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Tagesbericht: Lage in den Leuna-Werken seit dem 17. Juni

25. Juli 1953
Information Nr. 1023: Analyse über die Ereignisse im Leuna-Werk »Walter Ulbricht« in der Zeit vom 17.6. bis 21.7.1953

Die Unruhen, die am 17.6.1953 zu Demonstrationen und Provokationen führten, hatten ihren Nährboden aus den Maßnahmen der Regierung sowie den Zuständen im Betrieb. Bereits bei der Diskussion über den Abschluss des BKV machten sich große Unzufriedenheiten unter den Arbeitern und Angestellten bemerkbar.

Die Arbeiter vertreten den Standpunkt, dass bereits zweimal Verträge abgeschlossen wurden und bis heute ihre Forderungen auf neue Eingruppierungen in die Lohngruppen nicht erfolgt ist [sic!]. Sie sagten: »Was hat es denn für einen Zweck, wenn wir schon wieder einen neuen Vertrag abschließen.« Zum anderen hielten sie den Abschluss des BKV als viel zu spät und sagten, dass, wenn sie in der Produktion ebenfalls so langsam arbeiten würden, die Pläne nie erfüllt werden.

Zu größeren Diskussionen kam es über die Abschaffung der Frühstückspause, Abschaffung des Fahrgeldzuschusses, Maßnahmen der Regierung zur Erhöhung der Preise für Fleisch, Zucker u. a.1 Sie sagten, dass sie nach jahrelanger schwerer Arbeit heute noch immer dazu da wären, nur zu opfern. In Bezug auf die Behandlung der Intelligenz fühlten sich die Arbeiter zurückgesetzt, da der Intelligenz, trotz ihres hohen Gehaltes, Vergünstigungen geschaffen wurden in Bezug auf billigen Einkauf von Lebensmitteln, günstigere Berechnung der Wohnungsmieten als bei den Arbeitern, Bevorzugung der Kinder beim Studium und in der Zahlung von Stipendien usw. Zum Teil hielten die Arbeiter und Angestellten in der Diskussion ihre wirkliche Meinung zurück mit der Begründung, dass sie sich nicht verhaften lassen wollen.

Mit dem Beschluss des ZK vom 9.6.19532 trat in weiten Kreisen der Arbeiter und Angestellten und auch in den Reihen der Partei eine gewisse Unsicherheit ein. Die Arbeiter betrachteten diesen Beschluss als eine Schwäche der Partei und Regierung und sahen darin den Beweis der Richtigkeit ihrer vorher gegen die Regierungsbeschlüsse geführten Diskussionen. Dabei sei besonders genannt der Beschluss über die Normenerhöhung,3 der einer der größten Anlässe zur Missstimmung war. Während auf der einen Seite die Normerhöhung zum Zwecke der Steigerung der Arbeitsproduktivität das Ziel der Preissenkung erreichen sollte, kam wenige Zeit später die Verordnung über Preiserhöhungen.4 Weitere Maßnahmen zur Senkung des Lebensstandards wie Entzug der Arbeiterrückfahrkarten, Sonntagsrückfahrkarten, Wegfall des Trennungsgeldes, Senkung der Reisekostenspesen, Erhöhung der Wohnungsmieten von werkseigenen Wohnungen u. a. hatten zur Folge: größte Unzufriedenheit, Misstrauen gegen die Regierung, Senkung der Arbeitsmoral und Arbeitsproduktivität und Republikflucht.

In den Diskussionen konnten vonseiten der Werksleitung, Partei und Regierung keinerlei überzeugende Argumente vorgebracht werden. Man versuchte die Kritik zu unterdrücken und die Fragen mit dem Hinweis auf mangelndes Staatsbewusstsein und ideologische Schwächen zu beantworten. Die bis dahin nach außen verschleierte Unzufriedenheit kam dann am 17.6.1953 durch die Initiative einiger Rädelsführer in ihrer Gesamtheit zum Ausbruch, indem die Arbeiter den Zeitpunkt für eine offene Kritik [für] gekommen hielten und sich somit in ihrer Erregung an Rädelsführern und Provokateuren anschlossen, in der Hoffnung, ihre Forderungen der Regierung gegenüber durchzusetzen.

Vor dem 17.6.1953 waren keinerlei Anzeichen eines organisierten Aufstandes zu verzeichnen. Am 17.6. früh erschien die gesamte Belegschaft zur Arbeit. Die Unruhen begannen im Bau 15 gegen 7.45 Uhr. Ausgelöst wurden sie von dem kaufmännischen Angestellten Schorn,5 der zum Bau 24 gehörte und die Belegschaft zum Streik aufrief. Er forderte Rücktritt der Regierung, freie Wahlen in der DDR, Entlassung der politischen Häftlinge und anderes, fast zum gleichen Zeitpunkt begann in anderen Abteilungen die Arbeitsniederlegung. Die Belegschaften begaben sich in Richtung Bau 15 und von dort geschlossen zu einer Versammlung vor Bau 24. Dort sprach wiederum Schorn mit seinen provokatorischen Ausführungen. Dabei kam aus den Versammlungsteilnehmern ein Ruf, wir wollen Dr. Eckhardt6 wiederhaben. Kurze Zeit später brachte man nun Dr. Eckhardt auf Schultern getragen, zur Versammlung. Dr. Eckhardt versuchte in seiner Rede die Versammlungsteilnehmer zu überzeugen, dass das Werk nicht stillstehen kann und machte den Vorschlag, von jeder Abteilung Delegierte zu wählen, die die Forderungen der Arbeiter bei der Werksleitung, Partei und Gewerkschaft vortragen sollten. Die Demonstranten bestanden darauf, dass sie nicht eher weiterarbeiten würden, bevor ihre Forderungen beantwortet sind. Mit besonderem Nachdruck verlangten sie die Freilassung der politischen Häftlinge, die nach Meinung der Arbeiter wegen Verweigerung der Normerhöhung verhaftet wurden (tatsächlicher Grund der Verhaftung: Agenten des Ostbüros).7 Daraufhin empfing der stellvertretende Werksleiter Dr. Wirth8 eine Delegation der Streikleitung und führte sie zwecks Weiterverhandlung zur Generaldirektion. Die Delegation der Streikleitung bestand aus drei Rädelsführern, und zwar Schorn, Redam und Reddigau (Schorn und Redam sind flüchtig). Diese Delegation von Rädelsführern wurde von dem sowjetischen Generaldirektor empfangen, der mit ihnen eine Verhandlung einleitete. Dabei stellten die betreffenden Rädelsführer anfangs sieben und später sechs Punkte auf, welche sie bis zum 18.6.1953, 15.00 Uhr, realisiert haben wollten, da andererseits bei Nichterfüllung der Generalstreik ausgerufen würde. Weiterhin erhielten die einzelnen Betriebsleiter von der Werksleitung durch den Dr. Wirth den Auftrag, auf alle Fälle das Werk in Betrieb zu halten, um keinen Produktionsausfall hervorzuheben. Dieses konnte dann auch ermöglicht werden.

Aufgrund von starken Diskussionen, die sich gegen 9.20 Uhr im Bau 15 betreffs der Normenfrage entwickelt hatten, schickte die Partei den Arbeitsdirektor Halt9 in diesen Bau, um dort den Beschluss des Politbüros vom 17.6.1953 bezüglich der Normen bekanntzugeben. (Diese Anweisung wurde erst vonseiten der Kreisdienststelle des MfS der Kreisleitung der SED der Leuna-Werke »Walter Ulbricht« mitgeteilt, dieses durch Werkfunk durchzugeben, was bis dahin nicht geschehen war.)

Der Arbeitsdirektor Halt wurde jedoch von den Versammelten nicht angehört, sondern aus dem Bau verwiesen. Die Kreisleitung mit ca. 5 000 Mitgliedern10 war in diesem Moment nicht in der Lage, ihre besten Funktionäre organisatorisch einzusetzen. Der Funkwagen von den Leuna-Werken wurde von der Kreisleitung eingesetzt, um die versammelten Werktätigen vor dem Bau 24 (Verwaltungsbüro) von den Funktionären Genossen Hertel11 und den BGL-Vorsitzenden Winkler12 ansprechen zu lassen. In diesem Moment bemächtigten sich die Provokateure des Funkwagens und ergriffen das Wort zu den Massen. Nachdem zogen sich die einzelnen Mitglieder der Kreisleitung zurück und überließen die Werktätigen den Provokateuren.

Es konnte nirgends in Einklang gebracht werden, dass vonseiten der Gewerkschaft irgendwelche Maßnahmen in Bezug der Arbeitsniederlegung eingeleitet worden sind. [sic!]

Besonders ist noch zu erwähnen, dass in den Nachmittagsstunden des 17.6.1953, wo die Unruhe im Werk noch zu verzeichnen war, die beiden Kreisleitungsmitglieder, 1. Sekretär Genosse Hertel sowie der zzt. noch amtierende Kulturdirektor Jonas,13 mit einem Fahrrad in die ländliche Gegend des Kreisgebietes fuhren, wo sie erst gegen 22.00 Uhr abends wieder im Werk eintrafen.

Gegen 11.00 Uhr zogen die Demonstranten des Leuna-Werkes »Walter Ulbricht« mit den Provokateuren an der Spitze in Richtung Merseburg zum Marx-Engels-Platz, um daselbst mit der Streikleitung Buna ein Streikkomitee zu bilden. Gleichzeitig sollte die Forderung in Erfüllung gebracht werden, Befreiung der sieben politischen Gefangenen aus Bau 15, die sich angeblich noch in der Haftanstalt beim MfS in Merseburg in der Poststraße befinden sollten. Gleichzeitig wurde der bereits beschlagnahmte Funkwagen mit in Merseburg eingesetzt.

In der Zeit zwischen 11.00 Uhr und 11.30 Uhr des 17.6.1953 bewegten sich die Massen demonstrationsartig aus dem Leuna-Werk »Walter Ulbricht« in Richtung des Inneren des Stadtgebietes Merseburg. Die Demonstranten zogen jetzt erst in Richtung Poststraße, wo sie das Untersuchungsgefängnis sowie das Gebäude des MfS sowie das VPKA stürmten und die dort befindlichen kriminellen Häftlinge gewaltsam befreiten. Ein Teil der Streikenden des Leuna-Werkes, unter ihnen verschiedene Provokateure, begaben sich in die Zellstoff- und Papierfabrik Merseburg sowie in das Braunkohlenwerk Beuna, Großkayna, Stahlwerk Frankleben, und forderten dort die Belegschaft auf, am Streik teilzunehmen. Nachdem wurde von den Provokateuren auch das Werk Pfännerhall angefahren.

Zu bemerken ist noch, dass die Produktion in den wichtigsten Abteilungen des Leuna-Werkes auch am 17.6.1953 aufrechterhalten wurde. Am 18.6.1953 nahmen alle Belegschaftsmitglieder die Arbeit wieder auf. Bis 24.6.1953, wo der Genosse Walter Ulbricht im Leuna-Werk auf einer Betriebsaktivtagung sprach,14 waren keine weiteren Unruhen zu verzeichnen. In Diskussionen wurden jedoch die alten Forderungen wiederholt, welche aber nicht zu erwähnungswerten Aktionen kamen [sic!]. Zu dieser Betriebsaktivtagung waren 1 200 Belegschaftsmitglieder eingeladen.

Hier muss noch hinzugefügt werden, dass am gleichen Tage zuvor eine Besprechung zwischen den geladenen Gästen und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten, Genossen Walter Ulbricht, stattgefunden hat. Es nahmen ca. 50 Personen daran teil, u. a. Intelligenzler, Arbeiter und Angestellte.

Sehr auffällig war bei dieser Besprechung, dass als erste Redner Vertreter der Intelligenz auftraten, u. a. Dr. Münzing. Sie stellten besonders in den Vordergrund die Forderung nach Redefreiheit, die sie schriftlich bescheinigt haben wollten, Entlassung der politischen Häftlinge, Trennung der Gewerkschaft von der Partei, Neuwahl der BGL usw.

Besonders in den Vordergrund der Diskussion traten Dr. Münzing, Oberingenieur Sommer, Dr. Zepf. Sie brachten wiederholt zum Ausdruck, dass es ihr Verdienst ist, dass das Leuna-Werk am 17.6.1953 nicht zum Stillstand gekommen ist. Die Partei hätte auf diesem Gebiet keinerlei Verdienste. Diese Tatsache veranlasst sie, von einem guten Vertrauensverhältnis zwischen Intelligenzlern und Arbeitern zu sprechen.

Von der Werksleitung wurde am 3.7.1953 erneut eine Intelligenzversammlung einberufen, auf der dieselben Diskussionen und Forderungen zum Ausdruck kamen wie in der vorhergehenden Versammlung am 24.6.1953. Die Hauptredner waren dieselben.

Auch bis zum 16.7.1953 waren im Leuna-Werk »Walter Ulbricht« keine weiteren Ausschreitungen zu verzeichnen. Am 16.7.1953, als im Bunawerk verschiedene Abteilungen in den Streik traten, bestand die Gefahr eines Streiks ebenfalls im Leuna-Werk »Walter Ulbricht«. Um die [sic!] Durchführung eines Streikes vorzubeugen, wurde vonseiten des MfS Rücksprache mit dem stellvertretenden Werksleiter Dr. Wirth genommen, dass er voll verantwortlich ist, dass die Produktion ohne jegliche Störung weiterläuft. Es wurde ihm der Vorschlag gemacht, dass er mit den führenden Intelligenzlern eine kurze Sitzung durchführt und sie ebenfalls dafür verantwortlich macht, dass in ihren Abteilungen die Produktion aufrechterhalten bleibt. Aufgrund dieser Maßnahme konnte auch verzeichnet werden, dass in keiner Abteilung ein Streik ausgebrochen ist. 9.30 Uhr erhielten wir die Mitteilung, dass im Bau 16 gestreikt würde.

Aufgrund dieser Mitteilung begab sich der Referatsleiter15 vom Leuna-Werk »Walter Ulbricht« zu dem genannten Bau, und es konnte festgestellt werden, dass dort ca. 40 Personen diskutierten um die Einstufung der Lohngruppe 1–4 und 5–8. Man forderte eine Überprüfung der Arbeitsplätze von jedem einzelnen Kollegen. Durch Mitteilung wurde bekannt, dass diese Kollegen die Absicht hatten, einen Sympathiestreik mit Buna einzugehen.

Gegen 10.30 Uhr wurde die Arbeit im Bau 16 wieder aufgenommen, weil man den Kollegen versprach, dass sofort eine Kommission zur Überprüfung der Arbeitsplätze zusammengestellt wird. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass die Wortführer Witt und Hase vorher die Forderung stellten: Entlassung sämtlicher politischer Häftlinge. Diese konnten aber im Keime erstickt werden, weil diese Personen merkten, dass sofort vonseiten aller Organisationen eingeschritten wurde.

Nach der Rede Walter Ulbrichts, am 20.7.1953,16 ist die Lage im Leuna-Werk »Walter Ulbricht« Folgende: Die Intelligenz vertritt den Standpunkt, dass die Rede von Walter Ulbricht nicht das Niveau eines Ministerpräsidenten hatte, komplizierte und wichtige Fragen hätte er nicht beantwortet und andere Fragen nur unkonkret. Sie erklärten, dass endgültig der Bruch zwischen Regierung und Intelligenz eingetreten ist. Sie hatten geglaubt, dass, in einer Besprechung der Intelligenz mit Walter Ulbricht, ihre Probleme, die sie der Regierung mitzuteilen hatten, sachlich besprochen würden.

Unter den Angestellten des Leuna-Werkes »Walter Ulbricht« wird diskutiert, dass sie mit der Antwort Walter Ulbrichts nicht einverstanden sind, dass ihr Gehalt zzt. nicht verbessert werden kann, sondern nur die Lohngruppen 1–4 der Arbeiter.17 Die Arbeiter erklärten nach der Rede Walter Ulbrichts, warum er nicht mit den Arbeitern eine offizielle Aussprache vor Bau 24 durchführt, wo alle Arbeiter daran teilnehmen können. Irgendwelche Anzeichen eines Streikes sind zzt. nicht vorhanden.

Als Hauptredner entlarvten sich vor allem Dr. Münzing, Dr. Zepf und Oberingenieur Sommer.

Dr. Münzing,18 geb. am 20.8.1901, wohnhaft in Leuna, [Adresse], war seit 1926 im IG-[Farben-]Konzern, jetzt Abteilungsleiter der Organisationsabteilung, Gruppe 1, im Leuna-Werk »Walter Ulbricht«. Vor 1945 war M. Mitglied der SA, jetzt parteilos. Von 1936 bis 1938 und von 1939 bis 1940 war er vom IG-[Farben-]Konzern zur Fa. Ahrendt & Co. nach Tokio abgestellt. Von Juli bis November 1945 arbeitete er auf Veranlassung der amerikanischen Militärregierung im deutsch-amerikanischen Arbeitsstab der IG in Heidelberg. Im November 1945 kehrte er nach Leuna zurück, um als Chemiker in der Werksleitung seine Arbeit aufzunehmen. Sein Vater war Chemiker bei IG Farben.

Dr. Zepf, Karl, geb. am 28.1.1889 in Schafhausen, wohnhaft in Leuna, [Straße, Nr.], Beruf: Chemiker, Mitglied der CDU. Z. arbeitete schon 1915 bei dem IG-[Farben-]Konzern in Ludwigshafen. Seit dem 16.3.1917 ist er im Leuna-Werk tätig. Sein Vater war selbstständiger Bäckermeister.

Oberingenieur Sommer, Fritz, geb. 13.6.1901 in Köln/Rhein, wohnhaft in Leuna, [Straße, Nr.], Beruf: Ingenieur, beschäftigt im Leuna-Werk »Walter Ulbricht« als Abteilungsleiter in der Abteilung Niederdruck. S. war bisher nicht parteipolitisch organisiert. Er entstammt einer bürgerlichen Familie. Seit 1.6.1928 ist er beim IG-[Farben-]Konzern beschäftigt. Er trat im Leuna-Werk ein, wo er auch heute noch beschäftigt ist.

Wie festgestellt werden konnte, hat ein Teil der Intelligenzler Verbindung zum Büro Dr. Assmann, Berlin W 35, Potsdamer Straße 192 II. Bei diesem Büro handelt es sich um eine zentrale Stelle des IG-[Farben-]Konzerns, welche Briefe und Wünsche von Intelligenz aus der DDR entgegennimmt und an die zuständigen Stellen der IG Farben-Industrie sendet.

Im Werk selbst sind Anzeichen vorhanden, dass eine illegale Streikleitung besteht.

Anlage vom 24.7.1953 zur Information Nr. 1023 (1. Expl.)

Information Nr. 1023a: Die Rolle der Partei in den Leunawerken »Walter Ulbricht«

Bei den Ereignissen am 17.6.1953 war festzustellen, dass die Partei durch ihr unentschlossenes Handeln nicht in der Lage war, die Streikbewegung aufzuhalten. Bereits um 7.45 Uhr (17.6.1953) wurde von einem Arbeiter dem Sekretariat der Kreisleitung Mitteilung gemacht, dass sich im Bau 15 fremde Personen, vor allen Dingen Jugendliche, aufhalten.

Inzwischen wurden Anhäufungen von 60 bis 80 Mann festgestellt, die sich im Bau 15 versammelten. Vonseiten der Partei wurden auch hier keine Gegenmaßnahmen ergriffen, wodurch es zur Arbeitsniederlegung im Bau 15 (ohne Werkzeugmacherei) kommen konnte. Da nach nochmaliger Verständigung der Parteileitung noch immer nichts unternommen wurde, war es möglich, dass der Streik auf andere Abteilungen übergreifen konnte. Erst gegen 12.00 Uhr wurden einige Agitatoren in die Werkstatt geschickt, um die Demonstranten von den noch Arbeitenden zu isolieren. Vom 1. Kreissekretär, Genossen Hertel,19 hatten diese den Auftrag erhalten, die Arbeiter dahingehend zu beeinflussen, dass möglichst vernünftige Arbeiter als Delegierte (Streikleitung) gewählt würden. Kurz nach Mittag verließen der 1. Sekretär der Kreisleitung, Genosse Hertel, und der Kulturdirektor, Genosse Jonas,20 den Betrieb, um angeblich einen neuen Standort für das Kreissekretariat außerhalb des Betriebes zu suchen. Dies wurde damit begründet, dass man befürchtet, dass das Kreissekretariat von den Demonstranten gestürmt wird. Genosse Jonas bemerkte außerdem, dass er sich um sein Kind kümmern müsste.

Gegen 16.00 Uhr wurde beim Betriebsschutz ein Wagen angefordert, der nach Leipzig-Kickerlingsberg, Bostenweg, kommen soll, um zwei Genossen abzuholen. Da man keine Namen genannte hatte, wurde dem Wunsch nicht entsprochen. Um 18.00 Uhr erfolgte nochmals die telefonische Aufforderung, da man an der Stimme Genossen Hertel erkannte, wurde dieses Gespräch nach der Kreisleitung verlegt. Die Kreisleitung schickte daraufhin einen Wagen nach Leipzig, der mit Genosse Hertel und Jonas zurückkam.

Auf der Parteiaktivsitzung um 19.30 Uhr im Betrieb wurde von Genossen Ziegler (Mitglied der Kreisleitung) der Genosse Hertel und Jonas entschuldigt, da sie zu einer wichtigen Besprechung wären. Am 27.6.1953 wurde in der Abteilung Betriebskontrolle ein Schreiben mit 17 Forderungen an der Wandzeitung veröffentlicht. Verfasst wurde dieses Schreiben angeblich vom 1. Sekretär der Grundorganisation, Beerbaum, AGL-Vorsitzenden Bartsch und einem Parteilosen. Ein Genosse forderte von der Kreisleitung die Entfernung dieser Forderungen. Trotzdem dieses Schreiben solche Forderungen, wie Rücktritt der Regierung, freie Wahlen, Absetzung der BGL und dgl. aufzuweisen hatte, wurde von der Kreisleitung der Standpunkt vertreten, dass man dies nicht tun kann. Man muss den Arbeitern das Recht geben, ihre Forderungen an der Wandzeitung zu veröffentlichen. Nach vier Tagen entfernte ein Genosse eigenmächtig dieses Schreiben, worauf ihm vonseiten der Kreisleitung gesagt wurde, dass die Entfernung so ohne Weiteres nicht möglich ist, man müsste die Forderungen allmählich abändern. Am nächsten Morgen war das Schreiben wieder an der Wandzeitung. Die Parteileitung hat es bis heute noch nicht verstanden, die gesamte Mitgliedschaft der SED im Betrieb zu mobilisieren, sondern lässt die Angriffe der Intelligenz und anderer negativer Elemente des Betriebes über sich ergehen.

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