überwiegend um Flugblätter der NTS.9

Einschätzung der Situation

Die Diskussionen über die Weihnachtszuwendungen stehen im Vordergrund in den volkseigenen Betrieben. Dabei wird verhältnismäßig wenig über die Note der SU und das Schreiben der DDR an die Westmächte in allen Teilen der Bevölkerung diskutiert. Hauptsächlich treten die Diskussionen über mangelhafte Kartoffel- und Stromversorgung in Erscheinung,

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