Zur Beurteilung der Situation
22. September 1954
Informationsdienst Nr. 2320 zur Beurteilung der Situation
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Der Umfang der Diskussionen über politische Tagesfragen ist noch immer gering. Im Vordergrund steht hierbei die Volkskammerwahl,1 während zur Preissenkung2 nur noch ganz wenig gesprochen wird. Zu den Volkswahlen nimmt der Umfang der Diskussionen etwas zu, infolge der Konferenzen mit den Kandidaten der Nationalen Front3 und der Rechenschaftsversammlungen,4 ist jedoch weiterhin noch gering. Eine mangelhafte Anteilnahme an der Vorbereitung zu den Wahlen zeigt sich darin, dass teilweise zur Rechenschaftslegung wenig diskutiert wird. Bei den bisher durchgeführten Versammlungen innerhalb des Wismutgebietes5 haben an den Diskussionen nur 3,3 Prozent der Kumpel teilgenommen. Dabei wurde nur ungenügend auf die politischen Probleme eingegangen.
Im Inhalt haben sich gegenüber den Vortagen keine Änderungen ergeben. Überwiegend begrüßt man die einheitliche Kandidatenliste und werden weitere Verpflichtungen übernommen, die Produktion zu steigern sowie die Kandidaten zu wählen. Die Former des VEB Zemag-Zeitz, [Bezirk] Halle, wollen den Jahresplan für die Massenbedarfsgüterproduktion bis zum 15. Oktober [1954] erfüllen.6
Im VEB Zier- und Werbeporzellanwerk Ilmenau, [Bezirk] Suhl, verpflichteten sich die Kollegen, zum zusätzlichen Plan für die Massenbedarfsgüterproduktion nochmals für ca. 15 000 DM Massenbedarfsgüter herzustellen.7
Im VEB Bäder- und Apparatebau in Fürstenberg,8 [Bezirk] Potsdam, verpflichteten sich die Kollegen einstimmig, am 17.10.[1954] bis 10.00 Uhr ihre Stimme den Kandidaten der Nationalen Front zu geben.9
Einige parteilose Kollegen aus dem Privatbetrieb Metzler & Ortloff Ilmenau,10 [Bezirk] Suhl, erklärten: »Wir sind für den heutigen Staat und sehen auch die bisherigen Erfolge. Deshalb werden wir unsere Stimme den Kandidaten der Nationalen Front geben.«11
Auch zu den Konferenzen mit den Kandidaten sowie zu den Rechenschaftslegungen wird vielfach positiv gesprochen und erkannt, dass diese Ausdruck wirklicher Demokratie in der DDR sind und im Westen so etwas nicht möglich ist. So erklärte z. B. ein Arbeiter aus Leipzig: »Die Rechenschaftslegung der einzelnen Vertreter bringt den demokratischen Charakter dieser Wahl klar zum Ausdruck. So eine Wahl kann es in Westdeutschland gar nicht geben. Dort dürfen die Arbeiter bestimmt nicht die Mängel und Fehler öffentlich kritisieren.«
Weiterhin herrscht bei einem Teil der Werktätigen Unklarheit über den Charakter der Wahlen, weshalb es zu Diskussionen gegen die einheitliche Kandidatenliste kommt. So äußerte z. B. ein Angestellter aus dem VEB Vinora in Hohenstein-Ernstthal:12 »Ich kann nicht verstehen, weshalb keine Parteiwahlen durchgeführt werden, da diese doch Ausdruck für die freie Demokratie sind.«
In geringem Umfang äußern meist reaktionäre Elemente feindliche Meinungen zu den Wahlen. Im Werk Holzweißig, [Kreis] Bitterfeld, äußerten einige CDU- und LDP-Mitglieder, dass die Kandidaten ihrer Parteien nur als Stimmenfang auftreten, denn wenn sie nicht auf der gemeinsamen Wahlliste ständen, dann hätte die SED einen großen Stimmenverlust.13
Ein Kumpel aus dem Wismut-Schacht 67 in Oberschlema: »Die ganze Wahl ist kalter Kaffee. Die Zahl der Ja-Stimmen steht jetzt schon fest.«
Zwei Kollegen aus der Zuckerfabrik Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, äußerten in einer Diskussion über die Volkswahl: »Wir haben den 17. Juni 1953 nicht vergessen. Es kommt einmal anders, aber anders, als ihr SED-Mitglieder denkt und euch angenehm ist.«14
Zum Vorschlag der Volkskammer an den Bundestag vom 18.9.195415 sind bisher nur einige zustimmende Meinungen geäußert worden, wofür folgende charakteristisch ist. Eine parteilose Kollegin aus dem VEB Gummistrickwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera: »Wenn der Bonner Bundestag nur die Hälfte der Vorschläge unserer Volkskammer annehmen würde, dann wären wir schon einen großen Schritt in der Erhaltung des Friedens und der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands weitergekommen. Die Regierung der DDR ist immer wieder bereitwillig für Verhandlungen. Von der Bundesrepublik ist bisher noch kein einziger Vorschlag dieser Art gemacht worden. Sie interessieren sich nicht für die Wiedervereinigung.«
Im Vordergrund stehen Diskussionen über betriebliche und persönliche Fragen, worüber teilweise Verärgerung herrscht. Im VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck«, [Bezirk] Gera, beklagen sich die Arbeiter der Strickzwirnerei darüber, dass durch die Einführung eines Verbesserungsvorschlages die Arbeit erschwert wurde und die Normerfüllung zurückgegangen ist. Diese Beschwerde ist berechtigt.
In der Mathias-Thesen-Werft Wismar sind die Lehrlinge des Lehrkombinates darüber unzufrieden, dass in letzter Zeit das Werkküchenessen qualitätsmäßig schlechter geworden ist und die Ausgabezeit auf 20.00 Uhr herabgesetzt wurde. Aus diesem Grund lehnen sie jegliche politische Arbeit nach Feierabend ab.
Im Seehafen Wismar sollte am 21.9.1954 eine Parteiversammlung stattfinden und um eine gute Teilnahme zu erreichen, wurden die Genossen nicht zur Arbeit geschickt und erhielten 90 Prozent ihres Lohnes. Über diese Anordnung sind die Arbeiter sehr verärgert und erklären, dass sie ihr Geld verdienen wollen und man sie nicht zwingen soll, Versammlungen zu besuchen.
Im VEB IFA Wolfspfütz,16 Kreis Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, treten bei der Prämienzahlung immer wieder Tendenzen der Gleichmacherei in Erscheinung. So sagte z. B. ein Arbeiter des Betriebes: »Dem Arbeiter gibt man 20,00 DM und den ›Schwerverdienern‹ gleich 2 000 DM. Damit könnt ihr niemanden gewinnen und eine bessere Gesellschaftsordnung aufbauen. Warum lässt die Gewerkschaft überhaupt so etwas zu?«
Im VEB Dietlas in Bad Salzungen,17 [Bezirk] Suhl, ist zu verzeichnen, dass von verschiedenen Abnehmerbetrieben die vertragsmäßig festgelegte Produktion des IV. Quartals 1954 abgelehnt wird, wobei man sich auf eine Anordnung des Ministerpräsidenten vom 20.8. sowie einen Beschluss18 des Präsidiums des Ministerrates vom 15.8. beruft.19 So wurden bisher vom Kaliwerk »Einheit« in Dorndorf und Kaliwerk »Glückauf« Sondershausen Bestellungen zurückgenommen. Dadurch ist die Produktion des VEB Dietlas gefährdet, wodurch eine sehr schlechte Stimmung unter der Belegschaft herrscht.
Handel und Versorgung
Wegen starkem Anfall und mangelnder Absatzmöglichkeiten (hoher Preis) wurden im Kreiskonsum Löbau, [Bezirk] Dresden, ca. 200 kg marinierter Fischwaren ungenießbar. Sie mussten der Kadaververwertung zugeführt werden. Weitere 1 200 kg davon wurden nach Görlitz zur Umarbeitung geschickt.
Im Bezirk Potsdam beklagt sich die Bevölkerung über die mangelhafte Belieferung mit Frisch- und Räucherfisch.
Im Lager der HO Lebensmittel Babelsberg, [Stadt] Potsdam, und in anderen Verkaufsstellen des Kreises Potsdam-Land lagern größere Posten Süßwaren, hauptsächlich Pralinen, die verderbgefährdet sind. Aus einer Verkaufsstelle in Teltow kamen z. B. verschimmelte Süßwaren im Werte von ca. 3 000 DM zurück. Im Bezirk Schwerin dagegen besteht ein Engpass an Süßwaren. Der Bedarf ist dort nach der Preissenkung höher geworden.
Im Kreisgebiet Altenburg, [Bezirk] Leipzig, besteht ein Warenstau in Hammelfleisch. Die Nachfrage vonseiten der Bevölkerung ist äußerst gering. Obwohl die vorhandenen Mengen schon nach längerer Lagerung zu verderben drohen, werden vonseiten des Rates des Bezirkes20 laufend neue Anlieferungen und Zuweisungen vorgenommen. Der Verkauf des Hammelfleisches erfolgte mit 1: 2.
Der Mangel an Zigaretten der billigen Sorten ist im Bezirk Leipzig und teilweise im Bezirk Gera noch nicht behoben. In Leipzig fehlen außerdem Hülsenfrüchte und Nährmittel.
Schwierigkeiten in der Versorgung im Bezirk Gera entstehen dadurch, weil die Pläne laufend abgeändert werden. Im Kreis Greiz z. B. beklagt sich die Bevölkerung sehr. So wurde der Konsumverkaufsstelle anstelle von 200 kg Zucker nur 100 kg, anstelle von 100 kg Graupen keine, anstelle von 130 kg Haferflocken 30 Pfund Futtergerste und anstelle von 4 000 Stück Zigaretten der Preislage 8 bis 10 Pf. nur 2 000 Stück geliefert. Seit drei Wochen wurden schon kein Käse und kein Speiseöl (seit der Preissenkung) angeliefert. Margarine nur 15 kg in einem Zeitraum von sechs Wochentagen. Der Ort hat ca. 1 000 Einwohner (Cossengrün, Kreis Greiz, [Bezirk] Gera).
Im gesamten Textilsektor des Bezirkes Leipzig sind Verschiebungen bzw. Stornierungen zu verzeichnen. So sollen z. B. Wintermäntel erst am 15.12.1954 zur Auslieferung gelangen. Außerdem besteht im Bezirk Leipzig ein Engpass an Speck (auf Marken), welcher durch die Belieferung von Schlachtfetten überbrückt werden muss.
Im Bezirk Schwerin besteht Benzinmangel. Besonders die Tankstellen im Kreis Perleberg werden davon betroffen, da durch diesen Kreis die Interzonen- bzw. Hauptverkehrsstraße führt.
Im Bezirk Halle gibt es Schwierigkeiten in der Brennstoffversorgung. Die Belieferung der Bevölkerung mit Rohkohle und Briketts geschieht nur schleppend. So erhielt der Kreis Artern erst 48 Prozent Rohkohle und 55,6 Prozent Briketts ausgeliefert. Im Kreis Sangerhausen wurden 59,2 Prozent Rohkohle und 49,8 Prozent Briketts des Jahresbedarfes angeliefert. Der Kreis Roßlau hat 49,7 Prozent Rohkohle und 53,7 Prozent Briketts von der DHZ Kohle in Halle erhalten.
Landwirtschaft
Die Meinungen zur Volkskammerwahl sind meist positiv und stammen hauptsächlich aus dem sozialistischen Sektor der Landwirtschaft. Vorwiegend werden anlässlich der Volkskammerwahl immer wieder neue Selbstverpflichtungen übernommen, woran sich auch verschiedentlich werktätige Einzelbauern beteiligen. So wurden in der Konferenz der Wähler in der Waggonfabrik Amberg,21 [Bezirk] Halle, von den werktätigen Bauern des Bezirkes 2 500 Verpflichtungen überbracht. Darunter die Meldung, dass von 563 LPG des Bezirkes bis zur Wählerkonferenz 525 LPG ihr Ablieferungssoll 100-prozentig erfüllt haben.
Die LPG Klosterhäseler, Kreis Naumburg, [Bezirk] Halle, verpflichtete sich, 50 000 Liter Milch und 20 Zentner Ölsaat als freie Spitzen abzuliefern.22 Außerdem in der ersten Wahlstunde ihre Wählerpflicht zu erfüllen.23
Negative bzw. feindliche Einstellungen sind nur vereinzelt zu verzeichnen und werden hauptsächlich von Großbauern und den bürgerlichen Kreisen vertreten. Diese Kreise lehnen teilweise die gemeinschaftliche Kandidatenliste ab und stellen die Forderung nach der sogenannten freien Wirtschaft. Ein Bauer aus Kunnerwitz, Kreis Görlitz, [Bezirk] Dresden, sagte: »Ich bin mit der Wirtschaft hier nicht zufrieden und wünschte, hier wäre auch die ›freie Wirtschaft‹ wie im Westen.«
Ein früherer Fabrikbesitzer und jetziger Waldarbeiter aus dem Bezirk Schwerin äußerte: »Lasst erst die Wahlen vorbei sein, dann werden die Zügel straffer gezogen. Die Volkswahl ist Schwindel.«
Ein Bauunternehmer (CDU) aus Bützow: »Eine Wahl kann nur listenmäßig durchgeführt werden und gemeinsame Wahllisten gibt es nicht.« Ein Großbauer aus Bützow, [Bezirk] Schwerin: »Nach den Wahlen werden die Schrauben schlimmer als vor dem 17.6.1953 angezogen.«24
Im Bezirk Neubrandenburg ist stellenweise die Blockarbeit schlecht, wie folgendes Beispiel zeigt. Der Vorsitzende der DBD aus Schörmark25 arbeitet schlecht und sagt: »Die Volkswahl wird noch eine größere Pleite werden als die Volksbefragung.«26
Bei den Rechenschaftslegungen werden meistens die örtlichen Belange in den Vordergrund gestellt und vielfach die Sollerfüllung und Differenzierung als Hauptthema diskutiert, wie z. B. im Bezirk Magdeburg. In der Gemeinde Angern, Kreis Tangerhütte, wo zur Rechenschaftslegung 300 Einwohner erschienen sind, wurden diese Fragen auch aufgeworfen. Der Referent, der über landwirtschaftliche Kenntnisse verfügte, konnte aber alle Fragen zur Zufriedenheit klären, sodass am Schluss noch einige Selbstverpflichtungen übernommen wurden.
Im Bezirk Schwerin wurde auch über Sollfragen und hauptsächlich über die schlechte Arbeit der MTS diskutiert, die verschiedentlich berechtigt ist. So wollten dort viele Gemeinden ihre Verpflichtung gegenüber der Regierung bis zum zentralen Erntefest einhalten. Dies ist jedoch nicht möglich, weil die MTS ihre Verträge nicht eingehalten hat.
Über die Nichteinhaltung der Verträge seitens der MTS herrscht unter den Bauern auch in der Gemeinde Damme, Kreis Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, Unzufriedenheit. Dort sind z. B. von vier vorhandenen Dreschkästen drei nicht einsatzfähig.
Der Abteilungsleiter des Kreisrates Grevesmühlen erklärte; dass durch die Preissenkung die Reserven erschöpft sind und eine Großerfassungsaktion an Schlachtvieh gestartet werden muss. Es gab eine Anweisung, dabei unterschiedlich vorzugehen. Bei Großbauern, die ihr Quartalssoll nicht erfüllt haben, sollen rücksichtslos alle Schweine über 80 kg genommen werden. Bei werktätigen Bauern bis 10 ha nur die Schweine ab 100 kg. Die Versammelten Erfasser waren mit dieser Anweisung nicht einverstanden und sind der Meinung, dass diese Aktion vor der Volkswahl nicht angebracht ist.27
In einzelnen Ortschaften des Kreises Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, wurden Diversionsakte durchgeführt. In der MTS Barneberg wurde die Bereifung der Vorderräder mit einem glühenden Eisen durchgebohrt (IFA-Traktor). In der MTS Marienborn brannte vor etwa acht Tagen ein Traktor. In Gedeleben28 wurde aus einem Traktor der Treibstoff herausgelassen und der Tank mit Wasser gefüllt. Aus einem anderen Traktor wurden 30 Liter Kraftstoff entwendet.29
Übrige Bevölkerung
In der Stimmung der übrigen Bevölkerung hat sich keine wesentliche Änderung ergeben. Im Vordergrund der Diskussionen über politische Probleme stehen die Vorbereitungen zur Volkswahl. Die Äußerungen sind überwiegend positiv und stammen aus den verschiedensten Bevölkerungskreisen. Die Aufstellung einer gemeinsamen Kandidatenliste wird begrüßt und es wird zum Ausdruck gebracht, dass die Schaffung der Einheit Deutschlands und die Erhaltung des Friedens nur möglich sind, wenn alle patriotischen Kräfte fest zusammenstehen. Zum Beispiel sagte ein NDPD-Mitglied aus Großenhain, [Bezirk] Dresden: »Ich begrüße die gemeinsame Aufstellung der Kandidaten des demokratischen Blocks; dadurch werden alle patriotischen Kräfte zusammengeschlossen im Kampf um die Einheit Deutschlands und die Erhaltung des Friedens. Als Vertreter der Handwerker kann ich sagen, dass unsere Existenz in der DDR gesichert ist.«
Negative Stimmen bzw. feindliche Meinungen, besonders die Ablehnung der gemeinsamen Kandidatenliste, kommen vorwiegend aus bürgerlichen Kreisen. Zum Beispiel sagte in einer Versammlung in Meiningen, [Bezirk] Suhl, der Chefarzt des Kreiskrankenhauses: »Ich bin mit der Einheitsliste nicht einverstanden, sondern bin dafür, dass jede Partei eigene Listen aufstellt.«
Ein Unternehmer aus dem Kreis Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich bin wohl für die Einheit, jedoch nicht für eine Einheitsliste. Ich will auch meine Vertreter ins Parlament wählen. Bei einer Arbeiter- und Bauernregierung müssten auch wir gewisses Recht erhalten.«
In einer Kreisvorstandssitzung der CDU in Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, brachte ein Stadtrat zum Ausdruck, dass viele Mitglieder der CDU mit der Aufstellung der Kandidatenliste nicht einverstanden seien. Man solle jede Partei rein listenmäßig aufführen und einzeln darüber abstimmen lassen. Die CDU müsse aber so mitmachen, wie die SED befiehlt.
Ein Fuhrunternehmer aus Ruhla, [Bezirk] Erfurt: »Sie sollen uns nicht für dumm verkaufen. Erst der Bluff mit der Preissenkung und jetzt der Betrug mit der Wahl. Ich werde denen eins husten und gehe gar nicht hin. Man muss ja wieder damit rechnen, dass die leeren Zettel als ›Ja-Stimmen‹ gezählt werden.«30
Der BGL-Vorsitzende im Fernmeldeamt Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte zu einigen Kollegen: »… Die Butter ist nicht billiger geworden. Ihr müsst ja dann wissen, was ihr zu wählen habt.«
Im Zuge der Vorbereitung der Volkswahlen zeigt sich verschiedentlich noch eine gewisse Interesselosigkeit seitens der Bevölkerung. Zum Beispiel wurde die Versammlung anlässlich der Volkswahl im Städtischen Krankenhaus Potsdam sehr schlecht besucht. Von 55 Ärzten waren nur zwei anwesend und von 800 Belegschaftsmitgliedern erschienen nur 96 Personen.
Unter den Studenten der Ingenieurschule der Hochschule für Elektrotechnik und der Glasfachschule in Ilmenau,31 [Bezirk] Suhl, herrscht eine Uninteressiertheit in Bezug auf die Wahlvorbereitungen. Es wird die Meinung vertreten, dass sie zur Wahl gehen werden, dass man sich aber deshalb vorher nicht zu überstürzen brauche.
Aus dem Bezirk Magdeburg wurde berichtet, dass bei Aufklärungseinsätzen durch die Vertreter der Nationalen Front des Öfteren in Erscheinung tritt, dass Personen, die unter dem Einfluss der Kirche stehen, eine ablehnende Haltung in Bezug auf die Volkswahlen einnehmen.32 Zum Beispiel wurde bei einem Aufklärungseinsatz im Stadtgebiet Magdeburg-Südost festgestellt, dass die Bewohner eines Hauses alle ablehnten zur Wahl zu gehen. Sie begründeten es, dass sie unter schlechten Wohnverhältnissen leben würden. Festgestellt wurde aber, dass sie unter Einfluss der katholischen Kirche stehen und eifrige Kirchengänger sind.
Beim Rat des Kreises Halberstadt äußerte ein CDU-Mitglied, beschäftigt in der Abteilung Landwirtschaft: »Wir müssen laufend Zahlenmaterial der SED geben. Würde die CDU das Gleiche machen, würde das als Schnüffelei ausgelegt. Die Tage des 17.6.1953 sind offenbar schon wieder vergessen. Denn gleich schönfrisierte, unwahre Berichte über die Stimmung der Bevölkerung werden schon wieder nach oben gegeben. Das Ziel der SED ist es jedoch, die kleinbürgerlichen Parteien eines Tages ganz beiseite zu drängen.«
Im Wismutgebiet werden unter der Bevölkerung Diskussionen geführt, warum die Wohnungen, die vor längerer Zeit für sowjetische Dienststellen für Wohnzwecke beschlagnahmt wurden und jetzt nur noch zum Teil benötigt werden, nicht freigegeben werden. Zum Beispiel wurden 1951 in Lauta33 19 Häuser für sowjetische Mitarbeiter im Erzbergbau freigemacht. Diese Beschlagnahmung sollte nur für kurze Zeit sein. Das Objekt wurde im Frühjahr 1952 von Lauta abgezogen und diese 19 Häuser wurden von einem anderen Objekt neu belegt.34 Infolge der großen Wohnungsnot in Lauta herrscht Unzufriedenheit unter der Bevölkerung, da ein Teil dieser Häuser sehr stark unterbelegt sind und ein Teil davon schon monatelang leer steht. Aus diesem Grunde wandte sich ein Besitzer an das Sekretariat des Genossen stellvertretenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht.35 Von dort wurde mitgeteilt, dass die Angelegenheit dem Rat des Bezirkes Karl-Marx-Stadt zur weiteren Bearbeitung übergeben worden sei. Vom Rat des Bezirkes wurde bisher am 28.6.1954 lediglich eine Aussprache versprochen, die bisher nicht erfolgte.
Die Bevölkerung ist im Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, mit der Regelung der Kohlenzuteilung nicht einverstanden, d. h. man beanstandet vor allem die höhere Zuteilung an die Intelligenz. Dazu äußerte eine Hausfrau aus Pritzwalk: »Die frieren auch nicht mehr als wir und der Verstand wird ihnen auch nicht einfrieren, wenn sie sich mit den Kohlen so einrichten müssen wie wir.«
In Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, ist die Gasversorgung sehr mangelhaft. Besonders unter den Arbeitern herrscht darüber Unzufriedenheit, die an eine Schichtarbeit gebunden sind.
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverbreitung
Ostbüro der SPD:36 Dresden einige, Karl-Marx-Stadt 8.
NTS:37 Dresden einige.
[In] tschechischer Sprache: Dresden 15.
Terror: Am Abend des 19.9.[1954] wurde der FDJ-Sekretär in der Gemeinde Milow, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, von drei Jugendlichen angepöbelt und niedergeschlagen. Die Täter sind festgenommen.38
Antidemokratische Tätigkeit: In der Nacht vom 19. zum 20.9.1954 wurden die Scheiben des Schaukastens der SED in Görlitz eingeschlagen.
Im Wohnbezirk Ost der Stadt Gotha wurden ein DFD-Schaukasten, ein Schaukasten der Nationalen Front und das Hausschild eines Abschnittsbevollmächtigten zerstört.39 Ebenfalls wurden die Fensterscheiben bei einem Genossen eingeschlagen.
Im Hofgebäude des VEB Fahrzeugelektrik Karl-Marx-Stadt wurde an einer Hauswand eine faschistische Hetzparole von unbekannten Tätern angeschmiert.
Gerücht: In der MTS Nöbdenitz, [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, wollten mehrere Traktoristen, welche die Fahrerlaubnis der II. Klasse besitzen, ihre Kündigung einreichen. Als Grund gaben sie an, dass sie erfahren hätten, dass die Wismut AG Kraftfahrer einstellt und sie bei der Wismut mehr Geld verdienen. Die Überprüfung ergab, dass es sich hierbei um ein Gerücht handelt. Von der zuständigen Verwaltung der Wismut wurde selbst mitgeteilt, dass keine Kraftfahrer eingestellt werden.
Ein Pfarrer aus dem Kreis Meißen erhielt vom westdeutschen Roten Kreuz Nachricht, dass der Sohn einer Einwohnerin in sowjetischer Kriegsgefangenschaft noch am Leben ist. Die Einwohnerin erhielt bereits vor längerer Zeit offiziell Nachricht, dass ihr Sohn gefallen ist.40
Über Angehörige in Westdeutschland versendet der Bund »Heimatvertriebener und Entrechteter«41 an ehemalige Schlesier und Sudetendeutsche, die in Görlitz, [Bezirk] Dresden, wohnhaft sind, Pakete. Inhalt: Lebensmittel aller Art.42
Einschätzung der Situation
Die Meinungen zu den aktuellen politischen Fragen sind in der Mehrzahl positiv. Die Teilnahme der Bevölkerung an der Vorbereitung der Volkswahlen ist gewachsen, in der Mehrzahl zeigt sich eine positive Haltung. Dagegen ist trotz feindlicher Propaganda der Umfang feindlicher Stimmungen weiterhin verhältnismäßig kleingeblieben. Die feindlichen Argumente werden hauptsächlich von kleinbürgerlichen und großbäuerlichen Elementen vertreten. Vielfach zeigen sich noch größere Unklarheiten in der Bevölkerung zu wichtigen Fragen der Volkswahlen. Die Mängel in Handel und Versorgung bilden weiterhin die hauptsächliche Ursache für teilweise bestehende Unzufriedenheit in der Bevölkerung.
Anlage vom 22. September 1954 zum Informationsdienst Nr. 2320
Produktionsschwierigkeiten in der Industrie
Materialmangel
In der Maschinenfabrik Sangerhausen, [Bezirk] Halle, mangelt es an Schrauben und Muttern sämtlicher Abmessungen sowie an Kesselblechen und Siederohren, die für Exportaufträge benötigt werden.
In der Filmfabrik Wolfen beträgt im III. Quartal 1954 die Fehlmenge an Triphenylphosphat 5,7 Tonnen, wodurch die Produktion von Sicherheitsfilmen gefährdet ist. Außerdem bestehen Schwierigkeiten bei der Chlorbeschaffung. In den Kunstfaserbetrieben der Filmfabrik herrscht ein Mangel an Baumfiltergeweben.
Der industrielle Wohnungsbau im Kreis Weißenfels, [Bezirk] Halle, muss wegen Mangel an Bauholz und Zement eingestellt werden.
Im VEB Pianoforte in Seifhennersdorf,43 [Bezirk] Dresden, fehlen Rohstoffe und Halbfabrikate, vordringlich Klaviaturen, Mechaniken und Rippenholz. Dadurch kann der Plan nicht erfüllt werden, obwohl 90 Prozent Exportaufträge vorliegen.
In der Volkswerft Stralsund bestehen Schwierigkeiten bei der Fertigstellung der Trawler, weil es an Armaturen fehlt.
Im EOW Dingelstädt,44 [Bezirk] Erfurt, mangelt es an Reißverschlüssen wodurch in den Zweigbetrieben Heilrode45 und Bickenriede Produktionseinschränkungen vorgenommen wurden.
In der Schiffs- und Reparaturwerft Stralsund hat sich der Materialmangel verschlechtert und besonders fehlt es an Kabelstutzen, Fahrstühlen und Rohrleitungen. Falls die benötigten Materialien nicht geliefert werden, können von den 20 geplanten Gefrierschiffen nur acht fertiggestellt werden.
Im Bauhof Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, mangelt es an Zement und verschiedene Bauvorhaben stehen deshalb seit 14 Tagen still. 35 Fachkräfte können nicht voll beschäftigt werden.
Arbeitsmangel besteht beim Wagenbau des Bahnbetriebswerkes Seddin, [Bezirk] Potsdam. Aus diesem Grunde sollte das zuständige Reichsbahnamt Schadwagen aus anderen Bezirken zur Reparatur zur Verfügung stellen, hat dies jedoch bisher noch nicht getan.
Waggonraummangel besteht beim VEB Kalkwerk Hecklingen, [Bezirk] Magdeburg, wodurch die Kalkproduktion gestoppt werden muss.
Benzinmangel besteht im Elmo-Werk Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg. Statt 6 000 l Kraftstoff wurden dem Werk für September nur 4 000 l geliefert. Dadurch treten Schwierigkeiten bei der Materialanschaffung ein.