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Zur Beurteilung der Situation

6. September 1954
Informationsdienst Nr. 2306 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Über politische Tagesfragen wird unter den Werktätigen wenig gesprochen. Bei diesen wenigen Diskussionen steht die Ablehnung des EVG-Vertrages durch die Nationalversammlung in Frankreich im Mittelpunkt.1 Meist äußern sich Arbeiter, weniger Angestellte. Der überwiegende Teil der Diskussionen ist positiv. Darin bringt man zum Ausdruck, dass dies ein gewaltiger Sieg der Friedenskräfte ist. Teilweise bringt man die Ablehnung des EVG-Vertrages in Zusammenhang mit den Volkskammerwahlen,2 indem man alle Kraft für den Sieg der Kandidaten der Nationalen Front3 einsetzen will.

Drei Arbeiter des VEB Bürstenkombinats in Schönheide, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Mit großer Freude haben wir von dem Scheitern der EVG in Frankreich Kenntnis genommen. Das ist ein neuer großer Sieg des Weltfriedenslagers.« Weiter sagten sie, dass4 »die Arbeiter bei uns in der DDR nicht mehr für Vergünstigungen zu kämpfen brauchen und deshalb zum Teil im Kampf um die Einheit Deutschlands einschlafen, da bei ihnen alles für eine Selbstverständlichkeit hingenommen wird.«

Ein Lehrausbilder im VEB Kraftfahrzeugwerk Ernst Gube Werdau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Der Erfolg der französischen Patrioten in der EVG-Debatte war ein großer Sieg des Weltfriedenslagers. Die EVG starb, ehe sie in Kraft trat und das ist für uns ein klares Zeichen, dass die Dulles5 und Adenauer6 ausgespielt haben und nur noch durch Terror ihre Zeit verlängern wollen. Für uns deutsche Patrioten7 heißt es nun, alle Kraft für den Sieg der Kandidaten der Nationalen Front bei den Volkswahlen einzusetzen und für die Einheit unsers Vaterlandes zu kämpfen.«

Ein Arbeiter aus dem Kali-Werk Schierstedt, [Bezirk] Halle: »Wir sind jetzt erst zu der Einsicht gekommen, wenn das ganze Volk diesen Vertrag ablehnt, dass dann die Regierung nichts machen kann. Bisher waren wir der Meinung, dass sich da nichts machen lässt, dass sich das Volk dagegen auflehnen kann, jedoch die Regierung macht was sie will.«

Ein Lehrer der Betriebsberufsschule des VEB Baumwollspinnerei Riesa, [Bezirk] Dresden: »So, wie die französischen Patrioten, müssen auch wir handeln. Um zu siegen, müssen wir uns im Kampf um die Erreichung der Einheit unseres Vaterlandes und des Friedens vereinigen. Deshalb begrüße ich auch die gemeinsame Aufstellung der Kandidatenliste zur Volkswahl am 17.10.1954.«

Nur vereinzelt diskutiert man negativ zur Ablehnung des EVG-Vertrages. Ein Arbeiter (parteilos) aus dem VEB Guss Frankenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Was geht denn uns als Deutsche überhaupt an, ob Frankreich den EVG-Vertrag abgelehnt hat oder nicht. Uns kann das doch schließlich gleichgültig sein.« Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Walzengießerei Coswig, [Bezirk] Dresden: »Indem Frankreich den EVG-Vertrag nicht angenommen hat, beging es einen großen Fehler, denn es kann der Untergang für Frankreich sein. Amerika wird Frankreich die Kolonien und damit gleichzeitig die Existenzmöglichkeiten wegnehmen und es dann überfallen.«

Zur Volkswahl wird wenig diskutiert. Teilweise übernimmt man in volkseigenen Betrieben Verpflichtungen. In Diskussionen lehnt man verschiedentlich die einheitliche Kandidatenliste der Nationalen Front ab und fordert Parteiwahlen.

Die Kumpel im Braunkohlenwerk »Alfred Scholz«, [Bezirk] Cottbus, verpflichteten sich, zusätzlich 4 000 t Briketts zu produzieren. Die Brigade vom Bagger 15 des Braunkohlenwerkes »Franz Mehring« verpflichtete sich, bis zu den Volkswahlen täglich 6 000 t Rohkohle zu fördern.

Ein Arbeiter aus dem Gaswerk in Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich bin für getrennte Listenwahlen, wie wir sie von früher her gewohnt sind. Das ist demokratischer und übersichtlicher. Viele meiner Kollegen sind derselben Meinung wie ich.«

Eine Arbeiterin aus dem VEB Feinstumpfwerk Oberlungwitz: »Warum wählen wir eigentlich nicht die Parteien? So war es früher und so müsste es auch an und für sich heute sein. Meiner Ansicht nach ist das bei uns keine richtige Wahl, da war es im Westen eher eine.«8

Nur selten diskutiert man noch über den Schritt Schmidt-Wittmacks (CDU-Bundestagsabgeordneter),9 meist positiv. Im Vordergrund der Diskussionen der Werktätigen stehen wirtschaftliche und betriebliche Fragen.

Im VEB Woll- und Seidenweberei Elsterberg, [Bezirk] Gera, diskutieren die Arbeiter über die Herabsetzung der Rückvergütung der Konsumgenossenschaft und sind darüber verärgert.10 Ein Arbeiter äußerte: »Beim Aufbau der Konsumgenossenschaft nach dem Zusammenbruch wurde eine 4-prozentige Rückvergütung ausgeschüttet. Im Jahre 1953 wurde diese auf 2,5 Prozent und in diesem Jahr auf 1,6 Prozent herabgesetzt.«

Im VEB Blechmaschinenwerk Schleiz, [Bezirk] Gera, diskutieren die Arbeiter folgendermaßen: »Die Verhältnisse in diesem Betrieb sind schlechter als früher beim kapitalistischen Staat.« Ursache dafür ist, dass nach erfolgter Zusammenlegung der Werke I und III die Arbeiter in niedrige Lohnstufen eingesetzt wurden, sodass die Löhne, sogar bei einem Stundenlohn [von] 20 bis 30 Pf., herabgesetzt wurden.

Im VEB Bau Dresden ist eine starke Abwanderung von Bauhilfsarbeitern in die Leichtindustrie zu verzeichnen. Der Grund dafür ist, dass dort höhere Löhne bezahlt werden und die Arbeitsbedingungen leichter sind. Die Abwanderung wirkt sich dahingehend aus, dass die Bautermine nicht eingehalten werden können und die Baukosten sich erhöhen, da die Arbeiten der Bauhilfsarbeiter von den Fachkräften mit erledigt werden müssen.

Im VEB Dental Berlin-Treptow herrscht unter den Arbeitern Verärgerung, die sich dahingehend auswirkt, dass die Arbeiter sich weigern, einen Wettbewerb durchzuführen und die Erhöhung des Produktionsplanes für 1955 ablehnen. Grund dieser schlechten Stimmung ist, dass dieser Betrieb, da er direkt an der Sektorengrenze liegt, Schwierigkeiten in der Anlieferung von Material hat. Weiter werden aufgrund dieser Verhältnisse keine Investmittel für diesen Betrieb bereitgestellt, sodass man keine Möglichkeit schaffen kann, wo die Kollegen ihre Mahlzeiten einnehmen. Bereits im vorigen Jahr sollte die Umzugsfrage gelöst werden, ist aber heute immer noch nicht entschieden.

Produktionsschwierigkeiten bestehen in einigen Betrieben wegen Material- und Arbeitskräftemangel.

Im VEB Eisengießerei Frankenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fehlt es an Formerstiften sowie an Koks. Wenn in nächster Zeit keine größeren Lieferungen eingehen, ist mit ernsthaften Produktionsstörungen zu rechnen.

Der Privatfirma Hartwig in Güstrow,11 [Bezirk] Schwerin, fehlt es an Stahldraht zur Herstellung von Bettfedern, Matratzen und Stahlpolsterfedern.

In der Peene-Werft [Wolgast, Bezirk] Rostock, fehlen immer noch Produktionsgrundarbeiter. Dadurch wird der Produktionsplan nicht erfüllt werden können.

Produktionsstörungen

Im VEB Kaliwerk »Ernst Thälmann«, [Bezirk] Suhl, trat am 3.9.1954 eine Störung durch das Reißen des 68 m langen Förderbandes ein. Ursache und Produktionsausfall noch nicht bekannt.

Am 3.9.1954 ist im VEB Glaswerk Friedrichshain, [Bezirk] Cottbus, ein schon veralteter Luftkompressor auseinandergerissen. Schaden: DM 1 500.

Am 3.9.[1954] um 12.50 Uhr entstand im Kühlturm des Kraftwerkes Trattendorf, [Bezirk] Cottbus, ein Feuer. Ursache: Das sich im Kühlturm 3 befindliche Holzgerippe, welches zur Kühlung von Wasser vorgesehen ist, geriet in Brand.

Das Dampf- und Heißwasserrohrleitungsnetz des VEB Sedima Berlin-Friedrichsfelde12 ist in einem derart schlechten Zustand, dass es eine Gefahrenquelle für die Beschäftigten darstellt. Seit April dieses Jahres ist den zuständigen Stellen diese Angelegenheit bekannt. Nach dem Kostenvoranschlag werden 54 000 DM benötigt, um die Generalreparatur durchführen zu können. Alle Anträge des Betriebes zur Bewilligung des Geldes wurden mit der Begründung abgelehnt, dass keine Investmittel dazu vorhanden sind.

Handel und Versorgung

Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung bestehen in vielen Kreisen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt. Aufgrund dessen erteilte der Bezirksrat Anweisungen an die Kreisräte in einzelnen Gemeinden, Kartoffelrodeaktionen durchzuführen. Im Kreis Annaberg sollen 800 und im Kreis Schwarzenberg 2 000 Zentner gerodet werden. Die Funktionäre sind damit nicht einverstanden, da die Kartoffeln dort noch nicht ausgereift sind und dadurch nur ein geringer Ertrag zu verzeichnen ist.

HO-Fleisch, besonders Frischfleisch, mangelt in sämtlichen Kreisen des Bezirkes Leipzig. Dort kommt vorwiegend Gefrierfleisch aus Importen zum Verkauf, das von der Bevölkerung nur ungern gekauft wird. Der Bedarf auf Markenbasis ist gesichert, jedoch hier ebenfalls hauptsächlich mit Gefrierfleisch. Aus dem Kreis Gera kommen Klagen darüber, dass es an Sonnabenden nicht genügend Wurstsorten gibt.

Eier fehlen schon seit längerer Zeit in einigen Kreisen des Bezirkes Leipzig, weil die VEAB der Kreise Oschatz, Döbeln, Grimma und Altenburg Anweisung erhalten haben, sämtliche Eier nach Leipzig zu liefern.

Wegen dem Mangel an Gerste haben die Mühlenwerke in Weißenfels Schwierigkeiten. Die Graupenmühle dort z. B. steht schon seit [sechs]13 Tagen still, da Gerste zur Herstellung von Graupen fehlt. Dadurch können 350 t Graupen für die Bevölkerung nicht ausgeliefert werden.

Landwirtschaft

Diskussionen über politische Tagesfragen sind nach wie vor gering. Die Meinungen sind meist positiv und werden hauptsächlich von Funktionären der Partei und Mitgliedern der MTS und LPG zum Ausdruck gebracht. So sagte z. B. eine Genossenschaftsbäuerin aus der LPG Graitschen, Kreis Eisenberg, zur bevorstehenden Volkskammerwahl: »Es ist doch eine Tatsache, dass es durch unsere Regierung vorwärtsgeht und daher eine Selbstverständlichkeit, dass wir sie wiederwählen.«

Die negativen Äußerungen hierzu sind hauptsächlich bei den großbäuerlichen Elementen und den bürgerlichen Kreisen vorherrschend, die immer wieder Parteiwahlen fordern. Ein Bauer aus Folbern,14 Kreis Großenhain, [Bezirk] Dresden, erklärte: »Das mit der gemeinsamen Kandidatenliste ist ein abgekartetes Spiel.«

Ein Bauer aus Kollm, Kreis Niesky, äußerte: »Die ganze Wählerei hat doch keinen Zweck. Wie viele von diesen Herren sind doch schon nach dem Westen abgehauen. So eine Wahl kostet doch ein unheimliches Geld.« Ein anderer Bauer aus dem gleichen Ort: »Das ist doch keine richtige Wahl. Zu einer Wahl müsste es auch eine Gegenpartei und Gegenpropaganda geben. Heute gibt es nur eine Partei und das ist die Nationale Front.«

Über die Beteiligung an den Rechenschaftslegungen15 wurde festgestellt, dass sie im Bezirk Schwerin sehr unterschiedlich ist, wie aus den nachstehenden Teilnehmerzahlen ersichtlich ist. In Parchim z. B. nahmen an Versammlungen 350 Personen teil und in Güstrow nur drei und zwölf Personen.

Bei den Rechenschaftsberichten im Bezirk Schwerin wurde immer wieder der Bürokratismus der Verwaltung kritisiert. Die Genossenschaftsbauern der LPG Sonnkow16 z. B. beklagen sich, dass sie und die Einzelbauern von der VEAB noch keine Abschlussbescheinigungen für das abgelieferte Getreide erhalten haben.

Schwierigkeiten bei der Ernte gab es in den Kreisen Lübz und Sternberg, [Bezirk] Schwerin, durch die Ablehnung des Nachtdrusches.17 Als Begründung werden einmal das feuchte Getreide und zum anderen die Einsatzunfähigkeit bei Tage angegeben, die durch den Nachteinsatz hervorgerufen wird.

Durch die Überlastung der Trockenanlage auf dem VEG Brumby, [Bezirk] Magdeburg, besteht erhöhte Brandgefahr (73 Grad). Ebenso in anderen Orten, wie in Zarrenthin18 und Kuchelmiß,19 [Bezirk] Schwerin, wo es z. B. zu Bränden im Anfangsstadium gekommen ist. Desgleichen sind die Getreidelager im Bezirk Rostock überfüllt.20

Im Kreis Worbis ist durch die schlechte Arbeit der MTS Dingelstädt, [Bezirk] Erfurt, der Mähdrescher nicht ausgenutzt. Ebenso geschieht der Einsatz der Traktoristen von anderen MTS-Stationen im Bezirk Erfurt ohne Überlegung. So wurden sie z. B. in ein Dorf geschickt, wo das Getreide noch nicht reif war und mindestens noch zwei21 Tage dazu braucht.

Die Bauern der Gemeinde Morungen, [Bezirk] Halle, beklagen sich über die Wildschweinplage und sind der Meinung, dass sie dadurch das Ablieferungssoll nicht erfüllen können. Die versprochene Hilfe vom Rat des Kreises und der VP ist bis heute noch nicht erfolgt.22

In verschiedenen Kreisen des Bezirkes Halle macht sich wieder ein verstärktes Auftreten der Schweinepest bemerkbar. Die Bürgermeister und Abschnittsbevollmächtigten bekommen nicht immer zu erfahren, wenn Vieh verendet ist, weil die Bauern es nicht melden. Angeblich haben sie Angst, dass beim Auftauchen von Seuchen alle Schweine weggeholt werden, sie vergraben deshalb die verendeten Tiere auf ihren Feldern, was zur Verbreitung der Schweinepest führt. Ebenso die Tatsache, dass die zuständige Abdeckerei Eisenberg, [Bezirk] Halle,23 nicht immer gleich die verendeten Tiere abholt, sodass die Tiere tagelang, bis zu 14 Tage, bei den Bauern auf den Höfen liegen.24

Übrige Bevölkerung

Über politische Tagesfragen wird weiterhin verhältnismäßig wenig gesprochen, jedoch überwiegend positiv. In den positiven Äußerungen zur Leipziger Messe25 wird zum Ausdruck gebracht, dass die diesjährige Messe durch die starke Beteiligung der kapitalistischen Länder große Bedeutung für die Erweiterung des Ost-West-Handels hat. So sagte z. B. ein Ingenieur aus Leipzig: »Diesmal scheint die Messe wirklich zu einem Erfolg zu werden und sich günstig auf den Ost-West-Handel aus[zu]wirken. Auch England und Belgien stellen wieder aus und suchen den russischen und chinesischen Käufer in Leipzig.«

Eine Angestellte aus Leipzig: »Ich verspreche mir sehr viel von der Messe. Viele Staaten, die seit Kriegsbeginn nicht wieder in Leipzig waren, stellen wieder aus. Überall wird gebaut und die Ausstellungsflächen vergrößert, es wird bestimmt ein Erfolg für die DDR werden.«

Negative Äußerungen wurden nur vereinzelt festgestellt. Darin wird zum Ausdruck gebracht, dass zur Messe die Läden voller Waren sind, die es sonst nicht gibt, das wird nur gemacht, um den Ausländern etwas vorzutäuschen. Besonders negative bzw. feindliche Erscheinungen wurden bisher noch nicht bekannt. Zum Beispiel äußerte eine Hausfrau aus Leipzig: »Wir haben wieder mal Messe, da sieht so manches ganz anders aus. Seit einigen Tagen schwimmt Leipzig wieder einmal im Bohnenkaffee. Dies ist immer so zur Messe, damit will man den Ausländern Sand in die Augen streuen.«

Ein Arbeiter aus dem Metallgusswerk Leipzig: »Zur Messe wird wieder ein Haufen Reklame gemacht und bringen kann sie uns doch gar nichts, weil wir kein Material haben. Der Westen liefert doch ganz andere Sachen und stellt uns in den Schatten.«

In den positiven Stellungnahmen zur Ablehnung des EVG-Vertrages durch das französische Parlament wird hervorgehoben, dass der Kampf des französischen Volkes Vorbild sein müsste für alle Patrioten in Westdeutschland gegen die Kriegspolitik Adenauers. Dazu erklärte eine Hausfrau (DFD-Mitglied) aus Burkhardtsgrün, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es freut mich, dass die Vertreter des französischen Volkes den EVG-Vertrag abgelehnt haben. Ich bin der Meinung, wenn die westdeutsche Bevölkerung ebenso entschlossen gegen die EVG auftreten würde, dann dürften wir der Einheit unseres Vaterlandes ein Stück näher gerückt sein.«

Nur wenige äußern sich dazu negativ. Zum Beispiel sagte ein Intelligenzler aus Magdeburg: »Ach, das kann uns doch nicht viel stören, dann schließen wir uns eben dem Atlantikpakt an.26 Dann kommen wir vielleicht noch schneller zum Ziel und dann werden wir Frankreich schon was anderes erzählen.«

Bei den Diskussionen über die Volkswahl handelt es sich vorwiegend um die Aufstellung der gemeinsamen Kandidatenliste. Überwiegend wird dazu positiv Stellung genommen und es wird betont, dass die Erreichung unseres Zieles – die Herstellung der Einheit Deutschlands – nur durch vereinte Kraft möglich ist.

Negative Äußerungen sowie die Forderungen nach Parteiwahlen kommen nach wie vor hauptsächlich aus den Kreisen der bürgerlichen Parteien sowie von kleinbürgerlichen Elementen. Begründet wird die Forderung: »Da man nur dadurch die Stärke und den Einfluss der einzelnen Parteien erkennt.« Zum Beispiel äußerte ein LPG-Mitglied aus Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Man soll die LDP und alle anderen Parteien endlich einmal nach Listen wählen lassen, dann wird sich zeigen, welche Partei die Mehrheit erhält. In meinem Lokal verkehren auch Funktionäre der SED, welche dieselbe Meinung haben wie ich.«

Ein Angestellter (DBD) aus dem Kreis Brand-Erbisdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich bin der Meinung, dass man ruhig Parteiwahlen durchführen sollte, dadurch kann man einmal sehen, welche Partei sich gefestigt hat, man kann also die Kräfte messen. Aber so, bei der Aufstellung gemeinsamer Kandidatenlisten, wird nur von einer Partei gesprochen und die erhält auch die meisten Kandidaten.«

Ein Friseurmeister aus Dresden: »Nur eine rein bürgerliche Regierung kann Deutschland retten. Wir brauchen weder Adenauer noch Pieck,27 aber einen Mann, der aus dem Volke herausgewählt werden muss. Meiner Ansicht nach kommt diese Regierung, die nicht so krass ist wie die Nazi-Regierung, sich aber an diese anlehnt, genauso sicher wie in der Kirche.«

Auf der Kreisdelegiertenkonferenz der SPD Weißensee, Berlin, am 30.8.1954 wurde festgelegt, dass die acht Ostkreise geschlossen für eine Beteiligung an der Volkswahl mit selbstständiger Liste eintreten sollen.28 Der Landesverband in der Ziethenstraße29 soll veranlasst werden, Schritte für eine Beteiligung in dieser Form zu unternehmen.

Größeren Umfang haben die Diskussionen über wirtschaftliche Probleme, wie z. B. über örtliche Mängel in der Wohnraumfrage oder über Mängel in der Versorgung. In Stralsund fehlt es an Wohnraum für westdeutsche Ärzte, die für die Poliklinik dringend aufgrund des Ärztemangels benötigt werden. Der Leiter der Poliklinik will die Verantwortung nicht länger tragen, wenn keine Änderung geschieht.

Auf der Insel Usedom, [Bezirk] Rostock, wurden in letzter Zeit mehrere Stimmen gegen die Deutsch-Polnische Freundschaft bekannt. So sagte z. B. ein Fischer: »Es ist eine schlechte Freundschaft, wenn auf der Insel Usedom alle Menschen fast aufeinander liegen, weil nicht genügend Wohnraum vorhanden ist und in anderen Orten hinter der Grenze ganze Häuser leerstehen.«

Von der Bevölkerung des Kreises Gotha, [Bezirk] Erfurt, wird kritisiert, dass das hiesige Obst und Gemüse teurer verkauft wird als eingeführtes aus den Volksdemokratien.

Von den Sparkassen des Kreises Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, wurde mitgeteilt, dass verschiedentlich die Geldscheine einer neu herausgegebenen Serie (sind unten links mit einer kleinen Zahl versehen) nicht angenommen werden. Die Personen begründen es damit, dass es sich um Wismut-Toto-30 und Lotto-Gelder handeln würde (ist auf feindliche Gerüchte zurückzuführen).

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverteilung

SPD[-Ostbüro]:31 Karl-Marx-Stadt 3, Halle 4, Rostock 1, Leipzig 512, Dresden 24, Erfurt 4.

FDP[-Ostbüro]: Halle einige.

NTS:32 Halle einige, Rostock 6, Dresden 3, Neubrandenburg 18.

»Tribüne«:33 Schwerin 3 000.

»Deutsche in der Sowjetzone«: 6 500 in Karl-Marx-Stadt.34

Die Mehrzahl der Flugblätter wurde sichergestellt.

Antidemokratische Hetze: An der Saalebrücke in Saalfeld, [Bezirk] Gera, der Brücke der Freundschaft, wurden von bisher noch unbekannten Tätern mit roter Farbe drei Pfeile und die Beschriftung »UKPD« angebracht.

Diversionen: In Unterwellenborn, [Bezirk] Gera, wurde nachts aus dem Reifen eines Mähbinders die Luft herausgelassen und der Mähbinder mit Steinen verkeilt.

In Volkmannsdorf, [Bezirk] Gera, wurde einer Strohpresse die Bindevorrichtung zerschlagen.

In der Nacht vom 3.9. zum 4.9.[1954] sollte auf der Volkswerft Stralsund, [Bezirk] Rostock, ein Logger35 Standprobe laufen. Bei einer vorherigen Überprüfung der Leitungen wurde festgestellt, dass in der Saugleitung des Ölumlauftankes ein Holzpfropfen fest eingetrieben war. (Ermittlungen ergaben, dass dieses im Lieferwerk »Ernst Thälmann« in Magdeburg geschehen sein muss.)

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