Direkt zum Seiteninhalt springen

Zur Beurteilung der Situation in der DDR

15. Dezember 1954
Informationsdienst Nr. 2392 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft

Industrie und Verkehr

Im Vordergrund der Gespräche über politische Tagesfragen steht die Moskauer Konferenz.1 Zur Verschacherung des Saargebietes2 wurde in der Maschinenfabrik »Sumpuko« (Privatbetrieb) Greiz,3 [Bezirk] Gera, unter den Jugendlichen im Zusammenhang mit der Oder-Neiße-Grenze diskutiert. So äußerte z. B. ein Jugendlicher: »Wir brauchen uns doch nicht darüber aufzuregen, weil die Regierung der DDR ja ebenfalls die Gebiete Ostpreußen und Schlesien an die SU verschachert hat.« In diesem Betrieb ist eine starke Konzentration von ehemaligen Umsiedlern zu verzeichnen und diese tragen bewusst diese Diskussionen unter die Jugendlichen.

Über Weihnachtsgelder wird weiterhin besonders von Arbeitern, die aufgrund höherer Leistungen in letzter Zeit über 500 DM verdienen, und deshalb keine Weihnachtszuwendungen erhalten, diskutiert.4 Sie sind darüber verärgert. Teilweise wollen sie künftig Überstunden und Ähnliches ablehnen. Ein Arbeiter vom VEB Zuckerfabrik Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg (parteilos): »Ich habe dem Werk noch geholfen, weil wenige Arbeitskräfte vorhanden sind. Außerdem arbeiten wir in der Kampagne täglich zwölf Stunden und verdienen nun zeitweilig über 500 DM. Ist es nun richtig, dass wir kein Weihnachtsgeld bekommen?« Da diese Diskussionen in dem VEB Zuckerfabrik Salzwedel häufig werden, wurde von der Betriebsleitung beschlossen, einen Ausgleich aus den Mitteln des Direktorenfonds vorzunehmen.

Ein BGL-Vorsitzender des Kreisbauhofes Delitzsch, [Bezirk] Leipzig: »Da haben sie wieder ein Ding losgelassen, die Fleißigen werden bestraft und die Faulenzer bekommen das Geld. Denn wer immer seine Norm erfüllt bzw. übererfüllt hat, macht dabei den Dummen.«

Ein parteiloser Hauer aus dem VEB Zinnerz Altenberg, [Bezirk] Dresden: »In diesem Jahr ist es schlechter als im Jahre 1953.5 Da ist es ja in den privaten Betrieben besser. Die zahlen bis zu 100 DM Weihnachtsgeld aus.«

Unter den Jugendlichen und Mitgliedern der GST der Grundeinheit Sanar Dahlen, [Bezirk] Leipzig, wurde wie folgt diskutiert: »Im vergangenen Jahr gab es 40,00 DM Weihnachtszuwendungen und in diesem Jahr 35,00 DM. Die 5,00 DM, welche eingespart wurden, sind für die Aufstellung Nationaler Streitkräfte bestimmt.«

Das Wasserwerk Magdeburg-Buckau bekam am Sonntag drei Waggons Kohle von der Reichsbahn zugestellt, die jedoch am Monatmorgen [sic!] erst entladen wurden, wodurch Standgeld von mehreren Hundert Mark zu entrichten ist. Zwei Kollegen, die in den vorhergehenden Fällen außerhalb ihrer täglichen Arbeitszeit diese Waggons entladen haben, erschienen diesmal nicht am Entladeort mit der Begründung, dass sie durch Überstunden im Monat November 508 DM verdient haben und nun nicht in den Genuss des Weihnachtsgeldes kommen. Sie vertreten die Meinung, dass sie in Zukunft ohne Überstundenleistung besser wegkommen.

Um der Forderung des 21. Plenums des ZK zur Erhöhung der Rentabilität der Betriebe nachzukommen,6 werden in einigen Betrieben im Bez[irk] Magdeburg Entlassungen von einigen Kollegen noch vor Weihnachten vorgenommen bzw. eingeleitet. So will z. B. die HO-Gaststätte Magdeburg 400 Kollegen, VEB Gummiwerk »John Schehr« Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, 17 Kolleginnen und in Salzwedel wollte ein Privatunternehmer 48 Kollegen entlassen. In Salzwedel wurde dies verhindert.7

Im VEB Hartmetallwerk in Immelborn, [Kreis] Bad-Salzungen, [Bezirk] Suhl, konnte der Jahresplan nicht erfüllt werden, da nicht genügend Aufträge vorhanden sind. Der Werkleiter äußerte, dass sie aber in der Lage sind, für 10 Millionen DM Hartmetall mehr zu produzieren, jedoch schafft der DIA keinen Absatz. Die Kollegen sind verärgert, dass sie keine Prämien erhalten, weil sie ihren Produktionsplan nicht erfüllt haben, was aber nicht ihre Schuld ist. Sie sind der Meinung, dass Hartmetall gebraucht wird und die Kapazität des Betriebes unbedingt ausgelastet werden muss.

Um einen guten Anlauf des 5. Jahres des 5-Jahrplanes zu gewährleisten,8 wurden von einigen Betrieben bereits Vorlaufkontingente an Material übergeben. Wie jetzt bekannt wird, lehnen die einzelnen DHZ die Lieferung der Materialien vor dem 1.1.1955 ab. Das bedeutet, dass der Anlauf des Volkswirtschaftsplanes nicht ordnungsgemäß durchgeführt werden kann. Zum Beispiel lehnt es die DHZ Holz ab, das bereits geschlagene Holz dem Sägewerk Jesau, [Stadt] Kamenz, [Bezirk] Dresden, vor dem 1.1.1954 [sic!] zu liefern.

Der VEB Holzverarbeitungsbetrieb Dresden hat dieselben Schwierigkeiten mit der DHZ Dresden.

Produktionsstörung

Am 13.12.1954 ereignete sich im VEB Braunkohlenwerk Grube Globau,9 [Bezirk] Halle, ein Zusammenstoß zwischen einem Güterzug der Reichsbahn und einer E-Lok der Grube Globau. Dabei wurden fünf Waggons total und vier mittelmäßig beschädigt. Sachschaden: ca. 100 000 DM. Ursache: noch nicht bekannt.

In einigen Betriebsorganisationen der Deutschen Reichsbahn wurden Versammlungen mit dem Thema: »Die DDR ist auch die Heimat der nationalen Minderheit der Sorben« durchgeführt.10 Bei der Waldeisenbahn Muskau wurde von Genossen geäußert, dass sie, obwohl sorbischer Abstammung, sich nicht mehr mit dem Sorbentum verbunden fühlen, aufgrund der langen Jahre, in denen nur die deutsche Sprache anerkannt war. Im Bahnbetriebswerk Cottbus sprachen allein 14 Kollegen in ablehnender Form zur Diskussion. Ein Genosse äußerte, man solle auch den sorbischen Unterricht nicht einführen, da ihn die Bevölkerung zu 98 Prozent ablehnen würde.

Von der Redaktion der »Volksstimme« Magdeburg11 wurde bekannt, dass verschiedene Jugendliche sich nach Abschluss ihrer Prüfung nach dem Westen absetzen. In diesem Betrieb herrscht die Meinung, dass sie als Jugendliche in die VP gezwungen werden, im Westen dagegen brauchten die Jugendlichen, die aus der DDR kommen, nicht in die Söldnerarmee und auch nicht in die Wehrmacht. Diese Meinung trat auf, nachdem mehrere VP-Angehörige in diesem Betrieb für die VP warben.12

Handel und Versorgung

Mängel in der Versorgung mit Weihnachtsbedarf u. a. m. wurden nur vereinzelt bekannt. So fehlt es z. B. in einigen Kreisen der Bezirke Karl-Marx-Stadt und Schwerin an Schokoladenerzeugnissen. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt außerdem an Südfrüchten. Im Bezirk Gera besteht ein Mangel an Eiern.

Ein Mangel an HO-Fetten und teilweise an HO-Fleisch besteht in einigen Kreisen des Bezirkes Potsdam, wogegen in den Schlachthöfen des Bezirkes, wie Rathenow und Potsdam, der Anfall von Vieh so stark ist, dass er nicht verarbeitet werden kann. So hat z. B. der Schlachthof Potsdam die Abnahme von Vieh bis zur Verarbeitung des alten Bestandes gesperrt, da einige Tiere schon vom langen Stehen ohne Futter verendet sind.13

In den Lagerräumen des VEB Polstermöbelfabrik Cottbus lagern etwa für 100 000 DM fertige Polstermöbel, die infolge Transportschwierigkeiten (Waggons) nicht den Bestimmungsorten zugeleitet werden können. Auf der anderen Seite ist zu verzeichnen, dass aus anderen Bezirken Polstermöbel in den Bezirk Cottbus u. a. auch aus Mecklenburg eingeführt werden.

Landwirtschaft

Die Moskauer Konferenz und die im Zusammenhang damit stehenden Fragen sind weiterhin der Mittelpunkt politischer Diskussionen.14 Über die 3. LPG-Konferenz in Leipzig wird erst wenig gesprochen.15 Einige Großbauern begrüßen die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht,16 in Bezug auf die Aufnahme der fortschrittlichen Großbauern in die LPG.17 So erklärte z. B. ein Großbauer und Mühlenbesitzer aus Bad Dörenberg,18 Kreis Meißen: »Auf der 3. Konferenz der LPG-Vorsitzenden in Leipzig erklärte Walter Ulbricht, dass unter besonderen Umständen auch Großbauern der LPG beitreten können. Über die Worte von Walter Ulbricht bin ich sehr erfreut, denn das beweist mir, dass wir Großbauern das Vertrauen der Regierung besitzen. Mitglied der LPG zu werden, wird in Zukunft für uns das Beste sein, denn die Entwicklung geht weiter und was die Arbeitskräfte betrifft, bekämen wir dann überhaupt keine mehr.«19

Ein Agronom aus dem Kreis Freital, [Bezirk] Dresden, äußerte sich zur Rede Walter Ulbrichts: »Die Ausführungen, dass fortschrittliche Großbauern in die LPG aufgenommen werden können, sind ein guter politischer Schachzug. Hier unterscheiden sich die Reaktionären von den Fortschrittlichen. Es gibt ohne Zweifel unter diesen gute Fachkräfte.«

In Großwoltersdorf und Neulögow, [Bezirk] Potsdam, sind mehrere Großbauern aufgrund des Referates Walter Ulbricht auf der 3. Konferenz an die jeweiligen LPG herangetreten und haben um Aufnahme gebeten. Es handelt sich in allen Fällen um solche Großbauern, die ihren Verpflichtungen dem Staat gegenüber in jeder Weise nachgekommen sind.20

Verschiedentlich ergeben sich Schwierigkeiten bei der Erfassung landwirtschaftlicher Produkte, die von reaktionären Großbauern oft in einer feindlichen Absicht zurückgehalten werden, wie z. B. im Bezirk Potsdam.21 So erklärte ein Großbauer aus Lütkendorf, Kreis Pritzwalk, einem Erfasser: »Ich liefere nichts ab. Es müssen erst die Rückstände gestrichen werden, so wie es in anderen Kreisen der Fall ist. Ihr bekommt kein Körnchen Getreide und meine elf Schweine brauche ich für das nächste Jahr.«

In Uichteritz, Kreis Weißenfels, [Bezirk] Halle, besteht in der Ablieferung unter den Großbauern immer noch die Meinung, sie wären zu hoch veranlagt und könnten ihr Ablieferungssoll nicht aufbringen. Ein Großbauer sagte: »Jawohl, auch ich bin für den Frieden. Wenn wir die Einheit haben, wird sowieso alles anders. In der Ablieferung hilft mir der Staat nicht. Die Planerfüllung muss wegfallen, da sie mich hemmt.«

In Nettelbeck, Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, hat dagegen ein werktätiger Bauer sein Kartoffelsoll mit 100 Ztr. übererfüllt. In einer öffentlichen Gemeindevertretersitzung beschwerte er sich, dass er dafür kein Futtergetreide bekommen hat. Er verlangt jetzt, dass wenigstens die 100 Ztr. für das Kontingent im kommenden Jahr angerechnet werden und meint, wenn er die Kartoffeln behalten hätte, dann hätte er jetzt was zum Füttern.

Missstimmung herrscht in der LPG Nonnevitz, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock, über die schlechte Wasserversorgung. Das Wasser muss jetzt von der LPG Starrvitz geholt werden, die ca. 4 km entfernt liegt. Für das Jahr 1955 ist ein Neubau geplant, jedoch auch wieder ohne Wasserleitung. Die Genossenschaftsbauern lehnen diesen Bau ab, falls keine Wasserleitung eingeplant wird.

Klagen kommen aus der VE Binnenfischerei Königswartha, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, über die Zuckerfabrik Löbau, die Löbauer Stückfärberei und der daranliegenden Webereien-Spinnereien. Durch die unsachgemäße Ableitung der Abwässer ist eine Vergiftung der Fische in der Spree zu verzeichnen. Es wird vermutet, dass die Kläranlagen dieser Betriebe nicht einwandfrei sind und die Kontrolle des Überlaufens der Kläranlage vernachlässigt wird. Durch die Abstellung dieser Mängel würde ein größerer Ertrag von Speisefischen erzielt, die jetzt durch Bauchwassersucht eingehen und ungenießbar sind.

Am 13.12.1954, gegen 10.30 Uhr geriet eine Scheune der LPG »Freiheit« in Göritz, Kreis Erfurt,22 aus bisher unbekannter Ursache in Brand. Vernichtet wurden 2 500 Ztr. Hafer, 550 Ztr. Gerste, 50 Ztr. Weizen, 100 Ztr. Rübentrockenblätter. Eine Dreschmaschine mit Presse, ein Motor und ein Ackerwagen. Schaden ca. 61 000 DM.23

In der LPG »Alfred Baumann« Zwickau-Planitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind ca. 100 Schafe verendet. Die LPG hatte es unterlassen, den Tierarzt davon zu verständigen. Die Untersuchungen ergaben, dass die Schafe infolge mangelhafter Fütterung und schlechter Versorgung verendet sind. Die Betreuung der Schafe wurde von einem 15-jährigem landwirtschaftlichen Lehrling vorgenommen. Dieser besitzt keinerlei Kenntnis in der Viehpflege.24

Übrige Bevölkerung

Neben den Diskussionen, die sich mit der Moskauer Deklaration und dabei vor allem mit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte beschäftigen, wird vorwiegend über wirtschaftliche Fragen diskutiert. Besonders aus den Kreisen der Hausfrauen kommen aus den verschiedensten Bezirken Klagen über ein ungenügendes Warenangebot oder über Preissteigerungen. Auch im Einzelhandel besteht Unzufriedenheit, dass die Wünsche der Käufer nicht befriedigt werden können und sich der Einzelhandel gegenüber HO und Konsum benachteiligt fühlt. So diskutieren z. B. die Hausfrauen in Bad Blankenburg, [Bezirk] Gera, wie folgt: »Mit was sollen wir nur Weihnachten backen, wenn es überhaupt keine Eier gibt. Auch Eiaustauschmittel gibt es nur sehr wenig.«

In den Randgebieten von Berlin im Bezirk Frankfurt sind die Hausfrauen unzufrieden darüber, dass Berlin als Schaufenster der DDR betrachtet wird, wo es alles gibt, während es in den übrigen Gebieten der DDR kaum Apfelsinen, Nüsse sowie andere Nahrungs- und Genussmittel gäbe.

Beim VPKA Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden in den letzten Tagen im verstärkten Umfang Interzonenbescheinigungen für einen kurzfristigen Aufenthalt nach Hof, Bayern und Umgebung beantragt. Es wird vermutet, dass diese Personen in verstärktem Umfang Waren nach der DDR bringen wollen.

Im Kreis Ueckermünde kursiert das Gerücht, dass das Schmalz teurer wird.

Im Bezirk Halle wird von den Hausfrauen Klage geführt, dass die Preise für verschiedene Industriewaren gestiegen sind. Zum Beispiel sagte eine Verkäuferin von der HO Industriewaren in Sangerhausen, dass sie jetzt Angorapullover bekommen hätten, die für 93,00 DM verkauft werden müssen, obwohl sie bei der letzten Lieferung nur 65,00 DM kosteten. Bei Kinderhemden war der Preis erst 3,20 DM, jetzt kosten sie 5,30 DM. Die Kundschaft würde darüber sagen, dass wohl des Öfteren Preissenkungen gemacht würden,25 aber dass dann anschließend die Waren wieder teurer würden. Es wird auch das Steigen der Fahrradpreise von 330 DM auf 360 DM kritisiert.

Unter einem Teil der Einzelhändler im Bezirk Neubrandenburg besteht Unzufriedenheit darüber, da sie schlecht mit Waren beliefert werden. Gleichzeitig kritisieren sie, dass man ihnen keine Verkaufsmöglichkeiten auf den Weihnachtsmärkten gab. Ein Einzelhändler (NDPD) aus Neustrelitz schilderte außerdem als Beispiel über eine Benachteiligung, dass sie von der DHZ Geflügel in Gläser erhalten hätten, was beim genossenschaftlichen Handel billiger verkauft wird als ihnen von der DHZ angewiesen wurde. Er sagte dazu: »Auf eine Anfrage bei der DHZ, warum hier ein Unterschied bestehe, erhielten wir keine Erklärung, sondern nur die Antwort: ›Seien sie froh, dass wir ihnen nicht mehr geliefert haben, sonst hätten sie noch mehr Schaden‹.«

Die MTS-Buchhalterschule sowie weitere drei FDGB-Schulen in Buckow, [Kreis] Freienwalde,26 [Bezirk] Frankfurt, hatten nur noch bis zum 13.12.[1954] Kohlen. Eine Rücksprache mit dem Rat des Kreises ergab, dass dort auch nicht bekannt ist, wann mit neuen Kohlenlieferungen zu rechnen ist.

Bei der Plankommission des Magistrats von Groß-Berlin haben sich seit Juli 1954 die Anträge auf Umzugstransporte nach Westberlin erheblich erhöht. Von 480 Anträgen im Juli stieg die Zahl auf 1 056 im Oktober. 50 Prozent der Antragsteller geben berufliche Gründe an, bei denen es sich wiederum zu 90 Prozent um Angestellte und Beamte von Großbanken, Versicherungskonzernen sowie von den Betrieben AEG und Siemens handelt. Außerdem befindet sich unter den Antragstellern ein großer Teil Rentner, die nach Westberlin oder Westdeutschland ziehen wollen, weil sie dort pensionsberechtigt sind.27

Organisierte Feindtätigkeit

Hetzschriftenverbreitung

SPD-Ostbüro:28 Magdeburg, Kreis Wernigerode, 10 000 (Karton), Erfurt, Kreis Eisenach, 1 000, Rostock 411, Schwerin einige.

NTS:29 Magdeburg 150, Erfurt, Kreis Worbis, 1 Paket, Neubrandenburg, Kreis Pasewalk, 3 600, Karl-Marx-Stadt 1 100, Halle, Saalkreis, 6 000, in der Stadt Halle 1 000, Kreis Wittenberg 200.

In tschechischer Sprache: Dresden, Kreis Bautzen, 1 800, Kreis Bischofswerda 1 500, Kreis Löbau 1 000, Kreis Zittau 1 000, Karl-Marx-Stadt einige.

Am 13.12.1954 wurden in Stavenhagen, [Bezirk] Neubrandenburg, in der Zeit von 17.00 bis 18.30 Uhr von unbekannten Tätern in Briefkästen von Funktionären Hetzschriften geworfen. Bei diesen Hetzschriften handelt es sich um einfache Notizbuchblätter, auf denen mit Druckkasten das Zeichen der sogenannten Deutsch-Russischen Widerstandsbewegung gedruckt ist.30

In den späten Abendstunden des 13.12.1954 haben unbekannte Täter in Zossen ca. 40 kleine Hetzschriften an Häuser geklebt. Inhalt: Hetze gegen die Preise und Steuern in der DDR.

Am 14.12.1954 wurden im Laufe des Tages im Stadtgebiet Gera auf den Straßen und in Hauseingängen gefälschte 5-Liter-Benzinmarken gefunden.

Diversion

Im VEB Kaliwerk »Glückauf« Sondershausen, [Bezirk] Erfurt, wurde in der Nacht zum 14.12.1954 ein Kabel an mehreren Stellen angehackt. Es entstand dadurch ein Arbeitsausfall von 2½ Stunden. An diesem Kabel waren das Licht und die Signalanlage angeschlossen.

Gefälschter Anruf

Ein Tischlermeister in Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, erhielt des nachts von einer unbekannten Person einen telefonischen Anruf mit folgendem Wortlaut: »Ich warne sie, heute Nacht passiert ein Unglück.« Dasselbe wird aus dem Kreis Senftenberg berichtet. Dort drohte man dem Angerufenen, dass er verhaftet würde.

Gerücht

In der Volkswerft Stralsund erzählt man, dass alle, die aufs Land gehen, einen roten Stempel in ihr Arbeitsbuch bekommen und nie wieder in die Stadt dürfen.

Vermutliche Feindtätigkeit

In der Nacht zum 13.12.1954 brannte gegen 2.00 Uhr in der Gemeinde Kleinwusterwitz, [Kreis] Genthin, [Bezirk] Magdeburg, Ortsteil Demsin,31 die Scheune eines Neubauern und das angebaute Wohnhaus zur Hälfte ab. Verbrannt sind außer den Gebäudeteilen ca. 200 Ztr. ungedroschenes Gemenge und ein Dreschsatz.

Anlage 1 vom 15. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2392

Stellungnahmen zur Moskauer Deklaration

Weiterhin stehen im Mittelpunkt der politischen Gespräche die Moskauer Deklaration sowie die damit im Zusammenhang auftretenden Probleme. Von fortschrittlichen Kräften wird immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass alles getan werden muss, um die Ratifizierung der Pariser Verträge zu verhindern,32 da es den Kriegstreibern nicht gelingen darf, ein neues Völkermorden zu entfachen. Sollte jedoch die Ratifizierung nicht verhindert werden, so ist man damit einverstanden, dass dann in der DDR Sicherungsmaßnahmen getroffen werden. Solche Äußerungen kommen aus den verschiedensten Kreisen der Bevölkerung.

Die Diskussionen über die Aufstellung Nationaler Streitkräfte halten vorwiegend in den Betrieben noch immer an. Dabei zeigt sich nach wie vor, dass in dieser Frage große Unklarheiten bestehen und demzufolge von einem großen Teil in ablehnender Weise darüber gesprochen wird.33 Am stärksten tritt immer wieder in Erscheinung, dass vielfach Arbeiter und Angestellte, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht haben, erklären, dass sie vom Krieg genug haben und nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen wollen. Einige äußern, dass sie in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine Unterschrift leisten mussten. Auch Arbeiterinnen und Hausfrauen erklären, dass sie niemals zulassen werden, dass ihre Söhne und Männer eine Uniform anziehen. Man beruft sich in diesem Zusammenhang immer wieder darauf, dass es in der DDR immer geheißen habe, dass keiner wieder ein Gewehr in die Hand nehmen darf oder dass es in unserer Nationalhymne heißt: »…, dass nie wieder eine Mutter ihren Sohn beweint«.34 Diese pazifistischen Ansichten sind noch immer stark – besonders unter den Jugendlichen – vertreten. Dies zeigt, dass die Aufklärung über diese Fragen noch ungenügend ist.

Verschiedentlich kommt es auch vor, dass in Versammlung gegen Resolutionen gestimmt wird oder dass in den Betrieben feindliche Argumente verbreitet werden. Bei der Großkundgebung im LEW Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, auf der Genosse Otto Grotewohl35 sprach,36 zeigte sich, dass die Mehrzahl der Belegschaftsmitglieder aufmerksam das Referat verfolgte und begeisterten Beifall spendete. Jedoch gab es in den hinteren Reihen und bei den abseitsstehenden Belegschaftsmitgliedern negative Diskussionen. Zum Beispiel forderte ein Jugendlicher drei andere auf, mit ihm die Halle zu verlassen, da sie »das ja jeden Tag hören« würden und dass aus ihnen sowieso keine Soldaten gemacht werden könnten. Andere Jugendliche äußerten: »Hoffentlich ist bald Feierabend, dann hauen wir sofort ab.«

Ein Arbeiter, der keinen Beifall spendete, wurde daraufhin von einem Jugendlichen befragt, worauf er die Antwort gab: »Ihr grünen Jungen habt ja noch keine anderen Zeiten erlebt.« Der Jugendliche entgegnete: »Es hat keinen Zweck, mit einem verkappten Offizier zu reden.«

Während des Referates und der Diskussion verließen ca. 500 Kollegen vorzeitig den Versammlungsraum. Vermutlich wegen der Zugverbindung in ihre Wohnorte.

In einer Belegschaftsversammlung im Konsum Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, erklärte eine Verkäuferin, dass die Deklaration ein Anstoß zu einem neuen Krieg sei, und sie ablehne, ihre Unterschrift zu einem Bruderkrieg zu geben.

Ein Verkaufsstellenleiter erklärte in der gleichen Versammlung, die Moskauer Konferenz wäre das Hindernis bei der Vereinigung Deutschlands und der Zusammenschluss der sozialistischen Staaten würde die Westmächte herausfordern, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Im kommunalen Großhandel in Rostock fand nach einer Arbeitsbesprechung eine Diskussion über die gegenwärtige internationale Lage statt, als Erster meldete sich ein Lehrling zu Wort und erklärte: »Nie werde ich ein Gewehr anfassen und außerdem bekommt mir die ›bleihaltige‹ Luft nicht.« Aufgrund dieser Äußerung nahmen alle anderen Anwesenden negativ zur Aufstellung nationaler Streitkräfte Stellung.

Im VEB Funkwerk Köpenick fanden Abteilungsversammlungen statt, in denen Entschließungen zur Abstimmung gebracht wurden. In der Abteilung TKN stimmten nur fünf Kollegen für die Entschließung, während 65 Kollegen nicht damit einverstanden waren. In der gleichen Abteilung äußerte ein Konstrukteur, dass unsere Regierung über die Zustimmung zur Deklaration erst das Einverständnis des deutschen Volkes hätte einholen müssen. Andere fanden nicht richtig, dass auf der Moskauer Konferenz wohl zum Saarabkommen aber nicht zur Oder-Neiße-Grenze Stellung genommen wurde.

Im VEB Elektro-Kohle Berlin wurde u. a. in Diskussionen zum Ausdruck gebracht, dass ständig erklärt würde: Deutsche an einen Tisch,37 und gleichzeitig würde aber immer gegen Adenauer gehetzt.38 Dies ließe sich nicht miteinander vereinbaren, da man sich mit solchen Menschen nicht an einen Tisch setzen könnte. Die Hetze solle endlich aufhören und von unserer Seite aus sollte man endlich nachgeben. Man solle die Dinge auch nicht übertreiben und nicht dauernd vom Krieg sprechen, denn dadurch mache man den Leuten nur unnötig Angst. Die Russen hätten auch Stützpunkte in Frankfurt und Berlin. Zum anderen wären auch bei uns sowjetische Instrukteure in der VP und »der Russe ginge ja nur bis an die Oder zurück und die Amis wären dann in den USA weit vom Schuss«. Unsere Polizei stelle schon eine Wehrmacht dar, und es brauche deshalb nicht erst eine aufgestellt werden.39

Feindliche Elemente benutzen die Situation zur Gerüchteverbreitung und Unruhestiftung unter der Bevölkerung. Zum Beispiel sagte ein Einwohner aus Neukirch, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden: »Grotewohl hat im Radio die Aufstellung der Nationalen Streitkräfte bekannt gegeben. Die Jahrgänge 25 bis 30 sollen auf zwei Jahre eingezogen werden.«

Ein parteiloser Schlosser aus Mücka, [Kreis] Niesky, [Bezirk] Dresden: »Die Jahrgänge 1910 bis 1920 sollen eine halbjährige Dienstzeit und die Jahrgänge von 1930 sollen eine dreijährige Dienstzeit ableisten.«

In der Gemeinde Scheidt,40 [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, ist das Gerücht im Umlauf, dass Jugendliche keine Interzonenbescheinigungen ausgestellt bekamen, weil in der DDR in Kürze die Wehrpflicht eingeführt werden soll.

Im Handelskontor-Auslieferungslager Zeulenroda, [Bezirk] Gera, wird das Gerücht verbreitet, dass die SU bereits Militär an die Grenze geschafft habe, um uns zu verpflichten, Nationale Streitkräfte zu schaffen.

In den Gemeinden Fohrde und Pritzerbe, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, gibt es seit dem 10.12.[1954] im Konsum kein HO-Fleisch und es wurde daraufhin das Gerücht verbreitet, dass die Fleischversorgung noch schlechter werde und dass ab Januar nur noch Fleisch auf Marken verkauft würde, weil alles zur Einlagerung für den bevorstehenden Krieg gebraucht werde.

Anlage 2 vom 15. Dezember 1954 zum Informationsdienst Nr. 2392

Auswertung der Westsendungen

In einer Sendung spricht der RIAS über »Auseinandersetzungen im Parteiapparat der SED«. Im Zusammenhang mit dem 21. Plenum des ZK wird gehetzt, dass sich »zwei einander feindlich gesinnte Lager« in Form der im Regierungs- und Wirtschaftsapparat tätigen Genossen einerseits und der »Nurfunktionäre« andererseits – wie es heißt: »der Wirtschafts- und der Parteibürokratie« – gegenüberstünden.

Die Ausführungen enthalten in diesem Zusammenhang eine üble Hetze gegen den Genossen Walter Ulbricht, der beschuldigt wird, seine Ausführungen auf dem 21. Plenum41 nur gemacht [zu] habe[n], »um die Verwaltungs- und Wirtschaftsfunktionäre der Sabotage an den Beschlüssen des IV. Parteitages zu beschuldigen«.42 Die ganze Sendung zielt darauf hin, von einer Spaltung innerhalb der Partei zu überzeugen und eine Spaltung zwischen den Betriebsfunktionären und den Funktionären der Betriebsparteiorganisationen zu erreichen.

In Sendungen über die Verordnung des Ministerrates vom 10.12.1953 wird immer wieder gegen den FDGB gehetzt.43 Es wird besonders hervorgehoben, dass der FDGB die ihm in der VO gegebenen Rechte nicht ausgenutzt habe (genannt werden z. B. Überstundenarbeit, Arbeitsschutz usw.) und nur im Interesse des Staates und nicht der Arbeiter handele.

Auch die letzten Sendungen über die Landwirtschaft in der DDR beschäftigen sich wieder – wie bereits berichtet – mit den freien Spitzen,44 die »jetzt nur unter verschlechterten Bedingungen verkauft« werden könnten.45 Die werktätigen Bauern werden aufgefordert, die Herabsetzung ihres Getreidesolls zu beantragen, »da bekannt ist, dass in einigen Kreisen Mitteldeutschlands den Bauern ein Teil ihres Getreidesolls gestundet wird«.

  1. Zum nächsten Dokument Zur Beurteilung der Situation in der DDR

    16. Dezember 1954
    Informationsdienst Nr. 2393 zur Beurteilung der Situation in der DDR

  2. Zum vorherigen Dokument Zur Beurteilung der Situation in der DDR

    14. Dezember 1954
    Informationsdienst Nr. 2391 zur Beurteilung der Situation in der DDR