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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

19. November 1954
Informationsdienst Nr. 2370 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Allgemein sind die Diskussionen über politische Tagesfragen durchzunehmende Gespräche über die Note der SU vom 13.11.1954 größer geworden.1 Jedoch ist der Umfang noch gering. Trotz der Kurzversammlungen, die in vielen Betrieben über die Note stattfanden, steht ein größerer Teil der Werktätigen den politischen Fragen interesselos gegenüber. So erklärte z. B. ein Fördermann vom Wismut-Schacht 64 in Oberschlema:2 »Ich will von Politik nichts wissen. Ich will nur meine Arbeit machen und Geld verdienen. Im Radio werden früh, Mittag und abends nur politische Vorträge und Kommentare gehalten, aber viel zu wenig Musik. Nach der Arbeit will ich aber solche Vorträge nicht hören.«

Neben der Note der SU wird vereinzelt gegen das geplante Verbot der KPD,3 die Verhaftung Fritz Risches4 und über die Prozesse gegen die Gehlen-Organisation gesprochen.5

Größere Diskussionen haben im Bezirk Magdeburg die in den letzten Tagen durchgeführten Ernteeinsätze ausgelöst. So wird z. B. von einem Teil der Kollegen aus dem VEB Öl- und Fettwerk Magdeburg die Ansicht vertreten, dass sich die Landbevölkerung auf die Hilfe der Städter verlässt und deshalb selbst nicht an der schnellen Einbringung der Ernte mitarbeitet. Die Erntehelfer aus dem »Karl-Liebknecht«-Werk Magdeburg6 wurden auf der LPG in Wolmirstedt von LPG-Mitgliedern mit den Worten empfangen: »Jetzt kommen die Büromenschen zum Arbeiten.« Diese LPG-Mitglieder nahmen am Ernteeinsatz nicht teil, sondern »mussten in die Kirche gehen«. Der größte Teil der Erntehelfer aus dem »Karl-Liebknecht«-Werk war darüber verärgert.

Zur Dezember-Wahl in Westberlin7 wünscht der größte Teil der Kollegen der Hauptverwaltung der »GASAG«, dass die SED einen großen Erfolg hat. Einige Kollegen der Hauptverwaltung äußerten sich jedoch negativ dazu. So erklärten z. B. zwei Buchhalter: »Es ist eine Frechheit der SED, sich an den Wahlen zu beteiligen. Einen Kandidaten erhalten sie sowieso nicht.« Andere Kollegen äußerten: »Wir möchten mal sehen, was mit denen geschieht, die bei uns in die Häuser gehen würden, um für Adenauer8 zu werben.« Drei Angestellte sagten: »Die beste Reklame ist das Leben und was sich der Arbeiter für seine Mark in Westberlin und im demokratischen Sektor kaufen kann. Das fällt natürlich zugunsten des Westens aus.«

Zum Monat der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft9 werden Werbeaktionen für die Gesellschaft für DSF durchgeführt. Dazu zeigte sich z. B. im VEB Kammgarnspinnerei Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, dass hauptsächlich ältere Kollegen und Kolleginnen den Eintritt in die DSF ablehnten mit der Begründung, dass sie 1945 zu schreckliche Erlebnisse gehabt hätten.

Im VEB Sägewerk Bredereiche, Kreis Gransee, [Bezirk] Potsdam, wird in Versammlungen nur selten zu politischen Problemen gesprochen, sondern hauptsächlich über schon oft kritisierte Mängel. So wurde schon mehrmals der Bau einer Toilette und eines Duschraumes gefordert, bisher jedoch immer wegen Mangel an Finanzmitteln abgelehnt. Aus diesem Grunde hat sich auch die Arbeitsfreudigkeit der Kollegen verschlechtert.

Eine Missstimmung entstand in der Wohnungsbaugenossenschaft der Eisenwerke West in Calbe, [Bezirk] Magdeburg. Hier erschien ein Mitarbeiter der Abteilung Bauwesen aus Berlin namens Schmidt und erklärte, dass die Mieten von 20,00 auf 40,00 DM und der Anteil der einzelnen Mitglieder von 2 000 auf 4 000 DM erhöht werden müssten. Aufgrund dessen wollen die Kollegen ihre Arbeit beenden und den Bau verlassen.

Im VEB EBAWE Eilenburg,10 [Bezirk] Leipzig, können von 45 ausgelernten Schlosserlehrlingen 30 nicht eingesetzt werden. Da die Jugendlichen 16 bis 17 Jahre alt sind und keine Berufserfahrung haben, werden sie auch vom Kirow-Werk Leipzig11 sowie vom Stahlbau Leipzig nicht angenommen.

Im VEB Walzengießerei Quedlinburg, [Bezirk] Halle, mussten wegen Arbeitsmangel am 18.11.1954 fünf Arbeiter entlassen werden, für die keine neue Arbeitsstelle gefunden werden konnte.

Kohlenmangel besteht im VEB Teppichfabrik Münchenbernsdorf Werk I, [Kreis] Gera, wodurch das Werk eventuell stillgelegt werden muss; im VEB [Textilwerke] Pleißengrund Crimmitschau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wodurch die Planerfüllung gefährdet ist; im VEB Glaswerk in Haselbach, [Bezirk] Suhl, wo anstelle von 900 Tonnen Kohle für November bisher nur 300 Tonnen geliefert wurden. Zur Aufrechterhaltung der Produktion wurden vom VEB Neuhaus Kohlen ausgeliehen.12

Materialmangel besteht in einigen Betrieben, wodurch die planmäßige Produktion gefährdet ist. Im VEB Wutra-Werk in Wurzen,13 [Bezirk] Leipzig, wurden Motorenschutzhalter vom VEB in Treptow14 bisher nicht geliefert, obwohl sie bereits Mitte März 1954 bestellt wurden. Dadurch hat der VEB in Wurzen Schwierigkeiten bei der Erfüllung von Exportaufträgen.15

Im VEB Strumpfwarenfabrik Birkungen,16 Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt, kann wegen Materialschwierigkeiten nur in einer Schicht gearbeitet werden. Der Zubringerbetrieb Ardorf/Vogtland liefert nicht termingemäß.17

Im VEB Förderwagenbau Vetschau, [Bezirk] Cottbus, werden Normenteile von der DHZ nur unregelmäßig geliefert, wodurch die Produktion gestört ist.18

Im VEB Papierfabrik Grünhainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fehlen Holzschlin[…]19 und Zellulose, wodurch die Exportaufträge bis Jahresende nicht erfüllt werden.20

Im VEB Gaselan Fürstenwalde,21 [Bezirk] Frankfurt/Oder, ist in einzelnen Betriebsteilen wegen des Materialmangels die Arbeitsmoral gesunken. Außerdem hat sich ein Teil der Kollegen krankschreiben lassen, wodurch der Krankenstand auf 8 Prozent angestiegen ist. In diesem Betrieb ist außerdem die Arbeitsorganisation teilweise mangelhaft.

In Bezirk der Deutschen Reichsbahn Cottbus mangelt es an einwandfreien Karbidbrennern. Trotz wiederholter Eingaben beim Ministerium für Eisenbahnwesen hat sich noch nichts geändert.22

Produktionsstörungen

Im Braunkohlenwerk Mücheln, [Bezirk] Halle, ereignete sich durch falsche Weichenstellung ein Zugzusammenstoß. Sachschaden ca. 8 000 DM.

Ein weiterer Zusammenstoß zweier E-Loks ereignete sich im Abraum des VEB Braunkohlenwerkes Profen. Beide Loks sind ausgefallen. Dadurch entsteht ein Produktionsausfall von 200 cbm Abraum.

Am 16.11.1954 entgleiste im Braunkolenwerk Sedlitz, [Bezirk] Cottbus, ein Vollzug. Ursache ist nach bisherigen Ermittlungen bei den Weichenstellern zu suchen. Die Strecke war für vier Stunden blockiert. Es entstand ein größerer Produktionsausfall.

Im Leuna-Werk Bau 333a wurde von einem Diplom-Physiker, der an einer Delegationsreise der Universität Halle nach Westdeutschland teilnahm, nach seiner Rückkehr die wirtschaftliche Entwicklung in Westdeutschland verherrlicht. In dieser Diskussion berichtete er u. a., dass ein westdeutscher Ingenieur im Gespräch mit ihm gegen die Wirtschaftsplanung »im Osten« auftrat. Diese Ausführungen des Diplom-Physikers riefen unter der Belegschaft im Bau 333a heftige Diskussionen hervor. So sagte z. B. ein Kollege, ehemaliger Studienrat: »Ich denke, bei uns ist alles in Ordnung. So schreibt man wenigstens immer in der Zeitung. Wenn man die Ausführungen des Diplom-Physikers hört, weiß man wieder einmal, dass hier alles Lug und Trug ist.«

Handel und Versorgung

Die teilweise unzureichende Versorgung, worüber sich die Bevölkerung beschwert, zeigt sich wie folgt:

In einigen Kreisen des Bezirkes Suhl beschweren sich Hausfrauen über die schlechten Einkellerungskartoffeln, die nach kurzer Zeit in Fäulnis übergehen und bei der Rücklieferung nicht vergütet werden. Eine Hausfrau sagt hierzu: »In acht Tagen waren meine Kartoffeln matschig. Ich habe alle 9 Ztr. wegwerfen müssen, das sind 40,00 DM. Ich bekomme nur Rente und trotzdem musste ich den Ersatz noch einmal bezahlen. Man traut sich ja bald gar nichts mehr zu kaufen.«

In fast allen Kreisen des Bezirkes Suhl fehlt es an Tee, Kaffee und Schokolade. In einigen Kreisen fehlen Winterbekleidung und Dekorationsstoffe.

Klagen über Mangel an Kohlen kommen aus verschiedenen Kreisen des Bezirkes Magdeburg, von der Insel Usedom, [Bezirk] Rostock, Gera-Langenberg und im Bezirk Dresden ist die Belieferung des Konsums mit Hausbrandkohle erst zu 60 Prozent erfolgt.

Der Schlachthof Magdeburg kann seine Auflage für November nicht erfüllen. Es fehlen dort 160 t Schweinefleisch und 11 t Rindfleisch.

Im gesamten Bezirk Rostock stehen Hausfrauen in Schlangen vor den Fleischerläden und diskutieren negativ über den Fleischmangel.

Nährmittel, Hülsenfrüchte, Zigaretten und Bohnenkaffee fehlen im Bezirk Halle, Kindernährmittel im Bezirk Schwerin.

In sämtlichen Tankstellen des Kreises Lübben, [Bezirk] Cottbus, fehlt Benzin.

Aus dem Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt, kommen wiederholt Klagen über den Mangel an Därmen für Hausschlachtungen.

Landwirtschaft

Im Inhalt und Umfang der politischen Diskussionen ist keine wesentliche Veränderung zu verzeichnen.

Zur Rede des Genossen Walter Ulbricht23 auf dem 21. Plenum des ZK24 wird zzt. nur vereinzelt Stellung genommen. So sagten z. B. zwei Traktoristen der MTS Bannewitz, Kreis Freital: »Wir erklären uns nicht damit einverstanden, dass wir immer in der MTS bleiben sollen und nicht wegdürfen. Wir wollen auch frei sein.«

Im Mittelpunkt des Interesses stehen nach wie vor die wirtschaftlichen Belange. Aus den LPG z. B. kommen immer wieder Klagen über die Vernachlässigung der Stallbauten. So hat die LPG Neese, Kreis Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, ihren Viehvermehrungsplan mit dem Bauplan abgestimmt. Die Bau-Union Ludwigslust hält aber ihren Bauplan nicht ein und begründet es mit Materialschwierigkeiten. Dadurch ist der für den 1.11.1954 vorgesehene Schweinestall nicht gebaut worden und die LPG ist gezwungen, Scheunen als Behelfsställe auszubauen, um das Vieh unterzubringen. Ähnlich ist es in der LPG Rüterberg und der ÖLB Wöbbelin, Kreis Ludwigslust, wo das Vieh jetzt noch draußen verbleiben muss.

Mangel an Ersatzteilen haben verschiedene MTS im Bezirk Cottbus. In der MTS Eichwege, Kreis Forst, [Bezirk] Cottbus, fehlen wichtige Ersatzteile zur Reparatur der Traktoren vom Typ »Brockenhexe«, die von der MTS Reparatur-Werkstatt Cottbus nicht geliefert werden können.

Unter den Pferdehaltern aus Cottbus treten negative Stimmungen über die mangelhafte Belieferung mit Stroh, Heu und Hafer auf. Sie beschweren sich, dass diese Belieferung im letzten Quartal besonders schlecht ist.

Oft wird über das schlechte Saatgut geklagt, wie z. B. in einigen Kreisen des Bezirkes Halle, wo man sich über die Saatkartoffeln beschwert. Bei der BHG Bilzingsleben, Kreis Artern, [Bezirk] Halle, lagert eine Ladung frühe Pflanzkartoffeln, die von der DSG Salzwedel geliefert wurde und von der Braunfäule befallen ist. Wenn diese Kartoffeln nicht bald abgeholt werden, gehen sie der Volkswirtschaft und den Mästereien verloren. Ein Verlust von 1,5 Tonnen ist jetzt schon zu verzeichnen.

In der LPG Bründel, Kreis Bernburg, [Bezirk] Halle, wurden 180 Ztr. Saatkartoffeln »Sieglinde« von der BHG Plötzkau geliefert. Sie wurden ordnungsgemäß eingemietet und bei einer jetzt erfolgten Kontrolle wurde festgestellt, dass sämtliche Kartoffeln von der Trockenfäule befallen sind. Auf die Beanstandung bei der BHG Plötzkau erhielt die LPG die Antwort, dass sie froh sein sollte, überhaupt Saatkartoffeln bekommen zu haben.

In der Gemeinde Warlow, Kreis Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, ist der Winterroggen sehr schlecht oder gar nicht aufgegangen. Eingeschickte Proben an das biologische Zentralinstitut Rostock ergaben, dass das Saatgut zu stark gebeizt ist.

Verschiedentlich kommen Klagen über die schlechte Arbeit der LPG, wie z. B. in den Kreisen Brandenburg, Königs Wusterhausen, Rathenow, Pritzwalk und Jüterbog, [Bezirk] Potsdam. In der LPG Schönefeld, [Kreis] Königs Wusterhausen, wurden nach der Rodung die Kartoffeln so schlecht aufgelesen, dass auf einem 7 ha großen Schlag noch ca. 50 dztr. auf dem Acker herumliegen und inzwischen als Speisekartoffeln unbrauchbar geworden sind.

Die LPG in Danna, Kreis Jüterbog, hat aufgrund der schlechten Arbeitsorganisation noch für ca. 28 ha Getreide auszusäen. Außerdem hat die LPG noch 40 Prozent Kartoffeln auf den Feldern.

In der LPG Bullendorf, Kreis Pritzwalk, sind noch fünf Morgen Kartoffeln in der Erde und mit der Zuckerrübenernte steht sie an letzter Stelle. Die LPG-Mitglieder beklagen sich über das diktatorische Auftreten des Vorsitzenden, der keine Kritik zulässt. Sie getrauen sich in den Versammlungen nichts mehr zu sagen und fordern eine Überprüfung der LPG.

Ein ähnlicher Zustand ist in der LPG Butzow, Kreis Brandenburg, zu verzeichnen. Die Arbeitsmoral in der Leitung der LPG ist schlecht. Es wird viel getrunken und es würden noch mehr Bauern der LPG beitreten, wenn die Leitung der LPG durch bessere Arbeitsmoral Vertrauen gewinnen würde.

Schweinepest

In der ÖLB Breesen, Kreis Gadebusch, und in der ÖLB Kuchelmiß,25 Kreis Güstrow, [Bezirk] Schwerin, ist die Schweinepest ausgebrochen. Ein Schwein ist verendet und 81 Schweine sind notgeschlachtet worden (Gesamtbestand).

Verderb

Auf dem Acker der LPG »8. Mai« in Gröbers, [Kreis] Saalkreis, liegen ca. 300 Ztr. Saatkartoffeln, die bereits erfroren sind.

Übrige Bevölkerung

Nach wie vor ist zu verzeichnen, dass unter der übrigen Bevölkerung wenig zu aktuellen politischen Problemen Stellung genommen wird. Zum Beispiel haben die Diskussionen über die neueste Note der Sowjetunion nur einen geringen Umfang, jedoch wird überwiegend positiv dazu Stellung genommen.

Im Zusammenhang mit der Verschacherung der Saar26 durch Adenauer werden weiterhin Diskussionen über die Oder-Neiße-Friedensgrenze geführt. Zum Beispiel diskutierten einzelne Mitarbeiter der Konsumverkaufsstellen in Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, warum soviel über die Abtrennung des Saargebietes gesprochen würde, und warum man auf der anderen Seite die Oder-Neiße-Grenze für gültig erkläre. Bei den Friedensverhandlungen würde ja noch einmal die Frage der Oder-Neiße-Grenze stehen und damit verbunden die Rückkehr ehemaliger Umsiedler in diese Gebiete.

Wie bereits berichtet, wird in Kreisen der Kirche immer wieder negativ zum Entwurf des neuen Familiengesetzes Stellung genommen.27 Zum Beispiel wird aus dem Bezirk Suhl berichtet, dass die evangelische Kirche eine Stellungnahme gegen den Entwurf herausgab und die Pfarrer anwies, bei jeder Gelegenheit mit der Bevölkerung über diese Stellungnahme zu diskutieren.

Des Weiteren wurde bekannt, dass in letzter Zeit im Bezirk Potsdam Bittgottesdienste abgehalten wurden, wo gegen die DDR in versteckter Form gehetzt wurde. Auch wird immer wieder in den Predigten die »Kriegsgefangenenfrage« behandelt. Zum Beispiel forderte der Superintendent aus Niemegk, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, die Kirchenbesucher auf, ihm Namen von Verwandten und Bekannten, die noch in der Gefangenschaft seien, mitzuteilen, weil er für politische und Kriegsgefangene in einer Betstunde beten und die Namen verlesen wolle.

Ein Pfarrer aus Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, forderte die Anwesenden während seiner Predigt auf, täglich bis 21.00 Uhr die Namen der Kriegsgefangenen und Inhaftierten bekanntzugeben, welche er dann zur Verlesung bringen will.

Immer wieder kommen aus den Kreisen der Handwerker Klagen über ungenügende Materialzuteilung. Unter den Tischlermeistern des Kreises Hoyerswerda gibt es negative Stimmungen aufgrund der mangelhaften Belieferung mit Holzschrauben, Scharnieren sowie hochwertigem Furnierleim.

Die Genossenschaft des metallverarbeitenden Handwerks in Wittenberg, [Bezirk] Halle, führt darüber Klage, dass ihre Kontingente von der Handwerkskammer des Bezirkes Halle, Fachreferat Metall, nicht voll beliefert werden. So haben sie z. B. bis jetzt von 29,4 t feinen Stabstahl erst 9,09 t erhalten. Bei grobem Stahl erhielten sie von 14,4 t erst 3,75 t.

Häufig beschwert sich die Bevölkerung über die unzureichende Versorgung, dabei besonders über den Mangel an Kindernährmitteln. Zum Beispiel stellten einige Hausfrauen anlässlich einer Mitgliederversammlung der Konsumgenossenschaft Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, die Frage, warum es keine Kindernährmittel (Maizena, Haferflocken usw.) gibt. Darauf rief ein Teilnehmer der Mitgliederversammlung: »Das verstehen sie nicht, in der [DDR]28 müssen erst die Rüben geerntet werden, dann gibt es auch Haferflocken.« Daraufhin erhob sich ein lautes Gelächter unter den Anwesenden.

Im Bezirk Cottbus werden negative Diskussionen über den zum Teil schlechten Empfang der Sendungen des Staatlichen Rundfunkkomitees geführt. Überwiegend tritt das Argument auf, dass der schlechte Empfang auf die Störtätigkeit unserer Sender gegenüber dem RIAS zurückzuführen sei.29

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

SPD-Ostbüro:30 Karl-Marx-Stadt 300, Potsdam 3 000, Gera, Kreis Zeulenroda, 350, Magdeburg, Kreis Tangermünde, 2 000.

KgU:31 Potsdam 3 000.

NTS:32 Karl-Marx-Stadt 60, Halle, Kreis Eisleben, 2 000 (gebündelt), Gera einige, Leipzig, Kreis Döbeln, 300.

FDP[-Ostbüro]: Karl-Marx-Stadt 340.

In tschechischer Spr[ache]: Karl-Marx-Stadt 720.

»Der Tag«:33 Frankfurt/Oder 100, Rostock einige.

Cottbus 11 000 NTS und in tschechischer Sprache, davon Kreis Cottbus 10 000.

Am 16.11.[1954] wurden im Kreis Ilmenau, [Bezirk] Suhl, zwölf handgeschriebene Hetzzettel mit der Aufschrift »nieder mit Stalin und den Russen« gefunden.

Gerücht

In der Grube Berzdorf, [Kreis] Görlitz, [Bezirk] Dresden, wurde das Gerücht verbreitet, dass die Genossin Frida Hockauf34 sowie der Betriebsleiter sowie der Betriebsschutz der Mechanischen Weberei Zittau verhaftet wurden, da sie in große Schiebereien verwickelt seien.

Ein Schichtarbeiter (Traktorist) der MTS Zuchau, [Bezirk] Magdeburg, wurde bei der Durchführung seiner Arbeit gegen 22.30 Uhr aus ca. 8 m Entfernung von zwei unbekannten Personen mit den Worten: »In welchem Auftrag arbeiten Sie hier« angerufen. Als der Traktorist antwortete, dass er im Auftrag der LPG hier arbeite, meinten die unbekannten Personen: »Verlassen Sie sofort das Feld, denn die LPG hat nichts mehr zu sagen. Jetzt sind wir da.« Nach mehrmaligem Drohen dieser Personen verließ der Traktorist das Feld. Auf dem Heimwege erzählte er einem anderen Schichtfahrer von diesem Vorkommnis, welcher aus Angst gleich mitging. Durch den Ausfall dieser Traktoristen kam es zu einer Verzögerung in der Feldbestellung mit Wintergerste.

Im Stadtgebiet von Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, wird seit einiger Zeit festgestellt, dass Gruppen von Jugendlichen vor dem Schaufenster der Konsum-Verkaufsstellen in provokatorischer Form die ausgestellten Waren kritisieren. Es mehren sich auch die Fälle, wo Jugendliche eine bestimmte Mangelware verlangen und bei Nichtvorhandensein laut schimpfen.

Der Treuhandbetrieb Müller & Pöschmann Döbern, Kreis Forst, [Bezirk] Cottbus, erhielt von der Großhandlung Gustav Rose G.m.b.H. Homberg (Oberhessen) Westdeutschland ein Schreiben, in dem mitgeteilt wird, dass drei Weihnachtspakete an die Belegschaft verschickt werden. Es wird gebeten, drei Privatnamen anzugeben, da die Pakete der Zollabfertigung wegen als Geschenksendungen bezeichnet werden müssen.

Vermutliche Feindtätigkeit

Am 18.11.1954 brannte in Schwärzdorf, [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, eine Scheune nieder. In der Scheune lagerten 600 Zentner Getreide, welches nur teilweise ausgedroschen war. Bei der Bäuerin, wo der Brand ausbrach, handelt es sich um die geschiedene Frau eines 1954 festgenommenen Agenten.

Anlage 1 vom 19. November 1954 zum Informationsdienst Nr. 2370

Landwirtschaft

Bei den Sollablieferungen ist zu verzeichnen, dass besonders Großbauern immer wieder versuchen, ihre Sollverpflichtungen zu umgehen bzw. zu verzögern. Zum Beispiel in Esperstedt, Kreis Artern, [Bezirk] Halle, hatten die Großbauern bis zum 15.11.1954 erst 35 Prozent ihres Solls in der Getreideablieferung erfüllt.

Die Großbauern versuchen mit den verschiedensten Argumenten zu begründen, warum sie angeblich ihrer Ablieferungspflicht nicht nachkommen können. So sagen sie u. a., für das Vieh würde das Futter nicht reichen, deshalb könnten sie nicht alles Getreide abliefern. Sie müssten erst die Rüben ernten oder die Herbstaussaat vornehmen, ehe sie dreschen können. Sie hätten zu wenig Arbeitskräfte und das Soll sei zu hoch. Unter den Großbauern im Kreis Jessen, [Bezirk] Cottbus, z. B. ist folgendes Argument charakteristisch: »Wenn wir alles Getreide abliefern müssen, dann können sie auch gleich das Vieh mitnehmen, denn die Heuernte war nicht besonders und die Kartoffeln sind ersoffen.«

In Herzfeld, [Bezirk] Schwerin, erklären die Großbauern, dass der Staat sein Getreide noch früh genug bekäme und man soll endlich mit den Zwangsmaßnahmen aufhören, denn sie können entweder die Rüben ernten oder die Winteraussaat durchführen. Man kann nicht beides zusammen und zusätzlich noch den Drusch vornehmen.

In Barbeleben, Kreis Wolmirstedt, erklären die Großbauern, dass ihnen das Soll zu hoch sei und ihnen außerdem nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Deshalb haben 15 Großbauern die Absicht, ihr Pachtland zurückzugeben, sie wollen nur noch ihren eigenen Acker bewirtschaften. Da die LPG nicht sofort in der Lage ist, das Pachtland zu übernehmen ist anzunehmen, dass die Großbauern mit der Abgabe des Pachtlandes drohen, um die Herabsetzung ihres Solls zu erzwingen.

Der Kreis Worbis steht in der Ablieferung an letzter Stelle im Bezirk Erfurt. Vom Kreisrat wurde deshalb der Nachtdrusch35 angeordnet. Die Bauern erklären sich damit nicht einverstanden. Sie versuchen es mit dem Fehlen der notwendigen Schutzvorrichtungen in den Scheunen zu begründen.

Im Kreis Neuhaus, [Bezirk] Suhl, sagen die werktätigen Bauern, dass sie aufgrund der schlechten Kartoffelernte nicht in der Lage sind, ihr Kartoffelsoll zu erfüllen. Ein werktätiger Bauer brachte es wie folgt zum Ausdruck: »Wenn ich mein Kartoffelsoll erfüllen muss, dann muss ich meinen Viehbestand verringern und dadurch ist die Ablieferung an tierischen Produkten nicht mehr gewährleistet.«

Aus Birkendorf,36 [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock, ist ein Bauer, der sein Soll nicht erfüllt hat, nach Westberlin gefahren. Nach seiner Rückkehr wurden ihm die Sollrückstände gestrichen. Die anderen Bauern sind jetzt der Auffassung, dass man nur ein paar Tage nach dem Westen gehen braucht, um seine Rückstände gestrichen zu bekommen.

Anlage 2 vom 19. November 1954 zum Informationsdienst Nr. 2370

Auswertung der Westsendungen

Im Rahmen der weiteren Sendungen zur 21. Tagung des ZK nimmt der RIAS mehrfach zur Frage der Normen in der bereits bekannten Art Stellung.

In einer Sendung am 16.11.1954 heißt es dazu u. a.: »… SED-Sekretär Ulbricht ist entschlossen, eine Normenkampagne zu beginnen. Die Normenüberprüfung hat bereits in einigen Betrieben begonnen. In den nächsten Wochen wird man neue Wettbewerbe abschließen wollen und man wird die Normen revidieren wollen, die mit über 100 Prozent erfüllt werden. Deshalb muss das oberste Gebot für die beginnende Normenkampagne lauten: drosselt die Normenübererfüllung, gebt den Genossen keine Handhabe zu Revisionen in Normen.«

Zur Beunruhigung der Angestellten der Deutschen Reichsbahn bringt der RIAS mehrfach kürzere bzw. länger kommentierte Meldungen über »eine generelle Strukturplanveränderung« im Bereich der Reichsbahn. Es werden besonders die Meister angesprochen, da vor allem bei ihnen Lohnrückstufungen zu erwarten seien. Zur Beeinflussung der in der Produktion tätigen Kollegen wird gleichzeitig gemeldet, dass bei den Kaderfunktionären Lohnerhöhungen zu erwarten seien. RIAS hetzt weiter: »Das, was hier bei der Eisenbahn vorexerziert wird, will man in allen anderen Industriezweigen ebenfalls durchführen. Die Leidtragenden sollen hierbei die Werktätigen und Angestellten sein, nicht die Funktionäre …« (RIAS 16.11.1954)

»Die Neue Zeitung« schreibt unter der Überschrift »Kleiderspende aus USA für bedürftige Ostzonenstudenten«,37 dass beim Amt für gesamtdeutsche Studentenfragen des Verbandes Deutscher Studentenschaften38 in Westberlin 300 Pfund Bekleidung eingegangen sind, die zu Weihnachten an Studenten der DDR verteilt werden sollen. Der größte Teil der Kleidungsstücke soll Lebensmittelpaketen beigefügt werden. Außerdem sollen Studenten aus der DDR, die in Westberlin studieren, derartige Kleidungsstücke erhalten.

Anlage 3 vom 19. November 1954 zum Informationsdienst Nr. 2370

Stimmen westdeutscher Besucher über ihre Eindrücke in der Deutschen Demokratischen Republik

Immer wieder bringen westdeutsche Besucher in ihren Stellungnahmen zum Ausdruck, dass sie von den wahren Verhältnissen in der DDR beeindruckt sind. Es werden vielfach Vergleiche zwischen den Verhältnissen bei uns und drüben gezogen. Dabei wird meist herausgestellt, dass in der DDR bei Weitem mehr für die Arbeiter getan wird, als das drüben der Fall ist. Diese Stellungnahmen stammen von Personen der verschiedensten Bevölkerungskreise. Zum Beispiel erklärte ein Kapitän aus Hamburg: »Eins muss man sagen, bei euch hier geht alles seinen geordneten Gang. Die Arbeiter im Hafen sind zufrieden. Es braucht sich keiner Sorgen zu machen, dass ihm einer die Arbeit wegnimmt, wie das bei uns in Hamburg der Fall ist. Ich kenne bereits mehrere Häfen und muss sagen, dass hier die Regierung viel für die Arbeiter tut.«

Ein Mitglied einer Delegation, die im Kreis Neuhaus weilte, sagte: »Solche sozialen Einrichtungen wie hier gibt es bei uns nicht. Hier entstehen schöne Wohnblocks für die Arbeiter und bei uns werden vorwiegend Wohnungen für die Ami’s gebaut. Da sieht man so richtig den Unterschied zwischen einer Arbeiterregierung und einer Regierung, die sich aus Kapitalisten zusammensetzt. Wir werden nach unserer Rückkehr die Menschen über die wahren Verhältnisse in der DDR aufklären.«

Ein Tischler aus Hamburg erklärte in einer Gastwirtschaft in Jerichow, [Kreis] Genthin: »Ich hatte eine Werkstatt mit 18 Gesellen. Durch die Politik Adenauers ging es mir wie vielen anderen, ich musste mein Geschäft aufgeben. Das Finanzamt pfändete mir sämtliche Maschinen, die nur mit 25 Prozent des Einkaufspreises abgeschätzt wurden.« Auf den Einwurf eines Gastes, dass man drüben besser leben würde als hier, erwiderte der Tischler: »Dann fahr doch mal rüber, dann wirst du sehen, wie es aussieht.«

Ein Direktor einer Papierfabrik aus Frankfurt, der jedes Jahr seinen Urlaub in Freital verbringt, erklärte: »Ich komme gern in die DDR. Bisher konnte ich feststellen, dass es von Jahr zu Jahr besser geworden ist; im Gegensatz zu den Verhältnissen bei uns in der Bundesrepublik, wo die Arbeitslosenziffer immer mehr steigt. Die Geschäfte sind voll Waren gestopft, aber es fehlt die Kaufkraft der breiten Masse, und auf der anderen Seite steigt der Wohlstand Einzelner. Zum Beispiel gibt es allein in meiner Heimatstadt schon wieder rund 200 Millionäre.«

Eine Delegation, die die Eisenerzgrube Schmiedefeld, [Bezirk] Suhl, besuchte, brachte ihr Erstaunen darüber zum Ausdruck, dass der Betriebsleiter sowie der technische Leiter parteilos sind. In der Bundesrepublik würde es immer heißen, dass sämtliche Funktionen nur von SED-Mitgliedern bekleidet werden. Des Weiteren waren sie verwundert über das kollegiale Verhalten der Betriebsleitung gegenüber den Kumpels. Am Schluss der Besichtigung sagte ein Mitglied der Delegation: »Gebt mir die Aufenthaltsgenehmigung und Arbeit, dann bleibe ich gleich in der DDR, denn was den Arbeitern hier geboten wird, so etwas gibt es drüben bei uns nicht.«

Auch die Verhältnisse auf dem Lande rufen immer wieder Erstaunen hervor, da drüben die Lage der Bauern ganz anders dargestellt wird. So sagte z. B. ein Besucher, der sich in Altgolßen, [Bezirk] Cottbus, aufhielt: »Bei uns sagt man immer, den Bauern in der Ostzone geht es schlecht. Wenn man sich aber einmal ein paar Tage hier aufhält, so kann man feststellen, dass das Gegenteil der Fall ist. Sie leben bestimmt nicht schlecht, in der einen Hand ein Stück Wurst und in der anderen Brot und Butter. Ich verdiene drüben bestimmt nicht schlecht, aber das, was sich hier die Bauern leisten können, kann ich bestimmt nicht mit meinem Verdienst von 600 Mark im Monat.«

Nur ganz vereinzelt kommt es zu negativen Äußerungen, in denen zum Ausdruck gebracht wird, dass die Verhältnisse in der Bundesrepublik besser wären. Zum Beispiel sagte ein Revierförster zu dem Leiter des Forstbetriebes in Rheinsberg: »Ich bin nur ein Revierförster und besitze ein Auto und du bist in ganz anderer Position und besitzt nur ein Leichtmotorrad. Dies dürfte doch bezeichnend sein für die Verhältnisse hier und bei uns, da brauchen wir uns über weitere Dinge gar nicht mehr zu unterhalten.«

Anlage 4 vom 19. November 1954 zum Informationsdienst Nr. 2370

Stimmen zur Note der Sowjetunion vom 13.11.1954

Allgemein ist zu verzeichnen, dass verhältnismäßig wenig zu aktuellen politischen Tagesfragen Stellung genommen wird. Im Vordergrund der politischen Gespräche steht die neueste Note der SU. Die Diskussionen sind in der Mehrzahl positiv.

Aufgrund der durchgeführten Kurzversammlungen in den Produktions- und Verkehrsbetrieben haben dort die Stellungnahmen etwas zugenommen, jedoch ist der Umfang der Gespräche noch verhältnismäßig gering. Dies ist zum Teil auf eine gewisse Interesselosigkeit zurückzuführen. Zum Beispiel wird aus dem Bezirk Magdeburg und dem Wismutgebiet berichtet, dass trotz der Kurzversammlungen und der Agitationseinsätze sehr wenig in den Betrieben über die Note diskutiert wird.

Weiterhin sind es überwiegend Arbeiter, weniger Angestellte und ganz vereinzelt Angehörige der Intelligenz, die sich dazu äußern. Übereinstimmend wird immer wieder erklärt, dass der Vorschlag der SU zur Einberufung einer Konferenz, auf der der kollektive Sicherheitspakt behandelt werden soll, nur begrüßt werden kann. Einige erwähnen, dass die Note zur rechten Zeit kam, nämlich bevor die Pariser Verträge ratifiziert werden.39 Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem Ziegelwerk Jessen, [Kreis] Spremberg, [Bezirk] Cottbus, dass alle Maßnahmen, die der Errichtung eines Systems der kollektiven Sicherheit in Europa und damit der Verminderung der internationalen Spannungen dienlich sind, ergriffen werden müssen. Dazu diene der Vorschlag der SU, der durchaus reale Möglichkeiten habe.

Eine Angestellte (parteilos) aus dem VEB IKA Annaberg: »Wenn wir bedenken, dass die Westmächte die Londoner40 und Pariser Verträge im nächsten Monat durchpeitschen wollen, so muss ich sagen, dass die neue Note der SU gerade im richtigen Augenblick kommt, um die Kriegsgefahr, die die Pariser Verträge mit sich bringt, zu bannen. Es muss meiner Meinung nach doch jedem Menschen einleuchten, dass wir uns nur im Frieden ein besseres Leben schaffen können. Die neue Note der Sowjetunion zeigt allen Menschen den Weg, wie der Frieden in der Welt erhalten werden kann.«

Ein Technologe aus dem VEB Reifenwerk Fürstenwalde: »Das, was Adenauer jetzt macht, ist genauso wie bei Hitler. Er sagt, die Rüstung würde nur der Verteidigung dienen und später heißt es, die beste Verteidigung ist der Angriff. Die einzige Lösung, die es hier gibt, ist die kollektive Sicherheit.«

Teilweise werden aber auch Diskussionen geführt, in denen zum Ausdruck kommt, dass die Vorschläge der SU erfolglos bleiben werden, da sie der Westen nicht annehme. Zum Beispiel sagte eine Angestellte einer HO-Betriebsverkaufsstelle in Apolda: »Wieder eine Note ohne Erfolg. Die Westmächte werden sich nicht darum kümmern.«

Ein Arbeiter des Rohstofflagers in dem VEB Schott Jena, [Bezirk] Gera: »Die Sowjetunion hat durch die Note erneut ihren Friedenswillen zum Ausdruck gebracht. Jedoch werden die Westmächte nach meiner Meinung wieder eine ausweichende Antwort geben.«

Zu direkten negativen Äußerungen kommt es weiterhin nur vereinzelt. Ein Arbeiter (parteilos) der Firma Trikotagen-Textil Jersey Apolda,41 [Bezirk] Erfurt, sagte z. B. nach einer Versammlung: »Es ist sehr schade, dass die Versammlung nur fünf Minuten gedauert hat. Ich hätte gern noch länger geschlafen, denn wer interessiert sich für diese Dinge. Die sollen uns erst einmal einen besseren Lebensstandard geben, dann kann man auch die Vorschläge von den Kommunisten annehmen.«

Unter der Landbevölkerung werden ganz wenige Diskussionen über die Note geführt, jedoch sind die Stellungnahmen überwiegend positiv. Sie stammen ganz vereinzelt von Einzelbauern, meist kommen sie aus dem sozialistischen Sektor. Aber auch hier wird trotz der durchgeführten Kurzversammlungen verhältnismäßig wenig darüber gesprochen. So sagte z. B. der Politleiter der MTS Schkölen, [Bezirk] Gera: »Wir haben uns nach Bekanntwerden der neuen Note der SU sofort mit der Parteileitung in Verbindung gesetzt und mit der Belegschaft diskutiert. Zusammenfassend muss aber gesagt werden, dass die Kollegen zu den Diskussionen förmlich herausgelockt werden mussten und obwohl wir ihnen alles erläutert hatten, wurde nur stockend dazu Stellung genommen. Es gab nur immer eine Antwort: »Die Note ist ja gut, aber was nutzt denn das, wenn die Westmächte nicht darauf eingehen.«

Die gleiche Einstellung bestätigte auch ein Parteiinstrukteur des MTS-Bereiches Köritz, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam: »Obwohl die neueste Note der SU für uns von so großer Bedeutung ist, stelle ich bei meiner Arbeit fest, dass die für uns so wichtige Frage wenig von der Landbevölkerung diskutiert wird.«

Ein Brigadier (SED) der MTS Ivenack, [Bezirk] Neubrandenburg: »Die Note der SU zeigt uns wieder, dass die Sowjetregierung nichts unversucht lässt, den Weltfrieden zu erhalten und zum anderen, dass sie sich immer wieder für die Herstellung der Einheit Deutschlands einsetzt. Schön wäre es, wenn bald alle Besatzungstruppen abziehen würden.«

Eine Landarbeiterin vom VEG Hohenfichte, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Menschen, die jetzt noch nicht erkennen, wer für die Interessen der Völker eintritt, sind entweder zu dumm oder Feinde des Friedens und somit Feinde aller friedliebenden Menschen und müssten als solche behandelt werden.«

Ein Kleinbauer aus Pampow, [Bezirk] Schwerin: »Ich begrüße diese Note, denn ich weiß, dass die Sowjetunion uns vom Faschismus befreit hat und dass sie auch jetzt wieder dafür sorgen wird, dass nicht noch einmal ein Krieg ausbricht.«

Neben den Äußerungen, die sich einen Erfolg von der Note versprechen, kommt es verschiedentlich zu Stellungnahmen, in denen zum Ausdruck kommt, dass der Vorschlag der SU zwecklos sei, da der Westen nicht darauf eingehen wird. Zum Beispiel sagte ein Landarbeiter aus Lüssow, [Bezirk] Schwerin: »Es hat ja doch keinen Zweck, dass die Länder noch einmal zur erneuten Konferenz zusammenkommen, denn da kommt ja doch nichts dabei heraus. Die Westmächte haben ja noch nicht einmal auf die letzte Note geantwortet.«

Zu negativen Äußerungen kommt es auch unter der Landbevölkerung nur vereinzelt. Zum Beispiel äußerte ein Arbeiter der MTS Tessenow, [Bezirk] Schwerin: »Das ist doch alles Quatsch, was sie machen, nur immerfort Reden. Sie sollen uns lieber die Ostgebiete zurückgeben und uns nicht dauernd mit Versprechungen hinhalten.«

Bis jetzt sind die Stellungnahmen unter der übrigen Bevölkerung ganz vereinzelt, jedoch kommen sie aus fast allen Schichten und sind in der Mehrzahl positiv. Zum Beispiel sagte ein Angestellter aus Strausberg: »Ich begrüße die neue Note. Die SU beweist damit wieder einmal ihr schnelles politisches Reaktionsvermögen. Schön wäre es, wenn die Konferenz zustande käme und positive Beschlüsse gefasst würden.«

Eine Hausfrau aus Frankfurt: »Wir wollen alle hoffen, dass die angesprochenen Mächte diesmal auf den Vorschlag der SU eingehen. Wir wollen doch alle keinen Krieg und ich glaube, dass die Völker der anderen Staaten ebenso denken wie wir.«

Ein Handwerker aus Cottbus: »Der Inhalt dieser Note ist klar und kennzeichnet die heutige Situation in Europa so treffend, dass man ihr von ganzem Herzen zustimmen muss. Ich hoffe, dass alle europäischen Staaten den Vorschlägen der SU zustimmen.«

Unter den Ärzten in Quedlinburg wurde in Diskussionen über die Note zum Ausdruck gebracht, dass durch die Politik der Westmächte eine Kriegsgefahr heraufbeschworen wird. Bedauerlich sei nur, dass die Bevölkerung in Westdeutschland eine so gleichgültige Haltung einnehme. Es wäre nur zu begrüßen, wenn ein kollektiver Sicherheitspakt zustande käme.

Auch unter der übrigen Bevölkerung, wie in allen anderen Schichten kommt es in geringem Maße zu zweifelnden Äußerungen und ebenfalls ganz vereinzelt zu direkten negativen Stellungnahmen. Zum Beispiel sagte ein Angestellter aus Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, dass das Ergebnis gegenüber dem ganzen Aufwand wertlos sei. Die da oben würden doch machen, was sie wollen. Da jeder seine Ansicht durchdrücken will, kommt es zu keiner Einigung.

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