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Zur Beurteilung der Situation

21. September 1954
Informationsdienst Nr. 2319 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Unter den Werktätigen wird nur gering über politische Tagesfragen gesprochen. Im Vordergrund steht hierbei die Volkskammerwahl,1 während über die Preissenkung2 nur noch vereinzelt diskutiert wird. Zur Volkskammerwahl äußert man sich weiterhin meist positiv zur einheitlichen Kandidatenliste und übernimmt Produktionsverpflichtungen sowie Verpflichtungen, den Kandidaten der Nationalen Front3 am 17.10.[1954] die Stimme zu geben. Der Umfang der Verpflichtungen hat sich vergrößert.

Im VEB Luwal, Kreis Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, verpflichteten sich z. B. vier Kolleginnen, in Vorbereitung der Wahl als Aufklärer mitzuwirken. Im VEB Textil- und Gummiwerk Neugersdorf, Kreis Löbau, [Bezirk] Dresden, wurden in der letzten Woche 50 Produktionsverpflichtungen abgegeben.4 Im VEB RFT Görlitz werden am 26.9.[1954] zwei Brigaden eine Sonderschicht fahren.

Eine Arbeiterin vom VEB Esda-Strumpfwerke Steinbach,5 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es ist unsere Pflicht, bei den Wahlen die Kandidaten der Nationalen Front zu wählen. Wir wollen keinen Krieg und auch nicht, dass unser Betrieb wieder in Privathände kommt.«

Ein Kollege aus Schmirchau, [Bezirk] Gera: »Wenn man klar denken kann, so sieht man, dass die in Westdeutschland bestehende Staatsform mit Demokratie nichts zu tun hat. Dort herrschen die Junker und Militaristen. Deshalb werden wir am 17.10.[1954] für unsere Kandidaten stimmen.«

Teilweise werden aus Unkenntnis die Einheitslisten abgelehnt und Parteiwahlen gefordert. Ein Kollege aus dem Bau 34 der Chemischen Werke Buna: »Ich kann mich nicht mit dem einheitlichen Wahlvorschlag abfinden, denn wenn jede Partei eine eigene Liste hätte, könnte man wenigstens sehen, welche die stärkste Partei ist.«6

Ein Teil der Schiffer aus Magdeburg steht den Volkswahlen gegenüber noch unaufgeklärt [sic!]. So äußerte z. B. ein Schiffsführer: »Ich habe noch nicht viel von den Volkskammerwahlen und auch noch nicht von den Kandidaten der Nationalen Front gehört.«

In geringem Umfang äußern sich meist reaktionäre Elemente feindlich gegen die Wahlen. Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Motorradwerke Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Man soll doch wieder so wählen, wie zur Weimarer Zeit, die SED würde dann schon ihr blaues Wunder erleben.«7

Ein Arbeiter aus Grimma, [Bezirk] Leipzig: »Das Wahlergebnis ist doch sowieso jetzt schon fertig, ganz egal, wie die Wahl ausfällt.«

Ein Arbeiter aus den Eilenburger Zelluloidwerk: »Wem soll ich denn zur Wahl meine Stimme geben. Die Faulenzer da oben zehren doch nur von uns und wir Arbeiter müssen bloß tüchtig schuften.«8

Ein Arbeiter aus der Gerberei des VEB Lederfabrik Hirschberg, [Bezirk] Gera: »Wenn meine Verwandten nicht durch eine Aufenthaltsgenehmigung hier nach Hirschberg kommen,9 so kommt für uns die Volkswahl am 17.10.[1954] nicht infrage.«

Im VEB Schlepperwerk Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, wurde von einigen Jugendlichen erklärt, dass unter einem Teil der Belegschaft die Meinung vertreten wird, die Jugendlichen haben das Wahlrecht nur erhalten, damit mehr für die Regierung wählen sollen.10

Ein Eisenbahner aus dem Kreis Kamenz: »Wenn man für den Frieden stimmt, stimmt man gleichzeitig für die Oder-Neiße-Grenze. Als ehemaliger Umsiedler werde ich niemals meine Stimme dafür geben.«

Besonders wird über betriebliche und persönliche Belange gesprochen, worüber teilweise Missstimmung besteht.

Im Eisenhüttenwerk Thale besteht im Walzwerk ein Mangel an Arbeitskräften. Dadurch entsteht ein Produktionsausfall von monatlich 500 Tonnen Feinblech. Über die Ursache äußerten einige Walzwerker: »In den Walzwerken Burg und Hettstedt erhält der erste Walzer die Lohngruppe VIII, im Hüttenwerk Thale nur die Lohngruppe V. Über diese unterschiedliche Einstufung sind die Walzwerker natürlich sehr missgestimmt.«

Im VEB (K) Bau Neustrelitz, haben mehrere Kollegen ihr Arbeitsverhältnis gekündigt, weil ihr Lohn zu gering sei. Der BGL-Vorsitzende des Betriebes hatte ihnen erklärt: »Wenn ihr die Ortsklasse B haben wollt,11 dann müsst ihr kündigen. Der Betrieb wird dann schon zahlen, denn er braucht die Maurer.«

Im VEB Gubener Wolle, [Bezirk] Cottbus, sind die Beschäftigten mit dem Deputat unzufrieden und sie verlangen, dass sie Stoffreste zum Herstellungspreis wie bisher erhalten. Durch Unterschriften wollen sie beim zuständigen Ministerium dagegen protestieren, dass der Restverkauf jetzt im Industrieladen Forst vorgenommen wird.

Unter den Arbeitern des VEB Elektro-Maschinenfabrik Hartha, [Bezirk] Leipzig, wird heftig über die Prämienverteilung diskutiert. Ein großer Teil der Kollegen ist der Ansicht, dass man den Betriebsfunktionären nicht so hohe Prämien zahlen sollte, da sie schon genug verdienen würden. Dafür müssten die Arbeiter Prämien erhalten, weil sie doch die Werte und Produkte schaffen.

Größere Mengen von Buntmetallen lagern in Johanngeorgenstadt. So liegen z. B. auf dem Gelände der Bahnförderung rund ca. 30 t Blei, 10 t Kupfer und Messing, die der Witterung ausgesetzt sind und wo keine Bewachung vorhanden ist. Weiterhin stehen bei der Bahnförderung 18 Dampfloks, die dort nicht mehr gebraucht werden können, jedoch noch fahrbereit sind. Eingaben an den Minister Selbmann,12 diese Loks auf Baustellen zu verteilen, blieben bisher unbeantwortet.13

Planrückstände: Im Eisenhüttenkombinat »J. W. Stalin« wurde der Plan in den ersten beiden Septemberdekaden nur zu 76 Prozent erfüllt. Die Ursache sind einerseits Materialschäden und andererseits ungenügende Zusammenarbeit der einzelnen Betriebsabteilungen.

In der Schiffswerft Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, mussten ca. 12 000 Arbeitsstunden für den Umbau von Normteilen verwendet werden.

Massenerkrankung: Im Edelstahlwerk in Dresden14 erkrankten am 17.9.[1954] nach dem Werkessen 25 Kollegen an Durchfall. Ursache noch nicht geklärt.

Produktionsstörungen

Im VEB Kaliwerk »Ernst Thälmann« in Merkers, [Bezirk] Suhl, riss am 19.9.[1954] das Zugseil der Hauptseilbahn. Produktionsausfall 350 Tonnen Rohsalz. Ursache nicht bekannt.

Im Kunstseidenwerk Pirna, [Bezirk] Dresden, platzten durch Fehlbedienung die Kühlmäntel der Mischer infolge Überdrucks, da die Ablassventile im Maschinenraum nicht geöffnet waren. Produktionsausfall entstand nicht. Sachschaden ca. 3 000 DM.

Handel und Versorgung

Wegen dem Mangel an Lagerräumen lagern in Gröditz, [Bezirk] Dresden, 500 Tonnen halbfrühe Kartoffeln im Freien, die dem Verderb ausgesetzt sind, da sie von der Bevölkerung zum Einkellern nicht gekauft werden.

Unzufriedenheit besteht im Bezirk Erfurt über die schlechte Warenstreuung. In den Verteilerstellen des Konsums in Apolda, [Bezirk] Erfurt, z. B. wurde eine schlechte Belieferung mit Zigaretten, Fleischkonserven, Speck und Margarine festgestellt und im Kreis Weimar mit Kurzwaren.

Der staatliche und besonders der genossenschaftliche Handel im Bezirk Frankfurt erfüllt seine Aufgaben nicht. Die Landverkaufsstellen haben ein kleines und ungenügendes Warensortiment, während in den Kreisstädten viele Waren lagern, die dem Bedarf der Landbevölkerung entsprechen. Aber auch in den Städten ist eine schlechte Bereitstellung vieler Waren vorhanden. In Strausberg fehlen z. B. Erbsen, Linsen, Bohnen usw. Außerdem Stärkeerzeugnisse, Marmelade, HO-Öl, Schmalzfleisch in Konserven. Noch schlechter ist die Qualität und Quantität in Fleisch- und Wurstwaren. Da sich in Strausberg viele Bauarbeiter befinden, gibt es außerdem berechtigte Beschwerden darüber, dass an Schuhwaren nur Ladenhüter (Boxin- und Igelit)15 angeboten werden. Dadurch ist der Umsatzplan auch entsprechend gesunken, in den Lebensmittelverkaufsstellen um ca. 30 Prozent.

Mängel in der Verteilung zeigen sich auch im Kreis Teterow und in der Stadt Loitz, [Bezirk] Neubrandenburg, in den HO- und Konsum-Verkaufsstellen. Es fehlen Nährmittel, Öl, Fischwaren, Käse, Fleisch- und Wurstwaren. Flaschenbier gibt es in der Stadt Loitz schon seit 14 Tagen nicht.

An Zucker und Eiern mangelt es in einigen Kreisen des Bezirkes Suhl.

Benzinmangel macht sich in Halle und Cottbus bemerkbar. Es fehlen dort größere Mengen und wirken sich im Bezirk Halle nachteilig auf die Bergung der Ernte und auf die Versorgung aus, in Cottbus auf den Berufsverkehr.

Aus einem Bericht der DHZ Gummi, Asbest und Kunststoff Berlin entnehmen wir, dass seit einem halben Jahr große Schwierigkeiten mit Kfz-Bereifungen auftreten. Der größte Engpass besteht in Pkw-Bereifung, da in den Abmessungen 5.00–16, 525–16, 5.50–16 und 6.00–16 die DHZ vom II. bis IV. Quartal nur ein Kontingent von ca. 30 Prozent der Bedarfsanforderung erhält. Dadurch können nicht mehr durch die DHZ das Verwaltungsamt, die Regierungskanzlei, das ZK der SED, die Leitungen der Blockparteien und Massenorganisationen, der VEB Taxi, die VE Betriebe, der staatliche und genossenschaftliche Einzelhandel und der private Einzelhandel ausreichend versorgt werden. Verschiedene Wagen von Betrieben mussten bereits wegen Reifenmangel stillgelegt werden. Eine weitere Erhöhung der schlechten Versorgung wird dadurch hervorgerufen, dass der VEB Reifenwerk Fürstenwalde nicht in der Lage ist, für die wenigen Mengen den vertraglich festgelegten Liefertermin einzuhalten und jeden Monat Vertragsänderungen beantragt. Darüber hinaus werden fest zugesagte Sendungen des VEB Reifenwerk nicht abgeschickt.16

Landwirtschaft

In der Beteiligung an den politischen Tagesfragen ist keine wesentliche Änderung zu verzeichnen. Anlässlich der Volkskammerwahl wurden weitere Einzel- und Kollektivverpflichtungen übernommen, an denen sich hauptsächlich der sozialistische Sektor beteiligt.

Teilweise werden die Volkskammerwahlen unterschätzt und keine Vorbereitungen getroffen, wie in der Gemeinde Drossenow,17 Kreis Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg. Die Einwohner dieser Gemeinde bringen ihre Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck, dass in ihrem Ort noch keine Versammlung oder Kundgebung über die bevorstehende Wahl stattgefunden hat. Das Gleiche trifft in der Gemeinde Janow, Kreis Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, zu.

In der Gemeinde Bresewitz, [Kreis] Neubrandenburg, vertritt der Wahlvorsitzende die Meinung, dass die Wahl nur eine »Formsache« ist. Sie brauchte überhaupt nicht zu sein. Er ist Mitglied unserer Partei.

Negative bzw. feindliche Äußerungen wurden nur vereinzelt festgestellt. Eine Kleinbäuerin aus Märkisch-Buchholz, [Bezirk] Potsdam: »Da bekommen wir wieder einen Zettel in die Hand gedrückt und den müssen wir in die Wahlurne werfen. Das ist aber alles Schwindel, denn unsere Meinung kommt dadurch nicht zum Ausdruck.«

Unter den Bauern in Röppisch, [Bezirk] Gera, werden Diskussionen folgenden Inhalts geführt: »Das Wahlergebnis steht fest, deshalb ist die Wahl zwecklos.«

Der Leiter der BHG Schrepkow, [Bezirk] Potsdam: »Die Volksbefragung18 wurde in Schrepkow nicht richtig durchgeführt. Wenn bei den Volkswahlen 1954 der gleiche Betrug gemacht wird wie bei der Volksbefragung, garantiere ich für das Nichterscheinen der Wahlberechtigten der Gemeinde Schrepkow.«

Bei den Rechenschaftslegungen19 im Bezirk Schwerin wird immer wieder festgestellt, dass die Referenten formal vorgehen. Sie lesen ihre Dispositionen ab und gehen nicht auf die örtlichen Belange ein. In der Gemeinde Hornkaten, Kreis Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, konnte der Referent z. B. nicht genügend die Verwirklichung des Viehhalteplanes begründen. Er erwähnte, dass im Kreisgebiet ca. 25 000 dz Futtermittel fehlen und er deshalb die Teilnehmer verstehe, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Pläne zu erfüllen. Bei dem Referenten handelt es sich um den Bezirksabgeordneten Hildebrand.20

Bei der Ablieferung des Getreides ist im Bezirk Rostock zu verzeichnen, dass einige Großbauern kein Interesse zeigen, das noch draußen stehende Getreide einzufahren oder zu dreschen. Sie begründen dieses damit, dass sie zu wenige Arbeitskräfte haben oder dass das Korn noch schwitzt. Aus den Gemeinden Benz und Petermick,21 Kreis Wismar, [Bezirk] Rostock, wurde diesbezüglich bekannt, dass die sechs Großbauern dieser Gemeinde bis zum heutigen Tage noch nicht 1 kg Getreide aus der Ernte von 1954 abgeliefert haben.

Im Bezirk Schwerin lehnt ein Teil der Bürgermeister den Nachtdrusch ab,22 weil die Arbeitskräfte bei Tage genügend ausgelastet werden. Dort gibt es auch Bürgermeister, die die Auffassung vertreten, dass sie bis zum 31.12.[1954] mit der Ablieferung fertig sein wollen. Als weiteres Argument wird die hohe Feuchtigkeit des Getreides als Hinderungsgrund des Drusches angesehen, wie z. B. in den Gemeinden Hornkaten, Warlow, Leussow, [Bezirk] Schwerin.

In der Bürgermeistersitzung in Döbeln, [Bezirk] Leipzig, beim Rat des Kreises sollten unter anderem einige Bürgermeister prämiert werden, für die gute Leistung in der Ablieferung von Getreide ihrer Gemeinden. Als der Sekretär vom Kreisrat dies bekanntgab, kam es zu heftigen Meinungsverschiedenheiten unter den anwesenden Bürgermeistern und die Versammlung musste aufgelöst werden. Die Mehrheit sprach sich gegen die Form der Prämierung aus, da bisher jeder Bürgermeister eine Prämie von DM 25,00 erhalten hatte. Besonders heftig wurde von den Bürgermeistern der Gemeinden Gadewitz, Galschwitz23 und Wendishain diese Prämierung abgelehnt. Unter anderem wurde geäußert, dass es nicht richtig sei und sie das nicht mitmachten. Nach Mitteilung des Genossen Thiem24 wollen ca. 40 Prozent der Bürgermeister ihre Funktion niederlegen, da ihnen die Arbeit angeblich zu viel wird.25

Mängel und Missstände

Auf den MTS des Bezirkes Rostock treten nach wie vor Schwierigkeiten in der Beschaffung von Ersatzteilen auf. Das liegt zum Teil in der schlechten Arbeit der zentralen Stellen begründet. Dadurch ist in der MTS Sagard, [Kreis] Bergen, ein Traktor vier Tage ausgefallen.

Die MTS Reichstädt, [Bezirk] Dresden, hat große Schwierigkeiten bei der Hackfruchternte, weil die im Plan vorgesehenen Kartoffelrodemaschinen nicht geliefert wurden.

Die VEAB Riesa hat zzt. große Schwierigkeiten im Arbeitsablauf des Betriebes. Durch Lieferung von überfeuchtem Getreide aus Mecklenburg sind die finanziellen Mittel erschöpft und am 20.[9.1954] wurden sämtliche Konten vonseiten der Bank gesperrt.

Übrige Bevölkerung

Nach wie vor werden unter der übrigen Bevölkerung nur in geringem Maße Diskussionen über politische Probleme geführt, jedoch überwiegend positiv. Im Mittelpunkt der politischen Diskussionen stehen die Vorbereitungen zur Volkswahl. Die Aufstellung der gemeinsamen Kandidatenliste wird in der Mehrzahl begrüßt. Dazu äußerte eine Lehrerin aus Thum, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Bei den Volkswahlen am 17. Oktober 1954 handelt es sich wirklich um demokratische Wahlen und der Weg, den die DDR beschreitet, ist richtig. Dagegen der Weg, den die westdeutsche Regierung eingeschlagen hat, führt in Not und Elend.«

Negative bzw. feindliche Stellungnahmen zur Volkswahl sowie die Forderung nach Parteiwahlen kommen immer wieder vorwiegend aus bürgerlichen Kreisen sowie aus den Reihen der bürgerlichen Parteien. Zum Beispiel sprachen sich in einer Versammlung der CDU-Ortsgruppe Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, alle Anwesenden (13) Mitglieder für eine Listenwahl getrennt nach Parteien aus.26

Ein Einwohner aus Reitzgengeschwenda, Kreis Saalfeld, [Bezirk] Gera, sagte in einer Versammlung: »Die Volkskammer hat nicht auf die Geschehnisse direkten Einfluss, da sie nach dem 17.6.1953 die Regierung nicht zur Rechenschaft gezogen hat. Ferner hat es nichts mit Demokratie zu tun, wenn nicht jede Partei ihre eigene Liste aufstellen kann.«27

Ein Friseurmeister aus dem Kreis Pirna, [Bezirk] Dresden, äußerte, dass anlässlich einer Sitzung der LDPD in Pirna ein Schreiben an die Regierung verfasst worden sei, mit dem Vorschlag, keine Regierungswahlen sondern erst einmal Parteiwahlen durchzuführen. Bis die Antwort von der Regierung komme, habe es gar keinen Sinn, über die bevorstehenden Wahlen zu diskutieren und Agitationseinsätze durchzuführen.

Aus den Bezirken Potsdam und Magdeburg wurde berichtet, dass in den letzten Tagen die Arbeit der Nationalen Front in Bezug auf die Volkswahl besser geworden ist. Zum Beispiel werden im Bezirk Potsdam mehr Hausversammlungen durchgeführt, was von der Bevölkerung begrüßt wird. Im Kreis Luckenwalde wurde der Wunsch geäußert, die Hausversammlungen beizubehalten, weil es hierdurch am besten möglich sei, kritisch zu Fehlern und Mängeln Stellung zu nehmen. In diesem Rahmen kommt es auch oft zu Verpflichtungen, geschlossen zur Wahl zu gehen, und ihre Stimme den Kandidaten der Nationalen Front zu geben.

Im Bezirk Magdeburg zeigt sich bei einer guten Vorbereitung der Versammlungen und Kundgebungen eine bessere Beteiligung seitens der Bevölkerung. So nahmen z. B. an einer Kundgebung in Wolmirstedt über 1 000 Personen und in Calbe ca. 2 500 Personen teil. Es sprach der Genosse Hermann Matern.28 Seine Ausführungen, die leicht verständlich waren, wurden mit Begeisterung aufgenommen.

Überall in den Bezirken fanden in den letzten Tagen die Wählerkonferenzen statt,29 die allgemein einen guten Verlauf nahmen. Zum Beispiel stellten sich in Halle auf einer Wählerkonferenz die Volkskammerabgeordneten, Genossin Justizminister Hilde Benjamin30 und Genosse Fred Oelßner31 vor. In der Diskussion sprachen 30 Personen, und über 500 Selbstverpflichtungen zur Erhöhung der Produktion wurden abgegeben. Es nahmen u. a. drei westdeutsche Delegationen teil.

In Schwarzheide, Kreis Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, stellte sich u. a. der Genosse Minister Selbmann vor. Dazu äußerte eine Studentin aus Senftenberg: »Bei uns stellen sich die Minister ihren Wählern vor. So etwas hat es in Deutschland noch nie gegeben.«

Teilweise wird von der Bevölkerung die Meinung vertreten, dass man Einwohnerversammlungen sowie Betriebskundgebungen nicht kampagnemäßig, wie jetzt zu den Wahlen, durchführen soll, sondern regelmäßig. Dadurch würde eine bessere Verbindung zur Bevölkerung hergestellt und es könnten viele Mängel im Keime erstickt werden.

Verschiedentlich kann festgestellt werden, dass aufgrund persönlicher Verärgerung die Wahlpflicht verweigert wird. So sagte z. B. ein Sattlermeister aus Groß Gastrose,32 Kreis Guben, [Bezirk] Cottbus: »Wenn ich kein Material bekomme und trotzdem Steuern zahlen muss, werde ich am 17. Oktober [1954] nicht zur Wahl gehen.«33

Aus den Kreisen der Kirche

Am 17.9.[1954] fand in der Gemeinde Westerengel, Kreis Sondershausen, [Bezirk] Erfurt, die Einweihung der neuen evangelischen Kirche mit Gottesdienst und Predigt statt. Der Prediger hob u. a. hervor, dass sich die Politiker herumschlagen und nicht in der Lage sind, die Deutschen an einen Tisch zu bekommen. Nur die Kirche bekommt die Deutschen zusammen, das hat der Kirchentag in Leipzig gezeigt.34 Des Weiteren sagte er, dass eine Ideologie verbreitet wird, und wer sich dieser nicht anschließt, würde an die Wand gedrückt und später liquidiert. Deshalb würde sich keiner mehr am Biertisch als Kirchenanhänger zu erkennen geben.

Aus dem Bezirk Neubrandenburg wurde mitgeteilt, dass ein größerer Teil der Angestellten beim Rat der Stadt Lychen negative bzw. feindliche Diskussionen führt. So sagte z. B. eine Angestellte aus der Abteilung Landwirtschaft: »Wenn ich in Westdeutschland wohnen würde, könnte ich mir mehr leisten. Ich war in diesem Jahr drüben und mir braucht keiner mehr etwas zu erzählen. Die Arbeitslosen leben mindestens so gut wie wir in der DDR. Die hier herziehen, brauchen wir uns doch bloß anzusehen, mit denen ist ja nicht viel los.« Eine Angestellte, tätig im Standesamt: »Dass eine Preissenkung gekommen ist, war ja klar. Es war ja schon immer so, dass vor der Wahl eine Preissenkung stattfand. Sonst glaubt ja keiner mehr an den Geist.«

Im Landkreis Weimar sind 17 Personen an Kinderlähmung erkrankt. Zwei Fälle gingen tödlich aus. Im Stadtgebiet Weimar sind 44 Personen erkrankt und sechs verstorben.

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

Ostbüro der SPD:35 Frankfurt 5 000, Halle 2 800, Karl-Marx-Stadt 1 8[00],36 Rostock 460, Gera 18.

NTS:37 Frankfurt 200, Rostock einige.

In tschechischer Sprache: Karl-Marx-Stadt 40, Dresden 29.

Unbekannter Herkunft, die sich gegen die Volkskammerwahl richten: Potsdam 5 000, Suhl 5 000 bis 6 000.

Antidemokratische Tätigkeit

Aus Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, wurde uns bekannt, dass im VEB Rheinmetall im Klosett der Schreibmaschinenabteilung am 18.9.1954 folgende Hetzlosung an die Tür geschrieben wurde: »Heil Hitler, nieder mit dem Kommunisten« und ein Hakenkreuz.

Am 19.9.1954 wurde in Potsdam festgestellt, dass an sieben Stahlmasten der Oberleitung der Straßenbahn je ein Hakenkreuz angeschmiert war.

In der Nacht zum 20.9.1954 rissen unbekannte Täter in Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, eine Fahne aus einem Sockel und entwendeten sie.

In dem VEB Maxhütte Unterwellenborn, Abteilung Niederschachtöfen, wurden auf der Toilette folgende Worte eingeritzt: »Kollegen, wählt Liste X der NSDAP«.

In einem Dresdener Lichtspieltheater wird zzt. vor dem Hauptfilm der Beifilm »Sieben vom Rhein« gezeigt. Am 19.9.[1954] wurde festgestellt, dass in der 17.00-Uhr-Vorstellung während der ersten Hälfte ein Verlassen des Filmes sowie ein Trampeln zu verzeichnen war. Unter den Kinobesuchern entstand durch diese Störung eine Unruhe.38

Diversion

Am 17.9.[1954] brach im VEB Baumechanik Strausberg,39 [Bezirk] Frankfurt, ein Brand aus. In diesem Betrieb werden Straßenbaufahrzeuge (Ungarische Kipper) repariert und stehen im Freien. Durch unbekannte Täter wurde Dieselöl aus einem Tank herausgelassen und mit brennender Putzwolle angesteckt. Schaden: ca. 1 200 DM.

In der Nacht vom 13. und 14.9.1954 zerschnitten unbekannte Täter den Becherriemen an dem Dreschsatz der MTS Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg. Durch die Instandsetzung des Dreschkastens entstand ein Arbeitsausfall von fünf Stunden.

Der technische Direktor vom Kaliwerk »Einheit« Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, wurde telefonisch gewarnt, er solle sich sofort nach dem Westen absetzen, denn er und seine Frau würden vom SfS verhaftet.40

Gefälschte Anweisung

Der Parteisekretär der Maschinenfabrik Meuselwitz, [Bezirk] Leipzig, erhielt von der Nationalen Front die Mitteilung, dass eine Großkundgebung im Betrieb durchgeführt würde, wo ein Genosse der Bezirksleitung der SED sprechen würde. Die Belegschaft wurde in dieser Richtung angesprochen. Als der Parteisekretär sich bei der Kreisleitung Altenburg erkundigte, erhielt er jedoch die Mitteilung, dass der Kreisleitung nicht bekannt ist, dass ein Genosse der Bezirksleitung der SED Leipzig im Betrieb sprechen soll. Die Versammlung wurde abgesagt, was eine schlechte Stimmung unter den Arbeitern dieses Betriebes hervorrief. Dasselbe trat auch im Werk Zipsendorf, [Bezirk] Leipzig, auf.41

Anlage 1 vom 21. September 1954 zum Informationsdienst Nr. 2319

Stimmen aus Westdeutschland und Westberlin zur Preissenkung

Der größte Teil äußert sich anerkennend zur Preissenkung. Darin bringt man zum Ausdruck, dass in Westdeutschland die Preissenkung wie eine Bombe eingeschlagen hat, und nun immer mehr Menschen erkennen, dass es bei uns in der DDR ständig aufwärtsgeht. Oft erklärt man, dass sich jetzt auch die Rentner etwas Fettigkeiten in der HO kaufen können. Einige wünschen sich, dass man auch in Westdeutschland Preissenkungen durchführen müsste. Meist äußern sich Arbeiter.

Ein Arbeiter aus Köln-Deutz: »Nun habt ihr ja wieder eine große Preissenkung gemacht. Das hat hier mal wieder eingeschlagen wie eine Bombe. Die bürgerliche Presse verhält sich hierüber ziemlich ruhig. Wir jedenfalls freuen uns, dass es vorangeht und mit uns alle anständigen Arbeiter in Westdeutschland. Ich bin überzeugt, dass man hier nächstes Jahr keine Märchen mehr erzählen kann über die ›hungernde Ostzone‹, wie man es bisher getan hat. Schon begreift ein großer Teil der Bevölkerung, dass sie von ihrer Regierung an der Nase herumgeführt werden. Diese Bewegung wird immer stärker werden und Adenauer42 wird wohl oder übel abtreten müssen.«

Ein Arbeiter aus Bremen: »Die Preissenkung ist in Ordnung, wird aber hier von den Menschen kaum beachtet, erst wenn Tante und Onkel aus der DDR berichten ›uns geht es gut‹, dann glauben die meisten erst an die aufsteigende Entwicklung bei euch, da die fortschrittlichen Kräfte jetzt nach der französischen EVG-Ablehnung43 noch schärfer verfolgt werden.«

Oft äußern sich Geschäftsleute von Westberlin zur Preissenkung. Darin wird zum Ausdruck gebracht, dass sie jetzt ihrem Ruin entgegengehen, da die Kunden aus dem demokratischen Sektor von Berlin wegfallen. Eine Geschäftsfrau aus Berlin-Neukölln: »Bis zur 16. Preissenkung44 hatte ich einen erheblichen Teil meines Umsatzes aus Ostkunden, welche hauptsächlich Nahrungsmittel wie Fette usw. kauften. Aber jetzt ist die Käuferschar erheblich zurückgegangen und jetzt fragt nicht, wie mir zumute ist. Meine paar Pumpkunden können den absehbaren Ruin nicht aufhalten. Alles wird teurer bei uns und im Osten billiger, wenn die so weitermachen, haben wir hier im Westen HO-Preise und die anderen Kartenpreise.«

Ein Inhaber eines Schuhgeschäftes aus Berlin-Wedding: »Jetzt bin ich fertig und muss meinen Laden zumachen. Ich habe keinen Warenumsatz mehr. Ich habe die Absicht, nach Greiz überzusiedeln, wo meine Schwiegereltern eine Schuhfabrik haben, um mich dort mit an der Produktion und am Verkauf zu beteiligen. Hier im Westen bin ich mit meinen Nerven am Ende.«

In negativen Diskussionen versucht man die Preissenkung durch zynische Äußerungen herabzumindern. Ein Arbeiter aus Berlin-Steglitz: »Ich höre und lese zurzeit soviel von einem Preisabbau in Berlin-Ost und in der Zone. Das ist ja direkt eine hochanerkennende Leistung von Eurem Staatspräsidenten Pieck45 und seinen Ministern. Nach Zeitungsberichten und Radiosendungen kommen wir nun bald sicher nicht mehr mit und werden bald zugrunde gehen, wäre das nicht furchtbar?«

Anlage 2 vom 21. September 1954 zum Informationsdienst Nr. 2319

Produktionsschwierigkeiten in der Industrie

In der Elektroschmelze Zschornewitz, [Bezirk] Halle, mangelt es an Arbeitskräften. Außerdem sind zurzeit von den 508 Belegschaftsangehörigen 40 krank. Dadurch ist die Planerfüllung gefährdet.

Im Kunstseidenwerk Premnitz, [Bezirk] Potsdam, mangelt es in der Spinnerei an Arbeitskräften, besonders in den Nachtschichten.

Im Kraftwerk Zschornewitz, [Bezirk] Halle, fehlen Überhitzerohre für den Umbau der Kessel.

In den Farbglaswerken in Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, bestehen Schwierigkeiten in der Rohstoffversorgung. Dringend werden Kobalt-Oxyd, Selen und Selenik-Saures Natron benötigt.

Der VEB Elde-Süßwaren Parchim, [Bezirk] Schwerin, muss wegen Mangel an Kernobst seine Produktion einschränken und Arbeitskräfte entlassen. Der VEAB Halle hat seinen Vertrag nicht eingehalten.

Das Press- und Schmiedewerk »Heinrich Fink u. Lissmann«46 hat große Schwierigkeiten in der Beschaffung von Generatorenbriketts, wodurch Produktionsstockungen eintreten.

Das Fischkombinat Saßnitz benötigt dringend Kühlwagen. Die Reichsbahn schickt zum größten Teil nur Behelfskühlwagen, die zum Versand von Fischen auf längere Strecken nicht geeignet sind.

Der VEB Likörfabrik Guben47 hat Absatzschwierigkeiten, da seitens der DHZ Lebensmittel die erforderlichen Verträge nicht abgeschlossen wurden.

Lagerung von Lederabfällen: In einer Privatfirma in Zittau lagern einige 100 Zentner Lederabfälle, die nicht abgesetzt werden können, weil sie von der zuständigen Industrie laufend abgelehnt werden. Da die Abfälle außer den entstandenen Betriebskosten noch erheblich Platz beanspruchen, werden dieselben jetzt zum Heizen des Aufenthaltsraumes verwendet.

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