Zur Beurteilung der Situation
24. September 1954
Informationsdienst Nr. 2322 zur Beurteilung der Situation
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Im Vordergrund der geringen Diskussionen zu politischen Tagesfragen stehen die Volkswahlen.1 Überwiegend äußert man sich positiv, stimmt der einheitlichen Kandidatenliste zu und übernimmt Verpflichtungen, die Produktion zu steigern und zu verbessern und die Kandidaten der Nationalen Front2 zu wählen. Man erkennt die Arbeit der Regierung an und spricht ihr das Vertrauen aus. Der Umfang der Diskussionen nimmt ständig zu. In den Betrieben, wo Versammlungen und Aufklärungseinsätze erfolgten, ist der Stimmenumfang größer. Meist äußern sich Arbeiter, geringer Angestellte, während Intelligenzler nur ganz vereinzelt Stellung nehmen.
Ein Kollege aus der Bohrabteilung der Wismut AG in Heitzdorf,3 [Bezirk] Gera: »Ich war in meinem Urlaub in Westdeutschland und musste erkennen, dass im goldenen Westen die Geschäfte voll sind, aber niemand etwas kaufen kann. Bei uns in der DDR kann man sich im Gegenteil hierzu vieles kaufen. Wir wollen, dass es uns noch besser geht und darum wählen wir am 17.10.1954 die Kandidaten der Nationalen Front.«
Der technische Leiter vom VEB Lederfabrik Hirschberg, [Bezirk] Gera: »Ich rufe allen Kollegen zu, dass sie am 17. Oktober [1954] ihre Stimme unseren Kandidaten geben, denn sie treten für die Erhaltung des Friedens ein und setzen alle Kräfte für die Wiedervereinigung Deutschlands ein.«
Mehrere Kollegen von der Bohrabteilung in Paitzdorf, [Bezirk] Gera, verpflichteten sich, am 17.10.[1954] bis 10.00 Uhr wählen zu gehen.4 Eine Brigade des VEB Maxhütte Unterwellenborn, [Bezirk] Gera, fuhr zu Ehren der Volkswahl eine Stoßschicht, bei der die Maurungszeit der Konventer von 12 auf 5,5 Stunden gesenkt wurde. Ein parteiloser Kollege vom Schrottplatz des Stahlwerkes Brandenburg verpflichtete sich, neun Hausgemeinschaften zu gründen.
Teilweise verhält man sich gleichgültig zu den Wahlen, was sich besonders in der Beteiligung zu Rechenschaftsversammlungen5 zeigt. Im »Ernst-Thälmann«-Werk Magdeburg im Betrieb 13 nahmen an der Rechenschaftsversammlung nur 48 Genossen teil. Die Diskussionen befassten sich nur mit betrieblichen Schwierigkeiten.
In der Staatswerft »Edgar Andre« in Magdeburg nahmen an der Rechenschaftslegung am 22.9.[1954] nur ca. 80 Kollegen teil, was sehr mangelhaft ist.
In Johanngeorgenstadt mussten in verschiedenen Schächten Versammlungen zur Volkswahl wiederholt werden, da nicht genügend Teilnehmer erschienen waren.
Verschiedentlich ist die Aufklärungsarbeit noch ungenügend. Dadurch wird von Arbeitern und Angestellten der Charakter der Volkswahlen nicht erkannt und es kommt zu Diskussionen gegen die einheitliche Kandidatenliste oder gegen einzelne Kandidaten. Hierzu folgende Beispiele.
Unter den Bauarbeitern des Kreisbaubetriebes Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde noch keine Aufklärungsarbeit vorgenommen, weshalb bei ihnen noch Unklarheiten über die Wahlen herrschen. Ein Kollege äußerte z. B.: »Was kommt schon heraus, wenn uns die Kandidaten besuchen und viel Versprechungen machen, aber nichts einhalten.«
Ein Angestellter vom Bahnhof Frankfurt/Oder: »Was wir durchführen, ist keine richtige Wahl. Wir können nur das wählen, was uns vorgelegt wird. Das ist nach meiner Meinung nicht richtig.«6
Ein Arbeiter aus dem VEB Waggonbau Görlitz, [Bezirk] Dresden: »Ich bin der Meinung, dass man diesmal von der gemeinsamen Kandidatenliste abgehen sollte, um zu beweisen, dass bei uns wirkliche Demokratie herrscht. 1950 hat der Westen das ausgenutzt, um gegen uns zu hetzen und zu sagen, es wäre keine demokratische Wahl.«7
Ein Kollege aus der Abteilung Forschung der Maxhütte Unterwellenborn: »Ich halte es nicht für richtig, solche Leute wie Professor Säuberlich8 als Spitzenkandidaten aufzustellen, denn die waren bisher bei jeder Regierung führend. Im Westen setzt man die Nazis in führende Ämter ein und wir prangern mit Recht diese Maßnahmen an, aber dann dürfte man Ähnliches bei uns nicht zulassen.«
Andere bezeichnen [sic!] aus persönlicher Verärgerung eine ähnliche Haltung zu den Wahlen, wie nachstehende Beispiele zeigen.
Ein Kollege (SED) vom Stahlwerk Silbitz, [Bezirk] Gera, der sich bisher vergeblich um eine Wohnung bemühte, äußerte: »Von meiner Frau bekommt ihr zur Wahl keine Stimme, denn geholfen hat man uns auch nicht.«9
Ein Kollege aus dem Braunkohlenwerk Zeitz, [Bezirk] Halle: »Heute ist man wieder dabei, in den alten Kurs zu verfallen.10 Diejenigen, die 300 qm Kartoffelfeld bebauen, bekommen keine Kartoffelkarten für die Einkellerung. Wir müssen also sehen, wo wir bleiben. Da soll ich für die Wahlen meine Stimme abgeben?«11
Feindliche Diskussionen, deren Umfang gering ist, werden meist von als reaktionär bekannten Elementen geführt. Hierbei wird verschiedenartig argumentiert. Ein parteiloser Heizer aus Karl-Marx-Stadt: »Das ist wieder ein Kasper-Theater. Da bekommen wir eine Liste, wo die Leute von vornherein feststehen, die wir dann wählen müssen.«
Ein Schlosser vom VEB Bleichert Leipzig: »Bei der Abstimmung über EVG12- oder Friedensvertrag haben 7 Prozent gegen unsere Regierung gestimmt.13 Bei der Volkswahl wird sich die Regierung wundern, wieviele gegen sie sind. Ich will nichts von unserer Regierung wissen.«
Eine parteilose Dolmetscherin von der Reichsbahndirektion Greifswald: »Die Volkswahl ist ein Volksbetrug und Schwindel. Sie bringt nur etwas für die Parteigenossen und die ›Großen‹ ein. Ich ginge am liebsten gar nicht wählen, aber man ist dazu gezwungen.« Ein Dolmetscher vom gleichen Betrieb: »Ich gehe nur zur Wahl, weil ich muss. Es ist schade um die Zeit, die man dadurch verliert.«
Im Karl-Marx-Werk Potsdam-Babelsberg hetzte ein Schlosser aus der Halle 46 gegen eine Delegation der Volkspolizei, die sich im Werk befand und äußerte: »Die kommen schon, um uns wegen der Wahl am 17. Oktober [1954] zu überwachen.«
Unter den Kollegen vom Lokschuppen Oranienburg, die meist in der Umgebung von Oranienburg wohnen, wird sehr negativ diskutiert. Zum Beispiel äußerte ein Lokführer: »Die Preissenkung14 diente auch nur als Lockmittel für die Wahl, damit alle dafür stimmen. Nach der Wahl müssen wir wieder Hunger schieben. Wir werden doch von hinten und von vorne betrogen.«
Ein Kollege von der Bohrabteilung Heitzdorf,15 [Bezirk] Gera: »Dass wir für Frieden und Einheit sind, ist klar. Zur Einheit Deutschlands gehört aber auch das Gebiet östlich der Oder-Neiße. Das sollte man bei der Wahl bedenken.«
Im VEB Streichgarn in Pößneck, [Bezirk] Gera, äußerten sich Angestellte negativ, als man sie zum Agitationseinsatz für die Volkswahlen gewinnen wollte. Ein Angestellter sagte z. B.: »Ich werde keinen Finger für die Bauern krumm machen, solange die Bauern mit neuen AWOs16 herumfahren. Früher ist es auch ohne diese Einsätze geschafft worden. Ich werde jeden Sonntag eine andere Ausrede gebrauchen und niemals mitgehen.«
Im Eisenhüttenwerk Thale sollte am 16.9.1954 ein Aufklärungseinsatz stattfinden. Die Vertreter der Nationalen Front der Stadt Halle erschienen jedoch nicht, um die Einteilung vorzunehmen, was unter den Kumpels eine große Verärgerung auslöste.
Verschiedentlich kam es zu Missstimmungen über betriebliche Fragen. Im VEB Lederfabrik Hirschberg, [Bezirk] Gera, wurde der Betriebsplan um 10 Prozent gekürzt, wodurch 80 Arbeitskräfte freiwerden. Außerdem hat die zuständige Hauptverwaltung in Berlin die Anweisung gegeben, die abgeschlossenen Einzelverträge bis auf drei aufzulösen. Dies hat heftige Diskussionen unter der Belegschaft hervorgerufen.
In der Warnow-Werft Warnemünde, [Stadt] Rostock, besteht unter den Facharbeitern eine Unzufriedenheit, weil sie keine Arbeit haben und zu Transportarbeiten herangezogen werden.
Der VEB Sägewerk Lenzen, [Bezirk] Schwerin, hat eine Unterbilanz von 16 000 DM durch die ständigen Einsätze während des Hochwassers17 und bei der Ernte. Aus diesem Grunde können keine Prämien ausgezahlt werden, worüber die Kollegen unzufrieden sind. Sie lehnen außerdem Sondereinsätze und Solidaritätsschichten ab.
Im EOW Dingelstädt und im VEB Dima Dingelstädt, [Bezirk] Erfurt, herrscht eine große Unzufriedenheit über die Bohnenkaffeeverteilung an Intelligenzler. Die Arbeiter sind der Meinung, dass auch sie Bohnenkaffee erhalten müssten.
In den Betrieben des Kreises Rathenow, [Bezirk] Potsdam, wird in letzter Zeit sehr viel über Wohnungsfragen diskutiert und zum Ausdruck gebracht, dass zu wenig Wohnungen vorhanden seien. In diesem Zusammenhang wird immer wieder beanstandet, dass Rückkehrer aus Westdeutschland schon nach kurzer Zeit Wohnungen erhalten, während ansässige Einwohner jahrelang warten müssen. Verschiedene Kollegen äußern dazu: »Man muss erst republikflüchtig werden, um eine Wohnung zu erhalten.«
Produktionsstörungen
Im VEB Stahlwerk Silbitz, [Bezirk] Gera, liefen am 22.9.[1954] durch einen Durchbruch 9 Tonnen flüssiger Stahl aus. Nach bisherigen Feststellungen ist der entstandene Riss auf poröse Schamottsteine zurückzuführen.
Am 22.9.1954 fiel im VEB Dampfhammerwerk Großenhain, [Bezirk] Dresden, der Fallhammer aus, da der Bär18 zersprang. Die Reparatur dauert einige Tage.
Im Braunkohlenwerk Hirschfelde, [Bezirk] Dresden, fielen am 22.9.[1954] einige Bagger aus und [es] entgleiste eine Lok. Dadurch musste die Rohkohlenzufuhr eingestellt werden, wodurch ein Planverlust von 160 bis 180 Tonnen bis jetzt entstand.
Handel und Versorgung
In der HO des Kreises Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, sind Waren im Werte von 15 000 DM durch unsachgemäßes Lagern verdorben. 1 994 kg Nudeln, 30 kg Zwiebak mussten als Futtermittel verwendet werden.
Schwierigkeiten in der Fleischversorgung ergeben sich teilweise in den Bezirken Cottbus, Schwerin, Suhl, Gera, Erfurt, Rostock und Potsdam. Im Kreis Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, z. B. ist die Fleischversorgung nur noch bis zum 25.9.[1954] gesichert. Im Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, ist eine ähnliche Lage. In Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, ist durch den Fleischmangel die ausreichende Belieferung mit Bockwürsten zum Pressefest19 infrage gestellt. Im Bezirk Schwerin macht sich dieser Mangel besonders durch das Ausfallen von 400 Tonnen Importfleisch bemerkbar.
In Rehungen, [Bezirk] Erfurt, gibt es bereits seit drei Wochen kein Fleisch und keine Wurst in der HO. Die Arbeiter sagen dort, »wir müssen täglich unsere Arbeit zur Planerfüllung verrichten, deshalb haben wir auch Anrecht auf Fleischwaren«.
In Vockerode, [Kreis] Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, klagen die Hausfrauen und Arbeiter über die allgemeine Versorgungslage und im Besonderen, dass es in der Betriebs-Konsumverkaufsstelle nur vier Sorten Wurst gibt. Die Landbevölkerung des Kreises Eisleben, [Bezirk] Halle, beklagt sich über die sehr mangelhafte Belieferung mit Fischkonserven und anderen hochwertigen Waren.
An Eiern mangelt es teilweise in den Bezirken Gera, Suhl und Halle, an billigen Zigaretten im Bezirk Halle, an Hülsenfrüchten und Nährmitteln, Fettkäse, Tomaten, Gurken im Bezirk Suhl.
Kohlenmangel macht sich in den Bezirken Halle und Potsdam bemerkbar. In Hettstedt, [Bezirk] Halle, z. B. ist die Bevölkerung erst mit 50 Prozent Kohlen beliefert worden und für die Betriebsangehörigen der Kohlenschächte und Hütten gibt es keine Vorräte auf Kohlenschein. In einigen Gemeinden des Kreises Wittstock, [Bezirk] Potsdam, ist die Belieferung mit Kohlen sehr mangelhaft, wie z. B. in der Gemeinde Schweinrich, wo die letzten Kohlen Mitte Juli geliefert wurden.
Kraftstoff und Dieselöl fehlt im Bezirk Karl-Marx-Stadt.
Im VE Kaliwerk Querfurt20 herrscht unter den Arbeitern Missstimmung wegen der mangelhaften Belieferung von Schuhwerk und Arbeitskleidung.
Die Maler in Bautzen, [Bezirk] Dresden, können keine Aufträge mehr annehmen, da es seit längerer Zeit keine Schlemmkreide gibt. Außerdem fehlt es an weißer Grundfarbe und Emalierlack.
Landwirtschaft
Zur Volkammerwahl sind die Meinungen überwiegend positiv und kommen verschiedentlich durch die Übernahme von Selbstverpflichtungen zum Ausdruck. Die LPG »Ernst Thälmann« in Severin, [Bezirk] Schwerin, verpflichtete sich, zusätzlich 4 600 kg Schweinefleisch und 20 000 Liter Milch und das VEG Groß Grabow, [Bezirk] Schwerin, 16 000 Liter Milch, 10 000 Eier und 3 dz Wolle zusätzlich zu liefern.21
Ein werktätiger Bauer aus Crussow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sagte: »Ich habe noch nie so gut gelebt, wie unter der Regierung der Arbeiter und Bauern. Ich habe mein Soll schon 100-prozentig erfüllt und bis zur Volkswahl liefere ich noch drei Schweine auf freie Spitzen.«22
Vereinzelt wird wegen Verärgerung eine ablehnende Haltung eingenommen. Ein Genossenschaftsbauer aus der Gemeinde Haardorf, [Bezirk] Halle: »Ich werde in die Wählerliste nicht einsehen und am 17.10.[1954] nicht zur Wahl gehen, denn wenn ich zur Wahl gehe und die Regierung wähle, dann wähle ich gleichzeitig die unteren Vertreter im Kreistag und in der Gemeindeverwaltung und diese haben nicht mein Vertrauen.«23
Einige Großbauern aus Frehne, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, machen die Abgabe ihrer Stimme von Vergünstigungen abhängig und geben zu, dass sie bereits bei der Volksbefragung dagegen gestimmt haben. Sie sagten: »Wenn die Tarife der MTS nicht mit den Tarifen der werktätigen Bauern gleichgesetzt werden, wählen wir wieder dagegen, wie bei der Volksbefragung.«
Im Allgemeinen hat die feindliche Einstellung einen geringen Umfang und wird nach wie vor hauptsächlich von Groß-, Mittelbauern und den bürgerlichen Kreisen vertreten. Ein Bauer aus Doberschütz, [Bezirk] Leipzig: »Nach der Wahl wird alles volkseigen, oder alle Bauern müssen in die LPG gehen.« Ein Bauer aus dem Kreis Langensalza, [Bezirk] Erfurt, Mitglied der LDP, wohnhaft in Wiegleben: »Wartet nur ab, nach der Volkswahl werdet ihr euer blaues Wunder erleben mit der Ablieferung.«
Vereinzelt äußern sich auch Landarbeiter negativ zur Volksbefragung. Eine Putzfrau der MTS Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam: »Unsere Regierung ist alles andere, aber keine Arbeiterregierung, denn sie lügt. Sie sucht nur ihre Vorteile. Es gibt genug Leute, die einen Haufen Geld verdienen, wie die Staatsfunktionäre. Wenn wir alle Arbeiter sind, sollten alle gleiche Löhne bekommen, auch unsere Regierung. Wenn es einmal anders kommt, dann gibt es nicht genug Räume, wo die Staatsfunktionäre aufgehängt werden.«
In einer Versammlung im VEG Maindorf,24 [Bezirk] Magdeburg, äußerte eine Umsiedlerin: »Nun ja, wir wollen keinen Krieg, aber warum hat man uns aus unserer Heimat vertrieben? Wir wollen wieder zurück. Man hat uns alles genommen. Hier werden wir nicht unterstützt. Wir bekommen im Winter nur 10,00 DM Stempelgeld. In Westdeutschland dagegen bekommt ein Arbeitsloser schon 25,00 DM. Im Übrigen haben die meisten Umsiedler drüben schon ein eigenes Haus. Dort hat jeder Umsiedler 500 DM bekommen. Die Funktionäre, die heute an der Spitze stehen, haben während der Nazizeit schon geschrien.« Der größte Teil der Versammelten stimmte der Umsiedlerin zu und verließ die Versammlung, obwohl sie noch nicht geschlossen war.
Mangel an Ersatzteilen für landwirtschaftliche Maschinen besteht in einigen Kreisen des Bezirkes Magdeburg. In der MTS-Spezialwerkstatt Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, z. B. fehlen Getriebeteile, Wellen, Laufwerkteile, Schwingachsen, Treibradnarben und Differenziale, weshalb sechs Raupenschlepper KS 62 nicht repariert werden können. Darüber herrscht eine schlechte Stimmung und die MTS-Arbeiter sagen: »Wir möchten gerne helfen, dass alles klappt, aber es fehlen ja die nötigen Mittel dazu. Auch möchten wir gerne mehr Geld verdienen und unsere Normen erfüllen. Solange wir aber nicht die entsprechenden Ersatzteile bekommen und nicht so arbeiten können, wie wir wünschen, solange wollen wir von Politik nichts wissen.«
In der MTS Klüden, Kreis Salzwedel,25 [Bezirk] Magdeburg, können wegen Ersatzteilmangel sogar zehn Raupenschlepper KS 62 und RS 15/30 nicht repariert werden.
Die MTS Ankershagen, [Bezirk] Neubrandenburg, benötigt dringend Ersatzteile zur Instandsetzung der Kartoffelroder.
Ein parteiloser Mittelbauer aus dem Kreis Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, brachte der MTS Reichstädt gegenüber zum Ausdruck: »Erst seit ihr werben gegangen, damit ihr Aufträge bekommt und nun, wo es soweit ist, kommt ihr mit der Erklärung, dass ihr nicht kultivieren könnt, weil ihr keine Schare habt. So etwas dürfte nicht passieren, denn ihr könnt euch denken, wenn ihr mit neuen Vertragsabschlüssen kommt, dass niemand davon etwas wissen will.«
Die werktätigen Bauern der Gemeinde Charlottenhorst, [Bezirk] Neubrandenburg, brachten ihre Unzufriedenheit der MTS Ueckermünde gegenüber zum Ausdruck. Sie haben mit dieser MTS Verträge abgeschlossen, die nicht realisiert wurden und die Bauern haben diesen Sommer keinen Traktor der MTS zu sehen bekommen.
In der MTS Krakow,26 [Bezirk] Neubrandenburg, herrscht eine schlechte Arbeitsmoral. Der Grund dafür ist die letzte Prämienverteilung, mit der die MTS-Arbeiter nicht zufrieden sind und sie als ungerecht bezeichnen. Viele Arbeiter der MTS sind mit der Arbeitsweise des Genossen Politleiters nicht einverstanden, sie trauen sich aber nicht, etwas zu sagen.
Der Vorsitzende der LPG Gehren, [Kreis] Ilmenau,27 [Bezirk] Suhl, beschwerte sich über die schlechte Arbeit der MTS Langewiesen. Er bemängelte das Verantwortungsbewusstsein der Traktoristen und die unsaubere Arbeit bei der Mahd.
Missstände
Bei der Durchführung der Aktion zur Getreideablieferung wurde in verschiedenen Gemeinden des Bezirkes Schwerin den Bauern gedroht, bei Nichterfüllung, die Erntefeierlichkeiten in diesen Gemeinden nicht durchzuführen. So wurde am 19.9.[1954] das Ernte-Fest der Gemeinde Marnitz durch den Rat des Kreises Parchim verboten. Dies führte zu negativen Einstellungen unter der dortigen Bevölkerung und kam in der Nichteinsicht der Wählerlisten zum Ausdruck.
Aus den Kreisen der Fischer des Kreises Wolgast, [Bezirk] Rostock, wurde bekannt, dass unter diesen eine schlechte Stimmung herrscht, weil man ihnen nur die großen, aber nicht die kleinen Aale abnimmt, andererseits wundern sie sich darüber, wo der ganze Aal bleibt, denn die Bevölkerung bekommt nichts davon.
Übrige Bevölkerung
Weiterhin ist zu verzeichnen, dass unter der übrigen Bevölkerung wenig zu aktuellen politischen Tagesfragen Stellung genommen wird. Im Vordergrund der politischen Diskussionen stehen die Vorbereitungen zur Volkswahl. Der überwiegende Teil der Äußerungen ist positiv. Darin wird immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass die Kandidaten der Nationalen Front ihr Vertrauen besitzen und dass sie deshalb am 17. Oktober [1954] ihnen ihre Stimme geben werden.
Eine Hausfrau aus Frankfurt/Oder: »Es gibt bei einem vernünftig denkenden Menschen nichts weiter, als die Kandidaten der Nationalen Front zu wählen. Denn diese haben sich genug für die Arbeiter eingesetzt und werden auch weiterhin für ein besseres Leben der Werktätigen arbeiten.«28
Vorwiegend in bürgerlichen Kreisen, besonders in den Reihen dieser Parteien, spricht man sich immer wieder negativ zur Wahl aus und vor allem gegen die gemeinsame Kandidatenliste. Die Hauptargumente sind, dass es keine demokratische Wahl sei, wenn die Parteien keine eigenen Listen aufstellen dürfen, oder dass nur durch getrennte Listen die Stärke der einzelnen Parteien zu erkennen sei. Zum Beispiel wurde in Asbach, Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, unter den Mitgliedern der LDP-Ortsgruppe die Meinung vertreten, dass die Einheitsliste nicht richtig sei und dass nur ein Parteienkampf zeigen würde, welche Partei die stärkste ist. Dadurch könnten weitere Parteilose für die einzelnen Parteien gewonnen werden.
Ein Rundfunkmechaniker (parteilos) aus dem Kreis Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wozu brauchen wir denn eine Wahl und was sollen wir denn wählen. Es gibt erstens keine Parteiwahlen und dann gibt es nur ein ja oder nein. Außerdem bekommen wir ja sowieso alles vom Russen vorgesetzt, da nützt uns die ganze Wählerei nichts.«
Ein Schlossermeister aus Jocketa, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wenn keine getrennten Listen aufgestellt werden, gehe ich nicht zur Wahl.«
Der Vorsitzende [der] Nationalen Front (NDPD) aus Kölln, Kreis Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg: »Es ist nicht notwendig, ein Aufklärungslokal zu schaffen. Es ist doch nur Zeitvergeudung.«
Die Frau des Betriebsleiters vom VEB Spielwaren in Eisfeld, [Bezirk] Suhl, äußerte, als sie von ihrem Besuch in Westdeutschland zurückkam und ein Transparent an ihrem Haus erblickte: »Das Schild kommt wieder herunter. An dem Haus, wo ich wohne, wird so etwas nicht angebracht.«
In Zuge der Vorbereitung der Volkswahlen wurden verschiedentlich Mängel und Schwierigkeiten festgestellt. Mitunter ist die Zusammenarbeit der Parteien und Massenorganisationen schlecht. Zum anderen kommt es auch vor, dass Mitglieder der bürgerlichen Parteien eine Mitarbeit im Rahmen der Nationalen Front ablehnen. Zum Beispiel wurden in der Gemeinde Schrepkow, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, an einem Tag drei Versammlungen angesetzt und zwar vom Konsum, der SED und von der Nationalen Front. Dies war möglich, weil die Arbeit schlecht koordiniert wurde.
In der Gemeinde Oepfershausen, [Kreis] Meinigen, [Bezirk] Suhl, lehnen die LDP- und CDU-Mitglieder eine Mitarbeit in der Nationalen Front ab. Die Kreisvorstände dieser Parteien wurden verständigt. Es wurden aber keinerlei Maßnahmen zur Änderung getroffen.
In der Gemeinde Oberweid, [Kreis] Meiningen, [Bezirk] Suhl, sind die Vertreter der CDU im demokratischen Block schon seit Längerem nicht mehr zur Sitzung erschienen. Auch hier traf der Kreisvorstand keine Änderung. Daraufhin wurden die Mandate anderweitig besetzt.
Die Einsichtnahme in die Wählerlisten verläuft in den einzelnen Bezirken unterschiedlich. Am 23.9.1954 betrug der Durchschnitt im Bezirk Cottbus 31 Prozent. Dabei steht der Kreis Calau mit 47 Prozent an der Spitze, während in Cottbus-Stadt der Stand bei 14,8 Prozent liegt.
Ebenfalls ist der Stand im Bezirk Potsdam sehr unterschiedlich. Teilweise ist ein gutes Ergebnis zu verzeichnen, wie z. B. im Kreis Jüterbog 31 Prozent, wobei bereits in einigen Gemeinden die Einsichtnahme 100-prozentig abgeschlossen wurde.
Aus den Kreisen der Kirche
In letzter Zeit ist zu verzeichnen, dass in diesen Kreisen teilweise eine passive und zum Teil ablehnende Haltung bei der Vorbereitung zur Volkswahl vorhanden ist. Zum Beispiel sagte ein Pfarrer aus Rahnefelde,29 Kreis Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Wir lehnen die Wahl nicht ab, werden uns aber auch nicht dafür bekennen. Unter Demokratie versteht man die persönliche Freiheit jedes Einzelnen. Deshalb ist es jedem selbst überlassen, ob er abstimmt oder nicht.«
Ein Thomasschüler30 aus Leipzig äußerte, als er über seine Einstellung zur Volkswahl befragt wurde: »Mir ist von der Kirche verboten worden, eine Stellung zur Volkswahl abzugeben.«
Ein Theologiestudent aus Mühlhausen, [Bezirk] Erfurt: »Man müsste in die Welt hinausposaunen ›geht nicht zur Wahl!‹.«
In der Gemeinde Höwisch,31 Kreis Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, erklärte ein Pfarrer in seiner Predigt: »Die Bevölkerung in der DDR hat keine Meinungsfreiheit und wird bei vielen Aktionen terrorisiert. Es gibt viele Dinge, mit denen man sich nicht einverstanden erklären kann. Unsere übergeordnete Instanz hat uns den Hinweis gegeben, bei den Volkswahlen neutral zu bleiben.«
Diskussionen über wirtschaftliche Fragen nehmen einen größeren Rahmen ein. Zum Beispiel wird von Rentnern immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass ihre Rente zu niedrig sei und dass auch einmal an sie gedacht werden müsste. Zum Beispiel wurde bei Aufklärungseinsätzen in Bernburg, [Bezirk] Halle, von Rentnern wiederholt die Meinung vertreten, dass ihre Renten viel zu niedrig seien und dass man sie aufbessern müsste, oder dass man ihnen eine Zusatzkarte geben sollte, damit sie nicht in der HO zusätzlich Lebensmittel zu kaufen brauchten.
In der Gemeinde Steinförde, [Bezirk] Potsdam, äußerten einige Rentner: »Warum wird für die Jugend so viel getan und wir werden so vernachlässigt. Wir können doch mit unserer Rente nicht auskommen.«
Ein Rentner aus Rehbrücke, [Bezirk] Potsdam, der vor einigen Monaten in einer Tbc-Heilstätte war, beklagte sich, dass ihm die Tbc-Beihilfe gestrichen wurde, weil er 2 ha Land besitzt. Er meint, dass sich solche Maßnahmen bestimmt nicht positiv bei der Volkswahl auswirken würden.
Im Kreis Zossen, [Bezirk] Potsdam, beklagt sich die Bevölkerung besonders in den Gemeinden in den Randgebieten von Berlin über die schlechte Warenstreuung der HO und des Konsums. Dazu äußerte ein Angestellter aus Mahlow: »Wir haben schon sehr oft beobachtet, dass ein Teil unserer Bevölkerung laufend nach Westberlin fährt, um dort einzukaufen. Man braucht sich darüber nicht zu wundern, wenn wir unsere HO- und Konsumgeschäfte ansehen. Es gibt z. B. selten einmal Fischkonserven, ähnlich ist es auch mit Fleisch- und Wurstwaren. Es wäre angebracht, wenn sich die Leitung der HO und des Konsums einmal damit befassen würde.«
Ein Angestellter des Kreiskonsum Döbeln, [Bezirk] Leipzig, äußerte in einer Verkaufsstelle (Kohlenhandlung): »Wir sind schon zwei Monate [im] Rückstand mit der Kohlebelieferung. Zurzeit wird jetzt keine Hausbrandkohle beliefert. Die Gewerbetreibenden erhalten dieses Jahr überhaupt keine Kohle geliefert, nur Fleischer und Bäcker. Das darf ich eigentlich nicht so öffentlich sagen, weil es erst nach der Wahl bekannt gegeben wird.«
Einige Ärzte aus Meiningen, [Bezirk] Suhl, beklagen sich darüber, dass man ihnen keinerlei Fahrzeuge zum Besuch der Kranken in den Landgebieten zur Verfügung stellt.
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverbreitung
Ostbüro der SPD:32 Potsdam 6, Dresden und Suhl einige.
NTS:33 Karl-Marx-Stadt 250, Dresden 25.
In tschechischer Sprache: Dresden einige.
»Tribüne«34: Gera 43, Erfurt und Rostock einige.
»Neuer Kurs-Propagandalüge«:35 Gera 15.
»Der Tag«:36 Gera einige.
In der Gemeinde Göhlen, [Bezirk] Frankfurt, wurden drei handgeschriebene Flugblätter mit folgendem Inhalt gefunden:
- –
»Wahlaufruf: Wir fordern freie Wahlen, die SED Bonzen sollen verrecken.«
- –
»Wahlaufruf: Wir wollen freie Wahlen, weg mit dem Spitzbart.«37
- –
»Wahlaufruf: Wir fordern freie Wahlen. Spitzbart und Konsorten sollen sich zum Teufel scheren.« Unterschrift: Untergrundbewegung.
Terror: In der Nacht zum 23.9.1954 wurde ein Genosse des SfS (uniformiert) von zwei Angehörigen der KVP und zwei Zivilpersonen angehalten, beschimpft und tätlich angegriffen. Zwei andere Genossen des SfS, die später die gleiche Stelle passierten, wurden ebenfalls tätlich angegriffen.
In Neuhausen, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, erhielt ein Elektromeister einen Brief mit dem Inhalt, »sich als Facharbeiter nach Westdeutschland zu begeben«. Unterschrift: Die flüchtigen Facharbeiter Berlin-Steglitz 1 Nr. 049, Postlagernd.38
Brandstiftung
In der Gemeinde Sohnstedt, [Bezirk] Erfurt, brach bei einem Kleinbauern am 18.9.1954, gegen 11.00 Uhr ein Scheunenbrand aus, welcher auf eine Scheune eines anderen Kleinbauern übergriff.