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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

7. Dezember 1954
Informationsdienst Nr. 2385 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Die Diskussionen über die Moskauer Konferenz stehen im Mittelpunkt und haben gegenüber dem Vortage etwas zugenommen.1 Vereinzelt wird über den Verbotsprozess gegen die KPD Stellung genommen.2 Die Meinungen sind überwiegend positiv. Dabei wird zum Ausdruck gebracht, dass eine ähnliche Situation besteht wie 1933 im Reichstagsbrandprozess.3

Verschiedentlich werden Diskussionen über die Auszahlung der Weihnachtsgratifikation geführt, wobei man fragt, wieso es in diesem Jahr weniger gibt als 1953.4 Die Kollegen aus der chemischen Reinigung Halle-Ammendorf: »Warum gibt es in diesem Jahr nicht so viel wie im vorigen Jahr?« Der Werkleiter erklärte den Kollegen, dass in diesem Jahr auch für die Kollegen in den staatlichen Verwaltungen diese Weihnachtszuwendungen gezahlt werden und demzufolge die einzelnen Beträge etwas niedriger liegen.

Aufgrund der Verordnung des FDGB, dass Weihnachtsgratifikationen bis zu einem Bruttoverdienst von DM 500 gezahlt werden, sind die Arbeiter im VEB Kranbau Köthen, [Bezirk] Halle, der Meinung, dass man ihnen nicht mehr mit Wettbewerben kommen soll. Sie sagen, dass die Arbeiter, die sich nicht anstrengen und die Produktion laufen lassen, wie sie läuft, und dabei nicht über 500 DM kommen, dafür noch Weihnachtsgelder in Höhe von DM 35,00 erhalten.

In den Werften des Bezirkes Rostock wird über verschiedene betriebliche Belange diskutiert. Angestellte der Warnow-Werft Warnemünde, [Stadt] Rostock, erklärten, dass es nicht richtig sei, jetzt vor Weihnachten Entlassungen vorzunehmen, denn man müsse die Mentalität der Deutschen berücksichtigen, die schon wochenlang vor Weihnachten Pläne schmieden, was sie alles einkaufen wollen. Jetzt fährt man mit dem Holzhammer dazwischen und schafft bei vielen Arbeitern eine gewisse Unsicherheit. Ein Rohrsschlosser erklärte, dass man erst die Warnowerft für 10 000 Mann Belegschaft aufgebaut hat und dann plötzlich feststellt, dass man 2 [000] bis 3 000 Mann entlassen muss. »Die da oben haben keine Ahnung.«

Ein Angestellter von der Bauleitung der Warnow-Werft-Warnemünde erklärte, dass man vor ein bis zwei Jahren Bäckerburschen und Frisöre umgeschult und eine Menge Geld dafür ausgegeben habe und diese Leute jetzt plötzlich wieder rausschmeißt. Er wisse, was er davon halten soll. Ein anderer Angestellter äußerte: »Weshalb wird diese Aktion jetzt gestartet, wo in Westdeutschland die Rüstungsproduktion anläuft und im Rundfunk (Westsender) bereits Propaganda über den kommenden Facharbeitermangel gemacht wird. Bei Entlassungen und Umbesetzungen bei uns wird ein Teil der Facharbeiter nach drüben gehen und wir helfen dadurch den Kapitalisten bei der Aufrüstung.«

Ein Jungingenieur von der Mathias-Thesen-Werft erklärte, dass er durch viele Abteilungen der Werft gekommen sei und erstaunt wäre, wie viele Abteilungen es auf der Werft gibt, die nichts zu tun haben und den ganzen Tag nur versuchen, die Zeit totzuschlagen.

Unter den Hauern und Schleppern des BKW »Friedenswacht« Lauchhammer, [Kreis] Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, werden negative Diskussionen geführt, da ihrer Meinung nach in letzter Zeit ständige Erhöhungen der Normen vorgenommen würden.

In der Formerei des Landmaschinenwerkes Barth, [Bezirk] Rostock, diskutieren die Arbeiter im Allgemeinen dahingehend, dass die Normen mit einem Durchschnitt von 170 bis 180 Prozent normal sind und sie einen finanziellen Schaden erleiden, wenn die Normen erhöht werden. Sie wollen ihre Normen nur erhöhen, wenn sie vonseiten der Regierung in anderer Art einen Ausgleich für den geringeren Verdienst bekommen.

Ein parteiloser Former sagte, dass er mit seinen Marken nur 14 Tage auskomme und den Rest des Monats im HO kaufen müsse, wobei sein ganzes Geld draufgehe. Dieser Erklärung stimmten die anderen Former zu.

Unter den Kollegen des Bahnhofes Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, wird dahingehend diskutiert, dass sie nur noch die Auszahlung der Jahresprämie abwarten wollen, und dann werden sie kündigen, um im VEB zu arbeiten. Sie begründen ihre Absicht damit, dass die Löhne bei der Reichsbahn zu niedrig sind. In den volkseigenen Betrieben hätten sie ihre Sonn- und Feiertage und würden trotzdem mehr verdienen.

Die Kollegen des Bahnbetriebswerkes Brandenburg-Altstadt, [Bezirk] Potsdam, sind unzufrieden darüber, dass die schadhaften Wagen nicht regelmäßig eintreffen. Sie sind dadurch in ihrer Arbeit nicht ausgelastet. Durch die Wartezeiten verdienen sie weniger, weil sie im Leistungslohn arbeiten. Teilweise stehen die schadhaften Wagen schon auf dem Bahnhof und brauchten nur zum Bahnbetriebswerk geschoben werden. Dies kann wegen des Herbst-Spitzenzugverkehrs angeblich nicht durchgeführt werden.

Materialschwierigkeiten

In der Seifenfabrik Riesa (VdK), [Bezirk] Dresden, bestehen Schwierigkeiten in der Versorgung mit Soda. Für die Erfüllung von Regierungsaufträgen fehlen noch 100 bis 120 Tonnen. Der Termin für diese Aufträge kann dadurch nicht eingehalten werden.5

Ein Arbeiter vom VEB Lederfabrik Doberlug-Kirchhain, [Kreis] Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, äußerte sich über die schlechte Qualität des Leders wie folgt: »Seit dem Weggang des Betriebsleiters [Name] taugt das hergestellte Leder nichts. Laufend gibt es Reklamationen. So sind jetzt wieder 15 000 Paar Schuhe zurückgekommen, weil das dazu verarbeitete Leder sehr schlecht war. Aufgrund dessen ist dem Werk das Gütezeichen entzogen worden. Die Ursache dafür sind in erster Linie die mangelhaften Kenntnisse des jetzigen Betriebsleiters.«6

Im Glaswerk Schönborn, [Bezirk] Cottbus, fehlt es an Bleimennige.7

Kohlenmangel besteht im VEB Werkin Auerbach8 und Grenzquellbrauerei Wernersgrün, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt. Der VEB Werkin Auerbach hat sich bereits 38 Tonnen Braunkohlenbrikett geliehen um die Produktion aufrechtzuerhalten.

Handel und Versorgung

Besondere Mängel sind noch die unzureichende Versorgung mit Weihnachtsbedarf. Im Bez[irk] Dresden z. B. sind ungenügend Zutaten für Weihnachtsbäckerei und Südfrüchte, wie Mandeln, Sultaninen, Zitronen, Nüsse usw., weil die angelieferten Mengen bei Weitem nicht ausreichen. Im Kreis Schmalkalden, Bez[irk] Suhl, treten ähnliche Mängel auf. Des Weiteren im Kreis Aschersleben, [Bezirk] Halle, und in fast allen Kreisen des Bezirkes Potsdam.

Die Versorgung mit Winterbekleidung ist noch unzureichend. Zum Beispiel haben im Kreis Kamenz HO und Konsum keine Winterkleider und -Mäntel auf Lager. Im Bezirk Cottbus besteht bei Winteroberbekleidung zu wenig Auswahl. Im Bezirk Suhl fehlen Mantel- und Anzugsstoffe besserer Qualität.

80 000 Dosen importierte Fischkonserven (zum größten Teil Dorschleber) lagern beim Großhandel im Kreis Anklam schon mehrere Wochen. Die Konserven können nicht in den Einzelhandel, weil das Finanzministerium immer noch nicht die Preise berechnet hat.

Landwirtschaft

Zu der Moskauer Deklaration9 wird besonders in den MTS, LPG und VEG Stellung genommen.

Bemerkenswert auf dem Lande ist zzt. der hohe Viehauftrieb in verschiedenen Bezirken. Die Ursachen dafür sind zum Teil, dass man am Jahresende noch vor Weihnachten möglichst viel freie Spitzen abliefern will,10 zum anderen der Austausch der Sollablieferungen für Getreide mit Schlachtvieh und die Gerüchte über die erhebliche Senkung der Preise für freie Spitzen. Da es teilweise jedoch an Transportmitteln fehlt und die Kapazität der Schlachthöfe nicht ausreicht, kommt es vielfach zu Stauungen und Gewichtsverlusten, worüber die Bauern verärgert sind.

In der Gemeinde Märkisch Buchholz und einigen anderen Gemeinden des Kreises Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, wird zzt. kein Viehauftrieb durchgeführt, weil keine Unterbringungsmöglichkeiten dafür vorhanden sind. Hervorgerufen wurde es dadurch, dass jetzt viel mehr freie Spitzen abgeliefert werden und zum anderen, dass das Vieh für Getreide ausgetauscht wird. Die Bauern sind über die Nichtabnahme verärgert, weil sie dadurch nichts auf freie Spitzen liefern können. Es wird dort das Gerücht verbreitet, dass deshalb kein Vieh aufgekauft wird, weil die Preise für Schlachtvieh gesenkt werden sollen.

Im Kreis Kamenz, [Bezirk] Dresden, stehen 120 Tonnen bereits aufgekaufte Schweine und 100 Tonnen Rinder noch in den bäuerlichen Wirtschaften. Die Abnahme der Tiere kann nicht erfolgen, weil die Schlachthöfe zzt. überfüllt sind.

In Niederau, Kreis Meißen, [Bezirk] Dresden, ist seit dem 6.11.1954 das durch den Konsum aufgekaufte Vieh noch nicht abgeholt worden; da die Bauern infolge der Unwetterkatastrophe eine schlechte Kartoffelernte hatten,11 bereitet ihnen das Füttern der bereits verkauften Tiere Schwierigkeiten.

Im Kreis Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, wird von der VEAB das Schlachtvieh aus dem freien Verkauf nur schleppend abgenommen, weil der Schlachthof Dresden mit Vieh überfüllt ist und nur geringe Mengen abnehmen kann.

Im Kreis Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, gab es stellenweise am Sonnabend kein HO-Fleisch zu kaufen. Die Bevölkerung kann dies deshalb nicht begreifen, da die VVEAB Bad-Salzungen Vieh aufgekauft hat, das zwei Tage in der VVEAB stehen und danach von den Bauern wieder abgeholt werden musste. Wegen Überfüllung des Schlachthofes konnte das Vieh nicht untergebracht werden. Für das geschlachtete Vieh im Schlachthof ist kein Absatz, da die HO kein Fleisch mehr abnimmt, weil ihr Plan erfüllt ist.

Im Kreis Schleiz, [Bezirk] Gera, beschweren sich die Bauern über den dortigen Schlachthof. Entgegen der Bestimmung, dass das Vieh nach Abnahme durch den Schlachthof innerhalb von 24 Stunden gewogen und geschlachtet werden muss, sind in der letzten Zeit Fälle vorgekommen, wo das Vieh mehrere Tage ohne Futter stand. Es wurde erst dann gewogen und geschlachtet, als es einen beträchtlichen Gewichtsverlust aufzuweisen hatte, der zulasten der Bauern ging.

Aus dem Bezirk Neubrandenburg kommen Klagen über die VEAB, weil sie den organisatorischen Fragen bei der Ablieferung, z. B. Waggongestellung, nicht gerecht wird, die sich durch den verstärkten Auftrieb der Schweine ergeben. In Friedland, Kreis Neubrandenburg, z. B. war zu verzeichnen, dass mehrere Schweine 48 Stunden auf dem Bahnhof ohne Pflege und Futter standen, da keine Transportmöglichkeiten vorhanden waren. Hierbei verendeten zwei Schweine im Gewicht von je 150 kg.

In Torgelow, Kreis Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden an einem Tage mehrere Schweine auf freie Spitzen angenommen, wogegen Schweine für die Pflichtablieferung nicht zur Verladung kamen.

Übrige Bevölkerung

Weiterhin stehen im Mittelpunkt der politischen Gespräche die Moskauer Konferenz sowie der Verbotsprozess gegen die KPD. Zum letztgenannten Problem wurde fast ausschließlich positiv diskutiert. Der Inhalt der Stellungnahmen ist gegenüber den Vortagen unverändert.

Im Mittelpunkt wirtschaftlicher Fragen steht weiterhin das ungenügende Warenangebot in der Vorweihnachtszeit, was immer wieder Verärgerung hervorruft und negative Diskussionen in den Geschäften auslöst. Dazu äußerte z. B. ein Genosse von Konsum in Breitungen, [Bezirk] Suhl: »Die jetzige Warenbereitstellung vor Weihnachten in unsere Konsumgenossenschaft in Breitungen trägt zzt. nicht den Charakter einer Vorweihnachtszeit. Man muss feststellen, dass die Warenbereitstellung in den Vorjahren zu Weihnachten besser war. Unter den Kunden beklagt man sich darüber und es vergeht kein Tag, wo dies nicht in unserem Geschäft kritisiert wird.«

Der Inhaber eines Schreibwarengeschäftes in Greifswald, [Bezirk] Rostock, sagte, dass sein Bestand nur bis 14 Tage vor Weihnachten reiche und er dann den Käufern nichts mehr bieten könnte, denn mit Nachlieferungen wäre nicht mehr zu rechnen. (Dies trifft in der Hauptsache für Füllfederhalter und Drehbleistifte zu.)

Einige Hausfrauen in Gransee erklärten: »In diesem Jahr wird es wohl wieder so sein wie im vergangenen Jahr, dass erst am Heiligabend die gewünschten Artikel zum Verkauf kommen, anstatt diese schon früher auf dem Weihnachtsmarkt anzubieten.«

Im Konsum in Breddin, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, wurde gegenüber dem Verkaufspersonal geäußert: »Ihr habt immer große Rosinen im Kopf, aber wenn es zum Ausschütten kommt, dann sind keine drin.«

In Potsdam wurde den Verkäuferinnen auf dem Weihnachtsmarkt gesagt, dass die wenigen Artikel, die es auf dem Weihnachtsmarkt gibt, genauso gut auch hätten in den Geschäften verkauft werden können, und dass man das für den Aufbau des Weihnachtsmarktes verwandte Geld lieber für den Aufbau eines Kindergartens hätte verwenden sollen.

Ein Geschäftsmann aus Zeulenroda führte das ungenügende Warenangebot auf den Export der DDR zurück. Er sagte: »Voriges Jahr wurden auf der Leipziger Messe vonseiten der DDR mit 30 Staaten Handelsverträge abgeschlossen und in diesem Jahr sogar mit 60 Staaten. Es ist daher kein Wunder, wenn in der DDR für die Bevölkerung nichts da ist. Das, was wir für unsere Waren bekommen, ist auch nicht immer das Beste.«

Ein weiterer Grund zur Verärgerung der Bevölkerung ist, dass immer wieder Waren, die durch die Preissenkung billiger geworden sind, jetzt wieder teurer verkauft werden.12 So stellte zum Beispiel eine Hausfrau aus Pritzwalk fest, dass die Handtücher wieder teurer verkauft wurden und sagte: »Bis zur nächsten Preissenkung haben wir die alten Preise wieder erreicht. Dann werden sie wieder gesenkt und hinterher steigen sie wieder bis zur nächsten Preissenkung.«

In Wittstock wurde darüber diskutiert, dass eine Trägerschürze von guter Qualität vor einiger Zeit 11,60 DM gekostet hat und jetzt solche minderer Qualität für 16,80 [DM] verkauft werden. Ähnliche Feststellungen wurden beim Einkauf von Bettlaken getroffen.

Im Kreis Querfurt, [Bezirk] Halle, wurde kritisiert, dass die Preise für einzelne Artikel, z. B. für Herrenmäntel, in die Höhe gegangen sind.

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

SPD-Ostbüro:13 Cottbus 9 800, allein im Kreis Weißwasser 8 000, Suhl, Kreis Schmalkalden, 8 000, Potsdam, Kreis Jüterbog, 3 000, Karl-Marx-Stadt 4 000, Magdeburg, Kreis Seehausen, 3 000, Halle, Kreis Rosslau, 1 000, Kreis Quedlinburg 120, Rostock 1 160 (davon in dem Kreis Stralsund 900), Schwerin 120. Inhalt: überwiegend Volkswahlergebnis.14

NTS:15 Neubrandenburg 100, Karl-Marx-Stadt 108, Potsdam 37.

KgU:16 Karl-Marx-Stadt 8 000, Dresden 37. Inhalt: gegen SfS.

In tschechischer Spr[ache]: Dresden 270, Karl-Marx-Stadt 59.

Unb[ekannter] Herk[unft]: Karl-Marx-Stadt 9 000. Inhalt: gegen SfS.

Die Mehrzahl der Flugblätter wurde mit Ballons eingeschleust und sichergestellt.

Antidemokratische Tätigkeit

In der Nacht zum 4.12.[1954] wurden in der FDJ-Bezirksschule in Wusterhausen, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, zwei Hetzparolen gegen die FDJ von unbek[annten] Tätern angeschmiert.

Am 4.12.[1954] wurde in Werder, Kreis Potsdam, an eine Schaufensterscheibe mit großen Buchstaben »EVG«17 von unbekannten Tätern angeschmiert.

Am 3.12.[1954] wurde in Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, an ein Privatgeschäft die Hetzparole angeschmiert: »Es lebe Adenauer«.18

Am 5.12.[1954] wurde im VEB LOWA Gotha, [Bezirk] Erfurt, in der Halle 42 die Hetzparole »Militär ohne uns« angeschmiert.

In der Nacht zum 5.12.[1954] wurden in Calbe, [Bezirk] Magdeburg, an einem Konsum-Kiosk zwei handgeschriebene Hetzzettel angeklebt, die sich für das Verbot der KPD aussprachen.

Auf dem Verschiebebahnhof Sellin,19 Kreis Potsdam, wurden in der letzten Zeit von unbekannten Tätern einige Male Leerwagenzüge aus Westdeutschland fachmännisch auseinandergekuppelt, sodass bei Abfahrt der Züge der hintere Teil stehenblieb (Trapo-Meldung).20

Am 3.12.[1954] stand an einer Tafel der Gießgrube in dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg: »Weihnachten arbeiten wir nicht.« Unter den Kollegen entstand daraufhin eine Diskussion, ob nun Weihnachten wirklich nicht gearbeitet wird.

Anlage vom 7. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2385

Stimmung der Berliner Bevölkerung zum Ausgang der Westberliner Wahlen21

Über das Wahlergebnis wurde im größeren Umfang unter Genossen und Kollegen aus Berliner Betrieben und Verwaltungsstellen diskutiert. Dabei ist der größte Teil über die niedrige Stimmenzahl für die SED enttäuscht. Man hatte erwartet, dass die SED die 5-Prozent-Klausel überschreitet und mindestens einen Vertreter in den Senat bekommt. So äußerte z. B. ein Genosse aus dem VEB Gaselan: »Ich habe damit gerechnet, dass die SED 10 Prozent der Stimmen erhält. Die Genossen bei uns sind alle sehr niedergeschlagen.«

Ein Kollege aus dem VEB Baunebengewerbe Karlshorst22 meint, dass bei Zugrundelegung der Zahl der Arbeitslosen in Westberlin und der im demokratischen Sektor beschäftigten Westberliner das Ergebnis viel günstiger für die SED sein müsste.

Vier Kollegen der HV Wasserwerke erklärten, dass sie das Ergebnis als Niederlage empfinden. Sie sind sehr enttäuscht über den Wahlentscheid der Arbeiter aus Neukölln und dem Wedding.23

Vielfach versucht man, die Ursache für das niedrige Ergebnis zu ergründen. Hierbei herrscht die Meinung vor, dass durch den Schwindelkurs die Westberliner sehr billig in dem demokratischen Sektor einkaufen können und sie ihre Notlage nicht bzw. nur teilweise verspüren. Dadurch seien viele an der Erhaltung der Spaltung Berlins interessiert. Einige Genossen aus dem VEB Wälzlagerfabrik erklärten: »Den Westberliner darf es nicht mehr möglich sein, in dem demokratischen Sektor aufgrund des Schwindelkurses billig einzukaufen. Zumindestens müssten sie den gleichen Preis in Westmark bezahlen, wie er in unserer Währung angegeben ist.«

Verschiedene parteilose Kollegen und auch Genossen des Rates des Stadtbezirkes Lichtenberg diskutieren, dass man das Geld, was den Westberlinern durch Weihnachtsbescherung für Kinder u. a. zukommt, lieber für unseren Aufbau verwenden sollte, um so schneller zu einem noch höheren, für die Westberliner ins Auge springenden Lebensstandard zu kommen.

Ein Kollege von der Abteilung Einkauf im VEB Funkwerk Köpenick ist der Meinung, dass man vor den Wahlen den Einkauf für Westberliner im demokratischen Sektor hätte sperren müssen. Dadurch hätten die Westberliner am eigenen Leibe verspürt, was der Westsenat für die Verbesserung ihres Lebens tut.

Ein Kollege von der Konsumgenossenschaft in Berlin-Mitte: »Durch die doppelte Währung haben die Westberliner die Möglichkeit, billig bei uns einzukaufen und sind nicht an der Einheit interessiert. Künftig ist eine strenge Kontrolle notwendig und ein Verbot, den Westberlinern in unseren Gaststätten Speisen und Getränke zu verkaufen.«

Zwei Lehrausbilder von dem VEB Apparate- und Kesselbau Niederschönhausen: »Die Westberliner haben sich bisher immer bei uns die Lebensmittel geholt. Wie die darüber denken, beweist ihre Abstimmung. Man hat außerdem den Fehler gemacht, die Genossen, die im Westsektor wohnten, in den demokratischen Sektor ziehen zu lassen.«

Ein kleiner Teil führt das Ergebnis auf den Terror gegen die SED im Wahlkampf zurück. So sagten z. B. drei Kollegen von der Konsumgenossenschaft Mitte: »Die Ursache für dieses schlechte Ergebnis ist die Behinderung der Versammlungen der SED, die Verhaftung von Wahlhelfern und die Versprechungen der SPD

In einer Abteilungsversammlung in dem VEB Berliner Mode äußerten einige Kollegen, dass ein großer Teil der Rentner und Arbeitslosen sich nicht wagten, die wirkliche Meinung zum Ausdruck zu bringen. Das würde auch auf einen Teil der Arbeiter zutreffen, die Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren.

Andere sind der Meinung, dass die Agitationsarbeit zu mangelhaft war. So sagte eine Genossin aus Berlin-Mitte: »Ich bin enttäuscht über das Ergebnis. Jedoch hat die Agitationsarbeit auch viel zu spät und nicht gründlich genug eingesetzt. Die Entlarvung der rechten SPD-Führung war in so kurzer Zeit nicht möglich.«

Einige Genossen aus den VEB Schering meinten, dass die Wahlvorbereitung hätte früher beginnen müssen und zwar auf Betriebsbasis. Durch den Einsatz der Wahlhelfer sei man der Bevölkerung auf den Wecker gefallen, da man sie mehrmals angesprochen hat.

Ein Dozent der Volkshochschule Friedrichshain äußerte, dass der Wahlkampf sich zu wenig gegen die SPD gerichtet hat.

Verschiedentlich kam es zu negativen bzw. feindlichen Äußerungen, in denen das niedrige Wahlergebnis für die SED begründet wird. Einige Kollegen der Versuchswerkstatt des VEB Gaselan sagten: »Die Propaganda hat nichts genutzt. Man hat die SED auch in Westberlin durchschaut und weiß, was man von ihr zu halten hat.« Sämtliche Kollegen der Abtl. Konstruktion I des VEB Gaselan lachten höhnisch über das Wahlergebnis und meinten: Die SED soll doch ihre Niederlage offen eingestehen und sie nicht mit Terror entschuldigen.24

Die Kollegen der Abtl. Werkstätten in dem VEB Vergaser25 sind über das Ergebnis der Wahlen erfreut. Einige brachten zum Ausdruck, dass »die Niederlage der SED kein Wunder sei, da die Bevölkerung in Westberlin den krassen Unterscheid zwischen Ost und West vor Augen hat«.

In den Kreisen der technischen Intelligenz im VEB Anlagenbau26 wird sehr negativ über den Ausgang der Wahlen gesprochen. Hierbei treten besonders Personen hervor, die bereits am 17.6.1953 angefallen sind.

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