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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

1. Dezember 1954
Informationsdienst Nr. 2380 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Im Vordergrund der umfangmäßig geringen Diskussion über politische Tagesfragen steht der Verbotsprozess gegen die KPD.1 Hierzu werden immer wieder Protestschreiben mit der Forderung, den Prozess abzusetzen, von Betriebsbelegschaften und Abteilungen verfasst. In den Einzeldiskussionen wird ebenfalls diese Forderung erhoben, wobei man oft die heutige Situation in Westdeutschland mit der von 1933 vergleicht. Negative Meinungen treten fast nicht auf.

Die meisten Stimmen kommen von Arbeitern, worunter sich zahlreiche Parteilose befinden.

Zur Moskauer Konferenz wird noch sehr wenig gesprochen,2 da bisher noch keine Aufklärung hierüber stattfand. In den meist positiven Meinungen wird die Initiaitive der SU zur Einberufung der Konferenz als Beweis ihrer ständigen Bemühungen um den Frieden begrüßt. Von dem Verlauf der Konferenz erwartet man, dass trotz Nichtbeteiligung der Westmächte die Konferenz Erfolge bringen wird. Man erhofft ferner Beschlüsse zur Sicherung des Friedens und zur Wiedervereingigung Deutschlands.3 So erklärte z. B. eine parteilose Arbeiterin aus dem VEB Gummistrickwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera: »Wenn auch die Westmächte an der Konferenz nicht teilnehmen, so werden doch die Völker aller Staaten nach Moskau sehen und hoffen, dass die Konferenz erfolgreich verläuft. Ich denke, dass in Zukunft die Vorschläge der SU, die der kollektiven Sicherheit dienen und die Voraussetzungen für die Wiedervereinigung Deutschlands schaffen, anerkannt werden. Ich glaube, dass durch diese Konferenz die Westmächte und die Adenauer-Regierung4 einen neuen Schlag erleiden.«

Ihre Empörung über die Ablehnung der Konferenz durch die imperialistischen Staaten brachten die Jugendlichen des VEB EKM Meerane, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in sechs Protestresolutionen mit 185 Unterschriften an die Regierungen der Schweiz, Schwedens, Hollands und Belgiens zum Ausdruck.

Verschiedentlich ist man sich über die Bedeutung der Konferenz nicht klar. So sagte z. B. ein Fördermann vom Wismut-Schacht 54 in Johanngeorgenstadt:5 »Über die Konferenz bin ich mir gar nicht richtig im Klaren. Da fehlt doch noch die Hälfte der Länder. Will man denn da eine Einigung erreichen.«

In der volkseigenen Gubener Hutfabrik, [Bezirk] Cottbus, stehen viele Kollegen der Frage nach einem Erfolg der Konferenz skeptisch gegenüber. So bezweifeln viele, ob auf dieser Konferenz etwas für die Einheit Deutschlands getan werden kann. Immer wieder wird jedoch erklärt, hoffentlich gibt es keinen Krieg.

Feindlich äußerte sich ein Kollege aus dem VEB KODAK Berlin und sagte: »Das ist wieder ein Ablenkungsmanöver der Russen. Sie sehen, dass Westdeutschland so gut wie in die NATO aufgenommen ist und haben jetzt Angst.«6

Die 21. ZK-Tagung hat noch keine umfangreichen Diskussionen unter den Werktätigen ausgelöst,7 da ebenfalls eine Aufklärungsarbeit hierüber noch nicht erfolgt. Selbst unter SED-Mitgliedern sind die Ausführungen noch wenig bekannt. Im Vordergrund der geringen Gespräche stehen die wirtschaftlichen Fragen. Dabei werden Schwächen und Mängel aufgezeigt, die in Betrieben vorhanden sind.8 So sagte z. B. ein Kollege (SED) aus dem »Martin Hoop«-[Steinkohle-]Werk in Zwickau: »Es ist nicht zu verstehen, dass bei uns so viel brauchbares Material auf dem Werkshof unter freiem Himmel lagert und dem Verrosten preisgegeben ist. Ich möchte mal die Werkleitung fragen, ob auf diese Art und Weise die Kosten gesenkt werden können.«

Ein Grubenschlosser (SED) aus dem gleichen Werk: »Wir legen jetzt Luftleitungsrohre in der Grube. Ich dachte, dass die Rohre vorher auf den Druck geprüft werden. Als wir sie jedoch angeschlossen hatten und Luft durch die Rohre ließen, blies die Schweißnaht. Wir können uns noch so große Mühe geben, aber mit solchem Material können wir keine Kosten senken. Meiner Meinung nach sollte man die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.«

Der Umfang der Diskussionen über Weihnachtsgratifikationen hat weiterhin zugenommen. Sie treten in fast allen Bezirken auf. Meist wird gefragt, ob es Weihnachtsgelder gibt und dabei gewünscht, welche auszuzahlen. Im Bezirk Halle treten solche Diskussionen stark in Erscheinung. Im EK Bitterfeld9 äußerte ein Kollege: »Das Geld ist alles beim Bau des Kulturpalastes draufgegangen.10 Der Direktorenfonds ist leer. Da müsst ihr schon ins Clubhaus gehen und euer Weihnachtsgeld abholen.« Im Vorrichtungsbau Weißenfels vertreten verschiedene Kollegen die Meinung, dass mindestens für die niedrigen Löhne und Gehälter Weihnachtsgelder gezahlt werden sollten. Dabei wurde zum Ausdruck gebracht, dass die »Leuna- und Buna-Belegschaft schon dafür sorgen wird, dass etwas ausgezahlt wird«.11

Unter Kumpels des Kaliwerkes Roßleben wurde erklärt: »Die Regierung habe verstanden, die Prämien zum Tag des Bergmannes12 wie jedes Jahr zu verringern. Genauso wird man eines Tages erklären, dass die Weihnachtsgelder eine Erscheinung des Kapitalismus wären und nicht in die Grundzüge des Sozialismus gehören.«

Im Leuna-Schichtzug von Weißenfels nach Zeitz sagten zwei Leuna-Arbeiter: »Wenn der Betrieb noch kapitalistisch wäre, dann würden wir 300 DM bekommen.«

Im Bezirk Leipzig treten die Diskussionen über Weihnachtsgratifikationen besonders im VEB Leipziger Eisen- und Stahlwerke, Werk II auf. Zwei Kollegen von der Brigade 9 des Betriebes behaupten, dass im Kirow-Werk Leipzig13 Weihnachtsgratifikationen gezahlt werden. Im Bezirk Dresden wird darüber u. a. im VEB Waggonbau Bautzen und VEB Sächsisches Kunstseidenwerk Pirna diskutiert.

Über die Einführung des Schichtsystems sind die Kollegen des VEB »Optima«14 und VEB »Pels« in Erfurt15 unzufrieden. Diese neue Arbeitszeit musste eingeführt werden wegen der Stromabschaltungen.

Bei der KVP-Werbung im ABUS Gotha16 bringen sämtliche Jugendliche das Argument, dass man die Wehrpflicht bei uns einführen sollte, denn freiwillig gingen sie nicht zur KVP.17 »Wenn es wieder einmal andersherum käme, müssten sie dann darunter leiden.«

Im VEB Zinnhütte Freiberg wird die Zinnproduktion gehemmt. Der Betrieb ist in der Lage, im IV. Quartal 100 bis 200 Tonnen Zinn zu erzeugen. Die DHZ in Berlin hat jedoch die Abnahme des Zinns verweigert, da sie angeblich keine Absatzmöglichkeiten habe und noch 400 Tonnen am Lager wären.

Im VEB Conchenwerk Freital,18 [Bezirk] Dresden, ist ein Exportauftrag für Volkspolen, der am 21.12.1954 ausgeliefert werden soll, gefährdet. Es fehlen nur noch vom VEB Sachsenwerk Dresden-Niedersedlitz drei 12 KW-Motoren. Nach Mitteilung des Sachsenwerkes ist diese Produktion eingestellt worden und aufgrund von Neukonstruktionen eine Umstellung der Produktion erfolgt.

Mitte November 1954 wurde vom DIA an zwei Privatbetriebe und den VEB Lackfabrik Coswig, [Bezirk] Dresden, ein Exportauftrag vergeben, der jedoch wegen mangelhafter Rohstoffbelieferung von den Betrieben nicht termingemäß (bis Jahresende) erfüllt werden kann.

Besonders im Kreisgebiet Pirna, [Bezirk] Dresden, ist die Kohlenversorgung der volkseigenen Betriebe mangelhaft. So musste z. B. der VEB Feinpapierwerk Königstein 7 Tonnen ausleihen. Wenn jedoch bald keine Kohlen eintreffen, muss der Betrieb stillgelegt werden. In der Spritz- und Pressgießerei Heidenau und in den Zellstoffwerken Pirna und Heidenau reicht der Kohlenvorrat nur noch für drei Tage.

Mangel an Transportraum besteht im VEB Kaolinwerk Wiesa,19 [Bezirk] Dresden. Dort lagern zurzeit circa 650 000 Mauerziegel. Diese werden dringend zum Wohnungsbau benötigt, können jedoch nicht abtransportiert werden. Ähnlich ist es im VEB Grobgarnwerk Kirchau, [Bezirk] Dresden, wo sämtliche Lager bis an die Decke mit Fertigwaren gefüllt sind, jedoch von keiner Stelle abberufen werden. Im Betrieb selbst besteht keine Übersicht mehr über die Waren.20

Materialschwierigkeiten bestehen im VEB Gerätefabrik Grabow,21 [Kreis] Ludwigslust, sowie im VEB Neuwerk Neustadt-Glewe,22 [Bezirk] Schwerin, bei der Produktion von Massenbedarfsgütern.

Produktionsstörung

Am 27.11.1954 trat am Drehofen III des Zementwerkes Göschwitz, [Bezirk] Gera, eine Betriebsstörung auf, wobei erheblicher Sachschaden entstand, ca. 80 000 [DM]. Ursache: Noch nicht bekannt. Die tägliche Ofenleistung beträgt 360 Tonnen.

Am 26.11.1954 brach im Modelllager des VEB Nähmaschinenwerkes Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, ein Brand aus. Schaden ca. 20 000 DM. Die Ursache ist auf Schweißarbeiten zurückzuführen.

Unter den Arbeitern des Kaliwerkes »Thomas Müntzer« [Bischofferode, Bezirk] Erfurt, entstanden negative Diskussionen dadurch, dass in diesem Jahr Pelzwaren und verschiedene Textilien teurer als im vergangenen Jahr sind. Man erklärte dabei, dass die erfolgten Preissenkungen nur als eine Propaganda aufzufassen seien, da oft nur die Waren, die sich während der Zeit der Preissenkung in den Verkaufsstellen befinden, gesenkt werden und die anschließend einkommenden Waren zum alten Preis verkauft werden.23

Unter den Arbeitern des VEB Yachtwerft Berlin-Köpenick besteht eine schlechte Stimmung, da laufend Änderungen an den Zeichnungen für das Produktionsprogramm »Schwalbe« vorgenommen werden24 (wurde bereits im September berichtet).25 So wurden z. B. bis jetzt bei dem Einbau des Mannschaftsraumes 25 Zeichnungsänderungen vorgenommen. Die Kollegen werden dadurch in ihrer Arbeit gehemmt.

Im Stahlwerk Silbitz, [Bezirk] Gera, besteht unter den Kollegen eine schlechte Stimmung, was auf die mangelhafte Arbeitsorganisation und Planung zurückzuführen ist. Deshalb wurden schon verschiedene Formerbrigaden aufgelöst und müssen Former als Hilfsarbeiter tätig sein. Aus diesem Grunde ist die Stimmung in der Abteilung Formerei besonders schlecht. Einige Former haben bereits ihr Arbeitsverhältnis gekündigt.

Handel und Versorgung

Weiterhin bestehen teilweise Mängel in der Versorgung, besonders mit Kohlen, HO-Fleisch und Waren für den Weihnachtsbedarf, worüber Missstimmung herrscht. Im Bezirk Leipzig z. B. ist die Versorgung mit HO-Speck und -Fleisch unzureichend und wird mit dem Abzug für Staatsreserven begründet. Außerdem fehlt es im Bezirk Leipzig an Eiern, Südfrüchten, Butter, Käse, Quark, Zutaten für die Weihnachtsbäckerei, Süß- und Dauerbackwaren. Ähnliche Mängel zeigen sich auch in anderen Bezirken.

  • Bez[irk] Potsdam, Kreis Königs Wusterhausen (Hausbrand), Kreis Pritzwalk (Nährmittel, Süßwaren).

  • Bezirk Dresden, Kreis Sebnitz, Löbau, Freital und Radeburg, Kreis Dresden (Kohlen). Im Kreis Freital leiden die Schulen besonders darunter.

  • Bez[irk] Rostock (Zigarren für Weihnachten, Schuhe).

  • Bez[irk] Suhl, Kreis Schmalkalden (Winterschuhe).

  • Bez[irk] Gera, Grenzkreis Lobenstein (Textilien), Grenzkreis Schleiz (Kohlen).

  • Bez[irk] Cottbus (Winterkleidung für Kinder, gefütterte Lederhandschuhe).

  • Bez[irk] Neubrandenburg (HO-Butter und HO-Fleischkontingente gekürzt).

  • Bez[irk] Magdeburg (Mangel an Käse und Textilien, besonders Damenoberbekleidung).

  • Bez[irk] Karl-Marx-Stadt (Glühbirnen).

Die HO Doberan, [Bezirk] Rostock, verkaufte Gulasch in Gläsern eine Zeit lang zu DM 2,40, zog diese Gläser kurze Zeit aus dem Verkauf und verkauft sie jetzt für DM 3,40.

Beim Großhandelskontor Leder Magdeburg lagern für 9 Millionen DM Akoise-Schuhe,26 die nur im geringen Umfang abgesetzt werden.

Unter den Kollegen des Knäckebrotwerkes [Burg, Bezirk] Magdeburg, herrscht eine Missstimmung, weil immer noch Mangel an Verpackungsmaterial besteht. Das Weihnachtsgebäck konnte aus diesem Grunde noch nicht ausgeliefert werden.

Landwirtschaft

Die Stellungnahmen zum geplanten Verbot der KPD haben nur einen geringen Umfang, sind aber meist positiv. Allgemein vertritt man hierzu die Auffassung, dass die Adenauer-Clique den Weg Hitlers beschreitet, was durch die Einigkeit der Arbeiterklasse verhindert werden muss. Ein parteiloser Genossenschaftsbauer aus dem Kreis Flöha: »Die fangen ja in Westdeutschland genauso an wie die Faschisten 1933, und wo das hinführte, sollte doch noch keiner vergessen haben. Es ist an der Zeit, dass das deutsche Volk und besonders die Arbeiterklasse sich einig wird und diese Brut zum Teufel jagt.«

Über die Moskauer Konferenz wird noch wenig diskutiert, die Meinungen sind aber überwiegend positiv. Sie beinhalten hauptsächlich die Erkenntnis, dass die SU eine konsequente Friedenspolitik durchführt und begrüßen daher die Moskauer Konferenz.

Vereinzelt bezweifelt man den Erfolg der Konferenz, weil die Westmächte daran nicht beteiligt sind. Ausgesprochen feindliche Meinungen sind nur selten.27 Ein Kleinbauer aus Willersdorf, Kreis Schleiz, [Bezirk] Gera: »Was wir brauchen sind freie Wahlen.«

Es mehren sich die Fälle, wo Kartoffeln durch unsachgemäße Lagerung dem Verderb ausgesetzt wurden. Im Bezirk Neubrandenburg z. B. sind in der LPG Gerswalde, [Kreis] Templin, ca. 1 000 Ztr. Kartoffeln durch Frosteinwirkung verdorben und nur noch als Industriekartoffeln zu verwenden. Davon waren 300 Ztr. Saathochzuchtkartoffeln.

In der VEAB Öthenhof28 ([Kreis] Strasburg) sind ca. 600 Ztr. Kartoffeln erfroren. Außerdem 100 Ztr. Weiß- und 80 Ztr. Rotkohl. In dem ÖLB Grammelow, Kreis Neubrandenburg, 300 Ztr., in dem ÖLB Teschendorf 350 Ztr. sowie größere Mengen im VEG Groß Lukow, VEG Ottenhagen und dem ÖLB Strasburg.

Durch die Trapo29 wurde in den letzten Tagen mehrmals gemeldet, dass Kartoffeln für verschiedene BHG auf dem Transportwege entgegen der Anweisung, dass Saatkartoffeln bei Frostgefahr nicht zu verladen sind, doch verladen wurden und erfroren. Trotz dieser Anweisung wurden in Stralsund für die BHG in Dahme/Mark von der BHG Kyritz für die BHG Löwenbruch, von der DSG Kreisniederlassung Neuruppin für die BHG Groß Schulzendorf, Kreis Königs Wusterhausen,30 Kartoffeln verschickt. In allen drei Fällen, in einem Falle handelt es sich um 150 dztr, sind dadurch die Kartoffeln nur noch für Industriezwecke zu verwenden.

Oft ergeben sich Transportschwierigkeiten für landwirtschaftliche Erzeugnisse. In Zehren, Kreis Meißen, [Bezirk] Dresden, lagern ca. 1 000 t Zuckerrüben. Bisher war es noch nicht möglich, einen Elbkahn für den Transport zu erhalten.

Im Kreis Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, geht das Verladen der Zuckerrüben sehr schleppend vor sich. Die Bauern vertreten die Meinung: »Auf der einen Seite werden wir aufgefordert, die Zuckerrüben abzuliefern und auf der anderen Seite besteht keine Möglichkeit, dieselben abzunehmen oder zu lagern.« Ein Teil der Zuckerrüben von der ersten Monatshälfte November ist dort noch nicht abgefahren und lagert auf den Feldern, da keine Möglichkeiten zum Abtransport bestehen.

Des Weiteren wurde der Tiertransport in Perleberg, [Bezirk] Schwerin, durch das Fehlen von Waggons aufgehalten. Teilweise wurden die Tiere vier Stunden ohne Aufsicht gelassen. In der Gemeinde Berge, [Kreis] Perleberg, wurden 390 Schweine zur Verfügung gestellt. Die VEAB konnte aber nur 179 abnehmen. In der Gemeinde Klein Warnow, [Kreis] Perleberg, wurden 500 Tiere bereitgestellt und 100 konnten nur durch die VEAB abgenommen werden. Solche Fälle kommen des Öfteren vor.

Während auf der einen Seite Waggons fehlen, wird dieser Transportraum auf der anderen Seite nicht richtig verwertet. Von der Trapo wurde mitgeteilt, dass am 20.11.1954 und am 23.11.1954 je ein Waggon mit Zuckerrübenschnitzeln für die BHG in Ketzin, Kreis Nauen, von der Zuckerfabrik Oschatz ankam. Bemerkenswert ist, dass Ketzin selbst eine Zuckerfabrik hat, von wo die Zuckerrübenschnitzel bezogen werden können. Bei dem Güterwaggon am 23.11.1954 handelt es sich um einen ausländischen, der mit Devisen bezahlt werden muss. Verantwortlich dafür ist der Rat des Bezirkes Potsdam.

Absatzschwierigkeiten ergeben sich im Bezirk Potsdam durch einen erhöhten Viehauftrieb auf freie Spitzen.31 Im Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, ist dieser Viehauftrieb an Schweinen derartig gestiegen, dass ernstliche Absatzschwierigkeiten bestehen. Die Bauern versuchen möglichst viele Schweine auf freie Spitzen abzuliefern, weil ihnen bekannt ist, dass die Preise dafür ab 5.12.1954 erheblich fallen.32

Diskussionen über die Bodenreformpreisraten werden insbesondere im Kreis Beeskow geführt.33 Dort wurden den Bauern die Konten bei der BHG gesperrt, weil sie nicht gezahlt haben. Darüber sind viele Bauern verärgert. Ein Angestellter aus dem Kreis Beeskow (BHG) äußerte gegenüber den Bauern: »Das ist eine Gemeinheit, dass man die Konten sperrt, ihr Umsiedler seid ja am stärksten betroffen. Bei Adenauer bekommen sie Tausende von Mark aufgewertet und hier müsst ihr noch etwas dazutragen.«

Mangel an Ersatzteilen

In der MTS Zittau, [Bezirk] Dresden, bestehen Schwierigkeiten in der Ersatzteilbeschaffung. Besonders fehlen Scharen für die Kombinatoren. In den Ersatzteillagern sind größere Mengen von Scharen vorhanden, aber nur für die kleinen Pferdezugkombinatoren.

Übrige Bevölkerung

Aus den verschiedensten Schichten der übrigen Bevölkerung kommen weiterhin nur in geringem Maße Stellungnahmen zum Verbotsprozess der KPD, die fast ausschließlich positiv sind. Aus dem Inhalt der Äußerungen geht immer wieder hervor, dass die Personen über die Handlungsweise der Adenauer-Regierung empört sind und dass sie erkennen, dass man in Westdeutschland den gleichen Weg wie Hitler beschreitet. So sagte z. B. eine Hausfrau aus Laucha: »Bei diesem Prozess zeigt es sich, was die Adenauer-Clique für die Arbeiterklasse übrig hat. Wenn nun noch die Arbeiter schlafen, dann geht es uns wieder wie 1933 bei den Nazis.«

Ein Schauspieler aus Halle: »Viele meiner Kollegen und ich sind der Meinung, dass der Verbotsprozess der KPD offenbart, dass sich die westdeutsche Regierung in den Fußstapfen Hitlers bewegt und dass man den gleichen Weg wie 1933 gehen will.«

Ein Professor aus Greifswald sagt, dass es eine Schande für das gesamte deutsche Volk sei, wenn man die KPD verbietet. Der Prozess zeige, dass die Adenauer-Regierung den Weg Hitlers einschlägt.

Negativ dazu äußerte sich ein Einwohner aus Großenhain, [Bezirk] Dresden: »Was geht uns die KPD im Westen an, das ist doch nicht unsere Sache. Die mögen ihre Angelegenheit selber regeln.«34

Zur Konferenz in Moskau wird bis jetzt nur ganz vereinzelt, aber ebenfalls überwiegend positiv Stellung genommen. Übereinstimmend wird der Konferenz Erfolg gewünscht, weil man an der Erhaltung des Friedens stark interessiert ist. Zum Beispiel sagte eine Hausfrau aus Cottbus: »Auf jeden Fall wird die Konferenz in Moskau den Kriegstreibern zeigen, wie stark das Friedenslager in Europa ist.«

Ein Geschäftsmann (parteilos) aus Ilmenau, [Bezirk] Suhl: »Aufgrund der Note der SU mussten die Westmächte nun endlich ihr wahres Gesicht zeigen. Die Nichtbeteiligung an der Konferenz in Moskau zeigt allen Menschen klar auf, dass die Westmächte nicht für die Erhaltung des Friedens und die Herstellung der Einheit Deutschlands sind.«

Negativ dazu äußerte sich ein Lehrer (SED) aus Weimar, [Bezirk] Erfurt: »Das Schlimmste ist, dass wir den Westen nötiger brauchen als der uns. Die werden sich aus der Sowjetnote nicht viel machen. Ich sehe in jedem Fall nicht viel Gutes für uns. Die Bevölkerung ist unzufrieden – und das mit Recht. Die Waren sind bei uns alle sündenteuer und taugen tun sie nichts.«

Ein Schneidermeister aus Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Eine Konferenz ohne die Westmächte kann niemals eine Lösung bringen. Ich möchte nicht wissen, was eine Delegation kostet und das alles nur wegen der Propaganda.«

Aus den Kreisen der Kirche

Immer wieder kommt es vor, dass einzelne Pfarrer in ihren Predigten negative Tendenzen verbreiten. Zum Beispiel verlas ein Pfarrer aus dem Kreis Freienwalde während seiner Predigt einen Brief, in dem es unter anderem hieß, dass Gott die Kommunisten und ihre Partei strafen werde, weil sie als gottlose Heiden herumlaufen.

Während einer Aussprache zwischen einem Pfarrer aus Linthe, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, und einem Vertreter des Rates des Kreises äußerte der Pfarrer Folgendes: »Hören sie mir auf mit dem Schlagwort Arbeiter- und Bauernmacht in der DDR. Wo sind denn die Vertreter der Arbeiter und Bauern. Die Regierung ist von den ›Russen‹ eingesetzt worden, deshalb muss man sie als Diktatur-Regierung bezeichnen. Die Menschen werden bei uns in die SED und die DSF gezwungen, sonst verlieren sie ihre Arbeitsstelle.«

Im Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam – besonders im Ort Eichwalde –, kümmert sich die Kirche in letzter Zeit sehr stark um Rückkehrer aus Westdeutschland. Sie stellen diesen Personen Möbel zur Verfügung und gewähren ihnen anderweitige Unterstützung.

Seltener dagegen ist es, dass von Pfarrern in ihren Predigten positiv zu weltlichen Problemen Stellung genommen wird. Wie das z. B. bei einem Pfarrer aus Teupitz, [Bezirk] Potsdam, der Fall war. Dieser sagte u. a. in seiner Predigt: »Gott gebe Frieden für die ganze Welt, damit Deutschland endlich wieder ein einheitliches Ganzes wird. Es darf nie mehr zu einem Krieg kommen, denn das wäre unser Untergang.«

In einer Hausgemeinschaftsversammlung in Groß-Berlin, Friedrichsstraße 91 wurde beschlossen, in einen Mietzahlungsstreik zu treten, um die BWV zu zwingen, die seit vielen Wochen versprochenen und immer noch fehlenden Haustürscheiben einzusetzen und die Haustür verschließbar zu machen. Auf dieser Versammlung kam es zu Äußerungen wie z. B.: »Vor der Wahl wurde die Haustür, um die wir seit zwei Jahren kämpften, eingesetzt. Nach der Wahl aber rührt sich nichts mehr,35 es muss also erst wieder eine Wahl kommen.« Die Rücksprache mit dem zuständigen Verwalter der BWV ergab, dass es diesem trotz wochenlager Bemühungen, Schlüssel und Glas für die Haustür zu bekommen, bis heute noch nicht gelungen ist, diese Dinge zu beschaffen.

Immer wieder wird aus den Bezirken über die mangelhafte Kohlenversorgung berichtet, worüber vielfach Unzufriedenheit unter der Bevölkerung herrscht. Einige Hausfrauen aus dem Kreis Königs Wusterhausen äußerten dazu: »In den Zeitungen wird laufend von Sonderschichten und Planüberfüllungen geschrieben und wir bekommen nicht einmal unsere Kohlen auf die Karten geliefert.«

In Weimar sind Gespräche im Umlauf, dass 30 Prozent der noch nicht gelieferten Kohlen abgezogen werden sollen. Dadurch ist die Bevölkerung stark beunruhigt. Eine Hausfrau aus Erfurt nahm ebenfalls zur Kohlenversorgung Stellung und sagte, dass ein großer Teil der Erfurter Bevölkerung noch keine Kohlen habe, obwohl diese bereits im Juli bezahlt worden sind.

In den Kreisen Löbau und Sebnitz, [Bezirk] Dresden, ist die Bevölkerung in Anbetracht der vorgeschrittenen Jahreszeit über die mangelhafte Kohlenversorgung sehr beunruhigt.

Weiterhin besteht Unzufriedenheit über das unzureichende Warenangebot, besonders darüber, dass jetzt in der Vorweihnachtszeit viele Artikel fehlen, die für das Weihnachtsfest benötigt werden. So sagte z. B. eine Hausfrau aus Mittelstille, [Bezirk] Suhl: »Ich verstehe nicht, warum man keine hohen Schuhe in guter Qualität herstellt. Man müsste doch endlich einmal dazu übergehen, so zu produzieren, dass es in der jeweiligen Jahreszeit die benötigten Produkte gibt.«

Eine Hausfrau aus Lobenstein, [Bezirk] Gera: »Ich laufe nun schon fast acht Wochen nach einem Wintermantel herum und bekomme keinen in der Größe 38 bis 40. Wenn schon einmal etwas vorhanden ist, dann ist die Auswahl äußerst gering. Das trifft auch auf andere Größen zu.«

In einer Mitgliederversammlung der Konsumgenossenschaft in Frössen, [Bezirk] Gera, wurde bemängelt, dass die Verkaufsstelle in Frössen ungenügend mit Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern beliefert wird. Dies wurde schon mehrmals bemängelt und es wurde auch von den verantwortlichen Vertretern Abhilfe versprochen. Aber bisher ist nichts geschehen. Die Vorstandsmitglieder brachten zum Ausdruck, dass sie ihre Funktionen niederlegen wollten, wenn die Unterstützung durch den Kreisvorstand weiterhin so mangelhaft bleibe und alles nur aufnotiert, aber nicht geändert würde.

Wie bereits berichtet, kommt es immer wieder vor, dass Waren, die durch die Preissenkung billiger geworden sind, jetzt wieder teurer verkauft werden. Aus den Diskussionen, die darüber geführt werden, geht hervor, dass dies von der Bevölkerung stark verurteilt wird.36

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

SPD-Ostbüro:37 Karl-Marx-Stadt 20, Schwerin, Kreis Sternberg, 1 100, Gera, Kreis Lobenstein, 6 200, Leipzig 500, Erfurt einige.

Gewerkschaftliches Aktionskomitee:38 Neubrandenburg 10 000.

KgU:39 Karl-Marx-Stadt, Kreis Klingenthal, 8 000, Kreis Freiberg 3 000, Kreis Stollberg 400, Gera 15, Dresden, Kreis Bautzen, 3 000, Erfurt einige, Rostock 15.

NTS:40 Karl-Marx-Stadt, Kreis Oelsnitz, 3 000, Kreis Annaberg 200, Halle 11, Rostock einige, Potsdam 15 900.

»Der Tag«:41 Cottbus, Kreis Guben, 12 000, Kreis Calau 15 000.

FDP: Gera einige.

Unbekannter Herkunft: Frankfurt 200.

In tschechischer Sp[rache]: Dresden 2 000.

Inhalt der Hetzschriften: Hetze gegen DDR, Volkswahlen und VP.

Der größte Teil der Flugblätter wurde durch Ballons eingeschleust und sichergestellt.

Terror

Am 28.11.1954 wurde der Ortsparteisekretär der Gemeinde Frömmstedt, Kreis Sondershausen, [Bezirk] Erfurt, niedergeschlagen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Täter wilderten an diesem Tage und wurden vom Parteisekretär gestellt. Daraufhin schlug man auf ihn ein. Als der Parteisekretär sagte, er würde ihn zur Verantwortung ziehen, entgegnete der Täter: »Nun erst recht Du Lump.« Täter ist bereits wegen Sachbeschädigung vorbestraft und sein Vater war Angehöriger der Waffen-SS.42

Antidemokratische Tätigkeit

Im Eilenburger Celluloid-Werk, [Bezirk] Leipzig, wurde an die Eisentür der Abteilung »Holländer« folgende Schrift mit Kreide festgestellt: »Mehr Lohn«.

In der Waggonfabrik Ammendorf wurde ein DIN-A-5-Bogen mit folgender Aufschrift festgestellt: »Lieber RIAS in Berlin West. Da deine Sendungen von den Bolschewisten in Ostdeutschland immer mehr gestört werden,43 so bitten wir dich, unseren Truppen im Freien Berlin den Auftrag zu geben, das Haus des Ostzonenrundfunks in Ostberlin44 durch Atomgranaten verschwinden zu lassen. Für die Erfüllung dieses Auftrages danken wir im Voraus. RIAS-Hörerbrigade im VEB Waggonbau-Ammendorf.«45

Vermutliche Feindtätigkeit

Am 29.11.1954, gegen 19.40 [Uhr] brach in der Scheune der VdgB (BHG) in Seilershof, Kreis Gransee, [Bezirk] Potsdam, ein Brand aus. Es entstand Totalschaden von ca. 12 000 DM. In dieser Scheune hatten die LPG sowie vier werktätige Einzelbauern ihr Stroh und Seradelle46 untergebracht.

Anlage 1 vom 30. November 1954 zum Informationsdienst Nr. 2380

Produktionsschwierigkeiten in der Industrie

In verschiedenen Betrieben treten Schwierigkeiten wegen Arbeitsmangel und Materialmangel auf.

Im VEB Maschinenbau Görlitz, [Bezirk] Dresden, ist das Bauprogramm 1954 beendet. Bei der jetzigen Produktion von Dampfmaschinen sind die Groß-, Dreh- und Langhobelmaschinen nicht ausgelastet, sodass die Arbeiter sehr wenig Arbeit haben. Die Betriebsleitung bemühte sich bisher erfolglos, weitere Aufträge zu erhalten.

Im VEB Walzengießerei Quedlinburg, [Bezirk] Halle, müssen weitere Arbeitskräfte entlassen werden, da keine Aufträge vorhanden sind. Material ist genügend vorhanden.

In den Abteilungen Dampflokbau und Großgeneratorenfertigung in den LEW Hennigsdorf,47 [Bezirk] Potsdam, besteht zzt. ein Arbeitsmangel. In der Abteilung Dampflokbau ist dies auf die Verlagerung der Produktion nach Potsdam-Babelsberg zurückzuführen,48 wodurch der VEB keine Aufträge mehr erhält. (Die Betriebsleitung hat noch keine Maßnahmen zur Verlegung der Abteilung eingeleitet.) In der Großgeneratorenfertigung werden die Turbinen von Karl-Marx-Stadt nicht rechtzeitig geliefert. Die Arbeiter der Abteilung sind darüber unzufrieden und erklären, dass ihre intensive Arbeit zur vorzeitigen Fertigstellung der Generatoren damit zwecklos war.

Im VEB Vereinigte Mundharmonikawerke Klingenthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, herrscht ein großer Mangel an Materialien für große Stimmplatten. Dadurch ist die Erfüllung der Exportaufträge gefährdet.

Im Steinkohlenwerk »Karl Marx« in Zwickau mangelt es an Wickeldraht für Elektrogeräte. Dadurch können die Reparaturen nicht mehr im Werk vorgenommen werden, sondern müssen nach Leipzig oder andere größere Städte eingeschickt werden. Dadurch wird die Reparaturzeit erheblich verlängert. Außerdem entstehen Transportkosten.

Im VEB Stoffdruckerei Großenhain, [Bezirk] Dresden, besteht ein Engpass an Läuferstoffen. Außerdem mangelt es an Kohlen, da für Dezember das Kontingent um 200 Tonnen gekürzt wurde.

Im VEB Pharmazeutische Werke »Spreewald«, Kreis Lübben, wird der Jahresplan nicht erfüllt werden, da der VEB Glaswerke Tschernitz, Kreis Spremberg, für das IV. Quartal 115 000 Flaschen weniger liefert als vorgesehen.

Im VEB Stärkefabrik Golßen, [Bezirk] Cottbus, fehlt es an Gerste (Importware) sowie an Haferschalen. Demgegenüber sind die Speicher der Nährmittelfabrik Wurzen, der Mühle Knauthain sowie dem Elu-Werk Leipzig49 bis zur Decke gefüllt.

Im VEB Vobau Treuen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, besteht ein großer Mangel an Ersatzteilen für Automatenwebstühle. Außerdem besteht ein Engpass an Glühbirnen, was sich auf den Produktionsablauf nachteilig auswirkt.

Im Wismut-Schacht 362 in Auerbach wird über die schlechte Material- und Ersatzteillieferung diskutiert. Es kommt vor, dass nicht einmal Altöl zum Schmieren von Bohrmaschinen vorhanden ist. Außerdem fehlt es an Schraubmuttern, Drahtseilen, Profileisen und Anderem.

Bei der Bezirksdirektion Kraftverkehr in Gera bestehen große Schwierigkeiten bei der Reifenbeschaffung. Besonders fehlen Reifendimensionen 1 000–20 bis 1 300–20 bzw. 1 200–22. Außerdem fehlt es an Schneeketten.

Der VEB Görlitzer Schuhfabrik erhielt vom VEB Filzfabrik Berlin-Adlershof die Mitteilung, dass aus Rohstoffmangel die gesamten Verträge für 1954 storniert werden müssen. Dadurch können in der Schuhfabrik Görlitz ca. 6 000 Paar Schuhe nicht fertiggestellt werden.

Aus dem LEW Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, wird berichtet, dass die Glühbirnen vom Berliner Glühlampenwerk mangelhafter Qualität sind. Dadurch werden außergewöhnlich viele Birnen verbraucht. Aufgrund der schlechten Beleuchtung durch den dauernden Ausfall von Birnen besteht eine erhöhte Gefahr, dass Betriebsstörungen oder Unfälle eintreten.

Anlage 2 vom 1. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2380

Landwirtschaft

Nachfolgend einige Beispiele über Fragen der Sollerfüllung, die vielfach im Mittelpunkt des Interesses stehen. So wird z. B. aus dem Bezirk Potsdam berichtet, dass zurzeit unter der Landbevölkerung hauptsächlich über Fragen der Sollherabsetzung, der Sollerfüllung in Heu und Stroh gesprochen und von Einzelbauern die Forderung nach der sogenannten freien Wirtschaft erhoben wird.

Im MTS-Bereich Jeßnitz und Pouch, Kreis Bitterfeld, liegt die Ablieferung pflanzlicher Produkte noch immer bei 60 Prozent. In einigen Orten des genannten Kreises war eine schlechte Ernte zu verzeichnen. Dies nutzen die Bauern bei der Ablieferung aus und erklären, dass sie erst einmal abwarten wollen, ob nicht das Soll herabgesetzt wird.

Im Kreis Finsterwalde wurde festgestellt, dass Bauern, die ihr Kartoffelsoll aus eigener Ernte nicht decken konnten, aus Angst vor Bestrafung vorwiegend im Bezirk Frankfurt Kartoffeln zu freien Spitzenpreisen aufkaufen. Qualitätsmäßig handelt es sich meist um Kartoffeln, die nur in der Industrie Verwendung finden können, diese werden nun von den Bauern als Sollkartoffeln abgeliefert.50 Zum Beispiel benötigt allein die Gemeinde Zeckerin noch 2 000 Ztr. Kartoffeln zur Sollerfüllung. Der Bürgermeister bat aus dem Grunde das Staatssekretariat für Erfassung und Aufkauf um Genehmigung, die fehlenden Kartoffeln außerhalb des Bezirkes aufzukaufen. Bis jetzt erfolgte die Genehmigung nicht.

In den hochwassergeschädigten Gebieten des Bezirkes Cottbus kommen von den Bauern immer wieder darüber Klagen, dass sie noch keinen Bescheid in der Frage der Sollablieferung bekommen haben.51

Im Rückstand mit der Sollerfüllung sind vielfach Großbauern, die diesen Zustand mit den verschiedensten Argumenten zu begründen suchen. Zum Beispiel wird aus dem Bezirk Magdeburg berichtet, dass zum Teil die Großbauern ihre Sollrückstände damit begründen, dass das Soll zu hoch sei und sie auf eine Abänderung warten. Zum anderen kommt es auch zu Äußerungen, wie z. B. die eines Großbauern aus Winkelstedt: »Es ist wohl besser, wenn wir unsere Kartoffeln behalten, denn wenn es einmal anders kommt, haben wir unsere Futtergrundlage!«

Ein Großbauer aus Groß Santersleben, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, sagte, dass er der LPG beitreten möchte, da er nicht genügend Arbeitskräfte bekommt und zum anderen das Soll zu hoch sei. Dadurch sei seine Wirtschaft unrentabel. Diese Meinung ist vielfach unter den Großbauern des o. g. Bezirkes vorherrschend. Vermutlich wollen sie durch diese Argumente erreichen, dass ihr Soll herabgesetzt wird.

Im Kreis Jessen, [Bezirk] Cottbus, sind es auch vorwiegend Großbauern, die mit dem Soll im Rückstand sind. Zum Beispiel muss ein Großbauer in der Gemeinde Kleindröben noch 1 000 Ztr. Getreide und 88 Ztr. Schweinefleisch abliefern. Außerdem führt er bewusst den Drusch von 300 Ztr. Getreide nicht durch, was er damit begründet, dass er keine Arbeitskräfte habe. Ein anderer Großbauer der gleichen Gemeinde äußerte gegenüber einem Erfasser, dass er sich nach Westberlin absetzen wolle, wenn die dauernden Drangsalierungen nicht aufhören.

Ein Großbauer aus Venska, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera, äußerte sich gegenüber der Bürgermeisterin, dass er nicht mehr Kartoffeln und Getreide als jeweils 30 bzw. 40 dz abliefern würde, da er nur 10 Prozent Sperrzonenermäßigung bekäme, während es bei den werktätigen Bauern 20 Prozent seien.52

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    2. Dezember 1954
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