Zur Beurteilung der Situation in der DDR
6. November 1954
Informationsdienst Nr. 2359 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Über politische Tagesfragen wird weiterhin nur gering diskutiert. Bei diesen wenigen Diskussionen stehen die Gespräche über den Prozess gegen die sieben Agenten der Gehlen-Organisation im Mittelpunkt.1 Die Diskussionen sind fast ausschließlich positiv. Darin bringt man zum Ausdruck, dass solche Menschen, die sich für die schmutzigen Geschäfte hergeben und zur Vorbereitung eines neuen Krieges beitragen, die höchste Strafe erhalten müssen. Einige Kollegen vom VEB Röhrenwerk Neuhaus, [Bezirk] Suhl: »Wir haben erkannt, dass die Gehlen-Organisation mit ihren gedungenen Werkzeugen ein Feind des deutschen Volkes ist und dass mithilfe dieser Organisation vonseiten der USA-Monopolisten ein neuer Weltkrieg entfesselt werden soll. Wir fordern deshalb vom Obersten Gericht die härteste Bestrafung.«
Zwei Kollegen aus einem VEB in Döbeln, [Bezirk] Leipzig, äußerten: »Dieser Prozess beleuchtet blitzartig die außerordentlich ernste politische Situation, in der wir uns befinden. Er führt uns vor Augen, wie weit die Feinde mit der Vorbereitung eines neuen Krieges sind. Diese Verbrechen der Angeklagten werden von uns auf das Schärfste verurteilt und wir fordern strengste Bestrafung der Spionagebande.«2
Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Werkzeugfabrik Königsee, [Bezirk] Gera: »Man muss sich schämen, dass sich Deutsche, die noch dazu eine gute Stellung und einen dementsprechenden Verdienst haben, sich zu solchen verbrecherischen Handlungen hergeben. Diesen Menschen muss die härteste Strafe treffen. Gleichzeitig sieht man aber auch, wenn man den Prozessverlauf verfolgt, welche schändliche Politik die westlichen Machthaber betreiben und dass sie nicht daran interessiert sind, die Einheit Deutschlands und den Frieden zu fördern.«
Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Wasserstoff- und Sauerstoffwerk Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es sind nun schon einige solcher Verbrecher verurteilt worden und immer noch gibt es solche Menschen, die als Agenten eine Feindtätigkeit betreiben. Wenn diese nichts gelernt haben und für die Vorbereitung eines Dritten Weltkrieges arbeiten, dann müssen sie auch mit den höchsten Strafen, die es bei uns gibt, belegt werden.«
Ein Bauarbeiter aus Gelenau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Alle diese Personen, die sich für die Geheimorganisation hergeben und mithelfen, einen neuen Krieg vorzubereiten, sind nicht zu bedauern, wenn sie zu schweren Zuchthausstrafen verurteilt werden.«
Anlässlich des Monats der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft3 werden von den Werktätigen noch immer zahlreiche Produktionsverpflichtungen übernommen. Zum Beispiel verpflichtete sich die Brigade Schulze vom Flügel VIII des Fortschrittschachtes,4 [Bezirk] Halle, zwei Hochleistungsschichten zu fahren.
Im VEB Patent-Liniol Brandenburg,5 [Bezirk] Potsdam, sind die Arbeiter besonders in der Transportbrigade unzufrieden und tragen sich mit den Gedanken, den Betrieb zu verlassen. Der Grund dafür ist die Lohnzahlung. Die Arbeiter sind mit ihrem Bruttoverdienst zufrieden, jedoch nicht einverstanden mit der eigenartigen Abschlagszahlung. Im Monat Oktober bekamen sie z. B. in der ersten Woche DM 17,00 in der 2. DM 49,00 in der 3. DM 53,00 und in der 4. DM 50,00. Die Arbeiter verdienen im Monat durchschnittlich 320 bis 400 DM, d. h., dass sie im Monat Oktober nur ca. 50 Prozent ihres Lohnes erhalten haben. Der größte Teil der Kollegen sind Familienväter mit Kindern. Ein Arbeiter äußerte dazu: »Wenn ein Familienvater mit einer Abschlagszahlung von 12,00 bis 50,00 DM nach Hause gehen muss, fragt man sich, ob man in unserem Betrieb Wert darauf legt, die Kollegen absichtlich zu verärgern.«
Kohlenmangel
Im VEB Imprägnierungswerk Finow,6 [Bezirk] Frankfurt, musste am 5.11.1954 wegen Kohlenmangel die Arbeit eingestellt werden. Das Werk hatte sich bereits 80 Tonnen Kohle aus örtlichen Reserven geliehen.
Im VEB Falkensteiner Gardinenfabrik und im VEB Vobau Treuen,7 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind keinerlei Kohlenvorräte mehr vorhanden.
Arbeitskräftemangel
In der Bau-Union Frankfurt/Oder fehlen 500 Arbeitskräfte, um alle Objekte termingemäß fertigzustellen.
Materialschwierigkeiten
Im VEB Druckguss Heidenau, [Bezirk] Dresden, fehlt es an Riffelfeilen. Außerdem fehlen Hochdruckrohre.
In der Fahrbereitschaft der BVG Berlin fehlt es an Reifen.
Im Bezirk Neubrandenburg bestehen große Schwierigkeiten bei der Durchführung der Zuckerrüben- und Kartoffeltransporte durch Lkw, da es bei den VEB Kraftverkehrsbetrieben an Bereifung und Federstahl mangelt. Im Baubetrieb Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, fehlen ca. 80 000 Dachziegel, deshalb kann der Bau des Konsumlagerhauses nicht fertiggestellt werden.
Im Bauhof Kyritz, [Bezirk] Potsdam, fehlen 300 000 Ziegelsteine und 100 t Zement für die Fertigstellung des Erweiterungsbaues vom Krankenhaus Kyritz sowie für den Neubau eines Kindergartens. Wenn die erforderlichen Baumaterialien nicht in den nächsten Tagen beschafft werden können, muss der Bau wegen Beginn der Frostperiode eingestellt und 120 Arbeiter entlassen werden.8
In den Textilbetrieben des Kreises Forst, [Bezirk] Cottbus, können nur Stoffe II. Qualität hergestellt werden. Ursache dafür sind die minderwertigen Kaufgarne.
Handel und Versorgung
Die teilweise unzureichende Versorgung verursacht immer wieder Unzufriedenheit und macht sich wie folgt bemerkbar.
In Hettstedt, [Bezirk] Halle, fehlt es an Eiern, Speiseöl, Fischkonserven, Käse und Obst. Zu dem Mangel an Bohnenkaffee, Zitronen und Apfelsinen sagt die Bevölkerung, dass es diese Waren nur zu besonderen Anlässen, wie Leipziger Messe und Volkswahl, gibt.9
Im Bezirk Frankfurt fehlen Stärkeerzeugnisse, Hülsenfrüchte, Frischfisch und besonders Fettkäse. Im Bezirk Dresden fehlt Speck auf Marken.
Schwierigkeiten in der Heranschaffung von Waren macht eine Anweisung im Bezirk Halle, wonach Fahrzeuge des Fuhrparks nur bis 50 km fahren dürfen. Dadurch ist der Handel in Wittenberg z. B. nicht in der Lage, bis zur Bezirkshauptstadt Halle zu fahren. Infolgedessen gelangen verschiedene Produkte nicht in den Kreis. Angestellte des Handels bezeichnen diese Anweisung als einen Schildbürgerstreich.
In der HO Industriewaren Görlitz reklamieren Kunden laufend Glühbirnen vom Berliner Glühlampenwerk »J. W. Stalin«.10 Diese Glühbirnen werden schon beim Einschrauben durch Lockerung der Fassungen unbrauchbar.
Landwirtschaft
Der Prozess gegen die Gehlen-Organisation steht gegenwärtig im Mittelpunkt des Interesses. Am meisten wird in den MTS und LPG darüber gesprochen. Allgemein wird die Meinung vertreten, dass man mit diesen Verbrechern, die der DDR solch einen Schaden verursacht haben und auch vor der Durchführung der verbrecherischen Pläne der Kriegstreiber nicht zurückgeschreckt sind, kurzen Prozess machen müsste. Es wird die strengste Bestrafung, in den meisten Fällen die Todesstrafe, gefordert. Eine Bauersfrau aus Hagenow, [Bezirk] Schwerin, erklärte hierzu: »Wenn eine Frau auch viel Mitleid hat, so bin ich doch dafür, dass bei diesen Agenten die Todesstrafe ausgesprochen wird.«
Vielen Personen wurden erst durch die Veröffentlichung dieser Verbrechen die Augen über die verbrecherische Tätigkeit der Gehlen-Organisation geöffnet und sie übernahmen teilweise die Verpflichtung, ihre Wachsamkeit zu verstärken. In der MTS Popperode, Kreis Hettstedt, brachte der dortige Wachmann zum Ausdruck, dass er bisher nicht geglaubt hat, dass die Gehlen-Organisation eine so große verbrecherische Tätigkeit gegenüber der DDR ausübt. Anhand der Beweise ist er aber überzeugt worden, dass diese Organisation im Auftrage der Amerikaner arbeitet, um im verstärkten Maße unsere Wirtschaft zu sabotieren. Er verpflichtete sich, seine Tätigkeit als Wachmann noch besser durchzuführen als bisher, damit es diesen Organisationen nicht gelingt, auch in seinem Betrieb eine verbrecherische Tätigkeit durchzuführen.
Ein Kollege vom Kreisvorstand der VdgB – BHG Gransee, [Bezirk] Potsdam, meinte: »Diese sieben Verbrecher kann man gar nicht hoch genug bestrafen. Man müsste ihnen die Todesstrafe auferlegen. Bei diesem Prozess hat es sich klar herausgestellt, welche Verbrechen diese Banditen in der DDR durchführen sollten, um somit die Durchführung eines Dritten Weltkrieges zu unterstützen. Ich habe meine Lehren daraus gezogen und werde in Zukunft noch wachsamer sein. Man müsste diese Verbrecher uns überlassen, wir wüssten, was wir mit ihnen tun sollten.«
Vereinzelt werden bestehende Schwierigkeiten in der Versorgung in Zusammenhang mit der Tätigkeit der Verbrecherorganisation gebracht. Ein Lehrer des MTS-Lehrkombinats Großenhain, [Bezirk] Dresden, sagte: »Denen müsste man die Rübe herunterreißen. Wenn solche Elemente in den höchsten Stellen sitzen, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn es unten manchmal nicht klappt. Das Gleiche wird in den Fragen der Materialversorgung sein, denn was da für Zustände herrschen, das ist untragbar.«
Schwierigkeiten bei der Hackfruchternte
Im Bezirk Magdeburg fehlen zum größten Teil die Arbeitskräfte. Hinzu kommt die zum Teil schlechte Unterstützung seitens der MTS. So wurden in der Presse z. B. 13 MTS des Bezirkes wegen schlechter Arbeit bei der Einbringung der Hackfrüchte kritisiert.11 Unter anderem haben die Kollegen der MTS Bismark, Kreis Kalbe/Milde, Flechtingen, Kreis Haldensleben, Havelberg usw. vom 28.10. bis 1.11.[1954] nicht 1 ha Rüben gerodet.
Verschiedentlich stößt die Pflichtablieferung auf eine ablehnende Haltung auch bei werktätigen Bauern, dabei versuchen sie oft um ihres persönlichen Vorteils willen, die Ablieferung hinauszuschieben. Den Erfassern gelingt es dann meist nur durch überzeugende Argumentation, die planmäßige Ablieferung durchzusetzen. Zum Beispiel wurde am 4.11.1954 in Ermsleben, Kreis Aschersleben, eine Erfassungsaktion der Rinder und Schweine durchgeführt. Die Bauern erklärten dabei ständig, dass sie doch »noch bis Ende Dezember Zeit« hätten, um ihr Soll zu erfüllen. Ein großer Teil der Bauern wurde von den Erfassern überzeugt und lieferte ab, sodass ein gutes Ergebnis erzielt werden konnte.
Anders verhält es sich bei einem beträchtlichen Teil der Großbauern, auf die sehr oft die nachstehende Feststellung zutrifft. Ein Erfasser, Mitglied der DBD aus Eisenberg, [Bezirk] Gera, sagte dazu Folgendes: »Wir von den Erfassungsstellen merken es täglich, wie besonders die Großbauern alles versuchen, um unsere Ernährung zu sabotieren. Obwohl man immer sagt, die dummen Bauern, aber wir merken es am besten, dass sie es schlau anstellen, um ihre Ablieferung zu verzögern. Unter diesen Kreisen gibt es Menschen, die nur nach dem RIAS abliefern.«
Dies zeigt sich z. B. auch bei den Erfassungsaktionen im Bezirk Potsdam immer wieder, dass die Großbauern und vereinzelt auch Mittelbauern unter dem Vorwand »wirtschaftlicher Schwierigkeiten« ihre ablieferungspflichtigen Produkte zurückhalten. Ein Großbauer aus Leutendorf,12 Kreis Pritzwalk, äußerte: »Ich liefere erst dann meine Speisekartoffeln ab, wenn Wagen da sind, und außerdem kann ich zum Abdecken kein Stroh liefern.«
In der Gemeinde Zitz, Kreis Brandenburg, die schon immer schlecht ablieferte, argumentierten die Großbauern mit der Ausrede, dass sie ihr »Soll nicht erfüllen können, weil ein großer Teil im vergangenen Jahr aus anderen Gemeinden Ländereien dazugekauft habe, die eine andere Bodenwertzahl haben als die der Gemeinde Zitz, was aber bei der Veranlagung nicht berücksichtigt wurde«.
Im Kreis Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, erklärten die Großbauern immer wieder, dass sie ihrer Ablieferungspflicht nicht 100-prozentig nachkommen können, da sie »nicht genügend Arbeitskräfte haben«.
Teilweise zeigen die Großbauern aber gleichzeitig auch offen ihre feindliche Einstellung, wie z. B. ein Großbauer aus Großneuhausen,13 Kreis Sömmerda, der schon sieben Jahre sein Ablieferungssoll nicht erfüllt hat, aber laufend die fortschrittlichen Menschen bedroht. Am 22.10.1954 äußerte er z. B. zur Ehefrau eines Genossen Kreistagsabgeordneten: »Es dauert nicht mehr lange, da werdet ihr sowieso alle aufgehängt.«
Am 1.11.1954 wurden in Demsin, [Kreis] Genthin, [Bezirk] Magdeburg, aus dem Ortsteil Kleinwusterwitz einige Großbauern zum Bürgermeister geladen, da sie mit der Getreideablieferung immer noch im Rückstand sind. Bei der Auseinandersetzung äußerten sich einige Großbauern: »Hier im Büro sitzen 8 bis 10 Personen tatenlos herum und wir werden deshalb von unserer Arbeit vom Acker geholt. Wenn ihr so weitermacht, werden wir wohl Weihnachten nicht mehr hier sein. Es genügt, wenn uns einer das sagt, die anderen sollten lieber in der landwirtschaftlichen Produktion mithelfen.« Zu dieser Besprechung waren mehrere Angestellte des Rates des Kreises anwesend.
Bei solchen Gelegenheiten drohen nicht nur Großbauern, sondern auch verschiedentlich feindlich gesinnte Mittelbauern mit dem Verlassen ihrer Wirtschaften. Zum Beispiel ein Mittelbauer aus Sonnenberg, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, sagte zum Erfasser: »Ich gebe euch meine Gänse nicht und wenn sonst etwas passiert und wenn ich am Ende gar nach dem Westen abhauen sollte, aber die kriegt ihr nicht. Es kommt auch noch einmal anders.«
Futtermängel
Im VEG Schöngleina, [Bezirk] Gera (Zuchtstation), verenden laufend 50 Prozent der geborenen Ferkel, weil weder Hafer noch Gerste durch die VEAB geliefert wird. Das Gleiche trifft auf die VEG Pforten, Berga, Elster, Großhelmsdorf und die Zuchtstation Unterköditz zu. In dem VEG Kleinaga, [Bezirk] Gera, sind einige Mastschweine verendet. Begründet wird dies mit der ungenügenden Futtermischung, die zum überwiegenden Teil aus Roggen besteht, der nicht einwandfrei war.
Teilweise kommen immer wieder Klagen über die schlechte Arbeit der MTS. Die MTS Krugsdorf, Kreis Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, z. B. leistet bei der Hanfmahd in dem ÖLB Breitenstein eine sehr schlechte Arbeit. Bisher wurde dort ein Binder eingesetzt, der aber laufend defekt ist, sodass in ca. acht Tagen nur 5 ha Hanf gemäht werden konnten. 25 ha sind noch zu mähen. Der Leiter der MTS Krugsdorf hat zugesagt, mehrere Binder einzusetzen, aber bisher ist dies noch nicht erfolgt.
Auf einer Tagung der MTS-Verwaltungsleiter des Bezirkes Dresden sprach der Stellvertreter des Ministerpräsidenten Paul Scholz.14 Er führte dort unter anderem aus, dass im Jahre 1955 die Raupenschlepperproduktion zugunsten der Ersatzteilproduktion eingestellt wird und die MTS somit im nächsten Jahr mit mehr Ersatzteilen rechnen können. Den verantwortlichen Kollegen der MTS des Bezirkes ist es unverständlich, dass die Produktion von Raupenschleppern eingestellt werden soll.
Im Bezirk Schwerin wird verschiedentlich die Arbeit der ÖLB und LPG einer Kritik unterzogen. In der ÖLB Spoitgendorf z. B. liegt das Stroh noch auf den Feldern, wie es vom Mähdrescher abgesetzt wurde.
Im BHG-Bereich Mühlbeck, [Bezirk] Halle, bestehen zzt. Schwierigkeiten in der Abnahme von Saatkartoffeln. Die werktätigen Bauern besorgen sich Kartoffeln anderweitig und wollen den obligatorischen Wechsel der Saat nicht durchführen, da sie der Meinung sind, dass es im Augenblick keine guten Saatkartoffeln gibt.
Übrige Bevölkerung
Unter der übrigen Bevölkerung wird nur in geringem Maße über aktuelle politische Probleme gesprochen. Zur Note der SU15 wird nur noch ganz vereinzelt Stellung genommen. Der Inhalt der Äußerungen gleicht dem der Vortage. Die bekannt gewordenen Stellungnahmen zum Prozess gegen die Gehlen-Agenten sind überwiegend positiv. Es kommt darin zum Ausdruck, dass die Personen über das schändliche Treiben dieser Verbrecher empört sind und der überwiegende Teil fordert die höchste Bestrafung. Diese Forderung wird auch in vielen Resolutionen aus Verwaltungen und anderen Institutionen erhoben und an das Oberste Gericht gesandt. Zum Beispiel sagte ein Kollege der HO Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg: »Es ist eine Schande, dass es noch immer Menschen gibt, die für Geld unsere friedliche Aufbauarbeit stören wollen und einen neuen Krieg vorbereiten helfen. Jeder vernünftig denkende Mensch kann mit diesen Verrätern nichts gemein haben. Ich fordere, dass diese strengstens bestraft werden. Für uns soll dieser Prozess eine Lehre sein, die Wachsamkeit zu erhöhen.«
Ein Angestellter vom Rat des Kreises Templin, [Bezirk] Neubrandenburg: »Mir und vielen kleinen Kollegen ist unverständlich, dass sich Menschen zu solchen Machenschaften hergeben, die uns in große Not und großes Elend stürzen sollten. Die Bevölkerung schimpft immer, wenn eine Person eingesperrt wird. Wenn aber wie jetzt durch diesen Prozess die Verbrechen aufgezeigt werden, äußert sich niemand, dass die Strafen ungerecht seien, sondern in den meisten Fällen wird sogar eine hohe Bestrafung gefordert«.
Ein Einwohner aus Unterpörlitz, [Bezirk] Suhl: »Ich verfolge mit großem Interesse den Prozess gegen die Gehlen-Agenten. Ich möchte jeden Mitbürger zurufen: ›Hütet euch vor solch einer Verbrecherzentrale‹. Diese Gehlen-Organisation ist eine Zentrale schlimmsten Ausmaßes.«
Ein Rentner aus Mönchsberg, [Bezirk] Suhl: »Warum weiß denn der RIAS immer so viel, doch nur weil es unter der Bevölkerung so viele Verbrecher gibt. Deshalb kann für diese Agenten keine Strafe hart genug sein.«
Ein Angestellter aus Rangsdorf, [Bezirk] Potsdam: »Es ist traurig, wenn jemand 1 300 DM Gehalt im Monat hat, wie der Bandelow16 und er mit diesem Geld nicht auskommt. Es ist verwerflich, wenn er sich aus diesem Grunde noch Nebenverdienste geschaffen hat. Was soll dann erst ein Arbeiter sagen, der 300 bis 400 DM im Monat verdient. Bei uns in Rangsdorf haben sich drei Personen abgesetzt, als bekannt wurde, dass wieder eine Gruppe der Gehlen-Bande festgenommen wurde.« Ein Mitglied der NDPD aus Brandenburg, [Bezirk] Potsdam: »Wenn man den Prozess verfolgt, kommt man zu der Schlussfolgerung, dass diese Lumpen nicht hart genug bestraft werden können. Es ist unverständlich, dass sich Menschen finden und für die Agentenzentrale arbeiten. Bemerkenswert ist, dass immer führende Funktionäre darunter sind und auch Frauen. Eine Genugtuung habe ich, dass unsere Staatsorgane so schneller und sicher zupacken.«
Ein Einwohner aus Jüterbog, [Bezirk] Potsdam: »Es ist eine Schande, wenn man in der Presse liest, dass sich deutsche Menschen dazu hergeben, das deutsche Volk zu verraten und brutale Verbrechen durchzuführen.«
In negativen Stellungnahmen wird an den Straftaten der Angeklagten gezweifelt. Einige stellen diese Verbrechen nur als Spionage hin, mit der Bemerkung, dass es so etwas schon immer gegeben hat. Zum Beispiel sagte ein Schlossermeister aus Sebnitz, [Bezirk] Dresden: »Der Gehlen-Prozess ist eine gemachte Sache. Es ist eine richtige Schande, dass so etwas in der DDR durchgeführt wird.«
Im Vermessungsdienst Brandenburg in Potsdam wurde von ca. 50 Prozent der Beschäftigten einer Resolution an das Oberste Gericht nicht zugestimmt. In der Abteilung Kartenwesen hat z. B. ein Kollege von 25 Beschäftigten die Resolution unterschrieben. Auf die Frage, wofür die Gehlen-Organisation die Brückenpläne benötigte, äußerte ein parteiloser Angestellter, dass im Interzonenverkehr die Lastzüge verstärkt werden sollen und dass aus diesem Grunde die Unterlagen benötigt wurden. Er ist der Meinung, dass dies doch nicht immer Feindtätigkeit wäre.17
In der Betriebsberufsschule Schmiedebach, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera, wurde unter einigen Lehrern eine Unterhaltung über das Hören des RIAS geführt. Dabei kam es zu Äußerungen wie z. B.: »Man muss den RIAS hören, denn sonst ist man ja nicht informiert und kann nicht dementsprechend dagegen auftreten.« Dazu bemerkte ein Anderer: »RIAS hören ist ja nicht verboten, ich kann ihn ja hören, wenn ich allein bin.« Darauf erwiderte ein Dritter: »Ich schalte den RIAS nicht ein. Was der sagt, will ich gar nicht hören. Außerdem ist die Verbreitung dieser Nachrichten strafbar, die verstehen da keinen Spaß.« In dieser Meinung wurde er noch von einigen anderen Lehrern unterstützt.
Im Bezirk Leipzig bildet der Fall »Fridolin« immer noch Gesprächsstoff.18 Darüber wurde Folgendes bekannt: In der Stadt Brandis, [Kreis] Wurzen, wurden von unbekannten Personen kleine Handzettel mit der Aufschrift »Komme morgen, Fridolin« in die Briefkästen eingeworfen. Unter anderem auch bei dem Parteisekretär der Grundschule in Brandis. In den Gemeinden Neukieritzsch und Espenhain, [Kreis] Borna, besteht eine Angstpsychose unter den Frauen, da seit den Abendstunden des 3.11.1954 dort ebenfalls Gerüchte wegen »Fridolin« im Umlauf sind.
Im Allgemeinen nehmen die Gespräche über wirtschaftliche Probleme, besonders unter den Hausfrauen, einen größeren Raum ein. Aufgrund bestehender Mängel und Schwierigkeiten vor allem in der Warenbereitstellung werden verschiedentlich negative Diskussionen ausgelöst. Zum Beispiel diskutiert man im Bezirk Leipzig vorwiegend über die Mängel in der Kartoffel- und Kohlenversorgung. Unter anderem fehlen in Böhlen, [Kreis] Borna, noch 6 000 Ztr. Kartoffeln zur Belieferung der Bevölkerung.
Im Bezirk Dresden beschwert sich die Bevölkerung darüber, dass auf Fettmarken kein Speck ausgegeben wird. Private Fleischereien haben ihren Kunden die Speckmarken für Oktober gutgeschrieben. Dazu äußerte eine Hausfrau aus Dipoldiswalde: »Ich habe mir meine Fettmarken gutschreiben lassen. Wie mir gesagt wurde, gehen die fetten Schweine alle nach außerhalb und für die Bevölkerung in der DDR ist nichts da.«
Im Bezirk Suhl bildet das ungenügende Warenangebot eine Diskussionsgrundlage. Zum Beispiel kam es in einer Verkaufsstelle des Konsums zu einer Schimpferei, weil kein Käse vorrätig war. Fast alle anwesenden Kunden vertraten den Standpunkt, dass dieses nicht im Sinne des neuen Kurses sei und stellten die Frage, ob dies wohl der neue erhöhte Lebensstandard sei.19
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverteilung
SPD-Ostbüro:20 Frankfurt 6 000, Dresden 175.
NTS:21 Frankfurt 7 000, Magdeburg 1 000, Karl-Marx-Stadt und Dresden einige.
KgU:22 Karl-Marx-Stadt 15 000 (alte Ausgabe).
In tschechischer Sprache: Karl-Marx-Stadt und Dresden einige.
Im Gelände der Poliklinik Erlabrunn, Wismutgebiet,23 wurden in letzter Zeit wiederholt feindliche Flugblätter gefunden.
In Halle erhielt ein Schüler von einer unbekannten Person vier Hetzbroschüren der NTS zur Weitergabe an sowjetische Soldaten, zwei Stück wurden verbreitet, zwei sichergestellt.
Am 1.11.1954 wurde der Parteisekretär der LPG in Etzin, Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, durch einen jugendlichen Arbeiter der gleichen LPG niedergeschlagen. Vorher hatte er versucht, andere jugendliche Arbeiter der LPG für die Ausführung der Tat zu gewinnen. Täter wurde festgenommen.24
Diversion
In einer Lieferung von mehreren Kisten Schussspulen, welche am 30.10.[1954] dem VEB Textilia Greiz von der Mitteldeutschen Kammgarnspinnerei Leipzig zugestellt wurden, waren in zwei Kisten Eisenspäne über das Garn gestreut, um es unbrauchbar zu machen.
Antidemokratische Tätigkeit
In der Nacht vom 2. zum 3.11.[1954] wurden im VEB Kalikombinat »Ernst Thälmann« in Merkers, [Bezirk] Suhl, Schachtanlage I, Plakate zum Monat der DSF von unbekannten Tätern abgerissen. Das Gleiche geschah in der Stahlformgießerei des Stahl- und Walzwerkes Riesa, [Bezirk] Dresden.
In Meißen wurden einige Hetzparolen mit faschistischem Inhalt angeschrieben.
Im BW Dresden-Friedrichstadt wurden an die Tür des Fahrradschuppens zwei große Hakenkreuze angeschmiert.
Anlage 1 vom 6. November 1954 zum Informationsdienst Nr. 2359
Bericht über die Verhandlung gegen die Gehlen-Agenten
Am 5. Verhandlungstag, als die Angeklagten Komorek25 und Laux26 vernommen wurden, wurden in den Verhandlungspausen ähnlich wie an den Vortagen Diskussionen geführt. Die Aussagen der Agenten gaben immer wieder Anlass zu Äußerungen wie z. B., dass unbedingt die Wachsamkeit erhöht werden müsste und dass es unverständlich sei, dass sich solche Subjekte solange in solch hohen Funktionen halten konnten. Während der Vernehmung der Angeklagten, als sie ihre verbrecherische Tätigkeit bagatellisieren wollten, löste dies starke Empörung unter den Zuhörern aus.
Vielfach wird von den Zuhörern zum Ausdruck gebracht, dass es richtiger wäre, wenn die Verhandlungen in einem größeren Raum durchgeführt würden, sodass noch mehr Menschen Gelegenheit hätten, den Prozess mitzuerleben.
In einer Gruppe von Arbeitern wurde die Meinung vertreten, dass sie ihr Leben lang lieber schwer arbeiten würden, als für ein paar lumpige Mark zum Spion zu werden. In vielen Diskussionen kommt immer wieder zum Ausdruck, dass diese Verbrecher nicht hoch genug bestraft werden könnten.
Ein Zuhörer äußerte in der Prause, dass er sich über die Ausmaße der Spionage noch nie ernsthafte Gedanken gemacht habe. Dieser Prozess zeige ihm aber, dass die Wachsamkeit eine noch größere werden muss und dass man alle Wahrnehmungen unseren Staatssicherheitsorganen melden muss.
Zwei Kolleginnen vom VEB Elfe brachten zum Ausdruck, dass die beiden Agenten Bandelow und Misera27 zum Tode und die anderen zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt werden müssten.
In einer Unterhaltung einiger Kollegen vom Ministerium für Straßenverkehr wurde erklärt, dass die VP die Leitungsmitglieder nicht kontrollieren darf, dazu müsste erst eine besondere Genehmigung vorliegen.
Anlage 2 vom 6. November 1954 zum Informationsdienst Nr. 2359
Westberliner Stimmen zu den Senatswahlen am 5. Dezember [1954]28
Vielfach wird in den verschiedensten Bevölkerungskreisen in Westberlin über die Beteiligung der SED an den Senatswahlen diskutiert. Dabei wird immer wieder erklärt, dass für diese Personen nur die Wahl der SED infrage käme, da sie von den anderen Parteien bisher nur enttäuscht worden seien. Zum anderen sind einige davon überzeugt, dass die SED im Senat einziehen wird. Zum Beispiel sagte ein parteiloser Arbeiter (ehemaliges Mitglied der SED), dass für ihn nur die Wahl der SED infrage käme, weil für sie als Arbeiter von keiner anderen Partei eine Verbesserung ihrer Lebenslage zu erhoffen sei. Die Verhältnisse und Zustände in Westberlin müssten eigentlich jedem die Augen öffnen.
In einer Diskussion zwischen fünf Parteilosen, darunter zwei ehemalige SPD-Genossen, die aus Enttäuschung über die Politik ihrer Parteiführung ausgetreten sind, wurde zum Ausdruck gebracht, dass es für sie nach all den Enttäuschungen der Vergangenheit nur eins geben würde und zwar am 5. Dezember [1954] für die SED zu stimmen.
Einige Arbeitslose unterhielten sich auf dem Arbeitsamt Charlottenstraße über die Beteiligung der SED an der Wahl und brachten zum Ausdruck, dass die SED in verschiedenen Bezirken z. B. in Wedding, Neukölln, Kreuzberg und Reinickendorf einen großen Einfluss habe, deshalb sei anzunehmen, dass sie die 5-Prozent-Klausel überwinden wird.
Ein Vertreter: »Die Bevölkerung ist besonders an der Entlarvung von Korruptionsfällen und bes[onders] an der Erhöhung der Renten und Unterstützungen interessiert. Wenn die SED [es] versteht, diese Frage geschickt in ihrer Wahlpropaganda auszunutzen, halte ich die Überschreitung der 5-Prozent-Klausel für möglich.«
Ein Obsthändler äußerte, dass er jetzt manchmal keine vier Mark Reinverdienst am Tage habe, dass sei weniger als Unterstützung. Er ist der Meinung, wenn die SED in den Senat einziehe, würde sie in diese Eiterbeule reinstechen. Dann könnte es ihnen, den ambulanten Händlern, auch wieder besser gehen.
Bei einer Zusammenkunft von Schuhmachern äußerte der Bezirksmeister, dass sich das Kräfteverhältnis bei den Wahlen durch die Beteiligung der SED verschieben wird. Die Opposition in der SPD würde wahrscheinlich zum linken Flügel abwandern. Er persönlich bedauert es, dass die neue Mittelstandspartei vom Senat nicht zur Wahl zugelassen wurde.29 Durch deren Beteiligung hätten die Handwerker auch einen Vertreter im Senat.
Aufgrund der Unzufriedenheit über die bestehenden Verhältnisse in Westberlin stellen sich viele Wähler die Frage, für welche Partei sie stimmen sollen. Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem Bezirk Steglitz, dass sie und auch ihre Bekannten nicht wissen, welche Partei sie wählen sollen. Die jetzigen Parteien könne man nicht wählen, da von diesen nichts zur Verbesserung der Lebenslage unternommen würde, und von der SED sei ihnen nicht bekannt, welche Ziele sie verfolgt.
In negativen Diskussionen über die Beteiligung der SED an den Senatswahlen zeigt sich vielfach die Beeinflussung durch die Hetzpropaganda gegen die SED. Zum Beispiel erklärte ein Maurer, dass er nicht wählen gehe, da eine Wahl zwecklos sei. Erstens habe er kein Vertrauen zu den aufgestellten Parteien und zweitens machten sie ja doch, was sie wollen. Als er auf die Beteiligung der SED aufmerksam gemacht wurde, winkte er ab und sagte: »Man kann von mir nicht verlangen, dass ich einer Partei meine Stimme gebe, aus deren Land die Menschen flüchten.«
Bei einer Diskussion von mehreren Arbeitslosen wurde zum Ausdruck gebracht, dass sich die SED nur pro forma an den Wahlen beteilige und nachher kurz vor dem 5. Dezember [1954] ihre Kandidaten zurücknehmen würde, dann habe sie das erreicht, was sie wollte, sie hat dann ihre Schwäche verdeckt. Sie würde dann sagen, sie sei an den Wahlen behindert worden.
Bei Agitationseinsätzen wird vielfach das Argument angeführt, »warum gibt der Osten unsere Grundstücke nicht frei«. Es könnte keiner mehr sagen, dass dies eine Sicherheitsmaßnahme sei, denn jeder Verbrecher oder jede zweifelhafte Person kann im Gegensatz zu den Grundstücksbesitzern in die DDR fahren, wenn von ihnen drei Westmark gezahlt werden.