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Zur Beurteilung der Situation

26. April 1954
Informationsdienst Nr. 2189 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Allgemein wird über politische Tagesfragen in den Betrieben nur sehr wenig gesprochen. Über die amerikanischen Atom- und Wasserstoffbombenexperimente wird weiterhin in geringem Maße diskutiert.1 In den bekannt gewordenen Stimmen nimmt man zum überwiegenden Teil gegen diese Vernichtungswaffe und gegen die USA Stellung. Ein Arbeiter aus dem Eisenhüttenwerk Thale, [Bezirk] Halle: »Die Verbrennungen der japanischen Fischer, die diese durch die Atombombenversuche der Amis erlitten haben, lassen erkennen, dass den amerikanischen Geldsäcken Menschenleben nichts bedeuten. Es muss darum Pflicht jedes Bürgers sein, jedem Einzelnen auf die Gefahr eines Dritten Weltkrieges aufmerksam zu machen.«

Ein Pförtner im VEB Baumwollspinnerei Zschopautal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es wird Zeit, dass die Atombomben verboten werden. Ein großer Teil der Arbeiter unseres Betriebes tritt ebenfalls für das Verbot der Atomwaffen ein.«

Teilweise werden in diesem Zusammenhang positive Beschlüsse von der heute in Genf beginnenden Außenministerkonferenz erwartet.2 Ein Arbeiter aus Mylau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich hoffe, dass auf der Genfer Konferenz eine Entscheidung über die Atombombe getroffen wird, die unter keinen Umständen zur Anwendung gebracht werden darf.«

Ganz vereinzelt wurden Stimmen bekannt, in welchen zum Ausdruck gebracht wird, dass die Amerikaner alles daransetzen, um die Genfer Konferenz zum Scheitern zu bringen, was ihnen aber nicht gelingen wird. Ein Arbeiter der Grube »Glück-Auf« in Jonsdorf, [Bezirk] Dresden: »Die Genfer Konferenz wird ein wesentlich anderes Ergebnis bringen, als die in Berlin,3 da es die SU verstanden hat, die Volksrepublik China in diese Verhandlungen einzubeziehen.4 Obwohl die Amerikaner jetzt schon alles versuchen, die Konferenz zum Scheitern zu bringen.«

Ein Arbeiter aus dem Teerverarbeitungswerk Rositz, [Bezirk] Leipzig: »Dulles5 ist nun extra in London und bei Adenauer6 gewesen, aber nicht etwa um den Krieg in Indochina zu beenden, sondern zu erweitern.7 Das wird ihm aber nicht gelingen, denn das mächtige Weltfriedenslager macht Herrn Dulles ziemliche Kopfschmerzen. Auf der Konferenz in Genf wird er dies besonders spüren.«

Vereinzelt wurden auch Zweifel am Erfolg der Genfer Konferenz geäußert. In der Hauptwerkstatt des Stahlwerkes Rasberg, [Bezirk] Halle, brachten einige Kollegen zum Ausdruck, dass auch diese Konferenz wieder ohne Erfolg verlaufen wird.

Anlässlich des bevorstehenden 1. Mai wurden in den Betrieben verschiedentlich Selbstverpflichtungen angenommen und Wettbewerbe abgeschlossen. So verpflichteten sich die Kumpel des Braunkohlenwerkes Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, ihre Planrückstände bis zum 1. Mai [1954] aufzuholen. Von der Belegschaft des VEB Trikotagenwerkes in Lübben, [Bezirk] Cottbus, wurden zu Ehren des 1. Mai im Wettbewerb zur Förderung des Vorschlags- und Erfindungswesens bereits 60 Verbesserungsvorschläge abgegeben. (71 Verbesserungsvorschläge wurden dagegen im gesamten Vorjahr abgegeben.)

Unzufriedenheit besteht in verschiedenen Betrieben wegen Prämien- und Lohnfragen, Arbeitsmangel und schlechter Arbeitsorganisation. Einige Arbeiter der Energieversorgung in Pulsnitz und Großröhrsdorf, [Bezirk] Dresden, sind darüber unzufrieden, dass die Maschinen mit Billigung der HV Energie nur zu 50 Prozent ausgelastet sind. Sie fürchten, dass dadurch die Pläne nicht erfüllt werden und sie keine Leistungsprämien erhalten.

Der VEB Knopffabrik in Sohland, [Bezirk] Dresden, erhielt für eine Unkostensenkung eine Prämie, die die Betriebsleiterin auf alle Arbeiter verteilen will. Im Betrieb ist man darauf gespannt, und es wird zum Ausdruck gebracht: Wenn dies nicht geschieht, geht niemand am 1. Mai [1954] zur Demonstration mit.

Im »Ernst-Thälmann«-Werk Magdeburg,8 Betrieb 06 ist ein Teil der Kollegen der Meinung, dass der Unterschied in der Entlohnung der Brigadiere und Meister zu gering sei. Ein Brigadier, der als Meister eingesetzt werden soll, sagt dazu: »Als Brigadier stehe ich in der Entlohnung besser als ein Meister. Deshalb mache ich keinen Meister.« In der Dreherei des gleichen Betriebes sind die Arbeiter missgestimmt wegen Arbeitsmangel und dadurch entstandenen Lohnausfall. Vier Dreher hatten ihre Kündigung eingereicht.

In der Warnow-Werft Warnemünde, [Stadt] Rostock, besteht immer noch ein Mangel an Arbeit. Ein Kollege vom Schiffbau sagte dazu: »Ich frage mich bloß, woher die ganzen Gelder kommen sollen, die zur Überbrückung benötigt werden.«

Im Schacht »Reiche Zeche« der Bleierzgruben »Albert Funk« in Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden verschiedene Bleche auf eine Sohle gebracht, wo sie einige Tage lagen und dann eine Sohle höher transportiert wurden. Über diese schlechte Arbeitsorganisation waren die Kumpel ungehalten und schrieben auf die Bleche »Gute Organisation!«, »Arbeitsbeschaffung« und Ähnliches.

Im VEB Zinnerz Altenberg, [Bezirk] Dresden, versuchte ein Steiger durch Unehrlichkeit seine Brigade im Wettbewerb an eine bessere Stelle zu bringen. Ein Hauer sagte dazu: »Wenn der im Betrieb bleibt, dann streiken die Kumpels.« (Die BGL hat einer Entlassung nicht zugestimmt und die Entscheidung der IG Bergbau übertragen.)

Produktionsschwierigkeiten bestehen im VEB Sächsische Zellwolle Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wegen Mangel an Rohstoffen. Dadurch kann die Produktionskapazität nur zu 80 Prozent ausgenutzt werden.

Ein Gerücht über angebliche Unruhen und Streiks im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, und in den LOWA-Werken in Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurde in einer Abteilung des VEB Waggonbau Niesky verbreitet. Danach hätten die Arbeiter gestreikt, weil sie mit der Verteilung der Prämien für Angestellte nicht einverstanden waren. Das Ergebnis des Streiks sei eine gleichmäßige Verteilung der Prämien in Höhe von DM 80,00 an alle Arbeiter gewesen.

Handel und Versorgung

Die Molkerei Güstrow, [Bezirk] Schwerin, lieferte innerhalb von drei Tagen insgesamt 19 Tonnen Butter an die Kreiskonsumgenossenschaft Zeitz, [Bezirk] Halle, die nach drei Tagen stockig und blaufleckig wurde, sodass sie wieder zurückgesandt werden musste.

Der Konsumgenossenschaft Klötze, [Bezirk] Magdeburg, wurden 3,4 Tonnen Fleischkonserven geliefert, die für Betriebsküchen bestimmt sind. Diese verfügen aber über genügend Konserven, sodass sie die Annahme verweigerten (in den Geschäften sind Konserven ebenfalls reichlich vorhanden), deshalb finden sie keinen Absatz, müssen aber bis zum 5.5.1954 verbraucht sein, da sie sonst verderben.

Aus mehreren Bezirken wurde berichtet, dass durch Kürzung des HO-Fleischwarenkontingentes die Bevölkerung nicht voll versorgt werden kann, was verschiedentlich zu negativen Diskussionen führt. So z. B. erklärten einige Kunden in einer HO-Fleischwarenverkaufsstelle in Döbeln, [Bezirk] Leipzig: »Wenn das so weitergeht, wird es nochmals einen 17. Juni [1953] geben.«

Landwirtschaft

Nach wie vor wird unter der Landbevölkerung wenig über politische Tagesfragen gesprochen. Über die amerikanischen Atom- und Wasserstoffbombenexperimente wird nur gering diskutiert, meist positiv. Ein Traktorist der MTS Doberlug, [Bezirk] Cottbus: »Diese Wasserstoffbombe ist für die Menschheit eine sehr gefährliche Waffe. Wir wollen hoffen, dass sie nicht in Anwendung kommt.«

Negativ dazu äußerte sich ein Bauer aus Silberhausen, [Bezirk] Erfurt: »Bischof Dibelius9 vertritt den richtigen Standpunkt der Christen.10 Die Wasserstoffbombe ist eine Waffe, die auch im Interesse der Kirche eingesetzt werden kann. Die Experimente der Amerikaner zeigen, dass sie im Besitz der besten Waffen der Welt sind.«

Im Mittelpunkt des Interesses stehen wirtschaftliche Probleme. Deshalb werden mehr Diskussionen über Fragen geführt, die meist im Zusammenhang mit der Frühjahrsbestellung stehen. Zum Beispiel wird im Bezirk Erfurt verschiedentlich die Meinung vertreten, dass aufgrund der Schwierigkeiten in der Bereitstellung von Saatkartoffeln eine schlechte Ernte zu erwarten ist, da die Saatkartoffeln nicht immer einwandfrei und aus zu verschiedenen Sorten bestehen.

Im Bezirk Karl-Marx-Stadt wurde wegen der unzureichenden Futtermittelversorgung verschiedentlich geäußert, dass der Viehhalteplan zu hoch sei.

Aufgrund der ungenügenden Düngemittelzuteilung kommt es zu Äußerungen, wie die eines Bauern aus Sangerhausen, [Bezirk] Halle: »Die Regierung sollte nicht so viel Dünger ausführen und lieber uns Bauern mehr geben. Dann würden mehr Getreide und mehr andere landwirtschaftliche Produktion geerntet werden und sie brauchten nicht so viel einzuführen.«

Ein Großbauer aus Dolgen, [Bezirk] Neubrandenburg, beklagte sich, dass er zu wenig Arbeitskräfte hat, indem er sagte: »Wenn ich mit der Frühjahrsbestellung nicht termingemäß fertig werde, so kann ich dies nicht ändern. Ich habe keine Arbeitskräfte und dadurch kann ich meine Wirtschaft nicht so bearbeiten, wie es verlangt wird.«

Wegen der Wildschweinplage kommt es zu negativen Diskussionen, da nach Meinung der Bauern zu wenig dagegen getan wird. Ein Mittelbauer aus Damelack, [Bezirk] Potsdam: »Die Wildschweine haben in diesem Jahr bereits einen erheblichen Schaden angerichtet. Ich erwarte von der Regierung eine Wildschweinschadenermäßigung. Falls diese nicht eintreten sollte, kann man mit einem zweiten 17. Juni [1953] rechnen.«

Negative bzw. feindliche Stimmen, in denen die RIAS-Beeinflussung zum Ausdruck kommt, wurden nur vereinzelt bekannt. Ein Kleinbauer aus Hagenow, [Bezirk] Schwerin: »Schade, dass der 17.6.[1953] nicht geglückt ist, dann hätten wir hier nicht genügend Bäume gehabt, wo alle fortschrittlichen Kräfte herangekommen wären.«

Ein Großbauer aus Rotenhof,11 [Bezirk] Erfurt: »Die SED ist an dem ganzen Elend schuld. Warum haben wir keine Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Wir müssen 1 000 DM Steuern bezahlen und bekommen für Milch pro Liter 18 Pfennig und für ein Ei 0,08 DM. Im Westen dagegen wird für die Arbeiter und Bauern wirklich gesorgt. Wir brauchen eine Regierung, die von allen Arbeitern und Bauern anerkannt wird.« Ein Großbauer aus Meeste,12 [Bezirk] Magdeburg: »Das Beste ist, [sich] nicht um die Politik zu kümmern, als Großbauer gleich gar nicht. Hier hat man nicht viel zu erwarten.«

Ein Bauer aus Ihlenfeld, [Kreis] Neubrandenburg: »Die Planwirtschaft muss wegfallen und man müsste uns frei wirtschaften lassen. Früher ging es ohne Plan besser. Die Anwendung der Neuerermethoden bringt doch keinen Erfolg. Es ist keiner mehr ein freier Mensch.«

Übrige Bevölkerung

Über die Atom- und Wasserstoffbombenexperimente wird gering diskutiert. Die Stimmen, die uns bekannt wurden, bringen ihre Abscheu gegen diese furchtbaren Massenvernichtungsmittel zum Ausdruck. Eine Hausfrau aus Frankfurt: »Wenn diese schrecklichen Massenvernichtungswaffen zur Anwendung kommen, dann bleiben nicht mehr viele Menschen in Deutschland übrig. Welche ungeheuerlichen Auswirkungen diese Bomben haben, beweisen die Versuche im Stillen Ozean, wo viele japanische Fischer verletzt wurden und schwere Leiden davontragen und so langsam dahinsiechen.«

Ein CDU-Mitglied aus Thale, [Bezirk] Halle: »Die Wasserstoffbombenversuche im Stillen Ozean können nur mit Abscheu und Empörung aufgenommen werden. Diese Provokationen zeigen den unmenschlichen Zynismus, der an der Politik, [sic!] die mit entsetzlichen Massenvernichtungsmitteln die friedlichen Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Wenn der Bischof Dibelius sagt, die Existenz der Wasserstoffbombe ist die große Garantie für die Erhaltung des Weltfriedens, so ist dies ebenfalls eine ungeheuerliche Provokation. Ich sehe die Garantie, den Frieden zu verteidigen nur darin, indem Millionen Menschen dafür bereit sind.«

Ein Schuhmacher aus Fahrenwalde, [Bezirk] Neubrandenburg: »Jede Erfindung des Kapitalismus wird für ihre Kriegszwecke ausprobiert. Dies beweist uns erneut die Wasserstoffbombe. Arme Menschen sind das Opfer dieser Experimente.«

Zur Genfer Konferenz wurden uns von der übrigen Bevölkerung vereinzelt Stimmen bekannt. Verschiedentlich bezweifelt man einen Erfolg der Konferenz. Ein CDU-Mitglied aus Bad Lausick, [Bezirk] Leipzig: »Was nützen uns all die Konferenzen der anderen Staaten, wenn für uns nichts Positives dabei herausspringt. Denn die, welche bei solchen Konferenzen verhandeln, versuchen nur für sich Vorteile herauszuschlagen. Der heutige Kampf geht ja wiederum nur um die Weltherrschaft.« Ein Angestellter aus Frankfurt/Oder: »Was soll die Konferenz in Genf schon bringen. Dasselbe wie die Konferenz in Berlin, nämlich keinen Erfolg.«

Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen nach wie vor wirtschaftliche Fragen. Im HO-Warenhaus Leipzig brachten einige Kunden zum Ausdruck: »Wir können es nicht verstehen, dass es gerade nach dem IV. Parteitag der SED13 zu solchen Schwierigkeiten in der Fleischversorgung kommen kann.« In Frankfurt/Oder wird das Gerücht verbreitet, dass die schlechte HO-Fleischbelieferung darauf zurückzuführen ist, dass die Fleischmengen für das zweite Deutschlandtreffen verwendet werden.14

Im Krankenhaus Bad Elster ist der Chefarzt (Verdienter Arzt des Volkes15) verärgert über die Streichung der Investmittel für den Ausbau des Krankenhauses. Er führte wörtlich an: »Wenn die Projektierung wiederholt abgelehnt wird, und ich eventuell weg soll, begebe ich mich in meine Heimat (Westdeutschland), um dort meine Kräfte zur Verfügung zu stellen.« Er beschwerte sich, weil ihm keine Möglichkeit gegeben wird, nach der SU bzw. den Volksdemokratien zum Erfahrungsaustausch zu fahren. Es ist ihm auch unverständlich, dass man ihm keine Assistentenärzte zuteilt.

Negative Stimmen wurden uns nur ganz vereinzelt bekannt. Ein Fuhrunternehmer aus Lindau, [Bezirk] Magdeburg: »Die Bevölkerung hat kein Vertrauen zur Partei der Arbeiterklasse, da sie sich die Politik der Strenge zu eigen gemacht hat. Wenn man ein Wort sagt, welches nicht gefällt, wird man gleich verhaftet.«

Ein Pfarrer aus Gera äußerte: »Er sei in seinen kirchlichen Veranstaltungen niemanden Rechenschaft schuldig und viele Bürger sind mit diesem Staat nicht einverstanden. Es kommt auf die Wahl an, wo die Marxisten den Kampf verlieren werden. Und ich bin kein Kommunist und will auch keiner werden. Der Herr soll mich davor bewahren. Das Wort Frieden aus dem Munde eines Kommunisten ist eine Phrase.«

Ein Jugendlicher aus Jamlitz, [Bezirk] Frankfurt: »Unser Rundfunk und unsere Presse schimpfen immer über die Amis. Man soll sich mal die Verwüstungen, die die Rote Armee macht, ansehen, es werden ebenfalls Äcker und Schonungen umgefahren.16 Die im Osten rüsten ebenfalls, denn das sieht man ja an der KVP, denn wozu bauen diese denn Baracken.«17

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriften des SPD-Ostbüros:18 Potsdam 1 300, Magdeburg 1 050.

Hetzschriften der NTS:19 Potsdam 25 060, Cottbus 3 450, Gera 75, Halle 25, Dresden 6.

Hetzschriften der KgU:20 Dresden 41 330, Cottbus 500.

Die Hetzschriften wurden meist durch Ballons eingeschleust.

Diversion: In Schneeberg-Niederschlema, Straßenbaustelle Poppenwald am Güterbahnhof wurde festgestellt, dass von unbekannten Tätern von einem auf der Baustelle stehenden Kompressor der 75 m lange Schlauch an verschiedenen Stellen durchschnitten war.

Antidemokratische Schmierereien: Im Bezirk Dresden wurden vereinzelt Hakenkreuze angeschmiert.

Von Angehörigen der Grenzbereitschaft wurde beobachtet, dass sich auf der westlichen Seite von Staaken des Öfteren Reporter aufhalten, die den Grenzübergang beobachten und auch fotografieren.21 In der Nähe dieser Reporter fahren Autos mit Lautsprechern herum und weibliche Personen mit leichtem Lebenswandel. Durch diese Lautsprecher werden die Grenzpolizisten aufgefordert, nach Westberlin zu kommen, wo sie ein besseres Leben, z. B. mit Frauen usw., führen könnten. In der Nähe dieser Lautsprecherwagen und der Reporter halten sich Stupoangehörige22 zur Sicherung auf. Außerdem auch Angehörige westlicher Besatzungsmächte, die dann die VP, die diesen Verlockungen unterliegen, und die Sektorengrenze überschreiten, in Empfang nehmen wollen.

Paketaktion:23 Es wurde in Erfahrung gebracht, dass seitens der katholischen Kirche in Falkenberg, Berlin, kleine Handzettel ausgegeben werden. Der Name und die Nummer werden jeweils durch die Pfarrer eingetragen. Zu einer bestimmten Zeit sind auf diese Zettel in Westberlin Pakete abzuholen.

Vermutliche Feindtätigkeit

In der LPG Raitzen, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig, wurden Eisenbolzen in einer Quetschmaschine für Hafer gefunden, die einen Ausfall der Maschine verursachten.

Einschätzung der Situation

Die Situation hat sich nicht wesentlich verändert.

Anlage 1 vom 26.4.1954 zum Informationsdienst Nr. 2189

Über Mängel und Schwierigkeiten in den MTS und LPG

Der Leiter der MTS Brahmenau, [Kreis] Gera, beschwerte sich, dass er vor einem viertel Jahre eingesetzt wurde und keine Unterstützung seitens der SED-Kreisleitung sowie der MTS-Bezirksverwaltung erhält. Er findet das insofern nicht richtig, da er bei Nichterfüllung seiner Aufgaben zur Verantwortung gezogen wird (sowie es bei dem Leiter vor ihm der Fall war), die aber ohne Unterstützung schwer zu erfüllen sind.

Im Bezirk Magdeburg beschweren sich LPG-Vorsitzende über zu viel administrative Arbeit. So z. B. erklärte der LPG-Vorsitzende der LPG Steutz: »Die meiste Zeit brauche ich zur Fertigstellung von Plänen und Erfüllung der gestellten Termine. Die vielen Sitzungen erlauben gleich gar nicht, produktive Arbeit zu leisten. Unter den Mitgliedern der LPG besteht daher die Meinung, die Funktionäre machen nur immer Sitzung und wir müssen die Arbeit allein machen.«

Die LPG Raußlitz, [Bezirk] Dresden, hat kein Stroh mehr und muss deshalb Sand in die Ställe streuen und die LPG Niederoderwitz, [Bezirk] Dresden, benötigt dringend Kalk für die Hackfrüchte. Dazu äußerte ein Mitglied: »Die Arbeit wird dadurch stark gehemmt. Zum anderen wissen die maßgebenden Stellen schon lange, dass wir diesen Dünger brauchen, noch dazu, wo er nicht bewirtschaftet ist.« Die LPG Weißig, [Bezirk] Dresden, kann ihre projektierten Scheunen und Ställe nicht bauen, weil sie von der Bauernbank keine Geldmittel erhält. (Es sind keine vorhanden.)

Der Vorsitzender der LPG Grebbin,24 [Bezirk] Schwerin, wurde aufgefordert in einem Schreiben, sich zu verpflichten, für die 100-prozentige Kartoffelaussaat. Was er auch getan hat. Bei genauer Überprüfung stellte sich aber heraus, dass nicht genügend Saatkartoffeln vorrätig sind. Der Vorsitzende befürchtet, dieser Verpflichtung nicht nachkommen zu können und deshalb gezwungen ist, nach dem Westen zu gehen.

Der MTS Laage, [Bezirk] Schwerin, fehlen Schichtfahrer, daher ist man dazu übergegangen, mit nur zwei Traktoren in zwei Schichten zu fahren. Die übrigen Traktoren stehen unbenutzt.

Anlage 2 vom 26.4.1954 zum Informationsdienst Nr. 2189

[ohne Titel]

Wie sich der Einfluss der Westsender, Westpresse und Filme auf die Jugendlichen im demokratischen Sektor Berlins auswirkt, zeigen nachstehende Beispiele:

In einer Klasse der Berufsschule des VEB Signal- und Sicherungstechnik Treptow sollte vor einigen Tagen eine Arbeit über die Industrialisierung und Kollektivierung in der SU geschrieben werden. Als die Klasse dies erfuhr, wurde von einigen Schülern an die Tafel geschrieben: »Wir schreiben keine Geschichtsarbeit«. Daraufhin verließen sämtliche Jugendliche (zwölf Jugendliche, darunter vier FDJ-Mitglieder) die Schule, begaben sich in den Westsektor und gingen dort ins Kino. Bei der Befragung am nächsten Tage durch den Schulleiter erklärten sie, dass sie keine Lust hatten, so eine Arbeit zu schreiben.

Am 13.4.1954 fand im VEB Filzfabrik Adlershof eine Jugendversammlung statt, an der 20 Jugendliche teilnahmen. In der Diskussion wurde von den Jugendlichen größtenteils gegen die DDR und die VP gehetzt. Einige Jugendliche vertraten verschiedene faschistische und chauvinistische Auffassungen. Als dem Referenten diese Reden zu weit gingen, erklärte er den Jugendlichen, dass sie gegen unseren Staat hetzen und gegen den Frieden auftreten würden. Daraufhin fingen alle an zu lachen und verließen geschlossen den Versammlungsraum.

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