Direkt zum Seiteninhalt springen

Tagesbericht

20. Oktober 1953
Informationsdienst Nr. 1098 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Nach wie vor wird in den Betrieben über den Beschluss zur Steuerermäßigung ab 1.11.1953 diskutiert.1 So werden wiederum aus den Bezirken Leipzig, Suhl, Gera, Halle, Neubrandenburg, Karl-Marx-Stadt, Dresden, Frankfurt/Oder, Rostock in übergroßer Mehrheit Zustimmungen zu diesem gefassten Beschluss mitgeteilt. In den Diskussionen kommt überall zum Ausdruck, dass durch diese Maßnahme das Vertrauen zur Regierung weiterhin gefestigt wird. Nur einzelne negative Diskussionen, wie z. B. in den Maschinenfabriken [im] Kreis Sangerhausen, wo von Arbeitern aus der Schlosserei geäußert wurde, dass die Regierung die Arbeiter nur »besoffen« machen will und dass die Steuersenkung lieber den Rentnern zugute kommen sollte, werden geführt.

Durch gute Aufklärungsarbeit war es bisher möglich, dass aus Anlass der Übergabe des SAG-Betriebes Leipziger Kugellagerfabrik am 1.1.1954 in Volkseigentum bisher 130 Selbstverpflichtungen übernommen wurden und sich 125 Kollegen bereit erklärten ihre Norm freiwillig zu erhöhen. Im Reifenwerk Fürstenwalde läuft seit dem 1.10.1953 ein Wettbewerb zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur Verbesserung der Qualität der Reifen. Zum größten Teil sind die Arbeiter bemüht den Wettbewerb erfolgreich durchzuführen. Trotzdem wurden von unbekannten Tätern Losungen im Betrieb, wie »Immer mit der Ruhe, immer nur langsam«, an die Wände geschmiert.

Aus dem LEW Hennigsdorf wird mitgeteilt: Am 19.10.1953 wurde den Arbeitern des Betriebes Isolierstofffabrik bekannt gegeben, dass der dortige Obermeister [Vorname Name 1], der bereits am 17.10.1953 wegen seines schlechten Verhaltens am 17.6.1953 aus der SED ausgeschlossen wurde, ebenfalls aus dem Werk entlassen wird. Da der [Name 1] viele Anhänger unter den dortigen Arbeitern hatte, legten ca. 150 Kollegen nach Bekanntgabe dieser Mitteilung die Arbeit nieder. Erst nachdem durch die Partei und Werksleitung Diskussionsgruppen gebildet wurden, die mit den Arbeitern über das Verhalten des [Name 1] diskutierten, konnte die Arbeit 12.45 Uhr wieder aufgenommen werden.

In den Glassandwerken Nudersdorf, Kreis Wittenberg, bestehen Schwierigkeiten bei der Waggongestellung. Der Betrieb stellt Spezialsand und Kies für die metallurgische Industrie, die Glas- und Dachpappenindustrie und für die chemische Industrie her. Das festgelegte Kontingent von 400 Waggons wurde auf 328 gekürzt. Ähnliche Verhältnisse sind in dem Betrieb VEB Holzindustrie Bad Kösen vorhanden, wo aufgrund mangelnden Transportraumes die Produktion gedrosselt werden muss.

Infolge Kohlenmangels bestehen im VEB Schokoladenfabrik Naumburg erhebliche Produktionsschwierigkeiten. Der Betrieb konnte daraufhin am 16.10.1953 nicht arbeiten. Um einen völligen Stillstand des Betriebes zu vermeiden, wurden bereits die Wintervorräte an Kohlen angegriffen. Die Qualität der Kohle, es handelt sich um Förderkohle, ist so mangelhaft, dass die Tagesproduktion auf 40 % zurückgegangen ist.

Im VEB Polster- und Möbelwerk Stollberg müssen ca. 100 Arbeiter entlassen werden, wenn nicht in spätestens vier Wochen eine Zuweisung von Austauschstoff zum Polstern von Möbeln durch das Ministerium für Leichtindustrie erfolgt. Im TRO Karl Liebknecht, mechanische Werkstätten, herrscht zeitweilig Auftragsmangel. Das Gleiche ist im Betrieb VEB Bergmann-Borsig Turbinenbau, besonders in Halle 10 und 16, zu verzeichnen.

Im VEB Textima Wittenberge vertreten ein Teil der Kollegen die Meinung, dass die Rationierung noch nicht aufgehoben werden soll, sondern dass eine Erhöhung der Waren um 25 % vorgenommen werden soll. Sie befürchten, dass nach Aufhebung der Rationierung nicht genügend Waren auf den Markt kämen und dadurch die Preise ansteigen würden.

b) Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Einkellerungskartoffeln treten in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Halle, Gera, Suhl, Potsdam, Frankfurt/Oder und Schwerin auf. Im Bezirk Suhl hat sich die Versorgung mit Kartoffeln gebessert. Der Stand ist jetzt 34,6 %. Im Bezirk Frankfurt/Oder liegt der Stand bei 43,7 %. Im Kreis Annaberg/Karl-Marx-Stadt ist die Versorgung der Schulen (Schulspeisung) und die der Kindergärten mit Kartoffeln gefährdet.

Im Bezirk Neubrandenburg wird über die schlechte Qualität von Textilien Klage geführt. Über unzureichende Belieferung der Geschäfte mit Textilien (Arbeitskleidung, Bettwäsche u. a.) besteht verschiedentlich in den Bezirken Suhl und Frankfurt/Oder Unzufriedenheit. In Stalinstadt fehlt es an Konfektionswaren und Schuhen. Demgegenüber sind diese Waren in Privatgeschäften von Fürstenberg vorhanden.

Im Bezirk Cottbus wird in drei Kreisen über die Rückvergütung der Konsumgenossenschaft, die hier nur 1,2 % beträgt, Klage geführt.

c) Landwirtschaft

In politischen Fragen ist weiterhin eine Zurückhaltung zu verspüren.

Der Bezirk Cottbus hat am 17.10.1953 die Kartoffelrodung beendet. Ebenfalls macht die Kartoffelernte im Bezirk Potsdam durch Einsatz von freiwilligen Erntehelfern gute Fortschritte (Kreis Gransee 97,0 %). Negative Elemente versuchen die Einbringung der Kartoffelernte zu sabotieren, indem sie z. B. in Alt Töplitz Erntehelfer (Schüler von Potsdamer Schulen) wieder nach Hause schickten mit der Begründung, dass die LPG keine Helfer mehr benötige. Diese Äußerung gab eine unbekannte Person, die sich als LPG-Mitglied ausgab. Der LPG war diese Person unbekannt und die Mitteilung entsprach nicht den Tatsachen.

Eine schlechte Unterstützung der LPG durch Patenbetriebe während der Kartoffelernte zeigt das Beispiel in der LPG Jagow/Neubrandenburg durch das VPKA Strasburg. Der Parteisekretär dieser LPG erklärte: »Ich kann nicht verstehen, warum die Angestellten des VPKA Strasburg, welche über uns die Patenschaft haben, trotz Aufforderung nicht einmal bei der Hackfruchternte erschienen. Dies gibt kein gutes Vorbild und festigt auch nicht das Bündnis zwischen Arbeiter und Volkspolizei.«

Ein Beispiel mangelhafter Unterstützung durch Verwaltungsstellen bei der Durchführung der Herbstbestellung wurde im Bezirk Dresden bekannt. Ein Neubauer aus Kreinitz sagte: »Ich erhielt von keiner Stelle Hilfe, auch nicht vom Kreisrat. Es fehlt mir an landwirtschaftlichen Maschinen, um meine Winteraussaat fertigzustellen. Ich habe auf 5 ha noch keinen Roggen gesät und auch noch nicht mit der Aussaat von Weizen begonnen.«

Im Bezirk Gera wird von verschiedenen Bauern über das zu »hohe Soll« diskutiert. Man äußert dazu, dass [da]durch die Viehhaltepläne nicht erfüllt werden können, da es an der notwendigen Futtergrundlage fehlt.

Im Kreis Artern/Halle besteht unter den Bauern große Unzufriedenheit, da man ihnen versprach, die Verluste, die durch Hochwasser- und Wildschweinschäden entstanden, beim Ablieferungssoll zu berücksichtigen. Sie sagen dazu, dass, wenn dies nicht geschieht, sie ihren Viehhalteplan 1954 nicht 100%ig erfüllen können.

Mitglieder der DBD im Kreis Beeskow/Frankfurt äußern sich zum Teil negativ, da der Minister für Landwirtschaft und Forstwirtschaft2 auf dem Parteitag der DBD den Bauern versprochen hätte, dass auf einer der nächsten Volkskammersitzungen ein Jagdgesetz beschlossen wird, um damit auch die Wildschweinplage besser bekämpfen zu können. Bisher sei aber noch nichts geschehen.

Über die Steuerermäßigungen wird in den Bezirken Neubrandenburg und Leipzig diskutiert. Die Stimmen sind in der Mehrzahl positiv. Im Bezirk Leipzig gibt es einige Stimmen die besagen, dass durch diese Steuerermäßigungen noch keine spürbare Verbesserung eintritt. Erst wenn man den Lebensstandard Westdeutschlands überschritten hätte, könnte man zufrieden sein.

Im Kreis Beeskow/Frankfurt verlangt ein Teil der Bauern, dass die Düngemittelzuteilung nach den Bodenklassen erfolgen soll. Über Stromabschaltungen wird in den Bezirken Halle und Frankfurt negativ diskutiert.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Unter der übrigen Bevölkerung ist immer noch eine Zurückhaltung bei politischen Fragen zu verspüren. Über die Steuersenkungen wird in den Bezirken Neubrandenburg, Potsdam, Suhl und Schwerin in der Mehrzahl positiv diskutiert. Einzelne Stimmen bringen zum Ausdruck, dass eine Preissenkung besser sei. Über zu hohe Preise in der HO wird in den Bezirken Schwerin und Suhl von einem Teil der Bevölkerung gesprochen. Negative Diskussionen über die Stromabschaltungen werden in den Bezirken Schwerin, Potsdam, Karl-Marx-Stadt, Dresden und Suhl geführt. Verschiedentlich treten die Abschaltungen stärker als bisher in Erscheinung, so z. B. in Rathenow/Potsdam. Im Bezirk Schwerin wird die noch ungenügende Kartoffelversorgung stark kritisiert. Man äußerte dabei Bedenken, dass, wenn die Belieferung wie bisher weitergeht, man die Kartoffeln in angefrorenem Zustand erhält.

Im Bezirk Karl-Marx-Stadt wird von einem Teil Interzonenreisender, die aus Westdeutschland zurückkehren, der Westen verherrlicht. So äußerte eine Einwohnerin aus Plauen: »In Westdeutschland sieht man tatsächlich, dass die Menschen leben wie vor dem Kriege. In den Geschäften wird man zuvorkommend bedient, die Kleidung der Menschen ist auch eine ganz andere wie bei uns. Hier bei uns sieht man Menschen immer mit ein und derselben Kleidung herumlaufen, das gibt es drüben nicht. Von Politik wird im Westen überhaupt nicht gesprochen, die Menschen sind freier und uns dagegen füttert man mit Politik von der man nicht satt wird.«

In den Kreisen Eisleben, Bitterfeld und Gräfenhainichen/Halle entfaltet die Kirche eine verstärkte Tätigkeit. So hielt z. B. am 18.10.1953 ein Pfarrer in der Marktkirche in Eisleben eine Predigt für die Gefangenen, die sich noch im Ausland befinden. Er führte an, die Erlebnisse, die er in der Gefangenschaft in der SU hatte, wo er viel durchgemacht und gelitten habe.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Über den 5. Parteitag der NDPD wird noch bekannt, dass unter den Delegierten am letzten Tag starke Diskussionen geführt wurden, da jede Kritik am Parteivorstand unterdrückt worden sei. Alle Diskussionsbeiträge wurden erst überarbeitet und verschiedenen Delegierten wurden Teile ihres Diskussionsbeitrages gestrichen, da sie Kritik an der Arbeit des Parteivorstandes hinsichtlich der Leipziger Messe üben wollten bzw. Kritik an der Arbeit einzelner Hauptabteilungen. Man bezeichnet die Diskussion auf dem Parteitag als »Paradediskussion«.

Feindtätigkeit

a) organisierte

Verstärkte Verbreitungen von Flugblättern werden aus den Bezirken Gera, Karl-Marx-Stadt, Potsdam, Frankfurt/Oder und Dresden gemeldet. In Gera wurden z. B. ca. 10 000 Flugblätter in russischer Schrift (NTS)3 aufgefunden. Vereinzelte Flugblätter wurden im Bezirk Cottbus aufgefunden.

Aus dem Kreis Beeskow/Frankfurt wird mitgeteilt, dass dort die »Zeugen Jehovas«4 wieder aktiv arbeiten. In Lieberose wurden den Hausfrauen beim Einkauf Exemplare des »Wachturms« in die Einkaufstasche gesteckt.

b) vermutlich organisierte

Am 18.10.1953 erkrankten in Berlin aus den Bezirken Pankow, Friedrichshain und Prenzlauer Berg nach dem Genuss von Backwaren wie Liebesknochen und Mohrenköpfen, die in dem Betrieb VEB Aktivist hergestellt wurden, 30 Personen, die sich in ärztlicher Behandlung befinden.

Stimmen aus Westberlin

Wie bekannt wird, soll der BDJ5 in Westberlin unter dem Namen »Deutscher Jugendfilmklub« neu aufgezogen werden. Weiterhin soll in der nächsten Zeit ein Treffen des BDJ in Westdeutschland stattfinden (Meldung nicht überprüft).

Einschätzung der Situation

Die Steuersenkung wird von der Mehrzahl der Bevölkerung, besonders in den Betrieben, freudig begrüßt. Die Betriebsparteiorganisationen haben dadurch gute Agitationsmöglichkeiten und es zeigt sich dabei in verschiedenen Betrieben eine Verbesserung der Stimmung unter den Arbeitern, das Vertrauen zur Politik der Regierung wird gefestigt. Ablehnende Meinungen sind nur wenig aufgetaucht, wobei mehrfach der Standpunkt vertreten wird, dass eine Preissenkung besser sei. In einzelnen Betrieben zeigt sich im Gegensatz zur Mehrzahl der Betriebe immer wieder eine Behinderung der Produktion wegen fehlendem Transportraum, Material, Kohle und Aufträgen.

  1. Zum nächsten Dokument Tagesbericht
    21. Oktober 1953
    Informationsdienst Nr. 1099 zur Beurteilung der Situation
  2. Zum vorherigen Dokument Tagesbericht
    19. Oktober 1953
    Informationsdienst Nr. 1097 zur Beurteilung der Situation