Zur Beurteilung der Situation in der DDR
4. Dezember 1954
Informationsdienst Nr. 2383 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Im Vordergrund der Diskussionen über politische Tagesfragen steht die Moskauer Konferenz,1 insbesondere die Rede des Ministerpräsidenten2 Otto Grotewohl.3 Daneben wird über den Verbotsprozess gegen die KPD gesprochen.4 Es zeigt sich, dass das Interesse für den Prozess etwas zurückgegangen ist, da sich »noch keine besonderen Ereignisse ergeben haben«. Die Meinungen fallen überwiegend positiv aus und haben sich inhaltlich gegenüber den Vortagen nicht verändert.
Negative Äußerungen wurden lediglich von den Bauarbeitern beim Bauvorhaben des MdI in Strausberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, bekannt. So ist z. B. bei ihnen stark die Meinung vertreten, dass auch in der DDR eine Partei, die sich gegen die Regierung stellt, verboten werden würde, deshalb also auch der KPD-Prozess in Westdeutschland ebenfalls gerechtfertigt sei.
Einen großen Umfang nehmen die Diskussionen über Weihnachtsgratifikationen ein.5 Von einem großen Teil der Werktätigen wird dazu immer wieder gefordert, dass eine Erklärung veröffentlicht wird, ob Weihnachtsgelder ausgezahlt werden. Vielfach wendet man sich an Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre um Auskunft, die jedoch ebenfalls keine Antwort geben können. Vielfach sind die Arbeiter darüber ungehalten. So äußerte z. B. ein Schlosser aus dem VEB Gießerei und Maschinenbau Schmiedeberg, [Bezirk] Dresden: »Gibt es denn nun Weihnachtsgelder oder nicht. Die Partei müsste es doch wenigstens wissen, ob wir welche bekommen.«
Ein Kollege aus dem Walzwerk Hettstedt: »Der Werkleiter erhält ein Auto, der Betriebsleiter ein Radio, der Vorarbeiter einen Lautsprecher. Der Arbeiter dagegen bekommt ein ›Mensch ärgere Dich nicht‹.«
Ein Weber aus Niederorschel, Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt (SED): »Warum gibt man nicht bekannt, ob es Weihnachtsgelder gibt. Im vorigen Jahr wussten wir es zu dieser Zeit schon. Die Regierung soll uns doch nicht zum Narren halten.«
Teilweise führt die Unklarheit zu negativen Diskussionen, während andererseits feindliche Elemente dies ausnutzen und Hetzparolen verbreiten. Ein Brigadier aus dem Bau I 72 der Buna-Werke äußerte: »Die Weihnachtsprämie wird wohl nicht bezahlt, denn ein Teil dieser Beträge wird zum Aufstellen von Streitkräften benötigt.«
Ein Instrukteur der Gewerkschaft im VEB Lederwaren Apolda, [Bezirk] Erfurt, erklärte: »Wenn die Moskauer Konferenz erfolgreich ist, gibt es auch Geld. Hat die Konferenz nicht die gewünschten Erfolge, brauchen wir das Geld für die Wehrpflicht.«
Ein parteiloser Arbeiter aus dem VEB Kunstblume Sebnitz, [Bezirk] Dresden: »Wenn in diesem Jahr keine Weihnachtsgratifikation gezahlt wird, so ist klar, dass die Zahlung im vorigen Jahr nur aufgrund des 17. Juni 1953 erfolgte.«
Ein Arbeiter aus dem VEB Industriearmaturen und Apparatebau Leipzig: »Ich glaube bestimmt, dass es Weihnachtsgeld gibt, denn sie können es nicht wagen, keines zu zahlen.«
In der Baumwollspinnerei Leipzig im Saal III wurde u. a. geäußert: »Wenn es dieses Jahr kein Weihnachtsgeld gibt, dann läuft hier keine Maschine.«
Ein Schweißer aus dem Bau V des Buna-Werkes (SED) erklärte, dass einige Kollegen in der Bahn äußerten: »Wenn es keine Prämien gibt, treten wir in den Sitzstreik.«
In Auswertung der 21. ZK-Tagung wurden in mehreren Betrieben des Bezirkes Potsdam Wettbewerbe abgeschlossen bzw. eingeleitet.6 So will z. B. die Belegschaft des VEB Ofen- und Herdbau in Rathenow, Abteilung Gießerei, einen überbetrieblichen Wettbewerb mit den Gießereien der DDR durchführen, um die Produktion zu steigern und die Selbstkosten und den Ausschuss zu senken.
In den Betrieben des Kreises Neuhaus, [Bezirk] Suhl, wurden Kurzversammlungen zur Auswertung des 21. Plenums einberufen. Dabei kam es zu sehr lebhaften Diskussionen. Viele Kollegen beschwerten sich über die schlechte Arbeitsweise einzelner Ministerien und DHZ. Zum Beispiel diskutierten die Kollegen des IKA Steinheid,7 [Kreis] Neuhaus, über die mangelhafte Arbeit der DHZ Metallurgie, Berlin-Lichtenberg. Vor sechs Wochen wurde dem IKA-Werk von dort hochwertiger Automatenstahl aus der SU geliefert, obwohl er nicht benötigt wurde. Den Stahl sollte eigentlich der VEB Nähmaschinenteile in Dresden erhalten. Die Kollegen des IKA-Werkes fordern, dass man die Verantwortlichen für diese Fehllenkung zur Rechenschaft zieht.
Die Steinmetzspezialarbeiter, die am Objekt Autobahnbrücke Oder8 arbeiten, sind darüber unzufrieden, dass eine Normerhöhung auf administrativem Wege erfolgen sollte. Jetzt wurde mit ihnen darüber beraten und sie sind mit der Aufkündigung der Norm einverstanden, da sie mit 250 bis 300 Prozent erfüllt werden konnte. Jedoch soll die Aufkündigung der Normen nur für dieses Objekt erfolgen. Deshalb haben einige Spezialarbeiter die Baustelle bereits verlassen. Andere wollen folgen und auf einer anderen Baustelle Arbeit aufnehmen, wo die Entlohnung nach den alten Normen erfolgt.
Eine Missstimmung besteht unter den Kumpels des Wismut-Schachtes 234 in Johanngeorgenstadt,9 wo am 30.11.1954 Versetzungen stattfanden. Als die Kumpels zur Personalstelle des Objektes kamen, wurde ihnen gesagt, dass sie ihren Urlaub nehmen sollen. Gleichzeitig erhielten sie ihre Kündigungen, mit dem Hinweis, sich während des Urlaubs selbst beim Objekt II oder IX nach Arbeit umzusehen. Die Kumpel sind sehr empört, dass sie kurz vor Weihnachten und auf diese Art »einfach auf die Straße gesetzt werden«.
Eine starke Unzufriedenheit besteht unter den Wismut-Kumpels, die mit Bussen von Eibenstock nach Johanngeorgenstadt fahren müssen, da sie teilweise bis zu zwei Stunden warten müssen.
Unter der Intelligenz des Reifenwerkes Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, besteht eine schlechte Stimmung. Sie sind darüber verärgert, dass sie nicht richtig behandelt werden. So hieß es z. B. in einem Artikel der Betriebszeitung u. a.: Die Angestellten und auch die Intelligenz würden nur ihr Monatsgehalt einstecken, jedoch nichts dafür leisten. Ein großer Teil der Angestellten wäre nur zur Erholung im Betrieb. An einem Ausspracheabend der Intelligenz erklärten die Anwesenden, dass sie kein Vertrauen mehr zur Werkleitung und BPO besitzen.
Über die Zugverspätungen des Personenzuges Hadmersleben – Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, sind die Arbeiter, die mit diesem Zug fahren, sehr unzufrieden. Dieser Zug trifft jeden Morgen mit erheblichen Verspätungen ein, sodass die Arbeiter nicht pünktlich zur Arbeit kommen. Die Beschwerden hierüber wurden von der Reichsbahn bisher noch nicht beachtet.
Im Schwermaschinenbau Lauchhammer-Ost,10 [Bezirk] Cottbus, trat eine negative Stimmung auf, als am 2.12.[1954] der Minister Selbmann,11 der in einer Belegschaftsversammlung sprechen sollte, nicht erschien. Zu der Versammlung waren einige Hundert Belegschaftsmitglieder delegiert, die über eine Stunde warteten. Unter den Arbeitern wurden Äußerungen laut, wie: »Auf der einen Seite wird strengste Sparsamkeit und höchstmögliche Ausnutzung der Arbeitszeit angestrebt, auf der anderen Seite geht dies durch solche Pannen wieder zum Teufel.« Bei einer Rückfrage im Ministerium wurde erklärt, dass der Bezirksausschuss der Nationalen Front12 Cottbus rechtzeitig Mitteilung vor der Absage des Ministers Selbmann erhalten hatte.
Starke Diskussionen löste unter der Belegschaft des Werkes »Josef Briewig«, Braunkohlenwerk Schipkau,13 [Bezirk] Cottbus, die Verurteilung eines Kollegen wegen fahrlässiger Tötung aus. Man bringt zum Ausdruck, dass das Urteil nicht gerecht sei (sechs Monate Gefängnis), da dieser Kollege unschuldig sei. Unter anderem wurde in der Diskussion erklärt, dass man in den Streik treten müsste bis die Staatsanwaltschaft das Urteil aufhebt. Weiterhin wurde eine Liste angefertigt, in welcher enthalten war, dass die AGL die Gerichtskosten des Verurteilten aus dem Solidaritätsfonds des Betriebes begleichen soll. Die Elektriker des Braunkohlenwerkes Schipkau haben hierfür eine Sammlung durchgeführt.
Kohlenmangel besteht im Großkraftwerk Hirschfelde, [Bezirk] Dresden, wodurch am 2.12.1954 die Leistung um 54 Millionen Watt herabgesetzt werden musste. Die Ursache hierfür war, dass von der Grube »Turów« 3 000 Tonnen Kohle weniger geliefert wurden. Das zuständige Ministerium sowie die Lastverteilung Dresden waren von dieser Situation unterrichtet. Vom Ministerium wurde daraufhin angewiesen, dass das Großkraftwerk vom BKW Hirschfelde Kohlen erhalten soll. Diese Mitteilung erhielt der Bezirksdispatscher. Zur gleichen Zeit ging im Braunkohlenwerk ein Fernschreiben des Hauptdispatschers ein, wonach Lieferungen an das Großkraftwerk vorläufig nicht infrage kommen und diese Angelegenheit die Zentrale Absatzleitung und der Staatssekretär regeln werden.
Im VEB Wärmegerätewerk Dresden, Werk II in Königsbrück, [Bezirk] Dresden, war am 3.12.[1954] der Kohlenvorrat aufgebraucht. Um eine Produktionsstockung zu vermeiden, wurden vom Hauptwerk Dresden 10 Tonnen Kohle ausgeliehen. Die Erfüllung des Jahresplanes ist jedoch weiterhin gefährdet.
In der Porzellanfabrik Sondershausen, [Bezirk] Erfurt, ist die Braunkohlenzuteilung mangelhaft, wodurch die Arbeiter schwere körperliche Arbeiten leisten müssen, um einen Planverlust zu vermeiden.
Die Versorgung der Brikettfabriken des Braunkohlenreviers Senftenberg mit Rohkohle ist immer noch ungenügend, da die Kapazität des Tagebaues zzt. nicht ausreichend ist. Die Neuaufschlüsse Koschen und Sonderfeld können nicht termingemäß mit der Kohlelieferung beginnen, da die Vorarbeiten nicht rechtzeitig abgeschlossen sind.
Im Treuhandbetrieb Woffleben (Gipswerk),14 Kreis Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, mangelt es an Waggons. Dadurch können die Exportaufträge nicht termingemäß ausgeliefert werden, obwohl die Lager überfüllt sind.
Am 3.12.[1954] kam es auf der Förderbrücke des Braunkohlenwerkes »Franz Mehring«, [Brieske, Bezirk] Cottbus, zu einem Stillstand, da das Zubringerband wegen Motorenschaden ausfiel.
Im VEB Maschinenbau Görlitz trafen am 28.11.1954 3,5 t Verkleidungsbleche aus Thale ein. Sie waren derart verrostet, dass sie in diesem Zustand nicht verwendet werden konnten. Die Ursache hierfür ist, dass von der Reichsbahn nicht die dafür erforderlichen Güterwagen gestellt wurden.
Handel und Versorgung
Die zzt. auftretenden Mängel zeigen sich besonders in der unzureichenden Versorgung für den Weihnachtbedarf bzw. für die Weihnachtsbäckerei. So kann z. B. der Bedarf der Bevölkerung im Bezirk Halle nur in beschränktem Maße mit Rosinen, Sultaninen, Zitronen usw. gedeckt werden.
Im Bezirk Potsdam mangelt es besonders im Kreis Jüterbog und in den Randgebieten von Berlin an Südfrüchten, Rosinen, Mandeln usw., da die geplanten Lieferungen ausgeblieben sind.
Des Weiteren sind Mängel in der Belieferung mit Kohlen zu verzeichnen. Im Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, haben 33 Prozent der Bevölkerung noch nicht ihre Winterkohlen erhalten.
Unzufriedenheit wird verschiedentlich durch die Erhöhung der Preise hervorgerufen. So sind z. B. im Bezirk Halle verschiedene Textilien usw., z. B. Joppen,15 bei gleicher Qualität 20,00 bis 30,00 DM teurer geworden. In Konsumversammlungen bringt man darüber seine Unzufriedenheit zum Ausdruck.
Im Bezirk Neubrandenburg wurden Anfang 1954 Fischkonserven aus der SU – hauptsächlich Dorschleber in Öl – von 3,60 DM auf 2,90 DM gesenkt. Jetzt haben die Kreise Röbel und Waren von der HO-Bezirksleitung die Anweisung erhalten, die Fischkonserven wieder zum Preis von 3,60 DM zu verkaufen.
Auf dem VEB Schlachthof Dessau stehen noch 2 200 Schweine und 150 Rinder, davon 822 Schweine und 32 Rinder seit 5 bis 6 Tagen und müssen noch bis über Sonntag stehen, da nicht genügend Fachkräfte vorhanden sind. Die Arbeiter des Schlachthofes diskutieren dazu: »Wir haben schon zwei Sonntage gearbeitet und wir sollen das wieder gutmachen, was bei uns in der DDR verplant wird.«
Für die an die Stadt Halle gelieferten ungenießbaren Speisekartoffeln wird von der VEAB Bezirk Magdeburg Ersatz geliefert. Obwohl das Aufkaufkontor der KG Halle [darauf] aufmerksam machte, dass wieder einige Waggons mit schlechten Kartoffeln, die nicht den Gütebestimmungen entsprechen, eingetroffen sind, lieferte Magdeburg weiterhin minderwertige Kartoffeln.
Im Bezirk Neubrandenburg wirkt sich zzt. die Kürzung des Fleisch-Kontingentes in den HO-Verkaufsstellen noch nicht aus; aber die Handelsfunktionäre z. B. bei Konsum verstehen diese Maßnahmen nicht, da der Konsum 250 bis 300 Tonnen Schweine aufgekauft hat, die nicht zu verkaufen sind und allgemein auf den dortigen Schlachthöfen ein Viehstau, besonders mit Schweinen, besteht.
Im Bezirk Dresden gibt es seit länger Zeit keinen Speck auf Lebensmittelkarten und bei der HO nur in sehr geringem Maße. Die Ursache ist, dass Dresden zwar Schweine in die Staatsreserve liefert, aber bei der Auslieferung von Schweinen aus der Staatsreserve nicht berücksichtigt wird. Diese Lieferungen gehen an andere Bezirke.
Landwirtschaft
Zum Verbotsprozess gegen die KPD wird weiterhin wenig, aber überwiegend positiv, hauptsächlich in den MTS, diskutiert. Neben dem bereits bekannten Inhalt kommt auch die Überzeugung zum Ausdruck, dass es Adenauer16 nicht gelingen wird, die KPD zu verbieten.
Die Stellungnahmen zum 21. Plenum des ZK haben nur einen geringen Umfang, sind jedoch ebenfalls überwiegend positiv, wobei hauptsächlich von den MTS Verpflichtungen zur Steigerung der Produktion und Verbesserung der Arbeit – z. B. im Bezirk Potsdam – übernommen wurden. Zum Beispiel sagte der Tankwärter der MTS Löwenberg, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam: »Ich begrüße die Rede des Genossen Walter Ulbricht17.18 Nun heißt es aber für die Landwirtschaft, dieses zu verwirklichen, denn wie sieht es in vielen LPG noch aus. Wir können bei Weitem höhere Erträge erzielen, aber das Bewusstsein unserer Genossenschaftsbauern ist noch nicht so weit, sonst würden sie nicht so oft in der Gastwirtschaft sitzen, während die Industriearbeiter auf ihren Feldern eingesetzt sind.«
Ein Genossenschaftsbauer aus Weitgendorf, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, diskutierte, dass die Arbeit in der Landwirtschaft unbedingt verbessert werden muss, wenn die Aufgaben der 21. Tagung erfüllt werden sollen. Er sagte: »Wo kommen wir denn hin, wenn wir weiter so wurschteln wie bisher? Die LPG müssen mehr als bisher unterstützt werden, damit sie vorteilhafter arbeiten, denn sonst gehen wir noch alle vor die Hunde und die Einzelbauern lachen sich eins.«
Die zwölf Kollegen der Brigade I der MTS Zeestow, Stützpunkt Tietzow, [Kreis] Nauen, verpflichteten sich, bis zum Geburtstag des Genossen Stalin eine Sonderschicht ohne Bezahlung zu leisten,19 um den Stützpunkt und die Werkstatt besser auszubauen, damit sie nicht mehr auf die Privatschmiede angewiesen sind.
Im Bezirk Schwerin hat man im Zuge des 21. Plenum des ZK bereits in verschiedenen MTS-Bezirken, wie z. B. Göhlen, [Kreis] Ludwigslust, mit den Vorbereitungen für die Massenschulung der Bauern begonnen. Eine Ausnahme macht der MTS-Bezirk Neu Kaliß, [Bezirk] Schwerin. Dort wird in Diskussionen zum Ausdruck gebracht, dass kein Interesse für die bäuerliche Winterschulung vorhanden ist, da die gestellten Anforderungen angeblich zu hoch seien.
Die Verluste an landwirtschaftlichen Erzeugnissen durch unverantwortliche Handlungsweise wiederholen sich immer wieder. So sind z. B. in der LPG Garrey, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, ca. 2 500 Ztr. Kartoffeln erfroren, da die Kartoffeln gerodet aber nicht nachgelesen wurden.
Auf den Feldern der LPG Garlitz, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, liegen noch ca. 1 000 Ztr. Kartoffeln, zum großen Teil schon verfault.
Bei der LPG »Neue Erde« in Reinberg, [Kreis] Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, sind in den vergangenen Frosttagen ca. 200 bis 250 dz Kartoffeln und ca. 6 000 dz Futterrüben erfroren. Das Stroh, welches durch den Mähdrescher auf dem Felde blieb, wurde bis jetzt noch nicht eingefahren, obwohl die LPG bis jetzt weder Stroh noch Heu ablieferte.
Bei der LPG in Parchim, [Bezirk] Schwerin, erfroren ca. 800 Ztr. Kartoffeln, da sie nur mit einer dünnen Strohschicht abgedeckt waren. Die Kartoffeln können nur noch in der Stärkefabrik verwandt werden.
In dem ÖLB in Hohengüstow, [Kreis] Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, sind durch die schlechte Arbeitsweise des Betriebsleiters ca. 400 Ztr. Kartoffeln erfroren. Die Mieten wurden nicht ordnungsgemäß abgedeckt.
In verschiedenen MTS besteht nach wie vor Ersatzteilmangel. In der MTS Milow, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, stehen von 40 Traktoren 13 wegen Ersatzteilmangel still. Das staatliche Bezirkskontor kann keine Ersatzteile liefern.
Die MTS Schönberg, [Kreis] Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, konnte die Feldarbeiten erst mit 80,5 Prozent erfüllen, da für 17 Traktoren, die zzt. in der Werkstatt stehen, keine Ersatzteile beschafft werden können. Es handelt sich um folgende Maschinen: zehn Raupen-KS 62, zwei Raupen-Boxer und drei [Traktoren] Ifa-Pionier u. a.
Unzufriedenheit herrscht in allen LPG des Kreises Meißen wegen der Auszahlung der Jahresendabrechnung. Für dieses Jahr ist die Auszahlung erst für den 15. Januar 1955 vorgesehen, da die Bauernbank das Geld nicht früher freigibt. Voriges Jahr wurde vor Weihnachten ausgezahlt. Um den Forderungen der Mitglieder gerecht zu werden und einen Abschlag zahlen zu können, versuchen die Buchhalter der LPG, Geld zu bekommen, indem sie noch nicht geleistete Arbeitseinheiten aufführen.
Futtermangel mit nachteiliger Wirkung auf die Viehhaltung besteht im VEG Gorsleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, wo für 1 500 Läuferschweine kein Futtergetreide mehr vorhanden ist. Die VEAB Artern kann kein solches liefern, da sie selbst keines am Lager hat.
Im Bezirk Schwerin ist in den LPG Ziegendorf, Mölenbeck und Groß Godems und in den ÖLB Marnitz und Raduhn, Kreis Parchim, die Futtergrundlage für die Viehhaltung im Winter nicht gesichert. Es fehlen Kartoffeln, Futtergetreide und Stroh.
Sollrückstände und die Tendenz, die Ablieferung möglichst lange hinauszuzögern, sind im Kreis Jessen, [Bezirk] Cottbus, unter einem Teil Großbauern zu verzeichnen. Zum Beispiel wird als Entschuldigung dafür angegeben, dass infolge Arbeitskräftemangels nicht gedroschen werden konnte und dass sie erst die Feldarbeiten erledigen müssen.
Übrige Bevölkerung
Im Vordergrund der politischen Gespräche steht neben der Moskauer Konferenz der Verbotsprozess gegen die KPD. Zu dem letztgenannten Problem wird weiterhin fast ausschließlich positiv Stellung genommen. Der Inhalt der Äußerungen ist im Vergleich zu den Vortagen unverändert.
Zur 21. ZK-Tagung werden nur ganz vereinzelte Stellungnahmen bekannt. Zum Beispiel sagte ein Angestellter (SED) vom Rat der Stadt Greifswald: »Heute kann man laut Verfassung die Menschen nicht mehr zwingen, aus den Betrieben herauszugehen. Diese Maßnahme wird unter den Arbeitern große Unruhe auslösen und dies ist in der heutigen Zeit nicht gut.«
Ein Rentner aus Möser, [Bezirk] Magdeburg: »Sie sollen erstmal dort sparen, wo es angebracht ist, nämlich bei der Polizei mit ihren hohen Gehältern.«
Ein Reisender aus Magdeburg erklärte, dass in den Kreisen der Geschäftsleute diskutiert werde, dass aus der Rede Walter Ulbrichts eine Verschärfung des Kurses, der gegen sie gerichtet sei, herauszuhören wäre.
Unter den Ärzten der Kreise Cottbus und Senftenberg wurde in Gesprächen zum Ausdruck gebracht, dass sie zwar materiell in der DDR nicht schlecht gestellt seien, dass aber die Verhältnisse in Westberlin und Westdeutschland besser seien. Weiterhin sagten sie, dass es immer noch an Medikamenten fehle und dass die neuen Instrumente nichts taugten, da kein guter Stahl dazu verwendet würde. Ihrer Meinung nach müssten zu dem Ärztekongress in Westdeutschland noch mehr Ärzte delegiert werden, weil es hier keine Fortbildungsmöglichkeiten gäbe. Des Weiteren ist zu verzeichnen, dass in diesen Kreisen ein großes Interesse an Radiogeräten mit UKW-Schaltung besteht, um ungestört den RIAS hören zu können.
Weiterhin besteht unter der Bevölkerung Verärgerung über die Mängel in der Versorgung. Immer wieder kommen Klagen über ein ungenügendes Warenangebot, über die mangelhafte Kohlenversorgung sowie andere Schwierigkeiten wirtschaftlicher Art. Vielfach wird in Diskussionen zum Ausdruck gebracht, dass es im vergangenen Jahr nach der Verkündung des neuen Kurses20 alles im reichlichen Maße gab. Jetzt sei aber vom neuen Kurs nicht mehr viel zu spüren. Zum Beispiel erklärte eine Hausfrau aus Fambach, [Bezirk] Suhl: »Es ist unmöglich, Bettwäsche zu bekommen, trotzdem sie dringend benötigt wird. Überhaupt sind jetzt die Geschäfte ziemlich leer. So etwas gibt es in Westdeutschland nicht. Wenn man die Menschen politisch überzeugen will, so müssen die Angaben in der Zeitung mit der Wirklichkeit übereinstimmen.«
Besonders in Privatgeschäften können häufig die Käuferwünsche nicht erfüllt werden. Den Käufern wird oft geantwortet: »Diese Waren haben wir nicht und es besteht auch keine Aussicht, diese zu bekommen.«
Zur Kohlenversorgung äußerte eine Hausfrau aus Suhl: »Wenn der Winter schon früher eingesetzt hätte, sehe es in dieser Frage noch schlimmer aus. Die Kohlenfrage ist ein Zeichen der Sorglosigkeit unseres Staatsapparates gegenüber den Werktätigen.«
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverbreitung
SPD-Ostbüro:21 Neubrandenburg 600, Leipzig 5 000, Potsdam, Kreis Oranienburg, 10 000, Gera, Kreis Greiz, 80, Karl-Marx-Stadt, Kreis Zwickau, 8 000, Erfurt, Kreis Mühlhausen, 5 000, Kreis Eisenach 5 000, Halle 1 000, Kreis Naumburg 220, Rostock 40, Schwerin, Kreis Lübz, 3 000.
NTS:22 Neurandenburg 50, Leipzig 100, Karl-Marx-Stadt, Kreis Annaberg, 110.
KgU:23 Karl-Marx-Stadt, Kreise Plauen und Zwickau, 3 000, Halle 10 000, Dresden 23.
FDP: Karl-Marx-Stadt 15.
»Der Tag«:24 Karl-Marx-Stadt 100.
In tschechischer Sprache: Karl-Marx-Stadt 100, Dresden, Kreis Niesky, 150.
Die Hetzschriften wurden größtenteils durch Ballons eingeschleust und sichergestellt.
Gefälschte Schreiben
Die VEB Trikotagenwerk »Spree«, [Bezirk] Cottbus, Buntspinnerei Nauenhof,25 [Bezirk] Leipzig, »Einheit« Mühlhausen,26 [Bezirk] Erfurt, und verschiedene Betriebe des Bezirkes Karl-Marx-Stadt erhielten gefälschte Schreiben betreffs Zahlung von Weihnachtsgratifikation. Inhalt: In diesem Schreiben wird der Betrieb aufgefordert, an alle Belegschaftsmitglieder Weihnachtsgratifikation zu zahlen und zwar für Lohnempfänger in Höhe einer Dekade und für Gehaltsempfänger in Höhe von etwa ein Drittel des Monatsgehaltes. In dem Schreiben wird weiter darauf hingewiesen, dies sofort allen Belegschaftsmitgliedern bekanntzugeben und vor allem durch Agitatorenkollektive erläutern zu lassen mit dem Ziel, eine breite Verpflichtungsbewegung als Dank der Kollegen für diese Gratifikation zu entfachen. Kopf des Rundschreibens: Regierung der DDR, Ministerium für Leichtindustrie, gez. [Name 1] Techn. Leiter | f. d. R: [Name 2].
Im Kraftwerk Zschornewitz, [Bezirk] Halle, wurde im Kesselhaus III an einem Sicherheitsventil ein Stück Eisen angehängt. Dies wurde rechtzeitig bemerkt, sodass noch kein Schaden entstanden ist.
Bei einem Mittelbauern in Niederjahna, Kreis Meißen, [Bezirk] Dresden, sind in den letzten Tagen elf Legehühner durch Giftweizen verendet.
Eine parteilose Angestellte von der LPG Bahnitz, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, wurde vor einigen Tagen, als sie abends auf dem Heimweg nach Nitzahn war, von einem Unbekannten angefallen. Durch das Hinzukommen des Bauernförsters wurden Gewalttaten verhindert. Der Unbekannte ergriff die Flucht, wobei er dem Förster mit den Worten drohte: »Warte du Hund, wenn du dich mausig machst, kriegst du auch noch deinen Teil.« Ähnlich erging es der parteilosen Putzfrau aus Nitzahn am 26.11.1954, um 4.15 Uhr.
Eine LPG-Bäuerin, auch aus Nitzahn, beobachtete, wie in der Nacht zum 27.11.1954 ein Unbekannter mit einer Aktentasche von einem LPG-Hof zum anderen ging und mit einer Taschenlampe die Stalltüren ableuchtete.
In der LPG Möthlitz, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, standen vor einigen Tagen frühmorgens die Türen des Kuhstalles offen. Der Melker versicherte, dass er sie abends fest verschlossen hatte. Er meinte, dass es ihm sowieso seit einigen Tagen so vorkomme, als ob sich nachts eine fremde Person auf dem Hof herumtreibt.
Einschätzung der Situation
Im Mittelpunkt aller Gespräche über die Moskauer Konferenz stehen die Fragen im Zusammenhang mit der Verstärkung der Verteidigungsbereitschaft. Dabei machen sich immer mehr Unklarheiten bemerkbar, die eine baldige Aufklärung der Bevölkerung erfordern, um die negative Argumentation zu zerschlagen.
Die Frage der »Weihnachtsgratifikation« gewinnt immer mehr an Bedeutung, da der Gegner unsere Unentschlossenheit ausnutzt, um die Arbeiter zu verwirren.
Anlage 1 vom 4. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2383
Stimmen zur Moskauer Konferenz
Im Vordergrund der Diskussionen über die Moskauer Konferenz stehen – besonders unter den Werktätigen in der Industrie – die Ausführungen des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl hinsichtlich der Aufstellung Nationaler Streitkräfte bei Ratifizierung der Pariser Verträge.27
Ein Teil äußerte dazu, dass sie die Notwendigkeit der Sicherungsmaßnahmen einsehen, da wir auf keinen Fall gewillt sind, unsere Errungenschaften dem Feind preiszugeben. Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem VEB Maschinenbau Görlitz: »Bei der Ratifizierung der Pariser Verträge ist es notwendig, dass in der DDR Nationale Streitkräfte aufgestellt werden müssen. Es geht hier um die Sicherheit unseres Staates.«
Ein Arbeiter (parteilos) aus dem VEB Keramische Werke Hermsdorf, [Bezirk] Gera: »Das ist richtig, was Otto Grotewohl gesagt hat. Denn was wir bisher aus eigener Kraft aufgebaut haben, lassen wir uns doch nicht wieder zerstören.«
Neben diesen Stellungnahmen kommt es aber in größerem Maße zu ablehnenden Äußerungen in Bezug auf die Aufstellung der Nationalen Streitkräfte. Zurückzuführen ist dies hauptsächlich auf die Unklarheiten, die in dieser Frage bestehen. So wird z. B. besonders unter den Jugendlichen die Meinung vertreten, dass sie sich auf keinen Fall einberufen lassen. Sie wollen genauso handeln, wie es der westdeutschen Jugend von uns geraten würde, nämlich die Gestellungsbefehle zerreißen.28 So diskutierten z. B. Jugendliche im VEB »Karl-Marx«-Werk in Pößneck, [Bezirk] Gera: »Wenn wir eine Einberufung erhalten, dann werden wir sie vernichten, weil es uns in den vergangenen Jahren so erläutert wurde.«
Ein Jugendlicher aus dem VEB Füllhalterfabrik in Pößneck: »Die Jugend muss es so machen, wie wir es der westdeutschen Jugend lehren. Sie müssen alle Einberufungsbefehle zerreißen.«
Vielfach kommt es auch zu Meinungen, dass dann, wenn solche Sicherheitsmaßnahmen auf unserer Seite getroffen werden, ein Krieg unvermeidlich wird, da sich dann zwei Mächtegruppen in Ost und West gegenüberständen. So sagte z. B. eine Arbeiterin (parteilos) aus dem VEB Vereinigte Wäschefabriken in Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Nun wird auch bei uns wieder aufgerüstet und es wird wohl wieder zu einem neuen Krieg kommen.«
Ein Brigadier aus dem VEB Bastfaser in Rhinow, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam: »Nun wird es wohl mit einem neuen Krieg bald wieder losgehen. Ich sehe schon wieder, wie sie alle zu einer Kurzausbildung, wie bei Hitler, bis 45 Jahre eingezogen werden.«
Von Arbeitern, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, wird oftmals geäußert, dass es für sie nicht wieder infrage kommt, ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Auch ist es ihnen unbegreiflich, dass es bei uns zur Aufstellung Nationaler Streitkräfte überhaupt kommen kann, da sie keinen Unterschied zwischen diesen und den Streitkräften der kapitalistischen Länder machen. Zum Beispiel erklärten Arbeiter aus dem VEB Füllhalterfabrik in Pößneck, [Bezirk] Gera: »Wir fassen kein Gewehr mehr an. Nach 1945 wurde gesagt, wer wieder ein Gewehr in die Hand nimmt, dem sollen die Hände abfaulen. Krieg ist Krieg und Gewehr ist Gewehr. Jetzt sollen wir wieder marschieren, das tun wir aber nicht.«
Ein Arbeiter aus Plauen: »Vor Jahren haben wir diskutiert, dass wir keinen Militarismus mehr haben wollen und heute spricht man schon wieder von der Aufstellung Nationaler Streitkräfte. Also ist es bei uns genau wie in Westdeutschland. Für mich kommt es auf jeden Fall nicht infrage, dass ich wieder ein Gewehr in die Hand nehme.«
Ein Arbeiter – beschäftigt in der Wismut: »Mit mir können sie keinen Blumentopf gewinnen. Mir ist meine Arbeit lieber als die Knarre. Bei der besten Gelegenheit würde ich sie in die Ecke stellen.«
Verschiedentlich kommt es vor, dass Gerüchte verbreitet werden, dass die Wehrpflicht in der DDR schon unmittelbar bevorstehe und dass schon feststehen würde, welche Jahrgänge zuerst eingezogen werden. In der Bau-Union Leipzig wurde z. B. das Gerücht in Bezug auf die Rede des Genossen Otto Grotewohl verbreitet, dass die DDR zwölf, die ČSR zwölf und die Volksrepublik Polen 16 Divisionen aufstellen würden.
Einige Frauen in Halle diskutierten, dass in der DDR die Männer von 18 bis 25 Jahren zum Militär eingezogen würden, dass alle Frauen arbeiten und dass sie ihre Kinder in den Kindergarten geben müssten. Die Eingezogenen bekämen pro Tag 1,00 DM Löhnung.29
In geringem Maße wurden feindliche Äußerungen bekannt, wo die Ausführungen Otto Grotewohls zur Hetze gegen die DDR benutzt wurden. Zum Beispiel sagte ein Kumpel vom Objekt 101 (Wismut): »Die Jugendlichen haben ja noch Zeit, nach Westdeutschland zu gehen. Dort ist es besser, als hier in der Volksarmee zu dienen. Hier in der Zeitung wird geschrieben, dass keiner wieder eine Waffe in die Hand nehmen soll und dass es keine deutsche Wehrmacht geben solle. Und in Moskau wird ganz anders beraten.«
Ein Arbeiter, ebenfalls in der Wismut beschäftigt: »Es hat doch gar keinen Zweck, sich darüber zu unterhalten. Die Oben machen ja doch, was sie wollen. Wenn es dann soweit ist, müssen auch unsere Frauen mit ran, so wie es in Russland war.«
Ein Einzelbauer aus Bernsgrün, [Bezirk] Gera: »Es gibt Leute, die glauben alles, was die Kommunisten sagen. In der DDR gibt es schon lange Streitkräfte.30 Wenn heute erst von der Aufstellung gesprochen wird, so ist das nur eine Irreführung.«
Anlage 2 vom 4. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2383
Bericht über die Stimmung in Westberlin zu den Wahlen am 5. Dezember [1954]31
Von Wahlhelfern des Bekleidungswerkes »Fortschritt«, die im Bezirk Tiergarten eingesetzt waren, wurde u. a. berichtet, dass sich bei der Westberliner Bevölkerung die Angst vor »Bespitzelung« etwas verloren habe. Teilweise ist man noch sehr vorsichtig bei Gesprächen mit den Wahlhelfern und bringt zum Ausdruck, dass man vor den Wohnungstüren nicht sprechen könne, da man durch andere Hausbewohner nicht in Schwierigkeiten geraten wolle. Des Weiteren wird vielfach die Meinung vertreten, dass das, was die SED will, richtig sei, dass aber an den Verhältnissen in Westberlin nicht viel verändert werden könne.
Wenn Personen des Mittelstandes von den Wahlhelfern angesprochen werden, geben sie oftmals zur Antwort, dass sie allein wüssten, was sie zu wählen haben.
Des Weiteren wurde bei dem Wahleinsatz im Bezirk Tiergarten festgestellt, dass sich viele SPD-Genossen für die Aktionseinheit aussprachen.32
Von der Stummpolizei33 wurden vier Wahlhelfer dieses Bezirkes einige Stunden inhaftiert. Dabei kam es zu einer Unterhaltung zwischen den Wahlhelfern und einem Polizisten. Dieser erklärte, dass er auch nur seine Pflicht erfülle, und dass er mit vielem einverstanden sei, was die SED in ihrem Wahlprogramm festgelegt habe. Nur könne er nicht so, wie er wolle, da bei der Polizei sehr viele Faschisten seien, die die anderen bespitzeln.
Bei einer DGB-Versammlung in Schöneberg war Scharnowski34 als Referent vorgesehen. Die anwesenden 80 Personen verlangten, dass er als Referent abgesetzt werde, da er nicht mehr das Vertrauen der Kollegen besitzt, weil er sich auf einer Spandauer Versammlung für die Aufrüstung ausgesprochen habe. Außerdem schädige er durch seine Sauftouren und seinen schlechten Lebenswandel das Ansehen des DGB. Der Versuch Scharnowskis, zu Wort zu kommen, scheiterte und als er die Worte ausrief »Haltet euer Maul!«, verstärkte sich nur noch dieser Protest. Der Versammlungsleiter nahm eine Abstimmung vor und mit großer Mehrheit wurde Scharnowski als Referent abgelehnt. Daraufhin wurde die Versammlung geschlossen, was wiederum Protest auslöste.
Auf einer CDU-Wahlversammlung in Berlin-Friedenau mit ca. 400 Teilnehmern sprachen der Bundestagsabgeordnete Dr. Krone35 sowie der Bezirksbürgermeister Dr. Batzel.36 Krone wurde mehrmals unterbrochen, als er äußerte, dass durch die Pariser Verträge Deutschland ein souveräner Staat würde.
Mit Batzels Ausführungen über die Schulreform waren mehrere Diskussionsredner nicht einverstanden. In der Diskussion wurde ihm vorgeworfen, dass er im Oberjat-Skandal verwickelt sei und ihn die Illustrierte »Der Stern« wegen Korruptionsaffairen beschuldigt habe.37 Batzel wies daraufhin dies als böswillige Verleumdung zurück. Starke Zwischenrufe wurden laut, als die Stupo einen Besucher aus dem Saal holte.
In einer Versammlung der CDU in Frohnau, in der Schreiber38 sprach, wurde Folgendes angeregt: Um der SED-Propaganda den Wind aus den Segeln zu nehmen, sei es notwendig, ähnliche [Mittel], wie sie der »Osten« anwende, einzuführen. Die SED wende unstatthafte Mittel an, wenn sie schwebende Verfahren als Grundlage für ihre Hetzkampagne nimmt und diese durch Propagandisten aus dem Osten vertreiben lässt. Es sei notwendig, alle diejenigen Personen namentlich festzuhalten, die sich für die SED ausgesprochen haben.
Am Tage der Wahl müsse man besonders wachsam sein, damit die SED zu keinem Erfolg gelange. Die Wahlhelfer müssten alle überprüft werden, ob sie aus dem Osten sind.