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Fluktuation und Mangel an Arbeitskräften (2)

23. Juli 1956
Information Nr. 83/56 – Betrifft: Arbeitskräfte (2. Bericht)

Bereits in der Information Nr. 32/56 vom 23.6.1956 wurde darauf hingewiesen, dass in einigen Bezirken und VE-Betrieben Schwierigkeiten in der Produktion durch die gegenwärtige Arbeitskräftelage bestehen. In letzter Zeit wurden erneut Meldungen bekannt, in denen auf Schwierigkeiten in der Produktion hingewiesen wird und deren Ursachen im Wesentlichen wieder in Folgendem zu sehen sind:

  • 1.)

    in der Fluktuation von Arbeitskräften;

  • 2.)

    im Fehlen von Arbeitskräften.

1.) Fluktuation von Arbeitskräften

Die Fluktuation von Arbeitskräften ist nach wie vor eine der Hauptursachen für die in der Produktion bestehenden Schwierigkeiten. Während Fluktuationen von Arbeitskräften bisher nur aus den verschiedensten Industriebetrieben bekannt wurden, liegen jetzt Meldungen vor, dass sich in der letzten Zeit verstärkte Fluktuation auch in den Verkehrsbetrieben und der Landwirtschaft bemerkbar macht. Die Ursachen der Fluktuation sind nach wie vor die bessere Bezahlung in anderen Industriezweigen und Betrieben, zum anderen aber auch Material- und Auftragsmangel, wodurch Wartezeiten entstehen und die Arbeiter Lohneinbußen erleiden.

So wird aus den Verkehrsbetrieben Dresden bekannt, dass eine starke Fluktuation von Fahrpersonal vorherrscht, deren Grund vermutlich in der Entlohnung des Fahrpersonals liegt. Ein Schaffner bekommt bei Neueinstellung 1,11 DM + 0,10 DM Gefahrenzulage. Nach einem Vierteljahr Dienst bekommt er dann 1,16 DM + 0,10 DM Gefahrenzulage. Diese Entlohnung wird dann immer, ganz gleich wie viel Dienstjahre der Schaffner hinter sich hat, gezahlt. Die Auswirkung dieser Fluktuation ist, dass schon oft Wagen, besonders Sonderwagen, ausfallen mussten, weil kein Personal vorhanden ist. Zurzeit fehlen ca. 215 Schaffner im Fahrdienst.

Ähnlich ist die Lage im VEB Plattenkombinat Meißen, [Bezirk] Dresden, wo in letzter Zeit eine laufende Fluktuation von Arbeitskräften eingetreten ist. Als Grund wird von den Beschäftigten bei der Kündigung angegeben, sie wollen zum VEB Kfz-Zubehör,1 dort hätten sie einen besseren Verdienst, auch wäre die Arbeit dort leichter und vor allem gesünder. Außerdem äußern sie, dass sie in diesem Betrieb die Möglichkeit hätten, als Revolverdreher angelernt zu werden und könnten dann dementsprechend als Facharbeiter bedeutend mehr verdienen. Im VEB Plattenkombinat wird durch die laufende Fluktuation die Planerfüllung gefährdet, sodass bereits jetzt schon des Öfteren von den im Werk verbliebenen Beschäftigten Überstunden geleistet werden müssen, um nicht zu weit in den Rückstand zu kommen.

Im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, ist ein großer Teil der technischen Intelligenz unzufrieden und bemüht sich um andere Arbeit. Die Ursachen liegen in erster Linie in unbefriedigender Bezahlung und nicht richtiger Behandlung durch die Kader- und Werkleitung. So wurde einem Ingenieur während seiner Krankheit unberechtigt das Gehalt von der I 3 auf I 2 zurückgestuft.2 Mit einem anderen Ingenieur wurde noch nie über seine persönlichen Belange gesprochen oder andere Gespräche geführt. Nach Rücksprache mit dem Werkleiter erklärte dieser, dass ihm keine Mittel für die Genehmigung für Gehaltserhöhung zur Verfügung stehen und solche nur mit der Genehmigung der HV durchgeführt werden können. Wenn keine Veränderung eintritt, ist die Erfüllung der Pläne wegen Mangel an Konstrukteuren infrage gestellt.

Im VEB Fortschrittwerk Sebnitz, [Bezirk] Dresden, zeigt sich in letzter Zeit eine Fluktuation von Fachkräften, besonders Dreher. Die Ursache ist darin zu suchen, dass die Verdienstmöglichkeiten in den einzelnen Betrieben sehr unterschiedlich sind und trotz höherer Normerfüllung die Entlohnung niedriger liegt als in den anderen Betrieben des Kombinates.

Im VEB Kleidermacher Sebnitz, [Bezirk] Dresden, ist die Ursache der Fluktuation von Fachkräften darin zu sehen, dass die Arbeiterinnen nur geringe Verdienstmöglichkeiten haben und ihnen außerdem das Fahrgeld nicht mehr zurückerstattet wird. Der Betrieb gibt den Kündigungen statt, da beabsichtigt ist, 1957 nur noch in einer Schicht zu arbeiten. Jedoch ist aufgrund der Kündigungen die Planerfüllung für 1956 gefährdet.

Im kombinierten Holzwirtschaftsbetrieb Großenhain, [Bezirk] Dresden, sind mehrere Arbeiter mit der Begründung ausgeschieden, sich in anderen Betrieben finanziell zu verbessern. Aus gleichem Grund kam es zu Kündigungen größeren Ausmaßes in folgenden VE-Betrieben: Bahnwerk Dresden-Altstadt, Reifenwerk Riesa, [Bezirk] Dresden, Schamotte- und Klinkerwerke Meißen, [Bezirk] Dresden, im Kraftwerk Vockerode, [Bezirk] Halle, auf der Baustelle Objekt 542 bei Allstedt, [Bezirk] Halle, im VEB Kies und Beton Magdeburg, in der Stärkefabrik Kyritz, [Bezirk] Potsdam, im Betonwerk Frankfurt/O. und in der Konservenfabrik Frankfurt/O.

Die gleichen Gründe sind auch in der Landwirtschaft, besonders aber in den MTS, ausschlaggebend für die Fluktuation. So haben in den Monaten März bis April 1956 in der MTS Ohorn, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, fünf Traktoristen gekündigt, sodass zzt. sieben Stammtraktoristen fehlen. Alle Fünf gaben zur Begründung an, dass sie sich finanziell verbessern wollen. In der MTS Dresden-Radeberg sind in diesem Jahre bereits zehn Abgänge vorhanden. Der Grund dafür ist in den unterschiedlichen Tarifen zwischen Land und Forst und Industrie zu suchen. In der Industrie bekommt ein Zugmaschinenführer in der niedrigsten Lohnstufe 1,79 DM pro Stunde und muss keine Kenntnis von der Bedienung anderer Geräte haben. In der MTS dagegen bekommt der Traktorist in der höchsten Lohnstufe 1,56 DM. In der Werkstatt ist der Unterschied von 1,56 DM zu 2,00 DM pro Stunde. Hierzu kommen noch die besseren Bedingungen in der Arbeit. Aus gleichem Grunde kam es zu Kündigungen in folgenden MTS: Schönfeld, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, Großraschütz, [Bezirk] Dresden. Die Absicht zu kündigen, um eine finanzielle Besserstellung zu erreichen, wurde bekannt aus den MTS Gnevezow, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, Nossendorf,3 [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, und Lunzenau, [Kreis] Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt.

2.) Fehlende Arbeitskräfte

Schwierigkeiten infolge fehlender Arbeitskräfte wurden aus einigen Industriebetrieben, Baubetrieben und aus der Landwirtschaft, besonders VE-Gütern bekannt. Außer den Schwierigkeiten, die dadurch in der Produktion entstehen, sind sie weiterhin Anlass zu Missstimmung unter den Beschäftigten, die dadurch Überstunden leisten müssen, um die Produktion aufrechtzuerhalten.

So fehlen im VEB »Ferdinand Kuhnert« Schmiedeberg, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, ca. 120 Arbeiter in der Tempergießerei. Die vorhandenen Arbeiter müssen dadurch Überstunden leisten, die nicht bezahlt werden, um den Plan einigermaßen zu erfüllen, was zu Missstimmung unter diesen führt.

In den Glashütter Uhrenbetrieben, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, macht sich bemerkbar, das der Betrieb keine jungen, entwicklungsfähigen Ingenieure hat, die für die Weiterentwicklung des Betriebes und der Produktion notwendig sind. Trotzdem die Fachschule für Feinmechanik-Optik mit Facharbeitern beschickt wird, sind nur wenige Jungingenieure im Betrieb vorhanden. Dies liegt daran, dass nach Beendigung des Studiums die Jungingenieure nicht mehr in die Glashütter-Uhrenbetriebe zurückkehren wollen, da dort ein zu niedriges Anfangsgehalt gezahlt wird. Trotz mehrmaliger Hinweise der Schulleitung an den Betrieb hat sich in dieser Frage bisher noch nichts geändert. So verlassen in wenigen Wochen eine Anzahl ausgebildeter Jungingenieure die Fachschule. Auch dabei ist keiner, der in den Glashütter Uhrenbetrieben Beschäftigung aufnehmen will.

Vom Sonderbaubüro Wünsdorf, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam, werden zzt. 1 200 Personen beschäftigt. Geplant war jedoch, dass im Juli 1956 bereits 2 000 Arbeiter beschäftigt werden, um die anfallenden Arbeiten erledigen zu können. Dem Sonderbaubüro ist es bisher nicht möglich gewesen, die fehlenden 800 Kräfte zu bekommen, sodass die Fertigstellung des Objektes gefährdet ist.

Im VEG Drauendorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, ist ein großer Mangel an Arbeitskräften vorhanden. Für 22 ha Hackfruchternte stehen nur zwölf Arbeitskräfte zur Verfügung. Wenn die Pflegearbeiten nicht ordnungsgemäß durchgeführt werden können, bedeutet das einen Verlust von 10 000 bis 12 000 DM für das Jahr 1956.

In folgenden VE-Betrieben und Gütern fehlen ebenfalls in größerer Zahl Arbeitskräfte: Betonwerk Cossebaude, [Bezirk] Dresden, Glaswerk Meißen, Walzengießerei Coswig Werk 1 und 2, Energie- und Industriebau Dresden, Großbaustelle Hirschfelde, [Kreis] Zittau, Waggonbau Görlitz, Verkehrsbetriebe Hauptwerkstatt Tolkewitz, [Bezirk] Dresden, Elektrowärme Sörnewitz, [Kreis] Meißen, und Kupferbergbau »Fortschritt« Eisleben, [Bezirk] Halle. Diesen Betrieben, denen vornehmlich Facharbeiter fehlen, entstehen ebenfalls ernsthafte Schwierigkeiten in der Erfüllung des Produktionsplanes.

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