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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

10. Dezember 1954
Informationsdienst Nr. 2388 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Im Vordergrund der Diskussionen über politische Tagesfragen steht die Moskauer Konferenz.1 Veränderungen gegenüber dem Vortage sind nicht zu verzeichnen. Durch die Diskussionen zur Moskauer Konferenz sind die Gespräche über den Verbotsprozess gegen die KPD verdrängt worden,2 sodass nur wenig darüber diskutiert wird und meist positiv.3 Verschiedentlich werden Protestresolutionen nach Karlsruhe geschickt, in denen die Absetzung des Prozesses gefordert wird.

In einigen Betrieben diskutiert man über die Auszahlung der Weihnachtsgratifikation. Neben den Gesprächen, die Freude über den Beschluss des Ministerrats zum Ausdruck bringen,4 gibt es jedoch Diskussionen, wo die Werktätigen nicht damit einverstanden sind, dass Personen, die über DM 500 verdienen, keine Weihnachtszuwendungen erhalten. Andere äußern sich in der Form, dass man das Geld hätte den Rentnern geben sollen, da es für sie notwendiger gewesen wäre. Vereinzelt treten noch andere negative bzw. feindliche Diskussionen auf.

Im VEB Zeiss Jena ist man in mehreren Abteilungen nicht damit einverstanden, dass nur Werktätige mit einem Einkommen unter 500 DM die Weihnachtszuwendung erhalten.

Im Karl-Marx-Werk Babelswerk, [Stadt] Potsdam, sind die Arbeiter und Angestellten verschiedentlich nicht damit einverstanden, dass diejenigen, welche über 500 DM verdienen kein Weihnachtsgeld bekommen. Ein Kollege äußerte sich wie folgt: »Im vorigen Jahr bekamen die Kollegen bis zu einem Verdienst bis zu 600 DM Weihnachtsgeld,5 in diesem Jahr nur die Kollegen mit einem Verdienst bis zu 500 DM und im nächsten Jahr bekommen wir gar nichts mehr. Da sagen sie immer, es wird besser, aber wir merken nichts davon.«

Einige Arbeiter im VEB Ofen- und Herdbau Rathenow, [Bezirk] Potsdam, äußerten: »Man beteiligt sich am Wettbewerb und wenn dann das Monatsgehalt über DM 500 ist, dann wird einem zum Dank noch die Weihnachtszuwendung gestrichen.«

Ein Arbeiter vom VEB Förderanlagen Magdeburg: »Warum gibt man den Rentnern keine Weihnachtsvergünstigungen, wo es doch angebracht gewesen wäre.«

Ein Arbeiter vom Karl-Marx-Werk Magdeburg (Mitglied der SED): »Die da oben haben mit der Zuteilung von Weihnachtsgeld wieder einen großen Fehler gemacht. Entweder hätten sie allen etwas geben sollen, oder keinem. Außerdem sollte man dieses Geld lieber den Rentnern zukommen lassen, da diese sich von ihrer Rente nichts in der HO kaufen können.«

Ein Arbeiter vom Stahlwerk Silbitz, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera: »Das ist der größte Schwindel des Jahrhunderts. Nur aufgrund meiner Knochenarbeit verdiene ich mehr als 500 DM und da werde ich um das Weihnachtsgeld betrogen.«

Unter den Lokfahrern der Wismutschächte 13 und 207 in Aue,6 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bestehen Missstimmungen aufgrund dessen, dass sie bei der monatlichen Abschlussdekade erfuhren, dass sie nur 40 bis 50 Prozent erreicht hätten, was eine allgemeine Empörung hervorrief. Ein Hauerbrigadier vom Schacht 13 äußerte: »Es ist unverständlich, wie ein so tiefer Prozentsatz zustande kommt, da doch die Massen laufend abgefahren wurden und die Brigaden hierbei bis auf 170 Prozent kamen.« Nach Rücksprache der Lokfahrer mit der BGL und dem Schachtleiter wurde ihnen als Ausgleich der Schichtlohn bzw. der Durchschnittslohn vom letzten viertel Jahr angeboten. Die Lokfahrer erklärten sich jedoch damit nicht einverstanden und richteten eine Beschwerde nach Karl-Marx-Stadt.

In der Unterabteilung Wirtschaft und Lohnabrechnung der »Neptunwerft« Rostock ist es so, dass die dort Beschäftigten manchen Tag nichts zu tun haben. Der Abteilungsleiter ist ein guter Freund der Angestellten und er fordert keine Begründung, wenn ein Angestellter längere Zeit im Betrieb oder draußen herumbummelt, denn er macht es ebenso. Im Dienst wird auch Alkohol getrunken, woran sich der Abteilungsleiter ebenfalls beteiligt. Auf Veranlassung des Abteilungsleiters wurde in dieser Abteilung ein Transparent angefertigt mit dem Text: »Die Rentabilität unserer Werft sichert uns ein besseres Leben. Alle Kraft für die Steigerung der Arbeitsproduktivität.« Zur Anfertigung dieses Transparentes wurden 35 Arbeitsstunden benötigt, die der Werft insgesamt 165 DM kosten.

Kurz vor der Volkswahl7 wurde auf der Strecke Falkensee – Henningsdorf, [Bezirk] Potsdam, ein neuer Eisenbahnzug mit Polstersitzen für den Berufsverkehr eingesetzt. Von der Reichsbahn wird am 15.12.1954 der Zug von dieser Strecke aus dem Verkehr gezogen und woanders eingesetzt. Darüber diskutieren die Arbeiter wie folgt: »Das war alles Wahlmache mit dem neuen Zug, die haben uns wieder einmal verkohlt, wie schon so oft.«

Im VEB Bauhof Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, können die Arbeiter zzt. nicht voll beschäftigt werden. Die Kollegen forderten von der Betriebsleitung Rechenschaft, wie das Winterbauprogramm durchgeführt werden soll. Dabei musste die Bauleitung den Kollegen mitteilen, dass nicht genügend Aufträge für Winterarbeiten vorhanden sind, worauf die Bauarbeiter erklärten, dass sie dann eben in Privatbetriebe gehen.

Kohlenmangel

Im VEB Tuchfabrik Werk II Kamenz, [Bezirk] Dresden, im VEB Spinnerei und Weberei Ebersbach, [Bezirk] Dresden, im VEB Damast- und Inlettweberei Oberoderwitz und im VEB Oberlausitzer Baumwollweberei Neusalza-Spremberg,8 [Bezirk] Dresden, besteht Kohlenmangel.

Im VEB Plasta Sonneberg, [Bezirk] Suhl, musste wegen Kohlenmangel in zwei Abteilungen die Produktion eingestellt werden.

Materialschwierigkeiten

Im VEB Zellwollwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, reichen das Fichtenholz nur noch 19 Tage und der Bestand an Stroh nur noch neun Tage.9

Im Sägewerk Pritzwalk (Treuhandbetrieb) bestehen Schwierigkeiten in der Holzanfuhr. Dadurch konnte der Plan des Betriebes nur mit 90 Prozent erfüllt werden.10

Erkrankungen: Im Lehrlingswohnheim des Hydrierwerkes Rodleben, [Bezirk] Halle, erkrankten 17 Lehrlinge. Ursache noch nicht geklärt. Acht Jugendliche mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Produktionsstörungen: In den letzten drei Tagen waren in der 750er-Straße des Stahl- und Walzwerkes Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, zwei Walzenbrüche zu verzeichnen. Produktionsausfall: ca. 1 000 t.

Handel und Versorgung

Die teilweise bestehenden Mängel machen sich besonders in der Versorgung mit Weihnachtsbedarf, Kohlen und Winterbekleidung bemerkbar. So ist z. B. die Belieferung für die Weihnachtsbäckerei, wie Mandeln, Rosinen usw. im Bezirk Karl-Marx-Stadt und Kreis Greiz, [Bezirk] Gera, weiterhin unzureichend. In den Bezirken Magdeburg und Cottbus fehlt es insbesondere an Zucker, Schokoladenwaren und Südfrüchten.

Über großen Kohlenmangel kommen Klagen aus dem Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, wo die Bäcker aus Neuhaus-Schierschnitz z. B. nur noch Vorräte für drei Tage besitzen und aus dem Kreis Suhl, wo viele HO-Verkaufsstellen nicht geheizt werden können.

Im Kreis Weißenfels, [Bezirk] Halle, sind besonders die ländlichen Gemeinden von Kohlenmangel betroffen. Vom Konsum wurden im II. und III. Quartal 2 000 t Briketts wegen Fahrzeug- und Arbeitskräftemangel nicht abgenommen und jetzt wurden vom Bezirksrat die geplanten Mengen um 3 000 t gekürzt.

Die mangelhafte Versorgung mit Winterbekleidung zeigt sich besonders im Kreis Niesky, [Bezirk] Dresden, mit Unterbekleidung, Kinderkonfektion, Strickwaren. In Sangerhausen, [Bezirk] Halle, an Unterhosen und Trainingsanzügen für Kinder. Im Bezirk Rostock klagt vor allem die Landbevölkerung der Insel Rügen über ungenügende Belieferung mit Winterbekleidung, die durch die schlechte Warenstreuung verursacht wird.

Landwirtschaft

Im Mittelpunkt des Interesses steht weiterhin die Moskauer Deklaration, die jetzt oft mit Äußerungen gegen die Aufstellung der Nationalen Streitkräfte einer pazifistischen Einstellung ihren Ausdruck findet.

Zum Wahlergebnis in Westberlin wurden nur vereinzelt negative Stellungnahmen bekannt.11 Vorwiegend befassen sich Einzelbauern damit und zeigen offen ihre Schadenfreude über das Stimmergebnis für die SED. So brachten z. B. verschiedene Bauern, hauptsächlich Groß- und Mittelbauern der Gemeinde Schrepkow, [Bezirk] Potsdam, zum Ausdruck, dass sie sich darüber freuen, dass die »SED bei der Wahl in Westberlin durchgefallen ist«.

Der ABV der Gemeinde Radensleben, Kreis Neuruppin, stellte bei einer Haus- und Hofbegehung fest, dass unter den dortigen LPG-Mitgliedern über das Westberliner Wahlergebnis dahingehend diskutiert wird, dass die SED wieder eine Niederlage erlitten hätte, man aber auch nichts anderes erwartet hat.

Zu dem bereits berichteten erhöhten Viehauftrieb melden die Bezirke Dresden und Cottbus über eine Unzufriedenheit der Bauern wegen der Nichtabnahme des Schlachtviehs, insbesondere von Vieh der Sollabgabe. Im Kreis Jessen, [Bezirk] Cottbus, z. B. hat die VEAB Holzdorf nur Lieferungen auf freie Spitzen angenommen,12 sodass die Bauern mit ihrem Vieh, welches zur Sollablieferung bestimmt war, wieder nach Hause fahren mussten. Im Kreis Calau mussten die Bauern mit ihrem Vieh bei der VEAB Lübbenau an den Ablieferungstagen mitunter den ganzen Tag warten und wurden dann nach Hause geschickt, weil die VEAB das Soll schon erfüllt hatte.

Ersatzteilmangel bei den MTS, der sich nachteilig auf die Arbeit und das Ansehen der MTS auswirkt, herrscht z. B. in einigen MTS des Bezirkes Magdeburg. In der MTS Ostingersleben, Kreis Haldensleben, fehlt es besonders an Lagern und Laufrollen für Raupenschlepper. Das Framowerk Hainichen/Sa. teilte mit, dass diese Ersatzteile nicht lieferbar sind, da schon längere Zeit das zugehörige Material aus dem Ausland nicht eingetroffen ist.

In der MTS Gerdshagen, Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, sind die Lichtmaschinen der letzten neun Traktoren RS 30 nicht mit Kugel- sondern mit Gleitlagern aus schlechtem Material ausgerüstet. Dadurch fielen die Lichtmaschinen schon nach wenigen Wochen aus, weil die Lager ausgelaufen waren. Sie können jedoch zzt. nicht repariert werden, da keine Lager und Anker vorhanden sind. Die Kollegen der MTS erklären, dass solche Mängel viel zu den Planrückständen beitragen und fordern Lichtmaschinen, statt mit Gleitlagern mit Kugellagern, die jahrelang halten.

Die MTS Grischnow,13 Kreis Cottbus, hat Verträge mit werktätigen Bauern für 1 300 ha Winterfurche abgeschlossen, von denen bisher erst 500 ha gepflügt wurden. Aufgrund dessen ist ein Teil der Bauern bereits dazu übergegangen, die Arbeiten in diesem MTS-Bereich selbst auszuführen. Ähnlich ist es auch in der MTS Peitz, Kreis Cottbus.

Ein MTS-Leiter aus dem Kreis Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, brachte zum Ausdruck, dass er sich nicht traut mit Reparaturen zu beginnen, da es an den nötigen Ersatzteilen zu einer ordnungsgemäßen Überholung fehlt. Er kann es sich nicht erklären, was bei unserer Planung los ist und fragt, ob Genosse Walter Ulbricht von diesen Missständen Kenntnis hat.14

In den MTS Großzössen15 und Steinbach, [Bezirk] Leipzig, herrscht gegenwärtig eine schlechte Stimmung. Viele Arbeiter bringen zum Ausdruck, dass sie bald in die Industrie gehen werden, denn dort bekommen sie mehr Geld und auch Briketts für das ganze Jahr. Solche Diskussionen wurden schon während der diesjährigen Ernte geführt.

In der MTS Böhme, Kreis Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, ist eine starke Fluktuation unter den Traktoristen zu verzeichnen. Sie sind mit ihrer Arbeit nicht zufrieden, da die Leistungsnormen in der MTS nicht richtig angewandt werden und nur auf dem Papier stehen. Dadurch erhalten die Traktoristen eine einheitliche Bezahlung, sodass die Arbeitsleistung und Arbeitsfreudigkeit fehlt.

Verderb: In der LPG Liepe, Kreis Rathenow,16 [Bezirk] Potsdam, sind 20 dz gedroschener Raps und 30 dz Weizen verschimmelt. Am 7.12.1954 wurden in der LPG noch die letzten Kartoffeln gerodet. Weitere 40 Ztr. Kartoffeln liegen noch auf dem Acker und sind erfroren.

Schweinepest: Am 4.12.1954 wurde durch den Kreistierarzt unter dem Viehbestand der LPG Rottenhof, Kreis Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, die Schweinepest festgestellt. Bestand: 123 Tiere. Bisher sind zwei Tiere verendet, die restlichen 121 Schweine wurden notgeschlachtet.

Übrige Bevölkerung

Im Rahmen der nur gering geführten politischen Diskussionen stehen dieselben über die Moskauer Konferenz an erster Stelle. Diskussionen zu anderen politischen Problemen wurden aus den Kreisen der übrigen Bevölkerung nicht bekannt.

Vorwiegend wird über wirtschaftliche Fragen diskutiert. Es wird daran Kritik geübt, dass oftmals die Zutaten für die Weihnachtsbäckerei fehlen und dass das Angebot an Textilien und Konfektion infolge schlechter Warenstreuung nur sehr mangelhaft bzw. in einigen Gemeinden vollkommen ungenügend ist.17 Zum Beispiel sagten Hausfrauen in einer Versammlung des DFD in Altenburg, [Bezirk] Leipzig: »Die Regierung muss aber auch mal Lehren aus den Fehlern von 1953 ziehen. Es war doch voriges Jahr auch schon so: Die Rosinen kamen am Heiligen Abend an und dieses Jahr ist es wieder so. Da müssen doch bestimmt oben Saboteure sitzen.«

Eine Hausfrau, die in Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Backzutaten kaufen wollte und keine bekam, äußerte: »Naja, im Westen haben sie eben alles und wir gucken eben immer nur in den Eimer.«

Eine Hausfrau aus Neukamp, [Bezirk] Rostock: »In der Zeitung stehen wohl immer schöne Rezepte für Weihnachten, aber die Zutaten sind nicht zu bekommen. Überhaupt verstehe ich nicht, dass unsere Regierung nicht dafür sorgt, dass wir für die Kleinstkinder Maizena18 erhalten.«

Eine Hausfrau aus Middelhagen, [Kreis] Putbus, [Bezirk] Rostock: »Ich weiß nicht, woran das liegt, dass die Textilien auf der Insel Rügen so knapp sind. In Stralsund bekommt man alles.«

Aus dem Kreis Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, wird berichtet, dass das Angebot an Konfektionskleidung allgemein gering sei. Es werden in der Bevölkerung dazu Stimmen laut, dass dafür Uniformen produziert würden.

In Objekten der Wismut in Oberschlema wird die Meinung vertreten, dass viele Menschen in unseren Wirtschaftsapparat seien, die unregelmäßige Belieferungen und Verteilung der Waren bewusst organisieren. Die Waren wären da, aber nur nicht dort, wo sie gebraucht würden.

In der Gemeinde Weferlingen, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, werden von Hausfrauen Angsteinkäufe, vor allem in Margarine, getätigt, da die Konsumverkäuferinnen propagierten, dass die Margarine zu Weihnachten sehr knapp sei.

Im Bezirk Frankfurt gibt es unter den Rentnern Diskussionen darüber, dass sie keine Weihnachtszuwendungen erhalten. Zum Beispiel sagte eine Rentnerin aus Frankfurt: »Drüben im Westen erhalten die Rentner 35,00 DM.19 Bei uns spricht die Regierung sehr viel von der Unterstützung der alten Rentner. Wäre es nicht möglich, dass man uns alten Leuten auch eine Zuwendung gibt?«

In den Reihen der Volkspolizei in Frankfurt gab es Diskussionen über Weihnachtszuwendungen auch für VP-Angehörige. Zum Beispiel sagte ein VP-Angehöriger: »Die VP hat nie etwas bekommen. Es wäre auch einmal gut, und vor allen Dingen gerecht, wenn man den Genossen der Volkspolizei auch so eine Weihnachtszuwendung gibt. Der Beschluss, den die Regierung gefasst hat, lässt so viele Hintertüren offen, dass die VP die Dummen sind und nichts erhalten werden.«

Unter den Kollegen der Konsumwerkstätten in Borkheide, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, herrscht Unklarheit, ob der genossenschaftliche Sektor ebenfalls Weihnachtszuwendungen auszahlt, weil von der VVK20 noch keine Richtlinien vorliegen.

Von der Schwerpunktgemeinde Möthlow, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, fahren in der letzten Zeit ca. 80 Prozent der Einwohner – meist ehemalige Umsiedler – laufend nach Westberlin, um dort ihre Gänse zu verkaufen. Sie erklären dazu, dass ihnen der Preis für freie Spitzen zu niedrig sei und sie in Westberlin für eine Gans umgerechnet 100 DM bekämen.

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

SPD-Ostbüro:21 Halle 1 800, Potsdam 580, Erfurt 100, Gera 57, Neubrandenburg 30, Karl-Marx-Stadt und Dresden einige. Inhalt: Hetze gegen die Volkswahlen.22

NTS:23 Frankfurt/Oder, Kreis Beeskow, 7 500, Berlin-Lichtenberg 116, Halle, Kreis Aschersleben, mehrere Bündel, Karl-Marx-Stadt 94, Dresden einige.

KgU:24 Karl-Marx-Stadt 120, Dresden 93, Erfurt 50.

In tschechischer Sprache: Karl-Marx-Stadt 500, Dresden 170.

Die Mehrzahl der Flugblätter wurde mit Ballons eingeschleust und sichergestellt.

Diversion

Am 4.12.[1954] fuhr auf der Strecke von Prenzlau nach Klockow, [Bezirk] Rostock,25 ein Zug auf einen Grenzstein, der auf den Schienen lag. Die Lok wurde beschädigt und musste in das Bahnbetriebswerk.

Im örtlichen Landwirtschaftlichen Betrieb in Nahwinden, Kreis Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, wurden in der Futterkrippe Glassplitter gefunden. In den letzten acht Tagen mussten bereits zwei Kälber wegen Darmentzündung geschlachtet werden.

Ein gefälschtes Schreiben erhielt der VEB Margaretenhütte in Großdubrau, [Bezirk] Dresden. Absender: Ministerium für Leichtindustrie. Inhalt: die Produktionsauflage soll um über 30 Prozent erhöht werden, da ein Export-Auftrag nach Holland vorliege.

Antidemokratische Tätigkeit

Im Aushängekasten der Jungen Gemeinde in Elsterberg, [Bezirk] Gera, wurde ein Aushang festgestellt, indem es u. a. heißt: Adventsankunft – aufmachen. Unser Herz ist verriegelt, da pocht einer einer [sic!] an. Der da klopft ist nicht ein Polizist, der uns abholen will, sondern ein Freudenbote.

Am 30.11.[1954] erschien bei einer Rentnerin in Damelang, [Bezirk] Potsdam, eine unbekannte Person und erklärte ihr, dass sie künftig keine Rente mehr erhalten werde, da sie bei der Volkswahl ihre Stimme den Kandidaten der Nationalen Front nicht gegeben habe.26

Vor etwa drei Wochen erschien auf dem Volksplatz in Rheinsberg, Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, eine unbekannte männliche Person mit dem angeblichen Auftrag vom staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Rheinsberg, die für den Grubenholzexport bestimmten Frachtbriefe nach Belgien abzuholen. Die Frachtbriefe wurden ihm ohne Weiteres ausgehändigt. Bis jetzt ist über den Verbleib der Frachtbriefe noch nichts bekannt geworden.

Vermutliche Feindtätigkeit

Am 8.12.[1954] brannte in Zehlendorf, Kreis Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, Braunkohle, die neben einer Scheune lag. Es wird vorsätzliche Brandstiftung vermutet.

In Groß Pankow, Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, brannte Stroh, mit welchem eine Kartoffelmiete eines Großbauern zugedeckt war. Als sich der ABV der VP der Brandstelle näherte, flüchteten zwei Personen (VP-Meldung).

Anlage 1 vom 10. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2388

Stellungnahmen zur Moskauer Konferenz

Weiterhin wird in allen Schichten der Bevölkerung – besonders aber unter den Werktätigen der Betriebe – über die Moskauer Deklaration gesprochen. Dabei zeigt sich, dass nur ein geringer Teil zu dem wichtigsten Punkt der Deklaration Stellung nimmt, nämlich dazu, dass alles getan werden muss, um die Ratifizierung der Pariser Verträge zu verhindern.27 Meist sind es fortschrittliche Kräfte, die den vollständigen Inhalt der Deklaration kennen.

Zum anderen gibt es eine ganze Reihe Äußerungen, die beinhalten, dass die Notwendigkeit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte im Falle der Ratifizierung der Pariser Verträge eingesehen wird. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass die Errungenschaften der DDR eine Verteidigung wert sind. Solche Äußerungen kommen aus den verschiedensten Bevölkerungskreisen.

Größeren Rahmen nehmen nach wie vor die Diskussionen ein, wo die Aufstellung Nationaler Streitkräfte mit den verschiedensten Argumenten abgelehnt wird. Vorwiegend wird darüber in den Betrieben, Institutionen und im sozialistischen Sektor der Landwirtschaft gesprochen, in allen anderen Schichten nur vereinzelt. Man spricht über dieses Thema losgelöst von den anderen Problemen, die in der Deklaration enthalten sind und vorrangige Bedeutung haben. Die Ursache liegt vielfach darin, dass den meisten der vollständige Inhalt der Deklaration gar nicht bekannt ist. Es bedarf deshalb noch einer großen Aufklärung, um vor allem die stark pazifistischen Auffassungen zu überwinden.

Es werden die verschiedensten Argumente gebracht. Zum Beispiel wird immer wieder betont, dass man für den Frieden ist, deshalb nichts von einem neuen Krieg wissen wolle und kein Gewehr in die Hand nehmen will. Oder es wird erklärt, dass sie niemals auf ihre Brüder und Schwestern im Westen schließen werden. Andere wieder sagen: Wenn wir nicht aufrüsten, wird uns der Westen auch nicht überfallen. Durch diese Argumente zeigt sich, dass die Menschen noch viel zu wenig über den aggressiven Charakter des amerikanischen und westdeutschen Imperialismus aufgeklärt sind. Zum Beispiel wurde unter den Arbeitern in der Dreherei des VEB Schmalkaldener Kranbau diskutiert, dass man ihnen immer vorgeredet hätte, dass wir gegen den Krieg sind. Es sollte keiner wieder ein Gewehr in die Hand nehmen. Jetzt hieße es aber, mit der Waffe in der Hand die Heimat zu verteidigen. Sie wollten lieber für wenig Geld arbeiten, aber nie wieder in einem Krieg ziehen.

Ein Arbeiter aus dem »Karl-Marx«-Werk Magdeburg: »Wenn wir hier Streitkräfte aufstellen und ich auch eingezogen werde, haue ich nach der Schweiz ab. Ich schieße nicht gegen meinen Vater, welcher in Westdeutschland wohnt.«

In der Kurzversammlung einer Schicht in der Fördebrücke (Objekt der Wismut) erklärten ca. 80 Prozent der Kumpels: »Wir wollen keine Soldaten. Wir sind 8 bis 10 Jahre Soldat gewesen, und wenn wir wieder zur Waffe greifen sollen: Gegen wen? Doch auch nur gegen Arbeiter und diesmal noch gegen unsere Brüder, das wollen wir nicht.«

Ein Arbeiter vom VEB Glashütte Schönborn, [Bezirk] Cottbus: »Wie denkt ihr euch denn das, sollen wir die Knarre in die Hand nehmen und Westdeutschland angreifen? Wenn wir dies nicht machen, was dann? Wir brauchen keine Streitkräfte, da wir keinen Krieg wollen!«

Ein Arbeiter aus dem VEB Metallgusswerk Leipzig: »Ich bin vollkommen gegen das Militär. Lasst doch die im Westen so viel rüsten wie sie wollen. Wenn wir nicht schießen, wird von drüben auch nicht geschossen.«

Weiterhin bewegt besonders die Jugend die Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte. Neben den positiven Stellungnahmen, die beinhalten, dass sie, wenn es sein muss, bereit sind, die Errungenschaften der DDR zu verteidigen, nimmt ein größerer Teil der Jugendlichen eine ablehnende Haltung ein. Ihr Hauptargument ist, dass sie bisher für den Frieden erzogen wurden und dass sie das Gleiche tun wollen, was der westdeutschen Jugend von uns geraten wird.28 Unter den Jugendlichen (Halle 46) im »Karl-Marx«-Werk Potsdam-Babelsberg wurde diskutiert: »Von unserer Regierung wird immer gesagt, dass die Jugendlichen in Westdeutschland ihre Gestellungsbefehle zerreißen sollen. Aber jetzt wird es hier ja auch bald so kommen, dass die Jugendlichen Gestellungsbefehle erhalten. Da müssen sie auch zerrissen werden.« Eine ähnliche Haltung nehmen die Jugendlichen im VEB Zeiss Jena und im VEB Bohrmaschinenwerk Saalfeld ein.

Auch kommt es immer wieder zu Äußerungen, aus denen hervorgeht, dass man der Meinung ist, eine kriegerische Auseinandersetzung stehe unmittelbar bevor. Ein Arbeiter vom Braunkohlenwerk »John Schehr«, Kreis Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus: »Jetzt beginnt das Einziehen zu den Nationalen Streitkräften und dann wird es nicht mehr lange dauern, bis es knallt.« Ein Kumpel aus dem Werk »Deutschland« in Oelsnitz: »Warum brauchen wir denn Nationale Streitkräfte. Wenn wir aufrüsten, dann kommt es auch zu einem neuen Krieg.«

Ein Kollege vom RAW »7. Oktober« in Zwickau: »Ich spare nicht mehr. Wir werden ja sowieso bald eingezogen. Dann kommt es zum Krieg und es ist mit der Sparerei vorbei.«

Feindliche Elemente hetzen weiterhin gegen die DDR und die SU und verbreiten Gerüchte, um die Bevölkerung zu beunruhigen. Ein Schlosser vom Bau 5c der Leuna-Werke: »Ohne mich, ich halte mich an die Aussprüche von Pieck29 und Grotewohl.30 Wenn es zum Krieg kommen sollte, dann müssen wir rechtzeitig abhauen, denn auf uns kann der Russe sich nicht verlassen und er muss uns nach Sibirien bringen.«

Der Hauptdispatscher der VEB Schuhfabrik »Roter Stern« in Burg: »Na, ich schmeiße jeden raus, der mich zum Kommiss holen will. Die hohen Funktionäre sollen selbst gehen.«

In den Gemeinden Behnsdorf, Flechtingen und Rippenstedt,31 [Kreis] Haldensleben, wurden die Hausfrauen mit dem Gerücht beunruhigt, dass alle Männer bis 50 Jahre eingezogen werden und dass das Wehrgesetz in allernächster Zeit in Kraft tritt.

Anlage 2 vom 10. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2388

Stimmung zum Ergebnis der Wahl in Westberlin

Über den Ausgang der Wahlen in Westberlin wird fast nur unter den Kollegen der Berliner Betriebe, Verwaltungsstellen und Volkspolizei diskutiert, während Stimmen aus der DDR nur ganz vereinzelt sind. Der Inhalt der Gespräche hat sich gegenüber den Vortagen nicht verändert. Meist ist man über das Ergebnis für die SED enttäuscht. Als Ursache hierfür wird der Schwindelkurs in Westberlin angesehen.32 Ein Teil der Kollegen fordert, die Grenzen zu schließen oder die Westberliner Arbeiter zu entlassen, die in dem demokratischen Sektor tätig sind. So äußerten z. B. viele Volkspolizisten auf der VP-Inspektion Friedrichshain, dass man die Sektoren-Grenzen schließen müsste, um den Westberlinern jede Möglichkeit zu nehmen, in dem demokratischen Sektor billig einzukaufen.

Einzelne bemängelten die Aufklärungsarbeit und sehen sie als Grund für das niedrige Wahlergebnis an. So sagten z. B. mehrere Kollegen der HO-Gaststättenverwaltung Weißensee: »Wir sind den Menschen drüben zu sehr auf die Nerven gefallen. Wir hätten sie nicht jeden Tag ansprechen sollen.«

Meinungen, dass trotz des niedrigen Stimmenergebnis[ses] die Agitation nicht umsonst war, wurden nur ganz vereinzelt bekannt. So äußerte z. B. ein Kollege von dem Rat des Bezirkes Köpenick: »Unsere Agitation war bestimmt nicht umsonst. Denn nicht nur die Westberliner Arbeiter, sondern auch die Bürgerlichen wurden mit unseren Ideen vertraut gemacht und zum Nachdenken angeregt.«

Im geringen Umfang wurden Meinungen bekannt, worin man sich über das Ergebnis freut. Hierbei handelt es sich um Elemente, die der Partei und der DDR negativ gegenüberstehen. Im Kreisbüro der SPD im Bezirk Friedrichshain herrschte eine »Siegesstimmung«.33 Die Meinung der Anwesenden war: Endlich hat einmal die SED zu spüren bekommen, was sie bei freien Wahlen zu erwarten hat. Es ist doch ganz klar, dass solch eine Partei der Diktatur keine Aussichten hat. Die Berliner sind nicht gewillt, sich von diesen SED-Pennern [sic!] terrorisieren zu lassen.

In einer Versammlung einiger Haus- und Hofgemeinschaften in Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, erklärte ein Elektriker: »Man sollte vonseiten der DDR auch mal freie Wahlen durchführen, dann würden wir sehen, wie das Ergebnis ausfiel. Die freien Wahlen in Westberlin beweisen, dass die dortige Bevölkerung mit der SED nicht einverstanden ist.«

Ein Gastwirt aus Kyritz, [Bezirk] Potsdam: »Mit der Wahl haben die einen ganz schönen Schlag versetzt bekommen. Aber sie haben doch 2,7 Prozent erreicht. Auch das ist noch viel zu viel.«

Ein Kollege aus dem Großhandelskontor Textilwaren in Luckenwalde: »Die Wahl in Westberlin war für die SED eine große Blamage. Aus dem Ergebnis kann man sehen, dass die Bevölkerung von dem SED-Regime nichts wissen will.«

Ein Brigadier aus dem Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »1946 hat die SED in Westberlin 13 Prozent an Stimmen gehabt.34 Jetzt aber nur 2,7 Prozent. Das ist eine Auswirkung der Politik der DDR

Anlage 3 vom 10. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2388

Über Mängel in der Arbeit mit den Intelligenzlern im EKS Frankfurt/Oder

Von Intelligenzlern des EKS35 wurde mehrfach die Zusammenarbeit mit der Werkleitung bemängelt. Unter anderem beklagen sie sich, dass sie in ihrer Arbeit behindert werden. So versuchen z. B. der Werkleiter, der technische Direktor und die Hochofenleitung die niedrige Leistung der Hochöfen mit ungünstigen physikalischen Bedingungen zu rechtfertigen. Nach Auffassung des Leiters der Wärmestelle hat man jedoch die Bedeutung und Aufgaben der Wärmewirtschaft und der chemischen Bedingungen für die Öfenführung missachtet bzw. bewusst verkannt. Es wurden z. B. Anregungen für die Qualifizierung von Hochöfnern gegeben, um den Energieverbrauch einzuschränken, jedoch hatte der technische Direktor kein Interesse für diese Probleme und schickte die Delegation der Grundorganisation der SED wieder weg ohne sie anzuhören.

Verbesserungsvorschläge der Intelligenz und der Arbeiter werden nur schleppend bearbeitet. Zum Beispiel reichte eine Technikerin, die als kommissarischer Leiter der Abteilung Forschung und Wissenschaft tätig war, 1952 einen Vorschlag zur Verwertung der anfallenden Schlacke beim Vorschlags- und Erfindungswesen ein. Dieser Vorschlag wurde bereits in der Praxis in der Maxhütte [Unterwellenborn] erprobt, wurde aber aus verschiedenen Gründen nicht anerkannt und diese Technikerin bekam nur hinhaltende Zwischenbescheide. Ähnlich sieht es mit verschiedenen Vorschlägen der Arbeiter aus.

Auch die Versetzung von Kräften aus der Intelligenz in andere Abteilungen geschieht oft ohne persönliche Rücksprachen und ihre eigenen Vorschläge werden nicht beachtet. So geschah es z. B. mit dem Leiter der Erzaufbereitung, der ebenfalls selbst kündigte, weil mit ihm so verfahren wurde.

Stark kritisiert wird das Verhalten des Werkleiters zu der Kaderarbeit. So kündigte z. B. ein qualifizierter Intelligenzler, Abteilungsleiter, weil er keine Unterstützung durch die Werkdirektion erhielt und, wie er selbst anführe, der Gehässigkeit des Werkdirektors ausgesetzt war.

Anlage 4 vom 10. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2388

Äußerungen von Personen, die von Westdeutschland in die Deutsche Demokratische Republik übergesiedelt sind

Die vorliegenden Stellungnahmen – meist von Arbeitern – sind ausschließlich positiv. Aus dem Inhalt geht hervor, dass die Personen ihren Schritt nicht bereuen und dass sie froh sind, wieder in geordneten Verhältnissen leben zu können. Sie gelangten zu der Erkenntnis, dass in der Bundesrepublik die Verhältnisse in der DDR ganz entstellt dargelegt werden. Zum Beispiel sagte ein Arbeiter: »Nachdem ich drei Tage in Halle war, bekam ich schon Arbeit. Ich verdiene 450 DM, damit kann man gut auskommen. Das Einzige was ich hier vermisse, ist das gute bayrische Bier und die Zigaretten. Diese Genussmittel gibt es zwar hier auch genügend, aber nicht in der richtigen Qualität. Ich habe mir vorgenommen, auf die Hochschule zu gehen und Bautechnik zu studieren. Hier stehen jedem, der vorwärtskommen will, alle Möglichkeiten offen.«

Ein Schlosser: »Wir waren kaum ein paar Tage hier, da hatten wir schon Arbeit. Ich selbst bin auf einer großen MTS als Schlosser tätig und meine Frau ist im Büro untergekommen. Es lässt sich hier ganz gut leben. Besonders viel wird für die Jugend getan, die in jeder Weise gefördert wird.«

Ein Arbeiter: »Die vielen Vorteile eines Arbeiters hier gegenüber in Westdeutschland sind kaum aufzuzählen. Ich arbeite jetzt in einer der größten Druckereien; die sozialen Einrichtungen waren für mich völlig neu, so etwas gibt es drüben nicht.«

Ein Angestellter: »Ich habe in den Monaten meines Hierseins erfahren müssen, dass die Propaganda der westlichen Imperialisten nur auf Lug und Trug aufgebaut ist. Ich habe noch nicht einen Punkt der gemachten Behauptungen bestätigt erhalten. Man hat mich vielmehr absolut vom Gegenteil überzeugt. Wenn es hier auch noch Lebensmittelkarten gibt, so steht aber fest, dass hier die lebensnotwendigen Produkte billiger als in Westdeutschland sind und darauf kommt es ja schließlich an. Der Lebensunterhalt ist hier bei Weitem billiger.«

Ein Intelligenzler: »Was ich bis jetzt hier in der DDR kennengelernt habe, befriedigt mich. Ich bin nur noch nicht im Klaren, ob ich hier in Halle bleibe oder nach Berlin gehe. Ich stehe bereits mit dem Ministerium in Verbindung. Ich bin bereit, in die Reihen derer zu treten, die für den Frieden arbeiten. Wie unterschiedlich ist doch das Wirtschaftsleben zwischen drüben und hier. In Westdeutschland ist alles auf den Krieg abgestimmt und hier auf den Frieden.«

Ein Intelligenzler: »Ich bin nun schon ein Jahr in Bautzen. Es geht mir gut und ich möchte nicht wieder zurück. Die Verhältnisse sind hier gänzlich anders, als sie drüben dargestellt werden. Aber das muss man sehen und studieren, sonst glaubt man es drüben doch nicht. Ich habe mich deshalb an mir bekannte Ärzte gewandt und habe sie aufgefordert, rüberzukommen und sich anhand der Tatsachen selbst zu überzeugen.«

Ein Jugendlicher: »Ich arbeite im VEB Porzellanwerk in Kloster Veilsdorf und es gefällt mir gut. Nur eins ist sehr mangelhaft, und das ist die FDJ-Arbeit. Die Freunde sollten sich ein Beispiel an unseren Freunden drüben nehmen, die unter ganz anderen Bedingungen arbeiten müssen und viel aktiver sind.«

Anlage 5 vom 10. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2388

Auswertung der Westsendungen

Die Kommentare der Westsender zur 3. Tagung unserer Volkskammer beschäftigen sich vorwiegend mit der Frage der Sicherheitsmaßnahmen im Falle der Ratifizierung der Pariser Verträge.36 Die Ausführungen der Genossen Grotewohl und Ulbricht werden in hetzerischen Worten wiedergegeben und es wird offensichtlich das Ziel verfolgt, die Bedeutung der Volkskammertagung herabzumindern.

Eine andere Sendung – London 8.12.[1954]37 – setzt die Hetze gegen die SU und die Volksdemokratien fort, dass dort stark gerüstet würde.

Zur Beunruhigung der Angestellten der VEB und der Verwaltungen veröffentlicht der RIAS Meldungen über »umfangreiche Entlassungen von Angestellten« im Zuge der Erfüllung der Aufgaben des 21. Plenums des ZK der SED.38

Eine Sendung über die Energieversorgung in der DDR enthält wiederholt die bereits bekannte Hetze, dass die SU an der schlechten Energieversorgung die Schuld trage, da die entsprechenden Betriebe von ihnen demontiert worden seien.

Eine Sendung des RIAS über »ernste Schwierigkeiten in der Versorgungslage der Zone« bringt deutlich die Absicht der Hetzsender zum Ausdruck, dass man besonders die Hausfrauen über die Versorgungslage beunruhigen will, unabhängig davon, dass bereits Verbesserungen erzielt wurden, die auch von dem Sender anerkannt werden müssen. Es heißt dazu: »… Es ist nach wie vor nötig, genauso nötig, wie in den Jahren der Brotrationierung, über die Versorgung zu sprechen. Einfach deshalb, weil die Hausfrauen in Magdeburg und Chemnitz, in Rostock und Dessau womöglich den Sinn für das normal Übliche verlieren; weil sie, wenn es auch ausnahmsweise Margarine nach Bedarf und Fleisch in ausreichendem Umfang zu kaufen gibt, der Suggestion der Verbesserung zum Opfer fallen könnten und womöglich keinen Begriff mehr haben für das eigentlich Selbstverständliche.« Als Beispiel für das »eigentlich Selbstverständliche« wird angeführt, dass im Westen bei einem Teppichkauf derselbe von der Firma nach Hause transportiert wird, während ein in der HO gekaufter Teppich von dem Käufer selbst nach Hause getragen werden muss!

Auch in der Landwirtschaft zielt die Hetze der Westsender auf die Beeinflussung der Bauern hin, dass durch die Beschlüsse des 21. Plenums eine Verschlechterung ihrer Lage zu erwarten sei. Es wurden dabei mehrfach Vergleiche gegenüber den Maßnahmen nach der 2. Parteikonferenz gezogen.39 Unter anderem spricht der RIAS von der Erfüllung des Abgabesolls und der Möglichkeit der Lieferung von Austauschprodukten. Es heißt: »… Wie sich die Partei das vorstellt, werden die Bauern, die ihr Soll in tierischen und pflanzlichen Produkten noch nicht erfüllten, sehen, wenn in den nächsten Tagen die Eintreiber kommen und ihnen die Gänse aus dem Stall holen wollen. Außerdem … bedeuten die Bestimmungen über den Austausch einen enormen finanziellen Verlust für die Bauern. Was Ulbricht den Arbeitern auf dem Wege über Normenerhöhung, Qualifizierung usw. wegnehmen will, das soll den Bauern durch jene Bestimmungen entzogen werden. – Vertreter der Landbevölkerung waren nicht dabei, als das ZK diese Maßnahmen beschloss.«

In einer anderen Sendung heißt es, dass die Lieferung von Austauschprodukten den Bauern die Möglichkeit nimmt, freie Spitzen zu verkaufen. Dies sei ihnen solange untersagt, bis sie in sämtlichen Produkten ihr Soll erfüllt haben.

Der Sender »Freies Berlin« fordert die Bevölkerung Westberlins auf, an Bürger der DDR Weihnachtspäckchen zu schicken, da die Regierung der DDR die Übersendung von Paketen durch Institutionen in Westberlin nicht zugelassen habe. Der Sender stellt dazu Adressenmaterial zur Verfügung.

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    11. Dezember 1954
    Informationsdienst Nr. 2389 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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