Zur Beurteilung der Situation
4. August 1954
Informationsdienst Nr. 2278 zur Beurteilung der Situation
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Über politische Tagesfragen wird im Allgemeinen sehr wenig diskutiert. Zum Schritt von Dr. John,1 Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, werden nur vereinzelt Stimmen bekannt.2 Darin äußert man, dass durch diese Handlungsweise die Adenauer-Clique3 einen schweren Schlag bekommen hat. Die bekannt gewordenen Stimmen sind alle positiv. Hierzu folgendes charakteristisches Beispiel. Ein Kumpel vom [Wismut-]Objekt 96 aus Freital,4 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die werden im Westen schön fluchen, dass John abgehauen ist. Der ist ja nicht irgendwer gewesen, sondern hat einen großen Einblick in die Politik des Westens gehabt. Hier sieht man wieder einmal wie wacklich [sic!] denen ihre Regierung ist. Da würden bestimmt noch mehr abhauen, aber die haben bloß nicht den Mut dazu.«
Die Diskussionen zur Genfer Konferenz haben gegenüber dem Vortage an Umfang abgenommen.5 In den uns bekannt gewordenen Stimmen spricht man davon, dass der erfolgreiche Abschluss und vor allem der Waffenstillstand in Indochina ein Zeichen der Stärke des Weltfriedenslagers ist.6
Über die Note der Sowjetunion vom 24.7.1954 berichten wir im Anhang.7
Nur ganz vereinzelt wurden über die Rechenschaftslegung zur Volkskammerwahl Stimmen bekannt,8 diese sind alle positiv. Bei diesen Stimmen gilt es zu beachten, dass es Einzelbeispiele sind. Ein Arbeiter aus der Farbenfabrik Wolfen, [Bezirk] Halle: »Die Rechenschaftslegung der Abgeordneten ist gut und richtig, denn hier hat jeder die Gelegenheit, sich über die bis zurzeit geleistete Arbeit ein genaues Bild zu verschaffen. Jedem Arbeiter steht das Recht zu, sich in einer offenen Diskussion Fragen klären zu lassen, die er nicht verstanden hat.«
Ein parteiloser Arbeiter vom VEB Möbelwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera: »Ich als Parteiloser finde es für richtig, dass Staatsfunktionäre und Abgeordnete vor der Bevölkerung Rechenschaft über ihre geleistete Arbeit ablegen. Durch diese Berichte wird das Vertrauen zu unserer Regierung noch mehr gefestigt, weil wir in der DDR bestimmt auf große Erfolge zurückblicken können. Die noch Abstehenden werden sich dadurch auch noch in das Friedenslager einreihen, weil sie erkennen müssen, dass in der DDR die richtige Politik gemacht wird.«
Produktionsschwierigkeiten bestehen in einigen Betrieben wegen Materialmangel und Absatzschwierigkeiten.
Im VEB Lekufa Falkenberg,9 [Bezirk] Cottbus, besteht ein Mangel an Rohmaterialien, dadurch konnte der Produktionsplan nur mit 50 Prozent erfüllt werden.
Im ELFA-Werk Elsterwerda, [Bezirk] Cottbus, fehlen 100 t einzöllige Rohre für die Herstellung von Melkanlagen.
Im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, fehlt es immer noch an Drehgestellen, die vom Kirow-Werk Leipzig10 geliefert werden sollen. Des Weiteren werden vom Federnwerk Zittau keine Federn geliefert, sodass in zwölf Tagen die Montage von Puffern an den Waggons eingestellt werden muss.
Aus der Peene-Werft Wolgast, [Bezirk] Rostock, wurde bekannt, dass noch immer Produktionsgrundarbeiter fehlen und weiterhin treten wieder Materialschwierigkeiten auf. Es fehlt an U-Eisen, ALU-Winkeln und Armaturen für »Habicht« 200711 sowie an verschiedenen nahtlosen Rohren.
Im VEB Landmaschinenbau Torgau fehlt es an Schrauben und Flachstahl verschiedener Sorten und Arten. Darüber herrscht unter den Arbeitern Verärgerung. Aus dem gleichen Betrieb wird uns bekannt, dass ca. 50 Prozent der Belegschaft in der FDGB-Beitragszahlung im Rückstand liegen. Bei einer Reihe von Arbeitern sind es bereits zehn Monate, in denen sie keine FDGB-Beiträge bezahlt haben.
Im VEB Flussspatwerk in Ilmenau, [Bezirk] Suhl, bestehen Absatzschwierigkeiten.
Im VEB Temparatur- und Druckmessgerätebau Ilmenau, [Bezirk] Suhl, fehlt es an Stabstahl. Dadurch herrscht unter den Arbeitern eine gedrückte Stimmung.
Missstimmung besteht in einigen Betrieben wegen Lohnfragen.
Bei den Bahnunterhaltungsarbeitern des Bahnhofes Gera-Süd herrscht Missstimmung wegen des niedrigen Lohnes. Sie vertreten die Meinung, dass sie aufgrund ihrer Arbeit wenigstens DM 350 verdienen müssten. So müssen immer mehr arbeiten, da viele Kollegen die Arbeit niederlegen und in andere Betriebe abwandern. Des Weiteren werden Diskussionen über die unterschiedlichen Lohnklassen innerhalb Geras geführt.12
In verschiedenen Betrieben des Kreisgebietes Gera, wo während der Hochwasserkatastrophe Kollegen im Einsatz waren,13 herrscht eine negative Stimmung. Ursache dafür ist, dass das Ministerium für Leichtindustrie eine Anweisung gegeben hat, wonach Kollegen, die an der Beseitigung der Schäden der Hochwasserkatastrophe beteiligt waren, acht Stunden bezahlt erhalten sollen. Die Kollegen vertreten die Meinung, dass sie lieber eine Prämie entgegennehmen möchten, anderenfalls aber alle Stunden bezahlt haben wollen, nicht nur acht. Eine Klärung dieser Angelegenheit konnte bisher noch nicht erfolgen.
Die Arbeiter des VEB »Ernst-Thälmann«-Werkes in Suhl sind missgestimmt über die Einsetzung von ehemaligen aktiven NSDAP-Mitgliedern als Meister, da gute Genossen diese Stelle zugunsten der ehemaligen Faschisten räumen mussten. Die Arbeiter sind der Meinung, dass der Werkleiter diesen Zustand unterbinden müsste.
Im VEB Berliner Reifenwerk ist die Hälfte der beschäftigten Kollegen in der DDR wohnhaft. Es werden heftige Diskussionen über die unterschiedliche Lebensmittelkartenzuteilung geführt. Die Kollegen bringen zum Ausdruck, dass es ungerecht ist, dass zwei Kollegen, die gemeinsam an einer Maschine arbeiten, verschiedene Lebensmittelrationen erhalten, nur weil der eine im demokratischen Sektor und der andere in der DDR wohnhaft ist.
Im Eilenburger Celluloidwerk lehnen einige Genossen unserer Partei die Teilnahme am neuen Parteilehrjahr ab. Ein Genosse äußerte: »Wenn ich wüsste, ob ich meinen Arbeitsplatz noch behalten würde, schmiss ich gleich mein Parteibuch hin. Am Parteilehrjahr nehme ich sowieso nicht teil, denn was nützt das schon, die oben machen ja sowieso was sie wollen.«
Handel und Versorgung
Überplanbestände bzw. verdorbene Lebensmittel: In der HO und KG Niesky, [Bezirk] Dresden, lagern zzt. 18 000 Eier gegen Markenabgabe und 28 000 Eier zu HO-Preisen, die schwer abzusetzen sind, da der örtliche Bedarf nicht sehr hoch ist. Der Versuch, einen Teil dieser Eier an andere Kreise abzugeben, blieb ohne Erfolg. Die VEAB-Zweigstelle Esperstedt, [Bezirk] Halle, hat 50 000 Eier in Kisten verpackt auf Lager. Die Kisten werden ungeöffnet an die Konsumgenossenschaften, HO und Privatgeschäfte geliefert. Beim Öffnen der Kisten wurde festgestellt, dass diese ca. 30 Prozent schlechte Eier enthielten.
Über schlechte Warenstreuung klagt die KG Hildburghausen, [Bezirk] Suhl. Sie ist gezwungen, in andere Kreise und Bezirke zu fahren und dort Waren aus Überplanbeständen aufzukaufen, die in Hildburghausen fehlen. Aus Leipzig und Dresden wurden z. B. Elektro- und Fotoartikel, Radios, Süßwaren und Pudding im Werte von 150 000 DM abgeholt. Möbel im Werte von DM 180 000 kaufte die KG Hildburghausen z. B. in Frankfurt/Oder, die in den volkseigenen Möbelwerken Hildburghausen14 hergestellt werden. Die Bevölkerung diskutiert über diese unnötigen Transportkosten. Sie ist der Meinung, dass man das Geld für Wohnungsbauten verwenden sollte.
Im Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt, besteht nach wie vor ein Mangel an HO-Fleisch, worüber die Bevölkerung unzufrieden ist und darin eine Benachteiligung der Landgemeinden sieht.
Landwirtschaft
Über politische Tagesfragen wird zzt. von der Landbevölkerung durch die Inanspruchnahme bei der Ernte sehr wenig diskutiert. Zur Genfer Konferenz und zur Sowjetnote wurden daher nur ganz vereinzelte Meinungen zum Ausdruck gebracht. Zur Genfer Konferenz sagte eine Landarbeiterin aus dem VEG Holzhausen, [Bezirk] Potsdam, Folgendes: »Indochina ist erlöst vom fremden Joch. Es werden noch mehr Völker mit ganzer Kraft schaffen, die imperialistischen Machthaber abzuschütteln und ihre Freiheit zu erkämpfen.«
Zum Schritt Dr. Johns sagte ein Kollege der MTS Murchin, [Bezirk] Neubrandenburg: »Dies ist ein großer Schlag für die Bonner Regierung, wo doch Dr. John einen großen Einfluss in der Bonner Regierung hatte und doch bestimmt mit den Kriegsplänen vertraut gemacht wurde. Dies ist auch ein Zeichen dafür, dass sich immer mehr Menschen dem Friedenslager zuwenden.«
Vereinzelt bestehen noch Unklarheit bzw. gewisse Zweifel über den Fall John. So erklärten mehrere Kleinbauern aus Berkenbrück, [Bezirk] Potsdam: »Wir sehen darin noch nicht ganz klar und bezweifeln, dass Dr. John wirklich in der DDR ist. Wenn es aber wirklich den Tatsachen entspricht, dann zeigt es sich, dass die Adenauer-Regierung ziemlich wacklig ist. Solche Fälle müsste man schneller und ausführlicher in den Zeitungen bringen, damit es auch überall rechtzeitig bekannt wird.«
Vorwiegend befasst sich die Landbevölkerung mit wirtschaftlichen Fragen, zzt. hauptsächlich mit der Ernte, die stellenweise Schwierigkeiten macht. In der MTS Stadtlengsfeld, [Bezirk] Suhl, sind 34 Mähbinder zum Einsatz gekommen, worunter sich kein einziger Rechtsbinder befindet. Die Bauern dieses Bereiches sind darüber verärgert und diskutieren wie folgt. »Die Hilfe unserer Regierung ist gut, aber es grenzt an Sabotage, wenn kein einziger Rechtsbinder geliefert wurde.«
Die MTS Panschwitz, [Bezirk] Dresden, kann ihre volle Kapazität nicht ausnützen, weil ihr ein Druschkabel fehlt. Die MTS bezeichnet diesen Zustand als untragbar.
Vielfach fehlt es in den MTS nach wie vor an Ersatzteilen für Landmaschinen. In der MTS Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, z. B. fiel am 3.6.[1954] der Stalinetz 415 aus. Eine sofortige Reparatur in der MTS-Spezialwerkstatt Haldensleben ist jedoch nicht möglich, da die Brigade über keinerlei Ersatzteile verfügt. Die Mitglieder der MTS sind der Meinung, dass es keinen Zweck hat, eine Reparaturbrigade zu bilden, wenn man doch nicht über das nötige Material verfügt.
Im gesamten Bezirk Rostock wurde festgestellt, dass die Bautätigkeit auf den LPG und VEG nur schleppend vor sich geht, weil das hierzu benötigte Bauholz fehlt. Andererseits wird aus dem Kreis Putbus, [Bezirk] Rostock, gemeldet, dass hier schon seit Jahren Nutzholz liegt, jetzt jedoch nur als Brennholz verwertet werden kann.
In der Gemeinde Neuhaus, [Bezirk] Schwerin, wurde festgestellt, dass von der Bevölkerung pro Kopf und Tag sechs Pfund Brot gekauft werden. Andererseits werden Schweine von Einwohnern, die kein Land besitzen, auf freie Spitzen16 verkauft. Es wird vermutet, dass Brot verfüttert wird.
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50 kg Brot kosten#tabDM 16,00
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1 dztr. Kartoffeln#tabDM 28,00
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zusammen#tab#tabDM 44,00.
Diese Menge ist bei der Mast nötig, um das Gewicht eines Schweines um 1 Zentner zu erhöhen. Für 1 Zentner Schweinefleisch erhält man DM 340.
Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Sollablieferung machen sich bei Groß- und Mittelbauern verschiedentlich jedoch in geringem Umfang Anzeichen bemerkbar, die gegen die Sollabgabe gerichtet sind. Diese Bauern versuchen mit den verschiedensten Argumenten zu begründen, dass sie nicht in der Lage sind, das vorgeschriebene Soll zu erfüllen bzw. rechtzeitig abzuliefern. Dabei berufen [sie] sich insbesondere auf die Wildschweinschäden, den Arbeitskräftemangel und vor allen Dingen auf die Unwetterkatastrophe. Beispiele dafür liegen vereinzelt aus den Bezirken Schwerin, Potsdam, Cottbus, Halle und Erfurt vor.
In der Gemeinde Großvargula, [Bezirk] Erfurt, geht das Gerücht um, dass die Bauern nur 80 Prozent des Getreidesolls abzuliefern brauchen. Sie sollen den 15. Oktober [1954]17 abwarten, bis dahin würde das Soll heruntergesetzt.
Über ein zu hohes Soll klagen die Bauern der Harzgemeinden im Kreis Quedlinburg, [Bezirk] Halle. Sie begründen es damit, dass die Erträge weit geringer sind bei ihnen als im Harzer Vorland.
Verschiedentlich wird auch unter den Bauern, vorwiegend unter Großbauern, die Forderung nach »freier Wirtschaft« gestellt. So z. B. in einigen Kreisen des Bezirkes Erfurt und im Bezirk Leipzig. Ein Bauer aus Reppen, [Bezirk] Leipzig, sagte hierzu: »Ich kann nicht verstehen, dass in der DDR die ›Freie Wirtschaft‹ nicht zugelassen wird. Jetzt ist es uns Bauern nicht möglich, zu wirtschaften wie wir wollen, darum vertrete ich die Ansicht, dass bei uns ebenfalls die ›freie Wirtschaft‹ eingeführt werden muss.«
Übrige Bevölkerung
Über politische Tagesfragen wird innerhalb der übrigen Bevölkerung nur im geringen Umfange diskutiert und meist nur auf Befragen bzw. bei Schulungen, Versammlungen u. Ä. Diese Diskussionen befassen sich vor allem mit dem Abschluss der Genfer Konferenz, der Note der Sowjetregierung und dem Schritt Dr. Johns. Vereinzelt wird noch über den erfolgreichen Abschluss der Genfer Konferenz gesprochen, wobei der Inhalt dieser Diskussionen unverändert ist. Hierzu äußerten sich überwiegend Angestellte, vereinzelt Hausfrauen.
Negativ äußerte sich eine Verkäuferin aus der KG Berlin-Prenzlauer Berg und brachte zum Ausdruck, dass die Erfolge der Genfer Konferenz nur formal seien, da sich die Amerikaner niemals fügen, weil Amerika das stärkste Land der Welt sei.
Meinungen zur Note der Sowjetregierung an die Westmächte sind weiterhin sehr gering, worüber im Anhang berichtet wird.
Über den Schritt des Dr. John wird in geringem Umfange von verschiedenen Bevölkerungskreisen diskutiert. Davon ist ein Teil positiv und sagt, dass dieser Schritt ein schwerer Schlag für die Adenauer-Regierung ist und die Kriegspolitik Adenauers beweist. Solche Meinungen vertreten meist Angestellte der staatlichen Verwaltungen.
Ein Kollege vom Rat des Kreises Hildburghausen, [Bezirk] Suhl: »Wenn ein Leiter eines solchen entscheidenden Amtes zu der Überzeugung kommt, nicht mehr länger mitschuldig an der Vorbereitung eines neuen Krieges zu sein,18 dann ist das wohl ein eindeutiger Beweis, dass die Bonner Regierung Kriegsziele verfolgt.«
Daneben vertritt man die Meinung, dass Dr. John von der Bonner Regierung geschickt sei. Dazu äußerte ein Jungingenieur aus Langenberg, [Stadt] Gera: »Vor dem Dr. John würde ich mich sehr in Acht nehmen. Es kommt mir nämlich so vor, als ob der von drüben geschickt wäre und bei uns rumspionieren soll.«
Vereinzelt äußert man sich negativ. Hierbei sind es oftmals kleinbürgerliche Personen, die sagen, dass Dr. John aus Westdeutschland entführt worden sei. Meist handelt es sich um RIAS-Hörer. Ein parteiloser Versicherungsangestellter aus Burgstädt,19 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (ehemaliges NSDAP-Mitglied): »Ich bin doch nicht auf den Kopf gefallen. Den Dr. John hat man entführt. Vor einigen Tagen sprach im RIAS der Bundesinnenminister.20 Da konnte man sich ein genaues Bild machen. Nach meiner Meinung benutzt man den John hier zu Intrigen, um ihn dann verschwinden zu lassen.«
Ein parteiloser Fahrradmechaniker aus Burgstädt: »Der Mann ist von dem Dr. Wohlgmut21 verschleppt worden.22 Es kann mir doch keiner einreden, dass ein Mann in so einer Stellung freiwillig nach dem Osten geht. Bisher ist es ja immer so gewesen. Der Truschnowitsch23 oder Dr. Linse24 soll[en] ja damals auch freiwillig zu uns gekommen sein.« Ähnlich äußerten sich einige Geschäftsleute aus Langenberg, [Stadt] Gera, aus Storkow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, aus Rostock sowie verschiedene Einwohner aus Wittenberge, [Bezirk] Schwerin.
Gerüchte, dass infolge der Hochwasserkatastrophe in der DDR eine Lebensmittelknappheit eintritt und demzufolge Brotmarken eingeführt werden, wurden in Berlin in größerem Umfange unter der Bevölkerung im Kreis Neuruppin und Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, und in Schierke unter Geschäftsleuten verbreitet. In Berlin-Pankow wurden aus diesem Grunde große Einkäufe von der Bevölkerung getätigt.
Über den Lohn sind Angestellte der Verwaltungsstellen des Rates des Kreises Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, unzufrieden. Verschiedene Angestellte äußerten dazu: »Wenn der neue Stellenplan in Kraft treten wird, werden wir es vorziehen, in der Fabrik zu arbeiten.«
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverteilung
SPD-Ostbüro:25 Dresden 1 500, Erfurt 380, Frankfurt 6 000, Karl-Marx-Stadt 1 000.
KgU:26 Dresden 12.
UFJ:27 Potsdam 750, Neubrandenburg 30.
NTS:28 Dresden 13, Neubrandenburg 30 000.
CDU-Ostbüro: Dresden 61.
Versch[iedener] Art: Erfurt 15 000, Karl-Marx-Stadt 377.
Die Hetzschriften wurden in den meisten Fällen sichergestellt und gelangten nicht in die Hände der Bevölkerung.
Antidemokratische Tätigkeit: In dem VEB Waggonbau Werk II Großenhain und dem VEB Elektrowärme Sörnewitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden Hetzlosungen festgestellt.
In dem Staatsreservelager Heidenau, Kreis Pirna, [Bezirk] Dresden, wurden gegen die EVG29 gerichtete Plakate abgerissen.
Vermutliche Feindtätigkeit
Im »Karl-Liebknecht«-Werk Magdeburg wurde in dem Schaltkasten der großen Spannwalze in der Blechschmiede Putzwolle festgeklemmt. Es wird vermutet, dass die Putzwolle absichtlich eingeklemmt wurde, um eine Produktionsstörung hervorzurufen. Für drei Schichten entstand Produktionsausfall.
Am 2.8.1954, gegen 1.00 Uhr entstand vermutlich infolge Brandstiftung am Ortsausgang Teicha, [Bezirk] Halle, ein Strohdiemenbrand. Es verbrannten ca. 40 Ztr. Stroh eines werktätigen Bauern.
Westberlin
Die Stellungnahmen zum Fall Dr. John sind nach wie vor unverändert zahlreich und bringen die verschiedensten Meinungen zum Ausdruck. Stimmen, dass Dr. John »entführt« worden sei, sind dabei in der Minderheit. Ein Oberwachtmeister der Stupo30 sagte: »Die Westpresse soll nur nicht soviel in der Sache Dr. John schreiben, es ist für mich klar, dass John von selbst nach dem Osten gegangen ist.«
Eine Hausfrau aus der Adalbertstraße ist der Meinung, dass es ja an und für sich einwandfrei erwiesen wäre, dass Dr. John freiwillig in den Ostsektor fuhr. Wenn die Zeitungen nun ein Theater seinetwegen machen, dann doch nur, um die eigene Unwissenheit in dieser Angelegenheit zu verbergen. Alles hat Angst, er könnte nun einmal richtig aus der Schule plaudern. Aus den Zeitungen selbst kann man nichts Positives erfahren, denn jeden Tag kommen neue Schlagzeilen heraus und erweisen sich zum Schluss doch nur als Annahme. Genaues wissen sie eben nicht. Es ist ja auch selbstverständlich, dass das, was man wirklich ermittelt, nicht berichtet werden darf. Traurig ist doch wirklich, wenn Dr. Adenauer sich noch nicht einmal dazu äußert und nur sagen lässt, er verfolge die Sache mit großem Ernst. Aber das kann sich ja schließlich jeder selbst denken. Es ist überhaupt erstaunlich, wie man jetzt auf einmal dieses und jenes hört, was John gesagt haben soll. Wenn man jetzt in den Zeitungen schreibt, was für Äußerungen John schon vorher getan hat, dessen Bekannte man kennt und man weiß, dass sie für den Osten arbeiten, hätte man vorher auf alle Dinge achten müssen. Schließlich sind doch durch John eine Menge Leute ebenfalls gefährdet.
Ein Angehöriger der Stummpolizei sagte: »Alles, was die Westzeitungen schreiben, ist Blödsinn, dass soll nur davon ablenken, dass John ein Verbrecher ist. Wenn er sich nach dem Osten absetzen würde, dann bekäme seine Frau nicht ½ Jahr Ruhegehalt ausgezahlt. Mit der würde man dann anders verfahren.«31
Ein Arzt aus Berlin-Steglitz vertritt die Meinung, dass Dr. John zwangsweise nach dem Osten transportiert wurde, mithilfe des Dr. Wohlgemut, dem Narkotika zur Verfügung standen, um den Dr. John in einen willenlosen Zustand zu versetzen. Er bezweifelt, dass Dr. John aus eigenem Entschluss nach der DDR übergewechselt ist, zumal er keine Unterlagen mitgenommen hat.
Eine Hausfrau sagte, dass man bei Truschnowitsch auch so viel Geschrei gemacht hätte, und so wird es auch im Fall John werden. Das Wesentliche erfährt man sowieso nicht, das wird in aller Stille bearbeitet. Im Grunde genommen sei es traurig, dass es so etwas wie Entführungen tatsächlich geben soll.
Im Kreis Neuruppin wurde bekannt, dass in den ersten Augusttagen ein Treffen der »Küstrindeutschen« in Westdeutschland stattfinden soll (Meldung noch nicht überprüft).
Einschätzung der Situation
Die aktuellen politischen Fragen werden überwiegend positiv diskutiert. Jedoch verhält sich ein großer Teil der Bevölkerung dazu noch teilnahmlos.
Die feindlichen Elemente beteiligen sich weniger an Diskussionen zu politischen Tagesfragen, ihr Einfluss macht sich stärker auf wirtschaftlichem Gebiet bemerkbar. So z. B. auf dem Lande mit den Bestrebungen, das Ablieferungssoll herabzusetzen und unter der Bevölkerung durch die Verbreitung der Gerüchte über bevorstehenden Lebensmittelmangel.
Feindliche Flugblätter werden jetzt wieder in größerem Umfang sichergestellt.
Anlage vom 4. August 1954 zum Informationsdienst Nr. 2278
Stimmung zur Note der Sowjetregierung vom 24.7.1954
Weiterhin wird nur ganz vereinzelt zur Note der Sowjetregierung Stellung genommen. Oft bringt man die Note der SU in Verbindung mit dem erfolgreichen Abschluss der Konferenz in Genf und äußert sich anerkennend über die Sowjetunion, indem man sagt, dass die Sowjetunion nichts unversucht lässt, um den Frieden in der Welt zu sichern. Gleichzeitig fordert man, dass Verhandlungen über die Deutschlandfrage durchgeführt werden.
Meist äußern sich Arbeiter der volkseigenen Betriebe, weniger Angestellte. Unter der Landbevölkerung sind es nur einzelne LPG-Bauern, die sich zur Note der SU äußern. Aus der übrigen Bevölkerung werden uns nur selten Stimmen aus den verschiedensten Schichten wie Handwerkern, Angestellten der Verwaltungen und Hausfrauen bekannt.
Ein Steiger aus dem [Wismut-]Objekt »IV. Parteitag«, [Bezirk] Gera: »Die Sowjetunion vertritt die Interessen aller friedliebenden Menschen und Staaten, wenn es um die Verständigung geht. Die Genfer Konferenz hat mir das klar bewiesen. Deshalb begrüße ich die erneute Initiative der Sowjetunion, denn die Note ist eine Friedensgarantie.«
Ein Kumpel von der Förderabteilung [Wismut-]Schacht 6 aus Oberschlema, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Note ist ein weiterer Schritt vorwärts. Es wird auch Zeit, dass es endlich soweit kommt, dass die Außenminister auch über die deutsche Frage verhandeln. Wir Kumpel haben alle Interesse daran, dass es nicht erst soweit kommt wie in Vietnam, sondern wir die Einheit Deutschlands auf friedlichem Wege lösen können.«
Im Walzwerk für Buntmetalle Hettstedt, [Bezirk] Halle, wird zur neuen Note der SU Stellung genommen. Die Arbeiter äußern sich in der Form, indem sie sagen, dass dies der beste Weg sei, um die Spannungen in der internationalen Politik in Europa zu beseitigen. Die Friedensnote, die für unser Volk entscheidende Perspektiven aufweist, veranlasst uns Walzwerker, eine neue Hochleistungsschicht zu fahren. Aus Anlass der Note der SU wurden die Wettbewerbsnormen um 147 Prozent übererfüllt.
Eine Genossenschaftsbäuerin aus dem Landkreis Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich begrüße die neue Note der UdSSR von ganzem Herzen und fordere als Genossenschaftsbäuerin, dass alle Großmächte endlich einmal die deutsche Frage erfolgreich zum Abschluss bringen. Wir wissen genau, dass die Lösung der deutschen Frage allein einen Weltkrieg verhindern kann. Die Genfer Konferenz hat uns gezeigt, dass ohne Herrn Dulles32 besser verhandelt werden kann33 und der Wille der Völker gesiegt hat. Dies sollte für uns Deutsche alle eine Lehre sein, wenn es jetzt daran geht, die Einheit unseres Vaterlandes herbeizuführen.«
Eine Schneiderin, Mitglied der NDPD, aus Wilkau-Haßlau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die in der Note der SU gemachten Vorschläge sind gut. Wir hoffen, dass sie diesmal von den kapitalistischen Ländern angenommen wird.«
Von einzelnen Arbeitern und Angestellten wird eine pessimistische Haltung zur Note eingenommen, wie nachstehende Beispiele zeigen.
Ein Arbeiter aus Zerre, [Bezirk] Cottbus, äußerte sich zu einem Einwohner, der mit ihm über die Note der SU sprach: »Das hat ja keinen Zweck, dass wir was machen, ich habe jetzt für den Abzug der Besatzungstruppen gestimmt, aber die gehen ja doch nicht raus.«
Ein Angestellter vom Konsum Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Note über die kollektive Sicherheit in Europa ist alles Zinnober.34 Es mögen nur die die Einheit Deutschlands wiederherstellen, die damals Deutschland gespalten haben.«