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Zur Beurteilung der Situation

27. Juni 1954
Informationsdienst Nr. 2246 zur Beurteilung der Situation

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Diskussionen über politische Probleme haben weiterhin einen verhältnismäßig geringen Umfang. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die Volksbefragung.1 Die Diskussionen haben sich gegenüber dem Vortage hierüber nicht verändert. (Die bekannt gewordenen Stimmen wurden alle noch in Vorbereitung zur Volksbefragung abgegeben.) Nachfolgend einige feindliche Stimmen, die weiterhin nur vereinzelt bekannt geworden sind.

Eine Arbeiterin aus dem VEB Perlonzwirnerei Plauen,2 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Auf dem Zettel zur Volksbefragung müsste es heißen: Wer ist mit der jetzigen Regierung zufrieden oder nicht. Das wäre wenigstens nutzbringend für uns.«

Ein Arbeiter aus dem VEB IKA Sebnitz, [Bezirk] Dresden: »Die Formulierung müsste eigentlich heißen: Für Friedensvertrag in der Freien Welt, dem könnte man zustimmen.«

Ein Angestellter vom Fischkombinat Saßnitz, [Bezirk] Rostock: »Warum macht man eine Volksbefragung für Frieden und Abzug der Besatzungstruppen? Man sollte lieber eine Volksbefragung über die Änderung der Oder-Neiße-Grenze herbeiführen.«

Ein Rangierer vom Bahnhof Bergen, [Bezirk] Rostock: »Ich gehe erst am Dienstag zur Wahl, außerdem ist es einerlei, ob ich überhaupt gehe oder nicht. Die Wahl ist ja doch bereits zu 98 Prozent entschieden«.

Handel und Versorgung

Im Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, lagern 12 t Schlachtfette, die verderbgefährdet sind.

In Zittau, [Bezirk] Dresden, fehlt es an Damen- und Herrenfahrrädern – danach besteht eine große Nachfrage.

In Bitterfeld, [Bezirk] Halle, mangelt es an Fahrradersatzteilen und im gesamten Bezirk ist das Angebot an Sommer-, Damen- und Herrenkonfektion ungenügend.

In einer Belegschaftsversammlung der Angestellten der HO Wismut,3 an der auch das Verkaufspersonal des Gemüselagers Thum/Erzgeb. Teilnahm,4 wurde kritisiert, dass der private Handel ein weit besseres Angebot an Obst und Gemüse als der staatliche Handel hat. Dazu erklärte der Leiter des Gemüselagers Thum: »Die HO hat Verträge über ausreichende Mengen mit der VEAB abgeschlossen, die aber von dieser nicht eingehalten werden. Uns ist bekannt, dass die VEAB die qualitativ schlechteste Ware bekommt, weil sie nur feste Preise zahlt, hingegen der Privathandel die Preise überbietet.«

Landwirtschaft

Nach wie vor wird von der Landbevölkerung wenig zu politischen Tagesfragen Stellung genommen. Die gering bekannt gewordenen Stimmen zur Volksbefragung sind weiterhin überwiegend positiv. Darin wird zum Ausdruck gebracht, dass sie die Volksbefragung begrüßen und gern ihre Stimme für den Frieden abgeben. So sagte z. B. ein Arbeiter der MTS Neuenhagen, [Bezirk] Frankfurt: »Jeder ist dazu verpflichtet, für einen Friedensvertrag abzustimmen, wenn er ein ehrlicher Mensch sein will und die letzten zwei Weltkriege nicht vergessen hat. Schon in den ersten Stunden soll Adenauer5 unseren Willen kennenlernen«.

Ein geringer Teil vertritt die Meinung, dass die Volksbefragung zwecklos sei, da sowieso alle für den Frieden sind. Zum Beispiel erklärte ein Neubauer aus Diehlo,6 [Bezirk] Frankfurt: »Ich gehe nicht zur Abstimmung, die Regierung weiß genau, dass wir alle für den Frieden sind. Sie weiß auch, dass uns Düngemittel fehlen, die sie uns aber nicht gibt. Außerdem wird sich Adenauer sowieso nicht nach der Volksbefragung richten.«

Vereinzelt wurden in Versammlungen anlässlich der Volksbefragung negative bzw. feindliche Äußerungen bekannt, meist von großbäuerlichen Elementen. In einer Versammlung in Neu Nauendorf,7 [Bezirk] Cottbus, äußerte ein Großbauer: »Uns hat man überhaupt ausgebootet. Wir sind doch auch Deutsche. In der Gemeindevertretung, VdgB, überall haben wir nichts mehr zu sagen. Der 17. Juni [1953] hat uns gerettet, sonst wären wir alle vernichtet worden. Warum sollen wir denn überhaupt zur Wahl gehen? Drüben in Westdeutschland stuft man die Bauern nicht nach zwei Klassen ein.«

In einer Versammlung in Sagast, [Bezirk] Potsdam, wurde der Referent durch einen Zwischenruf unterbrochen, wie z. B.: »Wir fordern die ›Freie Wirtschaft‹!« Als der Referent diesbezüglich Aufklärung gab, erwiderte der Bauer: »Hört bloß auf, alles Schwindel, ich habe die Schnauze voll.« Als der Referent über unseren Arbeiter- und Bauernstaat sprach, sprang der gleiche Bauer auf, lief nach vorn und schlug mit der Faust auf das Referentenpult und sagte: »Ich habe eine achtköpfige Familie. Kein Pfund Butter zu essen, und das ist die Hilfe, die wir vom Arbeiter- und Bauernstaat haben.«

In einer Versammlung in Rattelsdorf, [Bezirk] Gera, wurde in der Diskussion von einigen Bauern zum Ausdruck gebracht, »dass ein Massenprotest immer zum Erfolgt führt, ist uns vollkommen klar. Wie denkt ihr aber darüber, wenn wir Bauern einmal einen Massenprotest auslösen wollten, und zwar deshalb, weil die Regierung nichts Ernsthaftes unternimmt zur Bekämpfung der Wildschweinplage. Unsere erste Maßnahme wird es sein, dass wir zu einem gewissen Teil die Pflichtablieferungen verweigern werden. Ihr scheint gar nicht zu wissen, was die werktätigen Bauern für eine Macht darstellen, wenn sie geschlossen handeln.«

Weiterhin besteht das Interesse vorwiegend für wirtschaftliche Fragen. Im VEG Ravensmühle, [Bezirk] Neubrandenburg, mangelt es an Futterkleie für die Aufzucht der Ferkel und an Futtergetreide für den Schweinebestand.

Durch den Grundwasserentzug in Leuna, [Bezirk] Halle, können die Bauern ihr Soll nicht aufbringen. Alle zuständigen Stellen wurden davon in Kenntnis gesetzt. Bis jetzt ist aber noch nichts unternommen worden.

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverteilung

SPD-Ostbüro:8 Frankfurt 30 000, Gera 5 500, Suhl 2 150, Erfurt 118, Dresden 67.

In tschechischer Schrift: Dresden 39.

In Dresden wurden 46 Flugblätter handgedruckt gefunden. Text: »Nicht Ostdiktatur, sondern Freiheit!«.

Unbekannter Herkunft: Frankfurt 10 000, Wismutgebiet 235.

»Tarantel«:9 Potsdam 1 500.

Die Hetzschriften wurden meist mit Ballons eingeschleust und sichergestellt.

Antidemokratische Tätigkeit

In Karl-Marx-Stadt wurden Plakate zur Volksbefragung abgerissen und beschädigt. In der Nacht vom 24. zum 25.6.[1954] wurde in Wechmar, [Kreis] Gotha, [Bezirk] Erfurt, an der Grundschule eine FDJ-Fahne heruntergenommen und gestohlen. Täter: KVP-Angehöriger.

In den Bezirken Halle und Potsdam erhielten teilweise die Abstimmungsleiter gefälschte Schreiben mit Stimmzetteln. In Halle wurden schreibmaschinegeschriebene Papierstreifen in einige Briefkästen gesteckt. Text: »Die Blutopfer des 17.6.1953 werden unvergessen bleiben, wir wählen deshalb am 27.6.1954 die Freiheit.«

Vermutliche Feindtätigkeit

Aus dem Kreis Kamenz wurde gemeldet, dass am 25.6.[1954] in der Nähe Straßgräbchen, [Bezirk] Dresden, ca. 15 ha Mischwald brannte. Das Feuer entstand an sieben Stellen. Der Brand wurde durch Katastrophenalarm bekannt gegeben und noch am gleichen Tage gelöscht. Am nächsten Tag brannte es wieder, wo ca. 25 bis 30 ha brannten, bis ins Kreisgebiet Hoyerswerda. Eine verdächtige Person konnte beim Fotografieren festgenommen werden.

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