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Tagesbericht

12. November 1953
Informationsdienst Nr. 2019 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Ausgabe von Weihnachtszuwendungen1 steht auch heute wieder im Mittelpunkt der Diskussionen. Diese Maßnahme wird vom überwiegenden Teil der Arbeiter freudig begrüßt und als sichtbarer Ausdruck der weiteren Verwirklichung des neuen Kurses betrachtet. Vereinzelte Stimmen werden auch heute wieder bekannt, wo zum Ausdruck kommt, dass die Verteilung nicht gerecht ist.

Ein parteiloser Arbeiter des Kraftwerkes Breitungen/Suhl: »Ich war zu Hitlers Zeiten ein Faschist, aber der neue Kurs zeigt, dass es noch keine andere Regierung fertigbrachte, ihre eigenen Fehler einzusehen, um einen besseren Weg für die Werktätigen einzuschlagen. Aber unsere Regierung hat es fertiggebracht. Die Lohnsteuersenkung,2 die große Preissenkung,3 die Leistungsprämien sowie die 90 Mio. DM4 für Weihnachtsgratifikationen, das sind z. B. Beweise dafür. Ich bin überzeugt, wenn dieser Weg von der Regierung weiterhin eingehalten wird, wird die Arbeiterschaft auch treu zur Regierung stehen und zur Partei halten. Bis vor Kurzem hatte man den Eindruck, als könne sich das heutige System bei den Arbeitern nicht mehr durchsetzen. Aber jetzt sieht man schon wieder mehr zufriedene Gesichter und hört bessere Diskussionen.«

Ein Arbeiter des VEB Maxhütte Unterwellenborn/Gera: »Ich freue mich jetzt schon zu wissen, dass ich zu Weihnachten mit einer Gratifikation beehrt werde. Mich wundert nur, dass diese kapitalistische Einrichtung, wie es im vorigen Jahr genannt wurde, in diesem Jahr so reibungslos und ohne erst mit Krach durch die Kumpel, ausgezahlt werden soll.«5

Ein Arbeiter aus Aue: »Ich finde es nicht für richtig, dass verheiratete Frauen und auch deren Ehemänner je 40,00 DM erhalten sollen, dagegen die alleinstehenden Frauen mit Kindern nur 30,00 DM erhalten.«

Diskussionen über die Note der SU6 werden weiterhin von einem verhältnismäßig kleinen Teil der Arbeiter geführt, wobei die Mehrzahl dieser Diskussionen positiven Inhalt hat. Ein parteiloser Arbeiter des RAW Malchin/Neubrandenburg: »In der letzten Note der SU erkenne ich die wahren Friedensabsichten dieses Staates.«

Anlässlich des Monats der deutschen-sowjetischen Freundschaft werden weiterhin einzelne Produktionsverpflichtungen und Neuaufnahmen in die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bekannt. Eine Brigade (5 Kollegen) des VEB Stahlbau Niesky/Dresden verpflichtete sich durch bessere Organisation des Produktionsablaufes 60 Arbeitsstunden einzusparen. Eine Tiefbaubrigade des VEB Bau in Rathenow/Potsdam (32 Kollegen) verpflichtete sich bis zum Geburtstag des Genossen Stalin 100%ig der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft beizutreten. Negative Diskussionen zum Freundschaftsmonat, die jedoch in der Minderheit sind, wo eine gewisse Gleichgültigkeit zum Ausdruck kommt, sind ähnlich wie die eines Schlossers aus einem Wismut-Objekt in Ronneburg. Er sagte: »Freundschaft hin, Freundschaft her. Ich tue meine Pflicht und wenn Feierabend ist, kann mich alles gerne haben.«

Erste Erfolge der in letzter Zeit abgeschlossenen Wettbewerbe werden aus dem VEB Zellwolle Wittenberge/Schwerin berichtet. Hier wurde die Tagesnorm von 50 t Wolle in den letzten Tagen mit 15 % übererfüllt.

Zu Produktionsstörungen kommt es weiterhin in verschiedenen Betrieben durch Waggonmangel, Rohstoff- und Arbeitskräftemangel. Im VEB Blechkonstruktion Naumburg/Halle sind die Lager- und Arbeitsräume mit 15 000 halbfertigen Fabrikaten von Eimern und Töpfen überfüllt. Wegen Waggonmangel können diese Produkte nicht zum Leipziger Emaillierwerk gebracht werden. Ähnliche Schwierigkeiten bestehen im VEB Holz in Gehren/Suhl, wo dringend 30 Waggons zum Abtransport von 290 t feinstem Holzmehl benötigt werden. Da keine weiteren Lagerungsmöglichkeiten vorhanden sind, besteht die Gefahr der Produktionseinstellung.

Die Stärkefabrik Kyritz/Potsdam wird derartig ungenügend mit Kartoffeln beliefert, dass der Produktionsplan nicht erfüllt werden kann. Im Betrieb Fichtel & Sachs Reichenbach/Karl-Marx-Stadt muss die Arbeit in der Montagehalle eingestellt werden, weil keine Kugelkäfige (Ringe für Kugellager) vorhanden sind. Die Lieferverträge vom Zubringerbetrieb werden nicht eingehalten. In der Zuckerfabrik Lübz/Schwerin fehlen gegenwärtig 100 Arbeitskräfte, wodurch der Betrieb nur die Hälfte der Produktionskapazität im Vergleich zum Vorjahr erreicht.

An einer Versammlung [sic!] am 11.11.1953, wo ein Vertreter des SfS zu Kumpeln des EKS zur Arbeit der Staatssicherheit sprach, waren zu Beginn 50 Kollegen anwesend. Im Verlauf der Versammlung erhöhte sich die Personenzahl auf 100. Wie berichtet wird, war die Vorbereitung der SED-Kreisleitung Stalinstadt zu dieser Versammlung außerordentlich mangelhaft. In der Diskussion sprachen nur drei Kollegen, hauptsächlich zu persönlichen Dingen. Auf die Arbeit der Staatssicherheit wurde in der Diskussion nicht eingegangen.

Handel und Versorgung

Die Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung werden teilweise als ein ernstes Problem bezeichnet. Fehlmengen, die zum Teil noch sehr hoch sind, werden aus den Bezirken Leipzig, Cottbus, Potsdam, Halle, Schwerin, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg und Berlin gemeldet.

Wie aus der Verwaltung Groß-Berlin bekannt wird, läuft ein Exportauftrag über 40 000 t Kartoffeln für Westberlin. Vom Staatssekretariat für Erfassung und Aufkauf sind die Bezirke Rostock, Schwerin, Neubrandenburg, Potsdam und Magdeburg für die Belieferung vorgesehen.

Von der Margarinefabrik in Dresden wurden zwei Waggons Rohstoffe für Margarine wegen Überproduktion nicht angenommen. Für 280 000 DM liegt Margarine auf Lager, wozu sich der Hauptbuchhalter äußert, dass ihm von keiner DHZ die Ware abgenommen wird. Demgegenüber fehlt Margarine in HO und Konsum, nicht nur in verschiedenen Kreisen des Bezirkes Dresden, sondern wie berichtet auch teilweise in den Bezirken Neubrandenburg und Leipzig.

Landwirtschaft

Selbstverpflichtungen anlässlich des Monats der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft werden von LPG, MTS und werktätigen Bauern aus Schwerin, Dresden und Suhl berichtet. Im Kreis Hildburghausen/Suhl wurden 46 gesellschaftliche und wirtschaftliche Verpflichtungen übernommen. 3 000 kg Fleisch, 7 000 kg Milch und 500 Eier werden demnach über das Soll geliefert.

Sieben werktätige Bauern aus Lückersdorf/Dresden verpflichteten sich, 200 kg Milch, 50 kg Rindfleisch und 6 dz Kartoffeln über ihr Soll, zu normalen Preisen, zu liefern. Die LPG Kleinnaundorf verpflichtet sich, 2 000 kg Milch im freien Aufkauf zu liefern. Die Ortsgruppe der DBD in Streufdorf7/Suhl verpflichtet sich, 100%ig der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft beizutreten. Ein Verbesserungsvorschlag, wonach Traktoren durch eine Vorrichtung elektrisch angelassen werden können, wurde von einem Brigadier der MTS Tessenow/Schwerin gemacht.

Im Rahmen der Frida-Hockauf-Bewegung8 hat die LPG in Ehrenberg9/Karl-Marx-Stadt einen Kampfplan erarbeitet. Durch Anwendung von Neuerermethoden und Wettbewerben soll 1954 eine Ertragssteigerung in allen landwirtschaftlichen Erzeugnissen erzielt werden. Durch vorbildliche Arbeit hat ein Teil der MTS im Bezirk Schwerin seinen Jahresplan bereits erfüllt. Ihre Maschinen in persönlichen Schutz zu nehmen, verpflichteten die Arbeiter der MTS Lenzen. Durch gute Aufklärungsarbeit der Politabteilung und die gute Organisation im Zwei-Schichten-System wurde der Jahresplan bereits übererfüllt.

Durch Ersatzteilschwierigkeiten wie Kugellager, Lichtmaschinen, Magneten und dgl. sind in verschiedenen MTS Traktoren ausgefallen bzw. kann nur ein Teil im Zwei-Schichten-System arbeiten.

100%ige Ablieferung in allen Produkten wird aus 35 LPG des Bezirkes Schwerin gemeldet. Weit im Rückstand dagegen sind verschiedene Großbauern des Kreises Ludwigslust. Eine schlechte Arbeitsmoral ist bei der LPG Wolfshagen/Schwerin zu verzeichnen. 20 Morgen Futterrüben werden nicht bearbeitet, wodurch die Futtergrundlage gefährdet ist. 45 ha Kartoffelfläche müssen noch nachgelesen werden (ca. 2 000 Ztr.). Auflösungserscheinungen sind in den LPG Schilde, Wolfshagen, Düpow, Ponitz, Groß Linde und Sigrön zu verzeichnen.10 Mit 73 % wurde die Kartoffelablieferung im Bezirk Schwerin erfüllt. Die Erfassung geht in den letzten Tagen jedoch sehr stark zurück. Viele Bauern vertreten den Standpunkt, sie könnten ihr Soll nicht erfüllen.

Die Kartoffelablieferung im Bezirk Potsdam liegt in den einzelnen Kreisen zwischen 50 und 85 %. Die Brigadeneinsätze zeigen verschiedentlich einen guten Erfolg. Immer wieder muss festgestellt werden, dass einzelne Großbauern, zum Teil auch Mittelbauern, negative Stellung gegen die Erfasser einnehmen. Ein Mittelbauer aus Hellberge äußerte z. B. zu den Erfassern: »Macht, dass ihr von dem Hof kommt, sonst jage ich euch mit den Hunden herunter.« Teilweise sind Diskussionen zu hören: »Die Erfasser kommen wieder, um das Soll einzutreiben, was die Bauern wieder zur Republikflucht verleitet.«

Von der staatlichen Fläche (Betriebe von Republikflüchtigen) in Hohennauen/Potsdam wurden noch keine Kartoffeln abgeliefert. Zwölf Morgen mit Kartoffeln wurden umgepflügt, obwohl die Überprüfung ergab, dass eine gute Ernte zu verzeichnen war. Ähnlich verfuhr ein Großbauer aus Löwenhain/Dresden, der sein Kartoffelsoll nur mit 50 % erfüllte, dabei aber einen Feldstreifen mit ca. 60 dz Kartoffeln einfach umpflügte.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Wie bereits am Vortage berichtet, wird nur sehr wenig über politische Fragen diskutiert. In den wenigen Meinungsäußerungen über die Note der SU an die Westmächte zeigt sich eine gewisse Gleichgültigkeit. Unter anderem wird sehr oft zum Ausdruck gebracht, dass schon viele Noten gewechselt wurden, eine Einigung aber nicht erzielt wurde.

Eine Angestellte der HO aus Bitterfeld: »Die neue Note der SU zeigt uns wiederum, dass die SU konsequent für die Sache des Weltfriedens und die nationalen Interessen des deutschen Volkes eintritt.«

Ein Arbeiter aus Ivenak/Neubrandenburg: »Mit der Note der SU bin ich einverstanden, aber diese Vorschläge müssten endlich verwirklicht werden. Man findet sich zwischen dem ganzen Hin und Her ja bald nicht mehr durch.«

Verschiedentlich wird von Angestellten Unzufriedenheit darüber geäußert, dass sie bei der Weihnachtsgratifikation nicht berücksichtigt wurden. So z. B. wollen die Angestellten der einzelnen Abteilungen beim Rat des Kreises Quedlinburg/Halle eine Protestresolution an den Bundesvorstand des FDGB richten. Ein Angestellter der Universität Greifswald: »Ich war sehr erschüttert, als ich hörte, dass bei der Weihnachtsgratifikation nur die Industrie berücksichtigt wird. Es sieht so aus, als wenn die Verwaltungen keine Arbeit leisten.«

Stärker wird gegenwärtig über wirtschaftliche Sorgen, Mängel in der Versorgung mit Margarine, Butter, Fleisch und dgl. in HO, besonders aber über die mangelnde Versorgung mit Einkellerungskartoffeln, Stromversorgung usw. diskutiert.

Der Leiter der Abteilung Organisation und massenpolitische Arbeit des Konsumkreisverbandes Senftenberg/Cottbus: »Unter der Bevölkerung und den Kumpel von Lauchhammer herrscht eine nicht mehr zu verantwortende Unruhe wegen der Kartoffellage. Sie äußern wörtlich: ›Wir schlagen euch den Laden kaputt.‹«

Eine Hausfrau aus Riesa/Dresden: »Der neue Kurs ist anscheinend schon zu Ende, Margarine gibt es schon nicht mehr zu kaufen.«

Aus Dresden werden Gerüchte über eine kommende Währungsreform berichtet. Eine Hausfrau aus Schmiedeberg äußerte z. B.: »Ich spare nicht mehr, ich weiß von einer bestimmten Stelle genau, dass in kurzer Zeit eine Währungsreform kommt und dann ist das Geld futsch.«

Im Sorbengebiet verstärkt sich die Missstimmung, da die Sorbenfrauen beim Fotografieren für die Passbilder zum neuen Personalausweis ihre Hauben abnehmen müssen. Sie berufen sich teilweise auf die Nationalitätenfrage und die Verfassung der DDR, die besagt, dass ihre nationalen Interessen gewahrt bleiben.

Organisierte Feindtätigkeit

Vereinzelte Verbreitung von Flugblättern wird aus den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Gera, Potsdam, Cottbus, Rostock, Dresden gemeldet. In der Mehrzahl handelt es sich um Flugblätter der NTS11 und SPD.12

In Burg Stargard/Neubrandenburg wurden durch unbekannte Täter Hetzlosungen an Wände gemalt, wie: »Nieder mit den Kommunisten, nieder mit der Regierung, wir wollen freie Wahlen.«

Wie der Westberliner »Der Tag« vom 11.11.1953 meldet, plant die alliierte Oberkommission die Ausstellung von Interzonenpässen der Bundesregierung zu übertragen. Gleichzeitig besteht die Absicht, die Interzonenpässe und Aufenthaltsgenehmigungen für Bewohner aus der DDR ganz wegfallen zu lassen.13 Adenauer hat sich dazu geäußert, so schreibt das Blatt, man müsse dann den Bundesgrenzschutz verdoppeln, um den kommunistischen Agenten begegnen zu können.

Vermutlich organisierte Feindtätigkeit

Am 10.11.1953, 23.35 Uhr, entstand im VEB Turbonit Berlin-Weißensee ein Brand. Der Schaden beträgt ca. 5 000 DM. Ursache des Brandes noch nicht geklärt.

Einschätzung der Situation

Die Situation hat sich gegenüber dem Vortage nicht verändert.

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