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Tagesbericht

17. Oktober 1953
Informationsdienst Nr. 1096 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Die Stimmung in den Betrieben über die Auszeichnung von Belegschaftsangehörigen zum »Tag der Aktivisten« wird zum größten Teil als positiv bezeichnet. Positiv wirkt sich dabei aus, dass Vorschläge von der Belegschaft selbst gemacht werden konnten. Teilweise wurden auch die zur Auszeichnung vorgesehenen Kollegen bekannt gegeben und die Belegschaft zur Stellungnahme aufgefordert.

Im Kaliwerk »Glückauf« wurden z. B. in der Grube 1 und 5 Sonderschichten gefahren. Von Arbeitern und Intelligenz wird zum Ausdruck gebracht, dass sie gewillt sind, ihre Kräfte für den Aufbau der DDR einzusetzen. Unter den Kumpel im Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenrevier ist eine positive Stimmung vorherrschend. So z. B. erfüllte die Brigade Seidel des Karl-Liebknecht-Werkes am »Tag der Aktivisten« den Jahresplan mit 65 Tagen Vorsprung. Die Kumpel dieser Brigade verpflichteten sich weiterhin, bis zum Geburtstag Stalins zehn Höchstleistungsschichten zu fahren und das Jahressoll für 1954 ebenfalls bis zum 13.10.1954 zu erfüllen.

Wo das Obenerwähnte nicht genügend berücksichtigt wurde, treten meist Unzufriedenheit und negative Diskussionen in Erscheinung. So z. B. im EMW Eisenach/Erfurt, wo durch schlechte Arbeit des FDGB die Vorschläge zur Auszeichnung den Abteilungsleitern und Schichtführern überlassen wurden. Aufgrund freundschaftlicher Beziehungen wurden nicht immer die fortschrittlichsten und in der Erfüllung ihrer Produktionspläne bewusstesten Arbeiter ausgezeichnet. In heftigen Diskussionen wird zum Ausdruck gebracht, dass nicht die gute Arbeit, sondern gute Beziehungen zum Leiter, Meister und dgl. prämiert werden.

Auch im Eisenhüttenkombinat »J. W. Stalin« werden von einem Teil der Arbeiter Diskussionen geführt, dass nicht die richtigen Kollegen als Bestarbeiter und Aktivisten ausgezeichnet wurden. Im Eisenhüttenkombinat »J. W. Stalin« besonders deshalb, da die eingebrachten Vorschläge ziemlich reduziert wurden, die Kumpel aber davon keine Kenntnis erhielten.

Diskussionen über den neuen Beschluss des Ministerrats betreffs Steuerermäßigung1 sind bisher nur in geringem Maße bekannt. In den uns bekannt gewordenen Äußerungen wird diese Maßnahme der Regierung freudig begrüßt. So sagt z. B. ein Arbeiter aus den Buna-Werken: »Die Regierung hält doch Wort und man merkt, wie der neue Kurs verwirklicht wird.« Ein Arbeiter aus dem VEB Kunstseidenwerk Pirna/Dresden: »Ich freue mich, dass dieser Erlass gekommen ist, denn dadurch habe ich eine Erleichterung. Da ich keine Kinder habe, musste ich immer die höchsten Steuern zahlen.« Ein Brigadier aus dem VEB LOWA Bautzen: »Im Laufe des Jahres werden in der DDR noch viele Verbesserungen eintreten. Das ist der erste Schritt nach der Neuwahl unseres Präsidenten. Noch mehr werden wir im nächsten Jahr haben, wenn die Reparationen in Wegfall kommen.«

Aus Halle wird berichtet, dass sich die Stimmung in einigen Betrieben dahingehend gebessert hat, dass Arbeiter ihre passive Haltung aufgeben, offener und positiver diskutieren. Bei einer Reparatur in der Abteilung Niederdruck des chemischen Werkes Buna z. B. setzten sich die Kollegen besonders gut ein. Die dafür vorgesehen Zeit wurde um 30 Stunden unterboten. Positiv wirkt sich dabei die Lohnerhöhung aus, was bei den Kollegen im Durchschnitt 100,00 DM ausmacht.

Vereinzelte Verbesserungen in der Materialversorgung, die sich in der Stimmung der Belegschaft widerspiegeln, werden aus Potsdam berichtet, so z. B. im VEB Messgerätewerk Treuenbrietzen, wo durch Verbesserung der Materialversorgung auch die Arbeitsmoral der Belegschaft stieg und der Produktionsplan im 4. Quartal mit 104% erfüllt werden konnte.

Vom Stahl- und Walzwerk Brandenburg wurden zur Unterstützung der Hackfruchternte 500 Lehrlinge gestellt. Um einen besseren Erfolg zu haben, wurde von der Betriebsleitung eine Prämie von 1 000 DM für die beste Brigade ausgesetzt.

Im VEB Lederwaren Hirschberg/Gera beteiligte sich von ca. 450 Genossen nur ein Drittel am Parteilehrjahr. 21 Genossen weigern sich Parteibeiträge zu zahlen und geben dafür finanzielle Gründe an, die aber nicht zutreffen.

Im Eisenhüttenkombinat »J.W. Stalin« wird negativ darüber diskutiert, dass Ausfallzeiten nur im Zeitlohn bezahlt werden und diese Form der Entlohnung auch in den Abteilungen eingeführt werden soll, wo dies bisher nicht der Fall war. So äußerte sich z. B. ein Arbeiter: »Die machen wieder so lange, bis es wieder zu einem 17.6. kommt.«

b) Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Einkellerungskartoffeln werden aus den Bezirken Suhl, Erfurt, Halle und Potsdam gemeldet. Besonders ernst ist die Kartoffelversorgung im Bezirk Suhl, wo bisher im Bezirk 10 % und im Kreis Suhl 8 % ausgeliefert wurden. Dazu kommt noch, dass der Bezirk in der 900 m Höhengrenze liegt und bereits in den nächsten Tagen Frost zu erwarten ist.

Im Bezirk Erfurt besteht verschiedentlich ein Mangel an HO-Frischfleisch, besonders auf dem Lande. In Hundeshagen z. B. kann nur ein Drittel des Bedarfes gedeckt werden. Im Kreis Nauen/Potsdam liegen wenige Kartoffeln zum Verkauf bereit, während aber der Kreis 19 000 t Kartoffeln an andere Kreise ausführen muss. Es wird damit gerechnet, dass man wieder Kartoffeln einführen muss, um den Bedarf zu decken. So kam es bereits zu Protesten vor den Verkaufsstellen in Falkensee, Staaken und Brieselang.

Im Bezirk Gera sind teilweise Fisch- und Industriewaren nicht ausreichend vorhanden (besonders im Kreis Lobenstein). Im Bezirk Leipzig besteht eine schlechte Warenverteilung. So sind in der Bezirksstadt selbst Waren vorhanden, während sie in den umliegenden Kreisen fehlen. Im Bezirk Cottbus bestehen Schwierigkeiten in der Erfassung von Spätgemüse und Obst, da zum Teil die Anbaupläne nicht eingehalten wurden. Durch unsachgemäßes Abziehen der Importweine in den Weinkeltereien in Hoyerswerda entstanden große Verluste, so bei der letzten Lieferung, wo von 1 200 Flaschen 720 verlustig gingen. Flaschen liefen zum Teil ganz aus.

Im Kreis Nauen/Potsdam ist ein Mangel an Textilien. Terminverzögerungen bis zu zwei Monaten werden oft angegeben. Im Kreis Pritzwalk/Potsdam werden verschiedene teure Zigarettensorten gestapelt. Grund: Verbesserte Qualität der Zigaretten zum Preise von 0,10 DM, sodass bei diesen ein größerer Umsatz vorhanden ist.

c) Landwirtschaft

In politischen Fragen ist weiter eine Zurückhaltung zu verspüren. Am »Tag der Aktivisten« wurde in der MTS Geismar/Erfurt die Verleihung einer Wanderfahne und 10 000 DM Prämie vorgenommen. Die Stimmung war gut. Aufgrund dessen verpflichteten sich die Traktoristen bis zum Geburtstag des Genossen Stalin 600 ha über ihren Plan hinaus zu pflügen.

Ein großer Teil der LPG im Bezirk Neubrandenburg hat sich weiter gefestigt. Jedoch bestehen in einzelnen LPG noch Unstimmigkeiten, sodass diese in ihrer Arbeit nachhinken, so die LPG Brüssow.2 Da eine schlechte Arbeitsorganisation besteht, kommen sie in der Hackfruchternte nicht gut voran. Demgegenüber hat der größte Teil der Einzelbauern dieses Dorfes die Hackfruchternte bereits beendet. Im Bezirk Cottbus haben von 14 Kreisen sechs Kreise die Kartoffelernte beendet.

In den Bezirken Potsdam und Erfurt tritt verstärkt auf, dass Groß- und Mittelbauern die Einführung der »freien Wirtschaft« fordern. Oftmals drohen sie mit Nichtablieferung des Solls. So erklärte ein Großbauer aus Schachtebich/Erfurt: »Wir wollen eine freie Wirtschaft, oder wir liefern nichts mehr ab.« Aus verschiedenen Gemeinden des Bezirkes Frankfurt, besonders der Oderrandkreise, berichten Bauern, dass sie ihr Soll aufgrund der schlechten Ernte nicht voll erfüllen können. So erklärte ein Bauer aus Altreetz:3 »Das Soll kann ich nicht erfüllen, weder an Getreide noch an Kartoffeln, ich habe bisher 35 % Kartoffeln abgeliefert. Wenn man mir das letzte Getreide und die Kartoffeln abnimmt, soll man auch das Vieh mitnehmen, dann gehe ich nach dem Westen.«

Unzufriedenheit durch Stromabschaltungen wird aus den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Potsdam und Cottbus gemeldet. Ein Mittelbauer aus Groß Radisch/Dresden sagte: »Die leitenden Persönlichkeiten sollten einmal selbst in die Landwirtschaft kommen, dann würden sie merken, wie die Abschaltungen in den Futterzeiten sich auswirken.« Ein werktätiger Bauer aus Ragösen/Potsdam: »Wenn wir mit Wachslicht in den Stall müssen, da zzt. der Fütterung kein Strom vorhanden ist, und die Wirtschaft brennt dabei ab, wird man wegen fahrlässiger Brandstiftung und, wenn es gut geht, wegen Sabotage bestraft.«

Über Fehlen von Düngemitteln (Phosphorsäure) wird aus den Bezirken Cottbus und Gera Klage geführt.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Eine Zurückhaltung ist weiterhin bei politischen Fragen zu verspüren. Diskussionen zum Ministerratsbeschluss über die Steuersenkung sind nur wenige bekannt. Jedoch sind sie alle positiv. So äußerte eine Hausfrau aus Zittau/Dresden: »Am meisten wird sich mein Sohn darüber freuen, welcher in der Grube Olbersdorf arbeitet. Jetzt kann er wieder tüchtig diskutieren und die Menschen überzeugen, dass es bei uns doch vorwärts geht.« Ein Umsiedler aus Hildburghausen/Suhl: »Die heute von der Regierung herausgegebene Lohnsteuerermäßigung hat in allen Kreisen der Arbeiter und Angestellten eine gute Zustimmung gefunden.« Ein Friseur aus Mittweida/Karl-Marx-Stadt: »Das neue Steuergesetz ist eine feine Sache, dies gibt uns jetzt neuen Mut zum Arbeiten.«

Über die Stromabschaltungen werden in den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt, Halle, Suhl und Rostock negative Gespräche geführt. So sagte ein Einwohner aus Plauen/Karl-Marx-Stadt: »Das ist der neue Kurs, hätten die in Berlin doch lieber erst gar nicht davon gesprochen, die können es doch nicht durchführen.«4 Ein Einwohner aus Grenzin/Rostock: »Wenn der neue Kurs so weitergeführt wird, wie sie es bei den Stromabschaltungen machen, dann haben wir 1960 noch nicht den Lebensstandard wie 1936.«

Forderungen nach baldiger Preissenkung werden in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Halle, Suhl und Rostock gestellt.

Interzonenreisende, die aus Westdeutschland zurückkehren, diskutieren zum größten Teil negativ, dies wirkt sich auf die übrige Bevölkerung aus. Eine Zahnärztin aus Rostock äußerte: »Ich war bei meiner Mutter in Westdeutschland und es hat mir dort sehr gut gefallen. Die Leute verdienen gut und die Kleidung sowie das Essen sind auch ausgezeichnet. Die armen Ostzonenbesucher fallen durch ihre schäbige Kleidung überall auf. Ich gehe nach dem Westen, um dem seelischen Druck zu entgehen. Im Westen ist zwar die Propaganda genauso wie hier, eine politische Hetze, aber da hört kaum jemand hin. Die Angst ist auch nicht so groß da drüben.«

Organisierte Feindtätigkeit

Wie an den Flugblattfunden festzustellen ist, verstärkt der Feind seine Tätigkeit, die sich besonders gegen die Sowjetarmee richtet. So wurden aus den Bezirken Neuauflagen in russischer Schrift gemeldet mit dem Hinweis in deutscher Schrift: »Dieses Flugblatt dient zum Kampf der Freiheit« sowie eine andere Auflage in russischer Schrift mit Landkarte von Übergangsstellen nach Westdeutschland, die mit Pfeilen gekennzeichnet sind. Bemerkenswert ist, dass diese in letzter Zeit häufig durch Flugzeuge abgeworfen oder vom Flugzeug mit Ballon abgesetzt werden. So wurden z. B. größere Mengen von Hetzschriften (von 3 000 bis 70 000) aus den Bezirken Halle, Potsdam, Erfurt, Suhl, Frankfurt, Karl-Marx-Stadt und Gera gemeldet.

Einschätzung der Situation

In den Betrieben wird größtenteils fortschrittlich zu den Aktivistenauszeichnungen Stellung genommen. Wo die Vorbereitungen schlecht gewesen sind, bestehen oft negative Diskussionen und Unzufriedenheit. Von den bisher bekannten Stimmen wird die Steuersenkung freudig begrüßt und es zeigt sich ein erhöhtes Vertrauen zur Regierung. Verschiedentlich ist in einigen Betrieben eine Besserung der Stimmung durch materielle Verbesserungen für die Arbeiter und teilweise auch durch bessere Materialbelieferung zu verzeichnen. In einigen Kreisen verschiedener Bezirke besteht aufgrund schlechter Kartoffelversorgung und schlechter Warenverteilung einiger anderer Lebensmittel Unzufriedenheit. Die Missstimmung über Stromabschaltungen in den betroffenen Kreisen, besonders in der Landwirtschaft, hält weiter an. Der Gegner hat die Flugblattverbreitung mit Flugzeugen und Ballons verstärkt.

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