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Tagesbericht

3. November 1953
Informationsdienst Nr. 2010 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

a) Industrie und Verkehr

Die Diskussionen über die Steuer- und Preissenkung flauen weiter ab. Nachhaltig wirkt jedoch weiterhin die breite Verpflichtungsbewegung in den Betrieben. Heute wird auch aus dem Bezirk Gera berichtet, dass die negativen Stimmen etwas zunehmen. Die positiven Meinungen überwiegen jedoch bei Weitem.

Einige charakteristische Beispiele:

Die Belegschaft des IFA-Werkes Kamenz/Dresden, die sich am 17. Juni negativ verhalten hatte, verpflichtete sich, 20 Dieselmotoren mehr zu produzieren, als im Plan vorgesehen sind. Eine Ofenbrigade in der Karbidfabrik des Buna-Werkes/Halle will ihren Jahresplan bis zum 29.12.1953 erfüllen. Brigaden der Wismut AG fuhren Stoßschichten mit einer Planerfüllung von 150 bis über 200 %. Eine Brigade der Volkswerft Stralsund verpflichtete sich, den 200. Logger, der auf der Werft gebaut wird, als Logger »Große Initiative« ohne Lohnzahlungen zu bauen.

Ein Arbeiter aus Gera sagte: »Die paar Pfennige bei Nahrungsmitteln (Fleisch und Fleischwaren) machen nichts aus. Es ist eben wieder mehr Geschrei gemacht worden.«

Mehrere Jugendliche im Gardinenwerk Plauen/Karl-Marx-Stadt diskutieren so: »Ja, Preissenkung das ist alles ganz gut und schön, aber dafür werden bestimmt unsere Normen wieder erhöht.« Dieses Argument wird im Bezirk Karl-Marx-Stadt öfter laut.

Negative Stimmungen treten immer wieder durch innerbetriebliche Mängel auf, die nicht selten durch zentrale Stellen verursacht werden.

In einer Baumwollweberei des VEB Vogtland in Plauen fehlt es an Zellwolle, weil das zugewiesene Kontingent nicht ausreicht. Die Hauptverwaltung Textil lehnt jedoch eine Nachkontingentierung ab.

Der VEB IKA Sonneberg/Suhl erhielt von der Staatlichen Plankommission eine Planauflage von 8 Mio. DM. Um aber alle Arbeiter, die laut Arbeitskräfteplan zustehen, beschäftigen zu können, ist eine Planauflage von 11,2 Mio. DM notwendig; sonst müssen Arbeiter entlassen werden.

In Möbelwerken des Kreises Hildburghausen/Suhl lagern 300 Kücheneinrichtungen für Brandenburg. Transportraummangel behindert die Auslieferung der Ware.

In den Bezirken Leipzig und Dresden werden Stimmen laut, die mit der Entlassung des ehemaligen Generalfeldmarschalls Paulus1 nicht einverstanden sind. So sagt z. B. ein Arbeiter aus dem Waggonbau Görlitz: »Die Kriegsverbrecher lässt man im Westen alle wieder frei. Aber wie sieht es denn bei uns aus? Die SU macht ja dasselbe. Der General Paulus ist auch ein Kriegsverbrecher, aber der kann sich in der DDR so ohne Weiteres niederlassen.«

Wismut-Kumpel sagen ihre Meinung zu den Verlautbarungen des Ministeriums des Innern über die Zerschlagung feindlicher Spionagegruppen.2 Dafür sind folgende Beispiele typisch: Ein Kumpel erklärt: »Bei uns wollen viele nicht glauben, wenn ich ihnen immer vorhalte, dass sie mehr aufpassen sollen. Hier sieht man es wieder. Diese Kerle müsste man hier in einer öffentlichen Versammlung bei uns aburteilen, damit alle Arbeiter wissen, was überhaupt los ist.« Ein anderer parteiloser Kumpel sagt: »Ich kann nicht verstehen, wie so etwas überhaupt erst zustande kommen kann. Wir haben doch soviel Polizei herumlaufen, dass sie das nicht gemerkt haben, wundert mich. Ich sollte einen solchen Bruder einmal schnappen, dem zerschlage ich das Kreuz, ehe die Polizei überhaupt merkt, was los ist.«

In Eberswalder Betrieben (Bezirk Frankfurt) herrscht eine schlechte Stimmung ob der schlechten Kartoffelversorgung. Der größte Teil der Kollegen hat noch keine Einkellerungskartoffeln erhalten. Das wirkt sich auch unter anderem beim Verkauf von Plaketten zum Monat der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft aus. Die meisten Kollegen lehnen den Kauf dieser Plaketten ab.

b) Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung der Bevölkerung treten im Bezirk Magdeburg fast in allen Kreisen stärker als bisher in Erscheinung. So ist der Stand in Tangerhütte 35 % und in den Kreisen Gardelegen 55 %, Stendal 61 %, Kalbe 62,7 %. Im Bezirk Frankfurt ist der Stand am 27.10.1953 54,7 % (Fürstenwalde 32,1 %). Auch im Bezirk Karl-Marx-Stadt ist die Belieferung mit Kartoffeln noch teilweise schlecht, besonders in Karl-Marx-Stadt und Zwickau (Zwickau 43,6 %).

Weiterhin wird in verschiedenen Bezirken von der Bevölkerung über schlechte Belieferung mit Margarine, Bettwäsche, Industriewaren (Neubrandenburg), Berufskleidung, Haushaltsgegenständen (Magdeburg), Kinderschuhen Größe 18–25 (Gera) und Fahrradbereifung (Potsdam) geklagt.

Aus Bezirk Leipzig wird mitgeteilt, dass die Süßwarenindustrie ihren Verpflichtungen nicht voll nachkommen kann, da die Importe an Kakao nicht oder nur schleppend eingehen (z. B. VEB Falken-Werke Döbeln). Weiterhin mangelt es an Mandeln, Rosinen, Zitronat und Ähnlichem.

In den Kühlhäusern von Groß-Berlin lagern immer noch 2 000 t Fleischkonserven (Endverbraucherdatum teilweise überschritten). Durch mangelhafte Unterbringung von lebenden Schweinen (fehlen von Stroh) auf dem Groß-Berliner Vieh- und Schlachthof geht der Ernährung wertvolles Fleisch verloren. Der Schlachthof hat eine Tageskapazität von 3 000 bis 4 000 Schweinen, es werden aber oft 15 000 bis 20 000 Schweine angeliefert.

c) Landwirtschaft

Diskussionen über die Preissenkung werden weiterhin stark geführt. Die Mehrzahl diskutiert dazu positiv, negative Äußerungen werden besonders von den Einzelbauern zum Ausdruck gebracht.

Traktoristen aus Wilsickow3/Neubrandenburg: »Wenn das so weitergeht, dann sehen wir doch, dass wir zu einem besseren Lebensstandard kommen.«

Neubauer aus Frauendorf/Rostock: »An den Lebensstandard im Westen kommen wir nicht ran, da helfen keine Verpflichtungen und auch keine Wettbewerbe. In der Blockpolitik erkenne ich nicht den Willen des Volkes, sondern eine Diktatur der SED. Wettbewerbe gleichen Pferderennen. Die Ausrufer zum Wettbewerb sind die Minister, die Jockeys, und die Ablieferer, die Bauern, das sind die Pferde.«

Anlässlich des 36. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution werden von fortschrittlichen Kräften Verpflichtungen übernommen. So verpflichtete sich die LPG »Neues Leben« Schwickershausen/Suhl anlässlich des 7. November4 außer ihrem Ablieferungssoll zur Verbesserung der Ernährung 50 dz Weizen, 10 dz Schweinefleisch auf freie Spitzen zu liefern, sowie 3 ha Brotgetreide über den Plan hinaus anzubauen.

In der Erfassung und Ablieferung von Getreide, Kartoffeln und Rüben treten in einigen Bezirken (Neubrandenburg, Potsdam, Schwerin, Magdeburg, Dresden und Karl-Marx-Stadt) Schwierigkeiten in Erscheinung. Die Gründe sind verschieden. (Transportschwierigkeiten, schlechte Arbeit der Erfassungsstellen, schlechte Ernte bzw. bewusste Verzögerung).

In einigen Kreisen des Bezirkes Dresden kommen großbäuerliche Betriebe ihren Sollablieferungen sehr schleppend nach. So hat ein Großbauer aus Crostwitz noch 155 dz Getreide abzuliefern. Einige großbäuerliche Betriebe in Nucknitz/Dresden haben noch 1 200 dz Getreide abzuliefern.

Negative Stimmung wird in einigen Bezirken durch verschiedene Mängel verursacht: Im Kreis Pritzwalk/Potsdam werden die infolge Schweinepest notgeschlachteten Tiere zu niedrig auf das Soll angerechnet. So wurden z. B. einem Bauern für 32 Schweine (Gesamtgewicht 54 Ztr.) nur 104 kg auf das Soll angerechnet. Der Bauer sagte: »Außer einem Schwein waren alle Tiere gesund, nur als Vorsichtsmaßnahme musste mein ganzer Bestand abgeschlachtet werden. Ich weiß nicht weiter. Ich frage mich, ob die Regierung von dieser Handlungsweise weiß, so kann der neue Kurs nicht verwirklicht werden.«

In den Kreisen Eisleben, Hettstedt und Querfurt/Halle tritt die Schweinepest verstärkt auf. So mussten auf dem Großgut Querfurt, Abteilung Gatterstädt, 4 000 große und kleine Schweine abgeschlachtet werden.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Die Preissenkung ist immer noch Hauptdiskussionsthema. Die Mehrzahl der Stimmen sind positiv. Kaufmann aus Neustrelitz: »Die Preissenkung in den verschiedensten Warensorten ist so umfangreich, dass ein jeder eine bessere Lebenshaltung erhält.« Hausfrau aus Hildburghausen: »Was nützt uns die Preissenkung, die wichtigsten Lebensmittel, wie Zuckerwaren, Butter usw. sind nicht gesenkt worden.« Es zeigt sich ein leichtes Ansteigen der negativen Diskussionen.

Im Kreis Sonneberg/Suhl wurde die Eröffnung des Monats der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft würdig begangen. So fand in Sonneberg am 1.11.1953 im Gesellschaftshaus eine Feierstunde statt, die von ca. 500 Personen besucht wurde. Die Anwesenden gaben klar zu erkennen, dass sie eine feste Freundschaft zur Sowjetunion wünschen.

Über die Stromabschaltungen wird unter der gesamten Bevölkerung, besonders in der Landwirtschaft, negativ diskutiert. LPG-Mitglied aus Hohenstein-Ernstthal/Karl-Marx-Stadt: »Die Regierung hat Angst vor neuen Unruhen, deshalb wird in den Großstädten der Strom nicht mehr weggenommen.«

Interzonenreisende beklagen sich über die Verordnung »über die Abgabe der Lebensmittelkarten«.5 Sie äußern sich, dass sie dadurch nicht genügend Proviant mitnehmen können und dadurch gezwungen werden, im Westen zu »betteln.« Ebenso wird von Wissenschaftlern und Intelligenzlern, die in dienstlichen Angelegenheiten nach dem Westen fahren, darauf hingewiesen, dass sie zu wenig Geld mitbekommen und drüben nicht den für uns notwendigen Eindruck machen können.

Im Bezirk Halle zeigt sich eine verstärkte Tätigkeit der Kirche und »Jungen Gemeinde«. So erschienen am 31.10.1953 (Reformationsfest) in Sangerhausen von 2 070 Schülern nur 330 zum Unterricht, desgleichen von 21 Lehrern nur 16. Am 31.10.1953 fand in der Stadtkirche zu Wittenberg eine Zusammenkunft der evangelischen »Jungen Gemeinde« statt. Aus der DDR waren ca. 1 000 Jugendliche anwesend. Der Propst des Kurkreises Wittenberg6 erklärte u. a. in seiner Ansprache, man könne nicht zwei Herren dienen, sondern nur einem, und das sei Gott.

Organisierte Feindtätigkeit

Geringere Flugblatttätigkeit in den Bezirken Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Potsdam, Neubrandenburg und in Berlin, stärker in den Bezirken Gera, Halle, Schwerin und Rostock.

Im Bezirk Halle verstreut die KgU7 unfrankierte Briefumschläge mit Flugblättern. Die Bevölkerung wird aufgefordert, diese Briefe zu frankieren und an ihr bekannte hauptamtliche Funktionäre zu schicken.

In Leipzig häuft sich die Versendung der westdeutschen Studentenzeitschrift »Colloquium«.8

Durch die KgU wurde in Leipzig ein neues Flugblatt mit dem Titel »Die Lehren des Moskauer Aufstandes« verteilt. Es handelt sich um gefälscht wiedergegebene Auszüge aus einem gleichnamigen Aufsatz von Lenin.

Einschätzung der Situation

Die aktive Unterstützung des neuen Kurses der Partei und Regierung durch Wettbewerbe und Produktionsverpflichtungen in den Betrieben wächst ständig. Die negativen Diskussionen über die Preissenkung haben etwas zugenommen. Ihr Einfluss auf die Bevölkerung ist gering. In Handel und Versorgung werden die Aufgaben im neuen Kurs noch nicht erfüllt. Das zeigt sich besonders in der Belieferung der Bevölkerung mit Einkellerungskartoffeln. Die Unzufriedenheit über Stromabschaltungen steht bei der Bevölkerung wieder mit im Vordergrund.

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