Zur Beurteilung der Situation
17. September 1954
Informationsdienst Nr. 2316 zur Beurteilung der Situation
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Zur Preissenkung1 haben die Diskussionen unter den Werktätigen allgemein nachgelassen. Meist äußert man sich weiterhin positiv und ist erfreut über die Preissenkung, da sie wesentliche wirtschaftliche Erleichterungen bringt. Ein kleiner Teil begrüßt die Preissenkung, bemängelt jedoch, dass dies nicht ebenfalls bei Butter und Fleisch geschehen ist. Hierbei handelt es sich mehrfach um sogenannte Meckerer. Nur ganz gering äußert man sich negativ und sagt, dass dies nur Propaganda für die Volkswahl2 sei und späterhin die Preise wieder erhöht werden würden oder dass die Preissenkung keine wesentliche Verbesserung gebracht habe.
Zur bevorstehenden Volkswahl ist der Umfang der Diskussionen noch gering, nimmt jedoch etwas zu. Überwiegend äußert man sich positiv zu der einheitlichen Kandidatenliste. Teilweise werden von Werktätigen Einzel- und Kollektivverpflichtungen in der Produktion zu Ehren der Volkswahl übernommen, womit oft gleichfalls der Dank an die Regierung für die Preissenkung verbunden wird. Ein Kraftfahrer aus Gera äußerte: »Unsere Regierung ist immer bestrebt, die Lebenslage der Bevölkerung zu verbessern, und ich werde deshalb meine Stimme den Kandidaten der Nationalen Front3 geben.«
Im VEB Steingut Colditz, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, verpflichteten sich eine größere Anzahl Arbeiter und einzelne Angestellte, wöchentlich drei bis vier Öfen mehr herzustellen.
Die Gesamtbelegschaft der Kreisziegelei in Themar, Kreis Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, verpflichtete sich, ihren Planrückstand schnellstens aufzuheben und wollen deshalb 266 000 Mauersteine und 66 000 Dachziegel produzieren.
Die Kollegen des VEB Feintechnik in Eisfeld, [Bezirk] Suhl, verpflichteten sich, bis zum 21. Dezember 1954 den Plan und Zusatzplan vorfristig zu erfüllen.
Die Kollegen der Betriebssportgemeinschaft im VEB IKA in Sonneberg, [Bezirk] Suhl, verpflichteten sich, am 17.10.1954 ihre Stimme geschlossen den Kandidaten der Nationalen Front zu geben.4
Verschiedentlich wird von unaufgeklärten Arbeitern die einheitliche Kandidatenliste abgelehnt und Wahlen nach dem Vorbild von vor 1933 gefordert. Von einigen Kumpels aus der Garage des Wismut-Objektes 96 in Freital5 wird zum Ausdruck gebracht, dass man die Wahlen so durchführen sollte, wie vor 1933, dann würde man durch den Wahlkampf sehen, welche Partei die meisten Stimmen bekommt.
Ganz gering äußert man sich feindlich. Ein Bauarbeiter aus Scholas, Kreis Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, äußerte in einer Versammlung: »Im Westen sind die Preise bedeutend niedriger als bei uns, man sollte deshalb bei uns prüfen, welche Partei uns das meiste bietet. Ich bin gegen eine gemeinsame Liste.«
Ein Sprengmeister vom [Wismut-]Schacht 1 in Johanngeorgenstadt: »Ob ich meine Stimme abgebe oder nicht, die Politik in der DDR geht sowieso von der Sowjetunion aus, denn Pieck,6 Grotewohl7 und Ulbricht8 sind keine Deutschen, sondern besitzen die sowjetische Staatsangehörigkeit.«9
Im Vordergrund der Diskussionen stehen betriebliche und persönliche Fragen, besonders die Entlohnung, worüber teilweise Missstimmung besteht. Im Privatbetrieb Gießerei Schmelzer in Elsterwerda,10 [Bezirk] Cottbus, besteht eine Missstimmung, weil eine gewünschte Ortsklassenveränderung durch die Gewerkschaft nicht durchgesetzt wurde.11
Im VEB Braunkohlenwerk Molbitz,12 [Bezirk] Leipzig, hat in den letzten Tagen eine größere Anzahl Lehrhauer gekündigt. Sie sind nicht damit einverstanden, dass sie die gleiche Arbeit leisten, wie ein Hauer, aber aufgrund der Produktionsauflage des Betriebes nicht als Hauer eingestuft sind, obwohl sie die Kenntnisse und Voraussetzungen haben. Der Lohnunterschied zwischen Lehrhauer und Hauer beträgt teilweise DM 100.
In den Maizenawerken Barby,13 [Bezirk] Magdeburg, macht sich eine Fluktuation bemerkbar, weil die Kollegen mit dem Verdienst nicht einverstanden sind. Dadurch wird sich in nächster Zeit ein Arbeitskräftemangel einstellen.
In der Warnow-Werft Warnemünde sind die Kollegen des Maschinenbaues darüber verärgert, dass fünf Kollegen vom VEB Bergmann-Borsig, die zur Fertigstellung der Hauptmaschinen des »Sow.-Sojus«14 in der Werft arbeiten, einen Prämienvertrag von DM 1 000 abgeschlossen haben. Die Kollegen von der Warnow-Werft erklären hierzu, dass sie die Prämien verdient hätten, weil sie die Maschinen bauen würden.
Eine schlechte Stimmung besteht unter den Kollegen des VEB Elektrochemie Hirschfelde, [Bezirk] Dresden, wegen dauernder Stromabschaltungen. Durch diese Abschaltungen, die sich bis auf 16 Stunden erstrecken, müssen die Karbidöfen immer wieder neu angeheizt werden, wodurch die Qualität des Karbids leidet. Es treten hierbei Diskussionen auf, wie: »Lasst uns mit den Wahlen in Ruhe. Seht lieber zu, dass wir Strom erhalten, damit wir ein paar Pfennige verdienen.«
Produktionsschwierigkeiten wegen Kohlen- und Materialmangel
Ein Mangel an Kohlen besteht im Kraftwerk Breitungen, [Bezirk] Suhl, weshalb es im Bezirk zu Abschaltungen gekommen ist. Von der Hauptverwaltung Energie wurden dem Kraftwerk täglich 900 t Kohlen zur Verfügung gestellt, jedoch wurden seit dem 13.9.[1954] auf Anweisung der Hauptverwaltung nur noch 680 t geliefert.15
In der Bauindustrie des Bezirkes Schwerin mangelt es besonders an Zement und Ziegelsteinen. Dadurch ist z. B. die Bau-Union Schwerin gezwungen, 26 Bauvorhaben einzustellen und 250 Facharbeiter zu entlassen.
Im VEB Holzwarenbetrieb Neustadt, [Bezirk] Suhl, besteht ein Mangel an Buchen- und Pappelholz.
Im VEB Zündholz in Neuhaus,16 [Bezirk] Suhl, werden im vierten Quartal Schwierigkeiten in der Rohmaterialversorgung auftreten. Die DHZ Grundchemie Erfurt kann die Lieferpläne nur mit 70 Prozent erfüllen.
Bei der Schiffselektrik der Warnow-Werft [Warnemünde] und der Mathias-Thesen-Werft [Wismar], [Bezirk] Rostock, besteht ein großer Engpass an Messingschrauben. Deshalb wurden z. B. am 16.9.[1954] 2 000 Eisenschrauben eingebaut, obwohl dies nicht statthaft ist. Bei einer späteren Auswechselung werden dann zusätzlich 1 000 Arbeitsstunden benötigt.
Im Drahtwerk TEWA, Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, fehlen für diesen Monat ca. 500 t Stahldraht. Im RAW Cottbus mangelt es an Schweißdraht.
Im Kalk- und Phosphatwerk Steudnitz, [Bezirk] Gera, wurde infolge Sodamangel die Syderphosphatproduktion17 am 13.9.[1954] eingestellt. Vorläufiger Produktionsausfall beträgt 80 t Syderphosphat (DM 30 000).
Produktionsstörungen
Im Karl-Marx-Werk Magdeburg18 ereignete sich in der Reintrockenkammer 6 am 14.9.[1954] eine Explosion, wodurch die Trockenkammer zerstört wurde. Ursache noch nicht festgestellt. Sachschaden ca. 10 000 bis 12 000 DM.
Am 15.9.1954 riss in der Grube II/III im Kaliwerk »Ernst Thälmann« Suhl ein Seilbahnstrang. Vermutliche Ursache ist Überlastung. Produktionsschaden noch nicht festgestellt.
Handel und Versorgung
Über die Preissenkung sind die Kollegen der DHZ Textilien in Potsdam verwundert, dass die Preise für einfache Straßenanzüge oder Tageskleider nicht gesenkt wurden, da ihnen bekannt ist, dass in den Lagern der DHZ für mehrere Millionen Mark solche Textilien lagern.
Von der DHZ Fischauslieferung Klostermansfeld, [Bezirk] Halle, wurden in den letzten Tagen nach Aschersleben Bücklinge und frischer Dorsch geliefert, der auf dem Transport wegen ungenügender Vereisung zum Teil verdarb.
Auf dem Schlachthof Schwerin wurde festgestellt, dass die Importwaren einige Tage in den Waggons lagern, ohne ausgeladen zu werden. Dadurch tritt Qualitätsminderung ein.
Von der VEAB Mockrehna, Kreis Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, wurde mitgeteilt, dass auf dem Bahnhof von Mockrehna 40 t Kartoffeln lagern, die dem Verderb preisgegeben sind. Von Leipzig wurde die Annahme verweigert, obwohl ein Vertrag besteht.
In der VEAB Frohburg, [Kreis] Geithain, [Bezirk] Leipzig, lagern 25 t Obst, was aufgrund von Transportraummangel nicht ausgeliefert wird.
Mangel an Frischfleisch und Wurstwaren besteht in mehreren Kreisen des Bezirkes Halle.
In den Kreisen Herzberg und Jessen, [Bezirk] Cottbus, hat sich die Fleischbelieferung nicht gebessert. Die Versorgung ist nur bis zum 17.9.[1954] gesichert.
Im Bezirk Schwerin ist die Kartoffelverteilung mangelhaft. So hat z. B. der Kreis Wittenberge19 bereits mehrere Tage keine erhalten, während andere Kreise reichlich versorgt werden.
Unter der Bevölkerung des Kreises Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, wird darüber diskutiert, dass sie Kartoffeln von Bernburg erhalten, während Kartoffeln aus dem Kreis Gräfenhainichen nach Dresden geschickt werden.
Im Kreis Wurzen fehlen für das III. Quartal 1954 noch 67,5 t Getreide für Roggenbrot und 4 t für Weißbrot. Der Rat des Bezirkes wurde bereits schon zweimal verständigt, hat jedoch noch keine Abhilfe getroffen.20
Ein Mangel an billigen Zigaretten besteht in einigen Kreisen des Bezirkes Cottbus und Erfurt und in sämtlichen Kreisen des Bezirkes Leipzig.
Durch die Umsatzsteigerung nach der Preissenkung bestehen in den HO-Geschäften Potsdams Schwierigkeiten in der Beschaffung von Boxcalfschuhen mit Kreppsohle21 und Perlonstrümpfen.
Landwirtschaft
Bei den politischen Fragen stehen die Vorbereitungen zur Volkswahl im Mittelpunkt. Die Anteilnahme der Landbevölkerung nimmt zu, sie ist aber immer noch verhältnismäßig gering. Zu Ehren der Volkswahlen werden von LPG, werktätigen Einzelbauern, VEG und ÖLB in zunehmendem Maße Verpflichtungen übernommen. Dabei hauptsächlich über zusätzliche Ablieferung von Produkten (freie Spitzen)22 und Abgabe ihrer Stimmen für die Kandidaten der Nationalen Front in den Morgenstunden des 17. Oktober [1954], verschiedentlich auch zur frühzeitigen Einbringung der Hackfrucht-Ernte und rechtzeitigen Beendigung der Herbstaussaat. So zum Beispiel verpflichtete sich im Bezirk Schwerin die LPG Kuhs 50 Schweine zusätzlich der Volksernährung zur Verfügung zu stellen. Des Weiteren verpflichtete sich die LPG Suckwitz 3 200 Liter Milch und 7 300 kg Schweinefleisch zur Verfügung zu stellen.
Im Kreisgebiet Güstrow wurden zu Ehren der Volkswahl 296 Verpflichtungen abgegeben.
Zu Ehren der Volkswahlen verpflichteten sich die Werktätigen des VEG Querfurt, [Bezirk] Halle, bis zum 17. Oktober [1954] große Anstrengungen zur Einbringung der Hackfruchternte und der Herbstbestellung zu machen. Sie stellten sich einen Kampfplan mit genauen Terminen auf.
Am 10.9.[1954] fand in der Gemeinde Zarnekow, Kreis Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, eine Bauernversammlung statt, bei der sich anschließend viele werktätigen Bauern zu Ehren der Volkswahlen verpflichteten, Fleisch und Milch auf freie Spitzen zu liefern. Des Weiteren verpflichteten sich sämtliche Anwesenden dieser Versammlung, am 17. Oktober [1954] ihre Stimme rechtzeitig den Kandidaten der Nationalen Front abzugeben.
Teilweise ist auch wenig Interesse für die Volkswahl vorhanden, das zeigt oft der schwache Besuch der Versammlungen. Zum Beispiel in der Gemeinde Wildberg, Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, waren in der letzten Einwohnerversammlung von 1 200 Einwohnern nur 15 Personen anwesend. Oft ist auch die schlechte organisatorische Vorbereitung die Ursache für ungenügenden Besuch der Versammlungen.
Verschiedentlich zeigt sich eine ablehnende und feindliche Haltung zu den Volkswahlen, besonders großbäuerliche Elemente und Mitglieder bürgerlicher Parteien treten dabei in Erscheinung, aber vereinzelt auch Landarbeiter, Kleinbauern und Genossenschaftsbauern.
Im MTS-Bereich Wiesenburg, Kreis Belzig, [Bezirk] Potsdam, wird von Großbauern und Mitgliedern der bürgerlichen Parteien verschiedentlich in den Landgemeinden wie folgt argumentiert: »Warum finden keine Parteiwahlen statt? Früher gab es auch viele Parteien, aber wählen konnten wir die Partei, die wir wollten. Ob wir wählen oder nicht, die machen doch was sie wollen. Wir gehen zur Wahl, werfen die Scheine in den Kasten und fertig ist es.«23
Aus dem Kreis Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus, wird berichtet, dass sich in der Gemeinde Neudorf direkte Tumultszenen ereigneten, als sich anlässlich einer Bauernversammlung Stimmen für eine »freie Wirtschaft«, gegen Zahlung von Steuern und gegen die Wahl, die angeblich keine freie Wahl wäre, äußerten.
Wirtschaftliche Fragen stehen meist im Vordergrund, dabei handelt es sich häufig um die Ablieferung, mit deren Höhe man teilweise nicht einverstanden ist. Besonders treten Großbauern in Erscheinung. Ein Großbauer aus Hohenfelde, [Kreis] Doberan, [Bezirk] Rostock, sagte zur Ablieferung: »Man sollte auf den Bauern nicht so großen Druck ausüben. Der praktische Landwirt drischt erst dann, wenn er seinen Acker mit aller Ruhe für die Saat bestellt hat.«
Ein Großbauer aus Rabensdorf,24 [Kreis] Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, äußerte: »Wenn die Antreiberei nicht nachlässt, ich kann mein Soll sowieso nicht erfüllen, werde ich eine Fahrkarte nach dem Westen kaufen.«
Die Forderung der Sollherabsetzung stellen z. B. die Großbauern in den Gemeinden Neschholz und Nichel, Kreis Belzig, [Bezirk] Potsdam, und sie werden sogar von dem Gemeindevertreter [Name] unterstützt, indem dieser erklärte, dass er ebenfalls mit der Sollablieferung nicht einverstanden sei.
In der Gemeinde Geisa, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, wird nicht über die Volkswahl diskutiert, sondern von einem großen Teil der Bauern geäußert, sie wollen die »freie Wirtschaft« und keine Ablieferungspflicht.
Zwei Bauern aus Reurieth, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, welche eine Nutzfläche von ca. 15 bis 20 ha besitzen, tragen die Argumente in die Bevölkerung, dass die Veranlagung des Ablieferungssolls viel zu hoch sei, drüben in Westdeutschland werden die Bauern nicht so gedrückt. Dies würde sich bei den Oktoberwahlen bemerkbar machen.
Aus dem Kreis Calau, [Bezirk] Cottbus, wird berichtet, dass hier immer wieder Diskussionen über das Ablieferungssoll auftreten. Man äußerte, dass man zwar das Soll erfüllen könne, jedoch aber auch das gesamte Vieh mit abliefern werde, da, wie werktätige Bauern erklärten, sie nicht wissen, wie sie es den Winter über durchfüttern sollen.
Verschiedentlich sind die Bauern mit der Arbeit der MTS unzufrieden, dies zeigt sich z. B. im Bezirk Gera öfter. So beschwerten sich gestern wieder Einzelbauern aus den Dörfern Groß- und Kleinaga im Kreis Gera über die MTS-Nebenstelle Bad Köstritz, dass sie erstens ihre Verträge, welche sie mit den Bauern zwecks Einbringung der Ernte abgeschlossen hatte, nur zu 20 Prozent erfüllt hat und zweitens die Arbeit qualitativ gesehen auch zu wünschen übrig ließ.
Aus dem Kreis Saalfeld wird über dieselben Mängel und Schwierigkeiten berichtet und betont, dass ein wesentlicher Grund dieser Zustände auf die schlechte Disziplin der Traktoristen bei den MTS zurückzuführen sei. Bei der MTS Leutenberg, Kreis Saalfeld, sollen die Maschineneinsatzpläne nur auf dem Papier stehen und die Traktoristen würden sich nicht danach halten. Zum Beispiel würden sie das Arbeiten bei den Bauern von der Bewirtung abhängig machen. Wenn die Bauern bei der MTS um Hilfe nachsuchen, wird diese versprochen, aber nicht eingehalten. Zum Teil halten auch die Traktoristen die normale Arbeitszeit nicht ein.
Teilweise werden die Arbeiten der MTS auch durch schlechtes Material und fehlende Ersatzteile gehemmt. Aus vier MTS, und zwar aus den Kreisen Kyritz, Rathenow und Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, kommen Klagen, dass die Kartoffelroder nicht eingesetzt werden können, weil die Zahnräder nicht gehärtet sind und demzufolge den Anforderungen nicht standhalten.
Im Bezirk Neubrandenburg verbreitet sich die Schweinepest weiter. Zum Beispiel wurde am 13.9.1954 in dem ÖLB Storkow, Kreis Pasewalk, die Schweinepest festgestellt. Von 18 Schweinen wurden acht notgeschlachtet. Im Kreis Anklam wurde in den letzten Tagen in vier Gemeinden bei einigen Bauern die Schweinepest festgestellt und insgesamt 62 [Schweine] notgeschlachtet und sechs [sind] verendet. In zwei anderen Kreisen wurden gleichfalls noch 22 Schweine notgeschlachtet.
Weiterhin zeigen sich auch wieder Tierseuchen im Bezirk Halle und Schwerin. In den Gemeinden Dallmin, [Kreis] Perleberg, Leisten, [Kreis] Lübz, Penzin, [Kreis] Sternberg, [Bezirk] Schwerin, wurde unter dem Tierbestand Schweinepest festgestellt. 37 Tiere wurden von der Seuche befallen. Vorbeugungsmaßnahmen zur Verhütung der Weiterverbreitung wurden eingeleitet. In der Gemeinde Laucha, Kreis Nebra, [Bezirk] Halle, wurde vom Kreistierarzt Schweinepest festgestellt. 20 Tiere sind erkrankt, elf mussten notgeschlachtet werden.
In den Kreisen Eisleben und Nebra wird das Auftreten von Rotlauf in den Schweinebeständen eines Mittelbauern und einer LPG berichtet, Sicherheitsmaßnahmen wurden eingeleitet.
In der LPG Seidewitz, Kreis Naumburg, [Bezirk] Halle, sind 20 Schafe verendet. Der Schäfermeister steht im Verdacht, durch unsachgemäße Fütterung die Schuld zu tragen. Auch hat er sich vor Kurzem geäußert, dass er nach dem Westen will, wobei er sich einige Adressen notierte.
Übrige Bevölkerung
In der Stimmung der übrigen Bevölkerung hat sich keine wesentliche Veränderung ergeben. Weiterhin tragen die Diskussionen über die Preissenkung meist von Hausfrauen und Rentnern überwiegend positiven Charakter. Der Inhalt der positiven sowie negativen Äußerungen gleicht denen der Vortage. Die Diskussionen zur Volkswahl haben noch keinen größeren Umfang angenommen. Im Mittelpunkt steht weiterhin die Aufstellung der gemeinsamen Kandidatenliste, was von der Mehrheit begrüßt wird.
Folgende Äußerung ist dafür charakteristisch: Eine Hausfrau aus Büssow, [Bezirk] Neubrandenburg: »Wir werden unsere Stimme den Kandidaten der Nationalen Front geben, denn wir sehen doch immer wieder, dass unsere Regierung alles tut, um den Frieden zu erhalten und dass sie ständig bemüht ist, den Lebensstandard zu verbessern.«
Negative Stimmen sowie die Forderung nach Parteiwahlen kommen nach wie vor hauptsächlich aus bürgerlichen Kreisen. Vor allem von Mitgliedern und Funktionären der bürgerlichen Parteien. Ihre hauptsächlichen Argumente sind, dass die Wahl durch die gemeinsame Liste nicht demokratisch sei und dass unsere Partei nur Angst habe vor Parteiwahlen. Zum Beispiel sagte ein Zigarrenhändler aus Schönberg, [Bezirk] Rostock: »Mit dieser Wahl bin ich nicht einverstanden. Darum weiß ich auch, was ich zu wählen habe. Warum darf nicht jede Partei eine Liste aufstellen, so, wie es in Westdeutschland ist? Aber sie haben ja Angst, dass sie nicht durchkommen und dann abdanken müssen.«25
Ein ehemaliger Justizinspektor, ebenfalls aus Schönberg: »Die Lumpen stellen nur eine Liste auf, aber das soll so sein. Wo das Volk unterdrückt wird, da gedeiht der Kommunismus.«
Ein Mitglied der LDPD aus Lichtenstein, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die kommenden Wahlen sind vollkommen undemokratisch. Vielleicht werden sie aufgrund des Druckes der Bevölkerung gar nicht zur Durchführung kommen.«26
In einer Parteiversammlung der LDPD in Viernau, [Kreis] Suhl, erklärte ein Mitglied: »Ich fordere, dass sich unsere Partei für getrennte Listen einsetzt«. Da seine Forderung keine Unterstützung fand, verließ er die Versammlung.
Bei den Rechenschaftslegungen im Kreis Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, wurde verschiedentlich von der Bevölkerung die Forderung nach Parteiwahlen erhoben, vorwiegend in der Gemeinde Zürchel. In der Gemeinde Großkrausnick desselben Kreises wurde unter den Neubürgern27 das Gerücht verbreitet, dass sie im Jahre 1955 wieder in ihre Heimat zurückkönnten.28
In einer öffentlichen Gemeindevertreter-Sitzung in Ottendorf, Kreis Schleiz,29 [Bezirk] Gera, machte der Vorsitzende der NDPD-Ortsgruppe den Vorschlag, eine Resolution anzunehmen, in welcher zum Ausdruck kommt, dass alle Verurteilten freigelassen werden sollten, die mit 15 bis 25 Jahren Zuchthaus bestraft wurden. Dieser Vorschlag wurde zurückgewiesen.
In einem Handwerkerausspracheabend im Kreis Lübz, [Bezirk] Schwerin, erklärte ein Elektromeister: »Uns Handwerkern wurde vom Rat des Kreises wiederholt versprochen, den für uns notwendigen Wohn- und Arbeitsraum zur Verfügung zu stellen. Bisher wurde aber diese Frage unbefriedigt gelöst, sodass die Gefahr der Abwanderung verschiedener Handwerker aus unserem Kreis besteht.«
Am 1.9.1954 begann an der Fachschule für Chemie in Magdeburg das neue Studienjahr. Die zuständigen Stellen versäumten es, ein Internat oder andere Unterkunftsmöglichkeiten zu schaffen, sodass ein Teil der Schüler ohne Unterkunft ist. Sie schlafen zurzeit bei Dozenten in Wohnzimmern, auf Stroh in einer Turnhalle und in der evangelischen Bahnhofsmission.
Unter der Bevölkerung in Aschersleben, [Bezirk] Magdeburg,30 herrscht Unzufriedenheit, weil für bestimmte Wurst- und Fleischsorten gerade zum Zeitpunkt der Preissenkung die Preise erhöht wurden und in Magdeburg, weil es an verschiedenen Lebensmitteln, wie z. B. an Eiern und Fettkäse, mangelt.
In Burg, [Bezirk] Magdeburg, herrscht unter den Rentnern Empörung, die Tbc-krank sind und Fürsorge empfangen, weil man ihnen das zusätzliche Geld abgezogen hat. Das Gesundheitsamt in Burg konnte hierfür keine Begründung abgeben und es entstand die Diskussion: »Wer wird dann für die Selbstmorde, die erfolgen werden, verantwortlich gemacht?« Auf Befragen wurde vom Rat des Kreises Burg mitgeteilt, dass eine Verfügung besteht, wonach ältere Personen, die Tbc-krank sind und nicht mehr zu heilen sind, die Tbc-Zulage gestrichen bekommen.
Im Kreis Riesa, [Bezirk] Dresden, ist die Gasversorgung sehr mangelhaft. Besonders betroffen davon sind die Lange Straße und der Ortsteil Weida. Das Gas ist oft so schwach, dass es von selbst ausgeht und einige Zeit später kommt es stärker wieder, sodass eine Gefahr daraus entsteht.
In der Gemeinde Benndorf, Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, ist die Wasserversorgung seit den letzten 14 Tagen ungenügend. Besonders wirkt sich die Wassernot in einer Neubausiedlung aus, wo 2 000 Menschen wohnen.
Im Kreis Weimar tritt die Spinale Kinderlähmung stark in Erscheinung. Bisher sind 46 Fälle zu verzeichnen, davon gingen zehn tödlich aus. Ebenfalls in den Kreisen Gotha und Apolda tritt diese Krankheit in stärkerem Maße auf. In diesen Gebieten wurden bisher 160 Fälle bekannt.
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverteilung
Ostbüro des DGB:31 Schwerin 140.
Ostbüro der SPD: Halle 4 000, Karl-Marx-Stadt 10, Dresden einige.
»Tribüne«:32 Karl-Marx-Stadt 56, Erfurt 50.
»Neuer Kurs – eine Propagandalüge«:33 Karl-Marx-Stadt 22.
Solidarität mit den Brüdern und Schwestern in Mitteldeutschland: Karl-Marx-Stadt 17.
In tschechischer Sprache: Karl-Marx-Stadt 5, Dresden 10.
NTS:34 Potsdam 31 800, Dresden 71.
Die Hetzschriften wurden in den meisten Fällen sichergestellt und gelangten nicht in die Hände der Bevölkerung.
In Neukündendorf, [Kreis] Angermünde, [Bezirk] Frankfurt, wurden an mehreren Bauernhäusern an der Tafel des Gemeindebüros und an einem LPG-Gebäude in der Nacht vom 15. zum 16.9.[1954] von unbekannten Tätern antidemokratische Hetzlosungen angeschmiert. Inhalt: »LPG stimme gegen deine SED-Unterdrücker, wählt nicht SED, wählt die EVG.«35
In den letzten Tagen wurde laufend an Wissenschaftler der Universität Jena, [Bezirk] Gera, »Colloquium«36 versandt, welche verschiedene Poststempel von Westdeutschland tragen. Dieselben Hetzschriften werden an Studenten im Bezirk Rostock geschickt.
Gerücht: Unter der Bevölkerung der Gemeinden Wiederau und Zwenkau, [Kreis] Borna,37 [Bezirk] Leipzig, ist das Gerücht stark verbreitet, dass in Kürze die Preise auf Markenbasis erhöht werden sollen. Die vermutliche Ursache dieses Gerüchtes liegt in dem Fund von Hetzschriften. In dieser Gegend wurden vor einigen Tagen Hetzschriften »Tribüne« gefunden, welche diese Parolen enthielten.
Vermutliche Feindtätigkeit
Im Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, macht sich in einigen Gemeinden eine verstärkte Tätigkeit der Neuapostolischen Gemeinden bemerkbar. In Wildau wurden in der letzten Zeit mehrere Jugendliche für diese Sekte geworben.38
Hinter dem Bahnhof Teterow, [Bezirk] Schwerin, in Richtung Malchin wurde ein VP-Hauptwachtmeister (ABV) schwer verletzt aufgefunden. Ermittlungen werden geführt.39
In der Gemeinde Wiehe, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, brannte eine Feldscheune, in der 2½ Morgen Roggen der neuen Ernte untergebracht waren, ab. Der Schaden beläuft sich auf ca. DM 2 000.
Westberlin
Auf der Versammlung der »Zeugen Jehovas«40 am 4.9.1954 in der Strelitzer Schule41 stellte sich der neue Bezirksamtsdiener vor. Er erklärte, dass er aus Hanau nach Berlin gekommen sei, um hier die Tätigkeit der Zeugen Jehovas zu unterstützen. Er bezeichnete Westberlin als eine Insel »hinter Stacheldraht« und es ginge jetzt darum, die Insel vom Stacheldraht zu befreien. Er kritisierte die schlechte Arbeit der Zeugen Jehovas in Berlin und führte aus, dass es nicht zu verantworten sei, wenn z. B. die Gruppe Humboldthain 300 Mitglieder umfasst und davon nur 116 Verkünder sind. Er wird in Zukunft darauf Wert legen, dass jedes Mitglied gleichzeitig ein Verkünder ist.