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Zur Beurteilung der Situation

22. Februar 1954
Informationsdienst Nr. 2136 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Viermächtekonferenz:1 Ein nicht geringer Teil der Werktätigen ist von der Konferenz enttäuscht, da man von ihr mehr erwartet hatte. Die Diskussionen über die Konferenz lassen stark nach. Eine Arbeiterin vom Fernmeldeamt Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Ich hätte mehr Erfolge für Deutschland und einen dauerhaften Frieden in Europa erwartet. Jetzt müssen wir uns noch mehr in unserem nationalen Kampf einsetzen, damit wir die Einheit doch erreichen.«

Fortschrittliche Kräfte sprechen sich zu den Vorschlägen des Genossen Molotow2 positiv aus3 und verurteilen die Haltung der westlichen Außenminister.4 Zum Teil äußert man, dass die Konferenz trotz allem ein Erfolg war und die fortschrittlichen Kräfte in ihrem Kampf stärken wird. Ein parteiloser Diplomingenieur aus der Hauptverwaltung Maschinendienst vom Ministerium für Eisenbahnwesen: »Der Außenminister Molotow hat als Einziger sich Mühe gegeben, die Herzenswünsche des deutschen Volkes auf friedlicher Basis zu lösen. Unsere Demonstration am 18.2.1954 zeigte die Kraft und den Willen des deutschen Volkes.«5

Ein Arbeiter vom VEB Papierfabrik Blankenstein, [Bezirk] Gera: »Die westlichen Außenminister haben auf der Berliner Konferenz gezeigt, dass sie nicht für die Einheit Deutschlands sind.«

Der Arbeiter vom VEB Porzellanfabrik Neuhaus, [Bezirk] Suhl, äußerte: »Die Konferenz ist trotz allem ein Erfolg. Schon deshalb, weil die Außenminister überhaupt zusammengekommen sind und vor aller Welt auf konkrete Fragen Antwort geben mussten. Außerdem mussten sie zugeben, in Genf zusammen mit China zu verhandeln.«6

Vereinzelt sieht man die Lösung der Einheit Deutschlands nur durch eine kriegerische Auseinandersetzung. Ein Angestellter vom Reichsbahnausbesserungswerk Meiningen, [Bezirk] Suhl: »Die Konferenz ist ohne wesentlichen Erfolg beendet worden. Die beharrliche Aufklärung im ideologischen Kampf hat keinen Zweck mehr. Jetzt kann nur noch mit Waffengewalt etwas erreicht werden, die im Westen sind ja nicht gewillt, von ihrem EVG-Vertrag abzugehen.«7

Negative und feindliche Diskussionen werden von einem kleinen Teil der Werktätigen geführt. Dabei wird besonders gegen die SU und DDR gehetzt. Als Hauptargument tritt die Forderung nach »freien Wahlen«8 in Erscheinung. Bei den feindlichen Elementen zeigt sich besonders der Einfluss der westlichen Propaganda. Von verschiedenen jugendlichen Arbeitern des VEB Holzbau Klingenthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde erklärt, dass man nicht erst eine provisorische Regierung aufstellen braucht, sie wollen dann gleich eine richtige Regierung wählen.

Ein Kraftfahrer aus Falkenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Wenn die Besatzungsmächte erst einmal abziehen,9 dann können wir auch die Regierung wählen, die uns angenehm ist. Das wird aber nicht unsere Regierung sein, sondern eine, die auch der freien Wirtschaft zustimmt.«

Ein Entascher vom Kraftwerk Finkenheerd, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Dem Westen schmeißen sie vor, das Potsdamer Abkommen nicht eingehalten zu haben, dabei ist der Russe derjenige, der es zuerst verletzte, indem er die Oder-Neiße-Grenze zur ständigen Grenze machte, obwohl sie in Potsdam nur als vorläufige Grenze festgelegt wurde.«10

Ein Rangierer vom Bahnhof Weißenfels, [Bezirk] Halle: »An allem ist Molotow schuld, er ist ein sturer Bock. Warum lehnt er denn den EVG-Vertrag ab, es ist doch dasselbe, wie die europäische Sicherheit.«11

Selbstverpflichtungen: Die Kollegen des Walzwerkes Kirchmöser, [Bezirk] Potsdam, verpflichteten sich, den Produktionsrückstand, welcher durch Stromabschaltungen, besonders bei der Feineisenstraße aufgetreten ist, im Monat Februar aufzuholen. Alle Abteilungen des Schlepperwerkes Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, verpflichteten sich zu Ehren der SED-Kreisdelegiertenkonferenz12 eine Sonderschicht zu leisten, deren Erlös den eingekerkerten westdeutschen Friedenskämpfern zur Verfügung gestellt werden soll.13

Materialmangel: Im VEB Werk Horch Zwickau,14 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, können infolge Materialmangel täglich nur acht Fahrzeuge hergestellt werden, während es bei normaler Produktion ein Stand von 15 bis 20 Stück täglich waren. Die Belegschaft fragt, wie bereits Anfang des Jahres der großen Initiative15 und nach Rückgabe der SAG-Betriebe sowie dem Erlass der Reparationen,16 solche Materialschwierigkeiten auftreten können.

Bei der Grobblechstraße des Walzwerkes Kirchmöser, [Bezirk] Potsdam, mangelt es an Material, welches im Stahlwerk Brandenburg lagert, jedoch wegen Waggonmangel nicht herangeschafft werden kann. Im Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, besteht Schrottmangel.

Des Weiteren mangelt es an Material im Reichsbahnausbesserungswerk »Wilhelm Pieck« Karl-Marx-Stadt und im VEB Kjellberg Finsterwalde,17 [Bezirk] Cottbus (bei drei Abteilungen).

Absatzschwierigkeiten: Im VEB Schuhfabrik Meißen, [Bezirk] Dresden, lagern ca. 15 000 Paar Schweinslederschuhe mit Gummisohle. Wenn diese Schuhe nicht von den Bestellern abgenommen werden, müssen ca. 150 bis 200 Arbeiter entlassen werden.18

Unzufriedenheit besteht unter der Belegschaft des Fritz-Heckert-Werkes Karl-Marx-Stadt über die kürzlich ausgezahlte Kulturprämie. Die Arbeiter können nicht verstehen, dass z. B. der Hauptbuchhalter, welcher sich in gemeiner Form gegen Regierungsmitglieder aussprach, jetzt 1 800 DM Prämie erhielt, und der vor vier Wochen abgesetzte Werkleiter 700 DM und der neue Werkleiter, welcher seit vier Wochen im Werk ist, aus Westdeutschland kam und Sohn eines Pferdehändlers ist, eine Prämie von 1 900 DM erhielt.

Unter den Arbeitern der Reichsbahn, besonders in den Lohngruppen 1 bis 4 besteht eine schlechte Stimmung19 über die »zu niedrigen Löhne«. Verschiedentlich wird geäußert, dass, wenn sie nicht mehr Lohn erhalten, sie von der Reichsbahn weggehen wollen. Ein Ladeschaffner vom Bahnhof Saalfeld, [Bezirk] Gera: »Wenn ich acht Tage betteln gehe, dann habe ich genauso viel verdient, als wenn ich hier einen ganzen Monat arbeite.« Ein Schuppenfeuermann vom Bahnhof Saalfeld, [Bezirk] Gera: »Die Eisenbahn soll nur so weiter machen, dann bekommt sie keine Arbeitskräfte mehr. 280 DM brutto, davon Abzüge, Miete usw. abgerechnet, ergibt einen Betrag, der nicht ausreicht, um das zu bezahlen, was es auf Lebensmittelmarken gibt. Ich sehe mich bald gezwungen, andere Arbeit zu suchen, denn sonst muss man doch verhungern.«

Unter der Belegschaft der Warnow-Werft Warnemünde, [Stadt] Rostock, wird stark über das Wohnungsproblem diskutiert. Verschiedentlich äußert man, warum nur Funktionäre und Intelligenz Neubauwohnungen erhalten, obwohl sie bereits gleich große Wohnungen haben.

Unter den Arbeitern der Süd-thüringischen Möbelwerke im Themar, [Bezirk] Suhl, herrscht eine schlechte Stimmung, da öfters Funktionäre des FDGB im Betrieb erscheinen und sich die Wünsche und Nöte der Arbeiter notieren, jedoch eine Änderung in dieser Hinsicht noch nicht eingetreten ist.

Unter den Schiffbauern der Mathias-Thesen-Werft Wismar, [Bezirk] Rostock, besteht eine schlechte Stimmung, da sie nicht an dem Festakt zum Stapellauf des Frachters »Stralsund« teilnehmen können.20

Handel und Versorgung

Der nördliche Teil der Insel Rügen leidet unter Versorgungsschwierigkeiten infolge Ausfall der Wittower Fähre (Fährunglück am 12.12.1953).21 Bisher ist trotz mehrerer Berichte an die zuständigen Ministerien noch keine Änderung eingetreten.

Landwirtschaft

Mangels Berichte kann keine Einschätzung gegeben werden.

Stimmen zum Ergebnis der Außenministerkonferenz

Ein Angestellter der BHG aus Bützow, [Bezirk] Schwerin: »Die Vorschläge Molotows haben bewiesen, dass die SU für die Wiedervereinigung Deutschlands eintritt. Das ständige Nein der Westmächte bewies aufs Neue, dass sie nicht für die Wiedervereinigung Deutschlands und für eine kollektive Sicherheit in Europa sind.«

Ein parteiloser LPG-Vorsitzender aus Stendell, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Wir werden auf das No der Westlichen Außenminister mit noch größeren Erfolgen im Jahr der großen Initiative antworten. Wir haben zwar viele Schwierigkeiten im Winter, aber gemeinsam können wir unsere Ziele erreichen.«

Tag der Bereitschaft:22 In einzelnen MTS des Kreises Parchim und des Kreises Bützow, [Bezirk] Schwerin, fehlen die nötigen Ersatzteile, um die Traktoren für den »Tag der Bereitschaft« arbeitsfähig zu machen. Bei der Auswertung zum »Tag der Bereitschaft« unterbrachen zwei Kollegen aus Neuendorf,23 [Bezirk] Gera, die Ausführungen durch Zwischenrufe: »Wir brauchen die MTS nicht, wir sind bereit zu jeder Zeit.« Während dieser Versammlung wurde von einer unbekannten Person Niespulver gestreut.

Schlechte wirtschaftliche Fundamentierung ist vereinzelt bei den LPG festzustellen. So hat die LPG Krumbeck, [Bezirk] Potsdam, pro Arbeitseinheit einen Satz von 3,09 DM festgesetzt. Das monatliche Einkommen der Mitglieder beträgt durchschnittlich 50,00,- DM [sic!]. Das wirkt sich ungünstig auf die Stimmung aus.

Stimmung der übrigen Bevölkerung

Eine Einschätzung der Situation kann mangels an Berichten nicht gegeben werden.

Unter den Lehrkräften und Studenten der Universität Jena wird neben einer gewissen Zurückhaltung stark die Meinung vertreten, dass die Einheit Deutschlands auf der Grundlage des Potsdamer Abkommens nur schwer zu lösen ist. Des Weiteren versteht man nicht, warum erst eine provisorische Regierung gebildet werden soll, um dann freie demokratische Wahlen durchzuführen.

Unter der Bevölkerung des Kreises Sonneberg, [Bezirk] Suhl, wird verschiedentlich dahingehend diskutiert, dass man jetzt Erschwernisse im Interzonenverkehr und dem bestehenden Interzonenhandel erwartet.24

In Kietz, [Bezirk] Frankfurt/Oder, zeigt sich bei verschiedenen Personen, besonders unter Reichsbahnangestellten und in kleinbürgerlichen Kreisen, dass die alte Ortsbezeichnung Küstrin-Kietz weiterhin beibehalten wird.25 Damit will man zum Ausdruck bringen, dass die Oder-Neiße-Grenze nicht anerkannt wird.

In Baruth, [Bezirk] Potsdam, sprach in einer DFD-Versammlung eine Frau aus Westdeutschland über die Zustände und Wohnverhältnisse in Westdeutschland. Eine der anwesenden Frauen äußerte nach der Versammlung: »Die brauchte nicht nach Baruth zu kommen, wenn sie den Westen schlecht macht, die leben besser als wir.«

Feindtätigkeit

Hetzschriften: Vereinzelte Hetzbriefsendungen, deren Inhalt sich gegen die Vorschläge des Genossen Molotow richtet, werden aus den Bezirken Gera, Potsdam und Schwerin gemeldet.

Die Kreisleitung der SED Neubrandenburg hat ein Flugblatt über die Viermächtekonferenz an die Bevölkerung herausgegeben. Am 20.2.1954 erhielt die Kreisleitung fünf Briefe, worin die Flugblätter mit Hetzlosungen überschrieben zurückgesandt wurden.

Terror: Auf einen Kleinbauern aus Neidenberga,26 [Bezirk] Gera, der Mitglied der SED ist, und mit einer Bauerndelegation in der SU war, wurde in der Nacht vom 20. zum 21.2.1954 ein Schuss (vermutlich Pistole) aus 10 m Entfernung abgegeben. Verletzt wurde er nicht.

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