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Festnahmen an der Technischen Hochschule für Chemie Halle-Merseburg

28. Dezember 1956
Information Nr. 397/56 – Betrifft: Festnahmen an der Technischen Hochschule für Chemie in Halle-Merseburg

In der genannten Hochschule wurden Ende Oktober, Anfang November 1956 zwei gefälschte Schreiben betreffs GST-Ausbildung für Studenten festgestellt. Kurze Zeit später wurde ein Bild des Genossen Walter Ulbricht beschädigt. In den Lektionsräumen und Unterkünften wurden Flugzettel mit hetzerischem Inhalt gegen die Sowjetunion, Ungarn und gegen die SED verbreitet. Daraufhin wurden am 27. und 28.12.1956 folgende in Verdacht stehende Studenten festgenommen:

  • 1.

    Thiele, Gerhard, geb. am [Tag, Monat] 1935

  • 2.

    Findeisen, Kurt, geb. [Tag, Monat] 1935

  • 3.

    Dölling, Klaus, geb. am [Tag, Monat] 1934

  • 4.

    Lohde, Horst, geb. am [Tag, Monat] 1936

Die Vernehmungen ergaben: [Satz mit überwiegend schutzwürdigen Informationen nicht wiedergegeben.] Die Beschuldigten gaben zu, diese Hetzzettel mittels eines Kinderdruckkastens hergestellt und vertrieben zu haben. Bei der durch den Staatsanwalt angeordneten richterlichen Durchsuchung der Wohnräume der Beschuldigten wurden der Druckkasten und ca. 70 Stück Hetzzettel sichergestellt. Der Beschuldigte Thiele gab in der Vernehmung zu, auch die gefälschten Aushänge betreffs Ausfall der GST-Ausbildung angefertigt zu haben. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.1

Nach Wiedereröffnung der Hochschule am 7.1.1957 wird durch die Bezirksleitung der Partei eine politische Auswertung vor der Studentenschaft durchgeführt. Mit dem 1. Sekretär, Genossen Bruk,2 und dem Sekretär für Propaganda, Genossen Benda3 von der Bezirksleitung, wurde dies bereits besprochen.

An der Technischen Hochschule für Chemie ist u. a. ein ungarischer Professor namens Berty4 als Gastlektor tätig. Zurzeit befindet sich Prof. Berty in Ungarn in Urlaub und will Anfang des Jahres 1957 mit seiner Familie in die Deutsche Demokratische Republik zurückkommen.5 Prof. Berty vertritt folgende Argumente:

  • In Ungarn war eine Revolution.6

  • Die Parteihäuser wären nur gestürmt worden, weil die Staatssicherheit in diesen Häusern gewesen wäre.

  • Erst durch das Eingreifen der Sicherheitstruppen und der Sowjetarmee wären die Bewaffnungen im Volke erfolgt.

  • Die Sowjetunion hätte Studenten und Schüler massenweise deportiert.

  • Bei Lemberg befände sich ein großes KZ.

  • Der einzig richtige Weg sei der Titos.7

  • Kádár8 handle gegen den Willen des Volkes.

  • Es müssten freie Wahlen stattfinden.

Ob ein Zusammenhang zwischen Prof. Berty und den festgenommenen Studenten besteht, konnte bis jetzt noch nicht geklärt werden.

  1. Zum vorherigen Dokument Leitung des VEB Leuna-Werks »Walter Ulbricht«
    28. Dezember 1956
    Information Nr. 396/56 – Betrifft: Leitung des VEB Leuna-Werkes »Walter Ulbricht«