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Zur Beurteilung der Situation

7. Juni 1954
Informationsdienst Nr. 2228 zur Beurteilung der Situation

II. Deutschlandtreffen1

Wie bereits berichtet wurde, ist die Stimmung der Berliner des demokratischen Sektors im Allgemeinen gut. Bei dem Aufmarsch der Jugend am 1. Pfingstfeiertag steigerte sich die Stimmung noch erheblich und die Auffahrtsstraßen wurden bereits bei Beginn der Demonstrationen von vielen Einwohnern umsäumt. Die meisten sprachen sich anerkennend über die Demonstration aus. Sie waren teilweise begeistert von dem farbenprächtigen Bild sowie auch von dem Gesang, der Musik und dem disziplinierten Verhalten der Demonstrierenden. Ein Arbeiter sagte hierzu: »Das ist doch wenigstens eine Demonstration und nicht so eine Hammelherde, wenn wir mit unseren Betrieben demonstrieren.«

Einige Passanten bedauerten, dass der Marx-Engels-Platz abgesperrt war, weil man von dort aus alles viel besser hätte übersehen können. Vor allen Dingen2 den Abflug der Friedenstauben. Vereinzelt wurden auch abfällige Äußerungen gemacht, wie: »Die marschieren schon wieder« oder »Ohne Marschieren geht es bei denen nicht«.

Im Allgemeinen kann festgestellt werden, dass die Darbietungen der Kulturgruppen überall mit großer Begeisterung aufgenommen wurden und eine rege Beteiligung von Jugendlichen und der Berliner Bevölkerung zu verzeichnen ist. Besondere Zwischenfälle waren nicht zu verzeichnen.

Der überwiegende Teil der Jugendfreunde hat sich lobend über die Verpflegung ausgesprochen. Vereinzelt fehlt es an Transportmitteln, wodurch die Essenauslieferung verzögert wird. Dadurch tritt Verärgerung unter den Jugendlichen auf. Von dem Bezirksbüro Halle wird dazu berichtet, dass für die Kreise Weißenfels, Merseburg, Saalkreis, Sangerhausen, Roßlau, Hettstedt, Zeitz, Eisleben und Wittenberg die Verpflegung verspätet angeliefert wurde. Die Warmverpflegung wurde z. B. in einigen Kreisen erst um 16.00 Uhr ausgeliefert. Ein Teil bekam keine Verpflegung. Im Kreis Hettstedt wurde festgestellt, dass aufgrund dieser Tatsachen sich einige Elemente an die Jugendlichen heranmachen und sie zum Mittagessen einladen wollen.

In den Marschblocks 337–339 (Saalkreis Halle) war am 5.6.1954 bis 16.00 Uhr die Warmverpflegung noch nicht ausgegeben. Dadurch litt die Stimmung der Jugendfreunde beträchtlich. In der Kulturgruppe zeigte sich die Tendenz, zum Kulturprogramm nicht aufzutreten und an der Demonstration nicht teilzunehmen.

Ein Jugendlicher aus der Kreisdelegation Zeitz berichtet Folgendes: Die Verpflegung der Verpflegungsstelle 115 ist bis jetzt stets mit ein bis zwei Stunden verspätet angekommen. Viele Freunde sind der Meinung, wenn das mit der Verpflegung so weitergeht, haben sie kein Interesse am Deutschlandtreffen und sie würden lieber nach Hause fahren. Ein Wagen für die Warmverpflegung ist am 4.5.1954 überhaupt nicht dagewesen. Am 5.6.1954 ist er sehr spät angekommen.

Wie uns von einem Jugendfreund der Kreisdelegation Eisleben mitgeteilt wurde, klappt die Ausgabe der Verpflegung überhaupt nicht. Hier ist die Meinung der Jugendfreunde, dass man die Verpflegung für früh und abends zusammen ausgeben soll.

Aus den vorliegenden Berichten ist weiterhin ersichtlich, dass FDJler nach Westberlin nur in verhältnismäßig geringer Anzahl gegangen sind. So sind z. B. bis zum 5.6.1954 abends vom Bezirk Suhl 19 Jugendliche, von der Wismut3 32 Jugendliche in den Westsektoren gewesen. Drei Jugendliche von der Kreisdelegation aus dem Saalkreis gaben an, dass sie in Westberlin Nicki-Hemden4 und andere Sachen einkaufen wollten. Ein Jugendlicher davon war von seinen Arbeitskollegen beauftragt worden, ein Lederpflegemittel aus Westberlin zu besorgen. Ein anderer Jugendlicher aus Halle wollte seine Tante in Westberlin besuchen. Drei Jugendliche haben ihn dabei begleitet. Ein Jugendlicher vom Maschinenapparate-Bau Halle war in Westberlin, weil dort »die Sachen billiger« seien und er seinen Eltern eine Freude bereiten wollte.

Zu der Absicht einiger Teilnehmer des II. Deutschlandtreffens, bei dieser Gelegenheit den Westsektor aufzusuchen, wird berichtet, dass diese ihr Vorhaben wegen der Absicherung wieder aufgegeben haben, wie folgende Beispiele zeigen: »Wenn ich auch bis zum letzten Augenblick geglaubt habe, dass sich irgendetwas drehen ließe, um Pfingsten nach dem Westsektor zu kommen, so ist dies etwas zu optimistisch gewesen. Heute sind wir schon eingeteilt, wann und wo wir marschieren, sogar die Marschreihe ist festgelegt, in welcher Nummer ich marschieren muss.«

Eine jugendliche Teilnehmerin äußert sich dazu wie folgt: »Die Grenzen sind ja so bewacht und ich bringe mich doch nicht ins Zuchthaus. So etwas hat man noch nicht gesehen, wie das bewacht ist und ich muss doch an mein Kind denken. Heute haben sie vier geschnappt beim Rübergehen. Nein, ich mache mich nicht unglücklich, zumal ich in der Partei bin.«

Aus Westberlin wird hierzu berichtet, dass bereits einige Kontaktstellen geschlossen wurden, weil sie nicht beansprucht wurden. Die Auskunftsstelle der FDJler am S-Bahnhof Steglitz wurde am 6.6.1954 von niemanden aufgesucht. Vor dem Zelt war ein Müllkasten aufgestellt, in den Zeitungen und Zeitschriften aus dem Demokratischen Sektor hineingeworfen wurden. Nachmittags erschien bei der Auskunftsstelle ein Reporter mit einem Filmapparat und drehte folgende Szene: Einer der jungen Männer nahm eine »Tägliche Rundschau« aus dem Müllkasten und warf dann dieselbe wieder in den Kasten hinein. Anschließend stellten sich die anwesenden Männer zu einer Gruppenaufnahme in Position, sodass das Bild den Eindruck erweckte, als wenn Jugendliche das Zelt als Auskunftssuchende aufgesucht hätten.

An der Schillingbrücke auf westlicher Seite hatte man am 6.6.1954 Bananen angefahren, da sich aber außer einigen Kindern niemand weiter aufhielt wurde der Stand wieder abgebrochen.

Am 5.6.1954 wurde in den Nachmittagsstunden beobachtet, dass laufend Teilnehmer des Deutschlandtreffens in das Kreisgebiet von Königs Wusterhausen kamen. Es handelte sich um Gruppen mit 30 bis 40 FDJlern im Alter zwischen 14 und 20 Jahren. Auf die Frage, warum sie nicht in Berlin blieben, antworteten sie, dass sie keine Veranstaltungskarten und außerdem Urlaub bis 20.00 Uhr erhalten hätten. Weiter wurde festgestellt, dass ein Teil der FDJler in Richtung Cottbus mit der Fernbahn gefahren ist.

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

Am 6.6.1954 wurden in den meisten Bezirken des demokratischen Sektors von Berlin große Mengen Flugblätter mittels Ballons, Raketen oder Flugzeugen verbreitet. Es handelt sich dabei um die bereits gestern gemeldeten Flugblätter, die gegen das II. Deutschlandtreffen gerichtet sind.

Potsdam: Ostbüro der SPD5 4 000, KgU6 2 000, NTS7 54 und 49 gefälschte VP-Zeitungen.

Karl-Marx-Stadt: 740 Flugblätter in tschechischer Schrift.

Aus Berlin wird uns berichtet, dass in fast allen S-Bahnzügen Hetzmaterial, vorwiegend gefälschte »Volkspolizei«, »Junge Generation« und die Broschüre »Helfer des Agitators« aufgefunden wurden. Weiterhin wurde festgestellt, dass auf dem S-Bahnhof Stalinallee und an weiteren Stellen des demokratischen Sektors die gefälschte Zeitschrift »Volkspolizei« verteilt wurde.

Antidemokratische Handlungen

Im Bezirk Potsdam wurden vereinzelt Transparente und Fahnen zum II. Deutschlandtreffen beschädigt bzw. heruntergerissen.

Der 1. FDJ-Sekretär beim Rat des Kreises Wittstock kam gestern gegen 13.00 Uhr von Berlin nach Wittstock zurück, weil er einen Anruf bekommen hatte, wobei sich der Teilnehmer als Genosse Sperling8 von der Abteilung Land- und Forst Potsdam ausgab und erklärte, dass der 1. Sekretär des Rates des Kreises Wittstock sofort nach Wittstock fahren solle. Die Ermittlungen ergaben, dass der Anruf niemals vom Genossen Sperling erfolgte. Der 1. Sekretär war politischer Leiter einer 50er-Gruppe und begab sich um 14.00 Uhr wieder nach Berlin.

Auf dem Marx-Engels-Platz werden Selter in Flaschen an verschiedenen Ständen verkauft. Diese Selter kamen von der Schultheiß-Brauerei. Auf den Schildern dieser Flaschen befinden sich Hakenkreuze.

Am 4.6.1954, 18.00 Uhr, fuhr ein Kleinbahnzug in Demerthin,9 [Bezirk] Neubrandenburg, auf eine große Schwellenschraube. Der Lok-Führer merkte die Schraube rechtzeitig, sodass kein Schaden entstand.

In den letzten zwei Tagen macht sich bemerkbar, dass Jugendliche, vorwiegend im Alter von 15 bis 17 Jahren, durch »Ordner« am Bahnhof Friedrichstraße FDJ-Dokumente, Teilnehmerkarten und DPA abgenommen werden. Diese »Ordner« greifen sich jüngere Freunde und lassen sich alle Papiere geben und verschwinden damit.

Nur ganz vereinzelt wurden Fälle gemeldet, wo man FDJler im demokratischen Sektor von Berlin ansprach und versuchte, sie nach Westberlin zu locken. So wurden z. B. zwei Jugendfreunde aus den Buna-Werken in einer Gaststätte an der Warschauer Brücke von einer Person mit einem SED-Parteiabzeichen angesprochen und aufgefordert, nach Westberlin zu kommen. Als man ihm deswegen nach seinem Parteidokument fragte, verließ er das Lokal. (Er wurde festgenommen.)

Vermutliche Feindtätigkeit

Von der Reichsbahndirektion Greifswald, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde versprochen, für den Abtransport der Teilnehmer für das II. Deutschlandtreffen elf Wagen anzuhängen. Jedoch wurden nur zwei Wagen zusätzlich an die Züge angehängt. Dadurch entstand beim Einsteigen ein großes Durcheinander.

Der Leiter des Fanfarenzuges aus Halle beeinflusste die Mitglieder des Fanfarenzuges dahingehend, dass sie sich weiße Nicki-Hemden10 in Westberlin kaufen sollen.11

Am 5.6.1954, gegen 10.00 Uhr brannte ein Dachstuhl in der Warschauer Straße, wo die Kreisdelegation Aschersleben untergebracht ist.

Stimmung aus Westberlin zum II. Deutschlandtreffen

Teilweise diskutierten die Westberliner negativ über das Pfingsttreffen. Den Meinungen einiger Westberliner Arbeiter und Jugendlicher nach zu urteilen, erwartet man in Westberlin wieder dieselbe Anzahl Teilnehmer des Deutschlandtreffens wie im Jahre 195012 und machte sich Kopfschmerzen darüber, wie man die vielen Besucher unterbringen wird. Ein Jugendlicher aus Berlin-Schöneberg sagte hierzu: »1950 zu Pfingsten konnten wir kaum alle unterbringen.«

Ein Arbeiter aus Berlin-Tempelhof meinte: »An den Pfingstfeiertagen werden wir nicht groß rauskommen. Im Ostsektor ist ja großer Rummel und da werden wir wohl wieder viel Besuch von den Friedenskämpfern haben. Sie wollen doch alle einmal das Agentennetz von Westberlin sehen.«

Ein Arbeiter aus Westberlin sprach vom »Missbrauch der Jugendlichen« und behauptete, »dass neulich wieder so viele 12- bis 14-Jährige mit Propagandamaterial rübergeschickt wurden, die dann randalieren sollten«.

Ein Arbeiter aus Westberlin machte folgende Äußerung: »Die Kommunisten befürchten, dass vom Westen Hetzpropagandablätter rübergebracht werden und somit das Treffen der FDJ gestört wird. Wir Westberliner sind froh, wenn wir das Pfingstfest in Ruhe und Frieden verleben können. Es ist eine Schande, dass Männer und Frauen sich so einem Staat hingeben, von dem sie später wie heute nichts haben als die Ausnutzung als Sklavenarbeiter.«

Eine Kaufmannsfrau aus Berlin-Neukölln sagte: »Was wollen eigentlich die FDJler hier bei uns, die haben mehr wie wir und sehen wohl fett genug aus. Ich Spenden? Von was denn? Ich habe wegen so schlechten Geschäftsgangs kein Geld, dass mir die Steuern, die ich nicht mehr bezahlen kann, die Luft abschneiden. Meinen Laden muss ich bald dichtmachen und dann? Dann lebe ich von der Wohlfahrt. Viele Mütter kommen zu mir und lassen anschreiben, ½ l Milch, weil es an Geld fehlt.«

Zur Demonstration am 6.6.1954 wird gemeldet, dass 420 000 FDJler, darunter 10 000 aus Westdeutschland, an der Tribüne vorbeimarschierten.

Anlage 1 vom 6. Juni 1954 zum Informationsdienst Nr. 2228

II. Deutschlandtreffen

Negative Stimmungen größeren Umfanges wurden nicht bekannt. In Einzelfällen diskutierten FDJler negativ über die geforderte Disziplin. Das war z. B. bei zwei Jugendfreunden aus dem Bezirk Halle der Fall, die mit dem Ausgang in 10er-Gruppen und der begrenzten Ausgangszeit nicht einverstanden waren. Außerdem sprachen sie auch herablassend über die KVP.

Aus dem Bezirksbüro Suhl wird gemeldet, dass die Stimmung gut ist. Die Disziplin lässt jedoch noch viel zu wünschen übrig, z. B. kamen am 4.6.1954 10 Prozent der FDJler erst nach 24.00 Uhr. Die Jugendfreunde des Wasunger Karnevals forderten, dass ihnen der Omnibus laufend zur Verfügung steht. Infolge der mangelhaften Versorgung mit Kaffee und Tee nehmen die Jugendlichen viel Bier und andere alkoholische Getränke zu sich.

Besuche von Teilnehmern am II. Deutschlandtreffen in den Westsektoren finden nur in geringem Umfange statt. Dazu wurden folgende Diskussionen bekannt:

Zwei Jugendfreunde aus Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, welche am 4.6.1954 abends im Westsektor gewesen sind und sich für ca. 8,00 DM Schundliteratur kauften, sagten bei einer Aussprache: »Als wir am 4.6.1954 nachmittags ins Kino gehen wollten (demokratischer Sektor), sprach uns ein Mann an, der zu uns sagte, geht doch mal nach Westberlin rüber,13 da ist was los und da bekommt man was zu sehen. Daraufhin gingen wir beide in den Westsektor (Gesundbrunnen – Wochenmarkt) und kauften uns die Bücher, nur um sie allein zu lesen. Daraufhin fragte uns ein Stummpolizist,14 ob wir Hunger hätten, dann könnten wir zur Zingster Straße 1 gehen, da würden wir etwas zu essen bekommen. Da gingen wir schnell in den Ostsektor zurück.« Das Sekretariat beschloss, die Freunde unter ständiger Beobachtung beim Deutschlandtreffen zu belassen.

In den Vormittagsstunden des 5.6.1954 wurde auf dem S-Bahnhof Potsdam eine große Anzahl von FDJlern festgestellt, welche mit der S-Bahn vom Bahnhof Friedrichstraße durch den Westsektor gekommen waren, um sich Potsdam anzusehen. Die FDJler waren aus dem Bezirk Dresden.

Im Laufe des 6.6.1954 weigerten sich FDJler, auf dem S-Bahnhof Friedrichstraße den Zug zu verlassen. Es wurden Maßnahmen einer besseren Kontrolle ergriffen.

Organisationsfragen

Ein großer Teil [der] Jugendfreunde ist im Besitz von Fahrkarten, die nur bis zum 6.6.1954 Gültigkeit haben, obgleich die Jugendfreunde erst am 9.6.1954 nach Hause fahren. Bei einem großen Teil handelt es sich um Westdeutsche. Das BDVP ergreift weitere Maßnahmen.

Das B.D.V.P. [sic!]

Im Bereich des Bezirksbüros Suhl wurde die Warmverpflegung mit 2-stündiger Verspätung am 5.6.1954 ausgegeben. Das Sanitätspersonal des Bezirkes Suhl hat die Arznei im großen Maße ausgegeben und weiß jetzt nicht, wo es neue herbekommen soll.

Organisierte Feindtätigkeit

In den Vormittagsstunden des 6.6.1954 wurden über den meisten Bezirken des demokratischen Sektors Flugblätter mittels Ballons, Raketen oder Flugzeugen verbreitet. Meldungen liegen vor vom Nordbahnhof, Marx-Engels-Platz, Alexanderplatz, Stalinallee, Berlin-Mitte, Ostbahnhof, Friedrichshain. Es handelt sich dabei überwiegend um die bereits gestern gemeldeten Flugblätter mit dem Bild eines FDJlers »Auf ein Wort …« und gefälschte Teilnehmerkarten. Neu trat ein Flugblatt mit dem Bild eines Angehörigen der KVP15 »Kameraden in der sowjetischen Armee« und der Aufforderung »Bleibt deutsch« auf.

Als Ausgangspunkte der Flugblätter wurden bekannt – Schlesische und Köpenicker Straße im Westsektor (Abschuss von Ballons), Nordbahnhof Westsektor (aller fünf Minuten Abschuss von Ballons), Nähe Weißensee (Hochgehen von Ballons). Ein amerikanisches Flugzeug US 91 14 Abwurf von Flugblättern.

Im Bezirk Erfurt wurden sechs Flugblätter des SPD-Ostbüros und im Bezirk Neubrandenburg 1 000 »Freie Junge Welt«16 sichergestellt.

Provokationen: Im Bereich der VP-Inspektionen Lichtenberg, Pankow, Friedrichshain, Treptow wurden insgesamt neun Provokateure festgenommen, die teilweise im betrunkenem Zustand FDJler provozierten.

Agententätigkeit: In der Nacht vom 4.6.1954 zum 5.6.1954 trat im Quartier Berlin-Lichtenberg, Marie-Curie-Allee Nr. 9 ein Werber für die Fremdenlegion auf, der drei Jugendfreunde zum Eintritt überreden wollte.

In der Nacht zum 5.6.1954 erschienen im Quartier Berlin-Lichtenberg, Marie-Curie-Allee 64 zwei Jugendliche in FDJ-Kleidung, gaben sich als Funktionäre aus und ordneten an, dass die dort einquartierten Jugendfreunde sofort ein anderes Quartier aufsuchen müssten.

In mehreren Fällen wurde über Personen berichtet, die die Jugendlichen aufforderten, den Westsektor aufzusuchen.

Vermutliche Feindtätigkeit

Durch den ZOV17 wird mitgeteilt, dass in einzelnen Fällen die getroffenen Vereinbarungen, dass die Züge erst auf ein Zeichen des ZOV abfahren, durch das S-Bahn-Personal nicht eingehalten werden. So musste im Laufe des 5.6.1954 in mehreren Fällen durch Angehörige des ZOV, die sich noch in den Zügen befanden, die Notbremse gezogen werden.

Erkrankungen: Am 5.6.1954 kam es in der Zeit von 21.10 Uhr und 21.50 Uhr zu einer plötzlichen Erkrankung von insgesamt 19 FDJlern und Jungen Pionieren bei einer Veranstaltung einer Kulturgruppe des Bezirkes Schwerin in Berlin-Pankow. Die Freunde brachen plötzlich während ihrer Darbietungen zusammen. Zwei Ärzte stellten Kreislaufstörungen als vorläufige Diagnose auf. Vier Erkrankte wurden in das Städtische Krankenhaus Berlin-Buch eingeliefert, während die anderen in ihren Quartieren verblieben.

Gefälschte Briefe: An Bürgermeister von Salzkoth, Kreis Aschersleben,18 [Bezirk] Halle, mit der Aufforderung, eine Geld- und Lebensmittelsammlung für das II. Deutschlandtreffen durchzuführen. An die Molkerei Schönebeck,19 [Bezirk] Frankfurt/Oder, mit der Anweisung, 500 kg Frischmilch an die Pionierrepublik »Ernst Thälmann«20 zu senden.

Hetzbriefe: An drei LPG im Bezirk Halle wurden Hetzbriefe des »Mitteldeutschen Streikkomitees« (KgU) mit Streikaufforderungen zum 17.6.1954 gesandt. Näherer Inhalt noch nicht bekannt.

Nachtrag zur Vermutlichen Feindtätigkeit: Am 5.6.1954 brach bei Gebersdorf, Kreis Luckau, [Bezirk] Cottbus, ein Waldbrand aus, wobei insgesamt ca. 25 ha Hochwald und Schonung vernichtet wurden. Schaden ca. 10 000 DM.

Am 6.6.1954, gegen 13.00 Uhr explodierten im Braunkohlenwerk »John Schehr« Cottbus21 zwei Ölbehälter. Ursache noch nicht bekannt.

Westberlin

Über die Besuche von FDJlern in Westberlin wird bekannt: An den Sektorengrenzen sind in Westberlin Jugendliche mit weißen Armbinden »Freie Junge Welt« als Lotsen eingesetzt. Eintreffende FDJler werden angesprochen und teilweise mit einem Kombi-Wagen in die Nähe des Bahnhofs Zoo gefahren. Ununterbrochen werden Hetzblätter verteilt und Fragen von FDJlern beantwortet. Es wurde ein amerikanischer Pkw beobachtet, der in englischer Sprache über den Sprechfunk Lageberichte an amerikanische Dienststellen gibt. Von diesem Pkw aus, werden auf [sic!] die »Lotsen« dirigiert. In einem Fall stieg ein Zivilist aus und machte den dort tätigen Lotsen Vorhaltungen, dass sie mit mehr Freundlichkeit und Versprechungen auf die FDJler einreden sollen.

Auf dem Bahnhof Gesundbrunnen wurden folgende Fälschungen verteilt: »Das Magazin«,22 »Die Junge Generation«,23 »Die Volkspolizei«24 und der »Junge Agitator«,25 jeweils in den bei uns bekannten Umschlägen, als Tarnung.

Bei der KgU in Berlin-Wannsee, Ernst-Ring-Straße werden laufend mit Lkw Materialien an- und abgefahren, vermutlich Hetzschriften.

Auf dem Flugplatz Tempelhof stehen zwei amerikanische Takoda-Maschinen26 zum Abtransport von »Flüchtlingen« bereit.

Aus dem Lager Marienfelde27 werden alle älteren Leute abtransportiert und die Zahl der dort befindlichen Jugendlichen ständig erhöht. Ob es sich hierbei um FDJler handelt, ist nicht bekannt.

Entlang der Sektorengrenze ergehen durch Lautsprecherwagen ständig Aufforderungen an die FDJler, in den Westsektor zu kommen.

Der DGB forderte am 6.6.1954 durch Lautsprecherwagen zu einer Kinoveranstaltung im Filmtheater »Berolina« auf. Die Veranstaltung wurde von ca. 100 Jugendlichen besucht (zu 1/5 besetzt), davon ca. 25 Prozent Teilnehmer des 2. Deutschlandtreffens.

Aus Diskussionen mit FDJlern im Westsektor wird bekannt, dass die Mehrzahl bürgerlicher Herkunft sind und teilweise von ihren Eltern den Rat erhielten, in Westberlin auf den Auffangstellen anzugeben, dass sie Gegner der DDR sind. Es handelt sich hier offensichtlich um »Rückversicherer«.28 Teilweise waren sie bereits mit Westsachen bekleidet. Ein geringerer Teil Jugendlicher mit proletarischer Herkunft traten als Prahlhälse auf, da sie den Staatsorganen ein Schnippchen geschlagen hätten.

Anlage 2 vom 6. Juni 1954 zum Informationsdienst Nr. 2228

Anhang: Hetze gegen das II. Deutschlandtreffen

Hauptinhalt der Hetze der Westpresse und der Westsender gegen das Deutschlandtreffen sind gegenwärtig:

  • Sicherungsmaßnahmen an der Sektorengrenze,

  • Warnung vor »Spitzeln« in den Marschblocks,

  • Forderung nach »freien Jugendverbänden«,

  • Meldungen über Besuche von FDJlern in Westberlin mit Stadtfahrten, Diskussionen, Filmvorführungen,29

  • Diskussionen in der Redaktion der »Freien Jungen Welt«, die angeblich von einer Gruppe ehemaliger FDJ-Funktionäre regiert und geleitet wird.

Westliche Tagespresse vom 6.6.1954:

»Die Neue Zeitung«30 berichtet über angebliches, »organisatorisches Chaos« beim Deutschlandtreffen. Sie hetzt weiterhin, dass Teilnehmer der III. Weltfestspiele31 »aus Angst vor eventuellem Wiederaufsuchen der Westsektoren« zum II. Deutschlandtreffen nicht zugelassen wurden.

Die in westlichen Zeitungen gemeldeten Unglücksfälle von FDJlern (Unfall eines Lkw mit 80 FDJlern und Niederschießen eines FDJlers durch Volkspolizisten) entsprechen nicht den Tatsachen.32

Anlage 3 vom 6. Juni 1954 zum Informationsdienst Nr. 2228

Anhang: Aufsuchen der Westsektoren

Bisher wurden folgende Besuche der Westsektoren durch Teilnehmer des II. Deutschlandtreffens bekannt, die überwiegend unter 20 Jahre alt sind: (Bericht der BDVP)

insgesamt – 168, davon aus nachstehenden Bezirken und Kreisen:

  • 1.

    Leipzig – 30, davon 9 Leipzig, 11 Borna, 4 Döbeln, 2 Delitzsch, 4 Altenburg.

  • 2.

    Dresden – 19, davon 3 Bischofswerda, 4 Görlitz, 3 Freital, 2 Dresden, 1 Pirna, 1 Löbau, 1 Großenhain, 2 Dippoldiswalde, 2 unbekannt.

  • 3.

    Halle – 23, davon 1 Dessau, 8 Halle, 2 Wittenberg, 8 Mansfeld Kombinat,33 1 Leuna,34 1 Eisleben, 1 Quedlinburg, 1 unbekannt.

  • 4.

    Rostock – 8, davon 3 Rostock, 2 Bergen, 2 Greifswald, 1 unbekannt.

  • 5.

    Karl-Marx-Stadt – 13, davon 4 Karl-Marx-Stadt, 2 Oberschlema,35 1 Oelsnitz, 5 Werdau, 1 unbekannt.

  • 6.

    Magdeburg – 19, davon 5 Halberstadt, 3 Magdeburg, 2 Haldensleben, 2 Oschersleben, 1 Seehaus,36 2 Frese,37 4 unbekannt.

  • 7.

    Potsdam – 12, davon 2 Rathenow, 2 Wittstock, 1 Zossen, 4 Kyritz, 3 Gransee.

  • 8.

    Neubrandenburg – 8, davon 4 Demmin, 1 Malchin, 1 Altentreptow,38 1 Waren, 1 Sebnitz.39

  • 9.

    Schwerin – 8, davon 2 Parchim, 1 Sternberg, 5 Lübs.

  • 10.

    Cottbus – 8, davon 4 Cottbus, 1 Herzberg, 3 Forst.

  • 11.

    Suhl – 3, davon 1 Sonneberg, 2 Suhl.

  • 12.

    Erfurt – 7, davon 2 Erfurt, 3 Apolda, 2 Großenbehringen.40

  • 13.

    Wismut – 4, davon 2 Aue, 2 Auerbach.

  • 14.

    Gera – 2, davon 2 unbekannt.

  • 15.

    Berlin – 2, davon 1 Mitte, 1 Friedrichshain.

  • 16.

    Org.-komitee – 2, davon 2 Erfurt.

Anlage 4 vom 6. Juni 1954 zum Informationsdienst Nr. 2228

Anhang: Vorbereitungen der Westzentralen41 zum 17. Juni 1954

1. Hetzschriften der KgU an Bürger der DDR

Mit dem Siegel der DDR und Unterschrift »Streikkomitee Mitteldeutschland« unterstempelte Schreiben versendet die KgU an Bürger der DDR. Darin werden die Arbeiter gewarnt, sich »nicht zu unüberlegten Handlungen« hinreißen zu lassen. Darin heißt es: »Wir gehen nur dann geschlossen erneut zu aktiven Handlungen über, wenn Erfolgsaussichten bestehen, das Joch der Unterdrücker endgültig abzuschütteln.«

Die wirtschaftliche Situation wird als »immer katastrophaler« werdend bezeichnet und über »Unrentabilität« der VEB, »Störungen in der Versorgung« berichtet. Danach werden die Forderungen aufgestellt: »Rücktritt der Regierung«, »Freilassung politischer Gefangener«, »Freie Wahlen unter Zulassung der westdeutschen Parteien, einschließlich der KPD«(!).

Wenn die Forderungen nicht erfüllt werden, droht man mit »Kleinkrieg, wie in der ČSR, Polen und Rumänien«.

Partei und Verwaltungsfunktionäre werden aufgefordert, innerhalb ihrer Stellung, »den Kampf anonym als Einzelgänger« zu unterstützen unter der Losung »Deckung geht vor Schussfeld«.

2. Sondernummer der »Tarantel« zum 17.6.42

Mit Verleumdung des Neuen Kurses,43 der SED, Regierung d. DDR und SU; Verleumdung und Hetze gegen unsere führenden Genossen.

3. Meldung des RIAS vom 4.6.1954

Der DGB beabsichtigt, am 17. Juni 1954 in vier Städten längs der Zonengrenze »Gedenkkundgebungen« zu veranstalten.

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    8. Juni 1954
    Informationsdienst Nr. 2229 zur Beurteilung der Situation

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    7. Juni 1954
    Analyse für die Zeit vom 15. bis 31. Mai 1954 [Nr. 10/54]