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Zur Beurteilung der Situation

31. August 1954
Informationsdienst Nr. 2301 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über die Streikbewegung in Westdeutschland wird wenig gesprochen.1 Diskussionen werden meistens nur dort geführt, wo man Spendensammlungen durchführt.2 Der größte Teil der Werktätigen unterstützt die streikenden Arbeiter durch Geldspenden. Vereinzelt hofft man, dass die Streikbewegung in Westdeutschland noch zunimmt und Adenauer3 gestürzt wird. Alle Kollegen des Kraftwerkes Golpa, [Bezirk] Halle, verpflichteten sich, einen Stundenlohn für die streikenden Metallarbeiter in Westdeutschland zu spenden.

Ein Arbeiter aus dem VEB Waggonbaufabrik Quedlinburg,4 [Bezirk] Halle: »Es wird doch bei der gesamten Bevölkerung in Westdeutschland bald dämmern, dass Adenauer kein Deutscher, sondern ein Amerikaner ist, weil er nicht die Interessen des deutschen Volkes vertritt, sondern nur die der amerikanischen Monopolherren und ihrer deutschen Partner. Ich erwarte, dass die gewaltige Lohnbewegung noch weiter zunimmt und Adenauer abtreten muss.«

Ein kleiner Teil der Werktätigen lehnt eine Unterstützung der Streikenden in Westdeutschland ab und begründet dies damit, indem man sagt, dass die Lebenslage in Westdeutschland besser ist als in der DDR. Vereinzelt tritt das Argument auf »Wir in der DDR dürfen ja auch nicht streiken.«5

Ein Arbeiter aus dem VEB IKA Sonneberg, [Bezirk] Suhl: »Ich möchte nur einmal wissen, warum die da drüben streiken, wo sie einen Stundenlohn von DM 1,50 bis 1,80 erhalten. Sie können für das Geld, was sie verdienen, mehr kaufen als wir.«

Ein Arbeiter aus dem Stellwerk Jüterbog äußerte: »Den Leuten in Westdeutschland geht es hundertmal besser als uns. Wozu streiken die eigentlich? Wir dürfen auch nicht streiken und uns hilft auch keiner.«

Ein Jugendlicher vom Verschiebebahnhof Wustermark, [Bezirk] Potsdam: »Hier bei uns müsste man auch streiken, denn wir verdienen ja auch wenig Geld und alles ist sehr teuer.«

Im Stellwerk Jüterbog lehnten alle Kollegen mit Ausnahme eines einzigen die Unterstützung für die streikenden Arbeiter in Westdeutschland ab mit der Begründung: »Die Menschen in Westdeutschland leben besser als wir.«

Aus dem Bezirk Leipzig wurden uns ganz vereinzelt Stimmen über die Messe6 bekannt, diese sind alle positiv. Darin äußert man, dass die diesjährige Messe die größte sein wird, die Leipzig erlebt hat. Ein Arbeiter aus Leipzig: »In einigen Tagen beginnt die große Herbstmesse. Es wird bestimmt eine große Sache werden und hoffentlich bringt man uns der Verständigung zwischen Ost und West näher.«

Ein Arbeiter aus Leipzig: »Dieses Jahr wird die Messe groß aufgezogen. Ich glaube, es wird die größte, die ich bisher erlebt habe. Die rege Beteiligung der westlichen Länder scheint die Messe [zu] einen vollen Erfolg für den Ost-West-Handel werden zu lassen.«

Missstimmungen herrschen in einigen Betrieben wegen Lohnfragen. Unter der Belegschaft des Bahnhofes Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, herrscht eine schlechte Stimmung über die zu niedrige Bezahlung. Der Bahnhofsvorsteher brachte zum Ausdruck, dass in den Belegschaftsversammlungen über solche Fragen nicht diskutiert werden dürfte, diese Anweisung wurde ihm von der Politabteilung in Eisenach gegeben.

Unter den Kohlenladern des Bahnbetriebswerkes Seddin, [Bezirk] Potsdam, ist zurzeit eine schlechte Stimmung zu verzeichnen, weil sie nach ihrer Meinung eine schlechte Entlohnung erhalten. Sie diskutieren, dass in anderen Schwerpunktbetrieben für die gleichen Arbeiten höhere Löhne gezahlt werden. Weiter bringen sie zum Ausdruck, dass sie in andere Betriebe gehen wollen, wenn sie nicht nach Lohngruppe V entlohnt werden.

Materialschwierigkeiten

In der Bau-Union Leipzig fehlen Ventile zum Einbau und zur Reparatur für Heizkessel. Es handelt sich hier um Ventile von ½ und ¾ Zoll. Die Fabrikation dieser Ventile wurde von den zuständigen Betrieben eingestellt. Die neue Produktion soll von der SANAR7 übernommen werden, welche dazu jedoch nicht in der Lage ist.

In der Bahnmeisterei, Amtsbezirk Altenburg, [Bezirk] Leipzig, fehlt es an Kleineisen für den Eisenbahnoberbau. Zum Beispiel konnte in diesem Bereich eine Weiche nicht eingebaut werden, weil das benötigte Material vom Weichenlager Gotha nicht geliefert wurde.

Arbeitskräftemangel

Im VEB Textilveredlungswerk Greiz, [Bezirk] Gera, besteht Arbeitskräftemangel, welcher die Planerfüllung unmöglich macht. Es fehlen ca. 50 Personen. Der Grund für die dauernden Kündigungen, besonders bei Facharbeitern, sind die niedrigen Lohnsätze in der Textilveredlung.

Anlässlich der Versammlung Anfang voriger Woche in Aue, wo Karl Dickel8 sprach, herrschte unter den Kumpels von Oberschlema eine große Empörung. Als sie in die Busse einstiegen, um nach Hause zu fahren, wurden sie einfach zu der Kundgebung nach Aue gebracht. Erst unterwegs machte man ihnen hiervon Mitteilung. Aufgrund dessen kam es zu negativen Diskussionen gegen die DDR.

Produktionsstörung

Am 28.8.1954 stürzten im VEB Wolfram-Zinnerz, Grube Gottesberg – Mühlleiten, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Hänge ein, wodurch ein Arbeiter tödlich und ein Arbeiter schwer verletzt wurden. Der Einsturzort war eine ernste Gefahrenquelle, da hier vor 1945 in unverantwortlicher Weise abgebaut wurde. Trotzdem durfte die Förderung bis zur Rekonstruktion dieses Abbaus nicht eingestellt werden, sondern vom zuständigen Ministerium wurde angeordnet, unter allen Umständen weiter zu fördern. Ein großer Teil der Kumpels weigert sich, unter diesen Umständen weiter zu fördern.

Handel und Versorgung

Überplanbestände – dem Verderb ausgesetzte bzw. verdorbene Lebensmittel

In den HO-Kreisbetrieben des Bezirkes Leipzig lagern zurzeit 45 t Fleischkonserven. Laut Vertrag mit der DHZ ist die HO verpflichtet, noch weitere 45 t abzunehmen. Der Verkauf geht sehr schleppend vor sich, da der Preis im Verhältnis zum Frischfleisch der Bevölkerung zu hoch ist, was besonders bei den Dosen mit 850 Gramm Inhalt zutrifft. Die Haltbarkeitsdauer läuft im August und September ab und wenn keine Preisänderung vorgenommen wird, besteht die Gefahr des Verderbs.

Die Konsumfleischverteilungsstelle Schwerin hat einen großen Bestand an Geflügel, das durch unsachgemäße Lagerung in Fäulnis übergegangen ist und wird der Abdeckerei zugeführt. Außerdem wurde ein Teil Hammelfleisch in die Abfallverwertung gebracht. Ursache des Absatzmangels war das vom Kreisrat Schwerin angeordnete Markenverhältnis 1: 1, das erst nach dem Verderb von 80 Prozent des Fleisches in 1: 3 abgeändert wurde. Da noch größere Bestände an Hammelfleisch vorhanden sind, kann sich dieser Missstand wiederholen.

In Teuchern, Kreis Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, erhielten mehrere Geschäfte ungenießbare, geräucherte Flundern in Kisten mit dem Hinweis vom Verantwortlichen der DHZ Zeitz Fische, die Waren entweder zum halben Preis zu verkaufen oder zu verschenken, da die DHZ sie nicht zurücknehmen könnte.

Mängel in der Versorgung

Schwierigkeiten in der Fleischversorgung treten teilweise in den Bezirken Frankfurt, Schwerin, Halle, Karl-Marx-Stadt und Berlin auf. Mit Zigaretten in Halle, Schwerin, Frankfurt. Mit Kartoffeln im Bezirk Karl-Marx-Stadt. Mit Mehl in Erfurt. Mit Nährmitteln und Süßwaren im Stadtkreis Schneeberg, Wismut.9 Margarine, Frischfisch und Tomaten in Frankfurt. Fischkonserven, besonders Ölsardinen, in Erfurt.

Die Zuteilung von Bohnenkaffee an die Messestadt Leipzig ruft unter den Angestellten der Handelsorganisation in den Kreisgebieten des Bezirkes Leipzig Verärgerung hervor. Diese Kreise sind von der Zuteilung mit Bohnenkaffee ausgeschlossen. Die Kollegin vom Handelsvorstand der Konsumgenossenschaft Eilenburg äußerte: »Wenn der Ministerrat beschließt, es wird nur Leipzig mit Bohnenkaffe versorgt, dann wissen wir auch, wen wir am 17. Oktober [1954] zu wählen haben.«10

Landwirtschaft

Die Diskussionen über das politische Tagesgeschehen sind weiterhin gering. Zu den politischen Ereignissen wurde nur vereinzelt, hauptsächlich in den MTS und LPG, aber vorwiegend positiv Stellung genommen. So sagte zur Volkskammerwahl ein Neusiedler aus Derben, [Bezirk] Magdeburg: »Ich habe schon einmal die Heimat verlassen müssen und mir jetzt eine neue Existenz geschaffen. Ich werde dafür kämpfen, dass mir diese erhalten bleibt und mich zur Volkswahl für den Frieden bekennen, denn es kann nichts Schöneres geben als ein einheitliches Deutschland.«

Ein Teil der bürgerlichen Kreise und großbäuerlichen Elemente lehnt nach wie vor die Einheitsliste ab. Ein Pfarrer aus Wulkau, [Kreis] Genthin,11 [Bezirk] Magdeburg, sagte hierzu: »Wenn wir die einzelnen Parteien nicht wählen können, ist es keine richtige Wahl.«

In der Gemeinde Jülchendorf, [Kreis] Sternberg, [Bezirk] Schwerin, sagten zwei CDU-Bauern in Anwesenheit des CDU-Kreisvorsitzenden während einer Versammlung: »In der DDR gibt es keine richtigen Wahlen mehr. Wenn wir nicht Kandidaten wählen können, sondern den Stimmzettel in die Urne stecken oder ein Kreuz einzeichnen, dann ist das keine Wahl. Es ist verständlich, dass unsere Regierung ein gutes Ergebnis erreichen will, wenn aber die unteren Funktionäre die Wahlergebnisse ändern, wie es bei der Volksbefragung der Fall war, so müssen das recht sonderbare Wahlen sein.«12

Bei den Vorbereitungen der Rechenschaftslegung13 in den ländlichen Gemeinden des Bezirkes Potsdam treten immer wieder Organisationsfehler auf, wodurch Versammlungen ausfallen. In Liebenwalde und Bötze14 z. B. mussten am 27.8.1954 zwei Versammlungen ausfallen, weil die Referenten nicht erschienen sind. In Germendorf, [Kreis] Oranienburg, wurde die Versammlung wegen der Anwesenheit von nur fünf Bauern nicht durchgeführt.

In Pirow, [Bezirk] Schwerin, wo ein großer Teil FDJ-Mitglieder teilgenommen hat, wurde die Versammlung von vier Jugendlichen dadurch gestört, dass diese die Tür aufrissen, in ein Feuerhorn bliesen und den Versuch unternahmen, faschistische Lieder zu singen.

In der Gemeinde Schimm, [Bezirk] Rostock, sagten Kleinbauern anlässlich der Rechenschaftslegung der Volkskammerabgeordneten Martha Melzer15 nach der Versammlung: »Wir konnten es während der Versammlung nicht wagen, offen gegen die Großbauern aufzutreten, da wir dann anschließend von diesen verprügelt worden wären.« Sie erklärten weiter, dass die Regierung ihr volles Vertrauen besäße und gaben anschließend Selbstverpflichtungen ab. Es handelt sich um drei Kleinbauern aus Tarzow.16

Über den Ernteeinsatz am Sonntag berichten alle Bezirke im Allgemeinen gute Ergebnisse. Schwächen gab es nur vereinzelt, die teilweise an der schlechten Organisation und vereinzelt an dem Verhalten der Erntehelfer lagen.

Auf die LPG Hohendorf, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera, z. B. kam ein VP-Einsatz, wo bereits ein Kommando KVP17 eingesetzt war und der Vorsitzende nicht wusste, wo er die Helfer einsetzen sollte. Obwohl die übrigen Bauern Kräfte benötigten, wurden ihnen keine zugeteilt und ein VP-Angehöriger hierzu sagte: »Es steht doch nicht die Ernte nur bei den LPG, sondern die Einbringung allgemein, wo es fehlt, dort muss eingesetzt werden.«

In der LPG Gortz, [Bezirk] Potsdam, waren am 25.8.1954 30 Personen als Erntehelfer eingesetzt. Die Erntehelfer, die in der Gewissheit zum Einsatz gingen, wirklich notwendig gebraucht zu werden, wurden von der Arbeitsmoral der Genossenschaftsbauern enttäuscht. Um 8.45 Uhr gingen sie mit den Genossenschaftsbauern auf das Feld, um 10.30 Uhr wurde bereits wieder für die Mittagspause gerüstet. Nachmittags wurde von 14.00 bis 16.00 Uhr gearbeitet. Die Erntehelfer hatten den Eindruck, dass die Bauern zu sorglos arbeiten und dass es bei dieser Einstellung zur Arbeit kein Wunder ist, wenn die Felder zum größten Teil noch nicht abgeerntet sind.

Die DHZ Mechanik und der Konsumverband Stralsund starteten einen Ernteeinsatz in Grün Kordshagen. Ihre geleisteten Arbeiten waren gleich Null. Die Kollegen der DHZ haben hinter den Getreide-Hocken gelegen und die Arbeiter des Konsums erklärten: Wenn es bloß bald regnen würde, damit sie nicht mehr arbeiten brauchten.

Übrige Bevölkerung

Die Diskussionen über aktuelle politische Fragen haben weiterhin nur einen geringen Umfang. Die bekannt gewordenen Stimmen zur Volkskammerwahl sind größtenteils positiv. Neben den vereinzelten Äußerungen, die sich gegen die Einheitsliste aussprechen, wurden noch andere negative Stimmen bekannt, meist von kleinbürgerlichen Elementen. Ein Schmiedemeister (CDU) aus Vöschen,18 [Bezirk] Neubrandenburg: »Wenn wir einen Teil weniger Funktionäre hätten, würden wir bestimmt besser leben, denn diese ruhen sich nur auf unsere Kosten aus.«

Ein Lebensmittelhändler (parteilos) aus Eisenberg, [Bezirk] Gera, der wegen Ausschmückung seines Schaufensters angesprochen wurde, äußerte: »Ich kann nichts in mein Fenster stellen, ich könnte höchstens in das Fenster schreiben: Importwaren gibt es nur im Konsum und in der HO.« In der gleichen Angelegenheit äußerte ein anderer Lebensmittelhändler aus dem gleichen Ort: »Die privaten Einzelhändler der Lebensmittelbranche werden sich jetzt ebenfalls so zusammenschließen wie die Textilhändler, welche zum großen Teil nicht auf den Sommerschlussverkauf eingingen.«19

Zahlreicher sind die Diskussionen über bestehende örtliche Mängel und Schwierigkeiten sowie über die allgemeine Lebenslage. In verschiedenen Kreisen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt klagt die Bevölkerung immer wieder über die schlechte Belieferung mit Kartoffeln (sowohl mengenmäßig als auch qualitativ). Dazu äußerte eine Hausfrau aus Zöblitz, [Kreis] Marienberg: »Es ist wirklich eine Schande, der Bevölkerung solche schlechten Speisekartoffeln zu verkaufen. Das ist nun schon das sechste Mal, dass vom Konsum und der HO derart schlechte Kartoffeln geliefert werden. Ich verstehe nicht, dass man solchen Mist vom Erzeuger annimmt. Hier haben bestimmt die Annahmestellen schlecht gearbeitet.«

Im Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, wird viel über die HO-Preise sowie über ein schlechtes Warenangebot gesprochen. So sagte z. B. ein Einwohner aus Schmalkalden: »Es sind schon neun Jahre seit Kriegsende vergangen und noch immer ist unsere Bevölkerung nicht zufriedengestellt. Ich war in Westdeutschland. Dort leben die Menschen nicht schlechter als bei uns, im Gegenteil, dort mangelt es an nichts. Dagegen gibt es bei uns manche einfachen Sachen nicht mal zu kaufen, schon gar nicht Bettwäsche.«

Nachstehende Beispiele über mangelhafte Versorgung und mangelhaften Berufsverkehr wurden aus dem demokratischen Sektor Berlins bekannt:

Im Bezirk Prenzlauer Berg werden unter der Bevölkerung heftige Diskussionen über die Butterversorgung geführt. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht verstehen können, warum schon so lange die Lebensmittelkarten nicht voll mit Butter beliefert werden.

Verschiedene Bewohner des Bezirks Treptow beklagen sich, dass an Sonnabenden in ganz Treptow weder Butter noch Brot erhältlich sind, da an diesen Tagen die Geschäfte von Westberlinern überlaufen sind.

Im Bezirk Köpenick sind die Fahrgäste der Autobuslinie A 27 empört, weil ständig, besonders während der Berufsverkehrszeit, mehrere Autobusse ausfallen. Dadurch kommen die Berufstätigen oft zu spät zur Arbeit.

Feindtätigkeit

Hetzschriftenverteilung

SPD-Ostbüro:20 Potsdam 10 100, Schwerin 1 040, Suhl 95, Erfurt 50, Dresden 26, Halle einige. Die Mehrzahl richtet sich gegen die Volkswahlen und den neuen Kurs.21

FDP: Potsdam 1 200 (alte Ausgabe).

NTS:22 Rostock 1 000, Cottbus 70, Dresden 21, Erfurt 12, Neubrandenburg und Halle einige.

[In] tschechischer Sprache: Dresden 106, Erfurt 40.

»Tribüne«:23 Erfurt 1 000.

Hetzplaketten mit Aufschrift »Wir wollen wählen« in Frankfurt/Oder 5[0].24

Die Hetzschriften wurden in den meisten Fällen sichergestellt.

Antidemokratische Tätigkeit

Im Stahlwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, wurden im Männerabort des Zimmereihofes mehrere Hetzlosungen und Hakenkreuze mit Kreide angeschmiert.

Am 28.8.1954 wurde im Walzwerk Willy Becker in Brandenburg-Kirchmöser in der Glühhalle ein Plakat zur Vorbereitung der Volkswahl beschmiert.

Zur Beunruhigung der Bevölkerung verbreitete der Sender London25 am 29.8.1954 folgendes Gerücht: »… man lässt die giftigen chemischen Abgase von Böhlen und Espenhain einfach in die Luft ab, sodass in naheliegenden Orten wie Leipzig usw. oft tagelang diese Giftgase die Luft verpesten.«26

Vermutliche Feindtätigkeit

Am 27.8.1954 fiel im Kombinat »IV. Parteitag«,27 [Bezirk] Gera, in der Kompressorenstation ein Kompressor aus, da sich im Ölgetriebe verschmutzte Metallstücke befanden, sodass die Welle brach.

Am 29.8.1954 brach in der Versandabteilung des VEB Odessa Pumpenfabrik in Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, ein Brand aus. In diesem Raum lagerten Exportartikel, die für die Leipziger Messe bestimmt waren. Der Brand konnte gelöscht werden. Nach bisherigen Feststellungen wird vorsätzliche Brandstiftung vermutet.

In der Ölwanne eines Binders des VEG Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, befand sich eine Schraube, wodurch ein Zahnrad ausbrach und der Binder nicht mehr einsatzfähig ist. Es wird Feindtätigkeit vermutet.

Anlage 1 vom 31. August 1954 zum Informationsdienst Nr. 2301

Stimmen zur Pressekonferenz mit dem CDU-Abgeordneten Schmidt-Wittmack28

Weiterhin haben die Stellungnahmen aus allen Kreisen der Bevölkerung einen geringen Umfang, jedoch ist der größte Teil der bekannt gewordenen Äußerungen positiv. Übereinstimmend wird zum Ausdruck gebracht, dass es nur zu begrüßen ist, wenn vor der Weltöffentlichkeit die verbrecherische Adenauer-Politik und der aggressive Charakter des EVG-Vertrages aufgezeigt wird.29 So sagte zum Beispiel ein Arbeiter aus dem Ziegelkombinat Zehdenick, [Bezirk] Potsdam: »Ich finde es richtig, dass solche Pressekonferenzen durchgeführt werden und wenn die Welt erfährt, durch solche Größen wie Dr. John30 und Schmidt-Wittmack, was in Bonn gespielt wird.«

Ein Arbeiter aus dem Braunkohlenwerk Pfännerhall, [Bezirk] Halle: »Alle Menschen, welche sich für das Wohl des deutschen Volkes verantwortlich fühlen, müssen immer mehr erkennen, dass die Politik Adenauers nicht für, sondern gegen das Volk ist und weiter, dass die EVG zum Krieg führt. Aus diesem Grunde sind die Ausführungen Schmidt-Wittmacks auf der Pressekonferenz von großer Bedeutung.«

Ein Angestellter aus Halle: »Der CDU-Abgeordnete Schmidt-Wittmack hat auf der Pressekonferenz den ganzen Schwindel der Adenauer-Politik aufgedeckt und zum Ausdruck gebracht, dass noch mehr Persönlichkeiten in Westdeutschland diese Politik nicht mehr mitmachen wollen. Es werden also noch mehr die Bundesrepublik verlassen und den Weg zu uns in die DDR finden, was nur zu begrüßen ist.«

Ein Angestellter aus Wachow,31 [Bezirk] Potsdam: »Ich bin erstaunt, dass es in Westdeutschland solche Menschen gibt wie Dr. John und Schmidt-Wittmack, die ganz offen die Schandtaten von Bonn aufzeigen. Nun wissen auch die ausländischen Pressevertreter die Wahrheit über Bonn und die Absichten dieser Regierung, nämlich die Einheit Deutschlands zu verhindern.«

Ein VP-Angehöriger aus Ilmenau, [Bezirk] Suhl: »Ich glaube, wenn ein jeder die Ausführungen Dr. Johns und Schmidt-Wittmacks genau verfolgt hat, so muss doch langsam auch der Letzte einsehen, wo die Politik Adenauers hinführt.«

Ein Angestellter aus Weißenfels, [Bezirk] Halle: »Der CDU-Abgeordnete hat klar aufgezeigt, dass Adenauer dieselbe Politik fortsetzt, die Hitler betrieben hat. Er fragt nicht das Volk, sondern er diktiert einfach. Durch die Enthüllungen über die Zahlen der Söldnerarmee, die aufgestellt werden soll in Kürze, muss doch den letzten Deutschen klar werden, dass Adenauer zum Krieg treibt.«32

In den vereinzelt bekannt gewordenen negativen Stimmen wird zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht den Worten Schmidt-Wittmacks glauben, sondern annehmen, dass ihm drüben der Boden unter den Füßen zu heiß geworden ist. So äußerte zum Beispiel ein Mechaniker der MTS Bannewitz, [Bezirk] Dresden: »Ich nehme an, Schmidt-Wittmack ist ebenfalls nur in die DDR gekommen, weil er hier viel Geld erhält und vor allem ist ihm sicher drüben das Pflaster zu heiß geworden.«

Ein Zahnarzt aus dem Kreis Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden: »Bei diesen Übertritten handelt es sich bestimmt nur darum, dass diese beiden den Zusammenbruch der Bundesrepublik voraussahen. Sie wollen die DDR als Sprungbrett für eine weitere politische Tätigkeit benutzen.«

Ein Gastwirt aus Altenberg, [Bezirk] Dresden: »Ich halte die beiden für ein paar Streber, die ihre Position im Westen nicht mehr verbessern konnten und glauben, hier bessere Möglichkeiten zu finden.«

Anlage 2 vom 31. August 1954 zum Informationsdienst Nr. 2301

Stimmen von Arbeitern der Warnow-Werft zu den dortigen Arbeitsbedingungen

In den gering vorliegenden positiven Stellungnahmen sprechen sich die Personen lobend über die Arbeitsverhältnisse sowie über die Unterbringungsmöglichkeiten aus. So sagte zum Beispiel ein Arbeiter: »Die Arbeitsbedingungen sind gut hier, vor allem wird eine saubere Arbeit verlangt. Die Unterkunft ist genau wie in Stalinstadt, wo ich vorher gearbeitet habe, ebenfalls der Verdienst in der gleichen Höhe. Wir bekommen hier vom Betrieb Seife, Handtuch und Arbeitsanzug, was auf der Arbeitsstelle in Stalinstadt nicht der Fall war. Arbeit gibt es in Hülle und Fülle und es ist schlecht wegzukommen, wenn man kündigt.«

Ein Arbeiter: »Wir haben hier ein wunderbares Betriebsessen für 0,70 DM. Es gibt mehrere Gerichte, sodass man jeden Tag wählen kann, was man gern essen möchte. Das Schlafen haut hier wunderbar hin. Wir sind fünf Mann auf einem Zimmer und haben sogar weiße Bettwäsche.«

Ein Arbeiter: »Das Mittagessen ist hier prima. Es gibt drei Sorten Essen, alles für den gleichen Preis. Unsere Arbeitszeit geht von morgens 6.00 Uhr bis 15.30 Uhr und sonnabends nur bis Mittag. Die Arbeit ist nicht schwer und mir gefällt es gut.«

Ein Student, der in der Warnow-Werft sein Praktikum macht: »Ich arbeite zurzeit hier in der Werft und mache mein Praktikum. Mir gefällt es sehr gut, obwohl meine Kameraden über die schwere Arbeit klagen. Vor allem bin ich über die vielen Vergünstigungen erfreut, die wir haben. Sämtliche Arbeitsbekleidung wird kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Essen ist besser als zu Hause, weil es jeden Tag Fleisch gibt. Es kostet nur 70 Pfennige und wir Studenten sowie die Lehrlinge zahlen 30 Pfennige. Das ist natürlich sehr günstig, besonders für mich, da ich nur 180 DM Stipendium bekomme, weil ich kein Arbeiter- oder Bauernkind bin.«

In den vereinzelt bekannt gewordenen negativen bzw. unzufriedenen Stimmen wird zu Arbeitsablauf, Entlohnung und Wohnverhältnissen Stellung genommen. So äußerte zum Beispiel ein Arbeiter über die Wohnverhältnisse: »Wir hausen hier wie Zigeuner in Baracken, die alles andere als gut sind. Die Arbeitsbedingungen sind auch nicht rosig. Wir sind bei jedem Wetter im Freien und werden manchmal ganz schön nass. Aber der Verdienst ist gut und zwar verdiene ich bis zu 550 DM

Ein Facharbeiter nahm zu der Arbeitsorganisierung Stellung: »Die Arbeit klappt nicht so, wie es sein müsste. Die Bau-Union ist noch nicht soweit, dass wir anfangen können. So müssen wir sehen, wie wir zu unserem Geld kommen. Es ist sehr ungemütlich hier, Regen, Wind und keine richtige Arbeit.«

Ein Jugendlicher: »Uns haben sie in die Malerei gesteckt, da sollen wir Tanks mit kochendem Teer streichen. Ja, dafür hat man drei Jahre gelernt, dass man jetzt jeden Dreck machen muss. Mit dem Abteilungsleiter hatte ich mich schon in der Wolle. Im Monat Juli habe ich nur 351 [DM] verdient, es wird immer verrückter.«

Ein Arbeiter: »Der einzige Zeitvertreib ist die Arbeit, aber da ist auch immer großer Stunk. Es gibt dauernd Streitereien mit der Betriebsleitung wegen den Prozenten zahlen [sic!]. Fünf Mann haben gekündigt, weil sie zu uns raufkommen sollten. Auch von uns ist einer der Besten abgegangen. Ich mische mich aber in nichts rein, ich bin in meiner Schmiede und mache meine Arbeit.«

Ein Arbeiter: »Ich stoße wegen meinem Urlaub auf unheimliche Schwierigkeiten. Ich arbeite nämlich an einen Schwerpunkt des Schiffes und der soll zum Termin fertig sein. Aber ich habe schon Krach geschlagen. Ich bin gespannt, ob das etwas genützt hat. Ich würde ja gern nach Westdeutschland in meinen Urlaub fahren, aber das kostet mir zu viel Geld. Übrigens wollten sie mich in diesem Monat wieder um mein Geld betrügen, was ich mir aber nicht gefallen lasse. Mir gefällt es hier gar nicht mehr, erstens wegen dem Verdienst (monatlich 320 DM), zweitens ist die Arbeit saumäßig und drittens die Wohnverhältnisse schlecht.«

Ein Arbeiter: »Ich habe es schon bereut, dass ich hier angefangen habe. Das ist hier ein großer Sauhaufen. Ob etwas zu verdienen ist, das fragt sich noch. Es kann sein, dass ich eines Tages hier wieder abhaue.«

Ein Arbeiter: »Wir leben hier wie bei dem Kommiss.33 Vor dem Ausgang Polizei, dann Baracken, die Betten sind hart wie im Gefängnis, also alles in allem eine faule Sache. Wir sind sechs Mann in einer Stube, aber alle so ausgerichtet wie ich.«

Ein Arbeiter: »Es ist bei uns ein großer Zirkus. Es gibt viel Ärger. Jeder Einzelne schimpft, aber keiner getraut sich etwas zu sagen, wenn die Experten mal hier sind.«

Ein Arbeiter: »Die Arbeit ist weder gut noch schlecht. Schlecht ist auf alle Fälle die Normung. Täglich wird genölt, wir kämen nicht auf die Norm. Der vorhergehende Einsatz hätte besser gearbeitet und die Normen bis zu 180 Prozent erfüllt. Da haben wir dem Einsatzleiter gesagt, dass diese mit Betrug gearbeitet haben, denn wir sind auch nicht von gestern. Allerdings geht durch lange Anmarschwege, langes Warten an den Materialausgaben und bei Regenwetter manche Stunde verloren. Wir haben auch keine eigentliche Frühstückspause und doch gehen alle 20 Mann eine halbe Stunde in die Kantine, dadurch geht natürlich viel Arbeitszeit verloren.«

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    1. September 1954
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