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Lage in der DDR (23) 8.–9.11.

9. November 1956
Information Nr. 319/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (vom 8.11., 8.00 Uhr, bis 9.11.1956, 8.00 Uhr, eingegangenes Material)

I. Industrie

Gera: Im VEB Felgenwerk Ronneburg sind die Arbeiter verstimmt, da im Betrieb auf Anweisung der Energieversorgung Berlin sofort Stromentzug in den Spitzenzeiten angeordnet wurde. Dadurch muss eine Schicht aufgelöst werden und es besteht keine Möglichkeit die freiwerdenden Arbeiter unterzubringen. Außerdem wird die Planerfüllung gefährdet und der Betrieb finanziell belastet.

Dresden: Im VEB Jacquard-Weberei Niederoderwitz, [Kreis] Zittau, gibt es starke Diskussionen über die Unterbringung der Arbeitskräfte, da der Betrieb dem Textil-Kombinat angeschlossen wird und seine Angestellten reduzieren muss. Bis jetzt ist es der Kombinatsleitung noch nicht gelungen für elf Kollegen Arbeitsplätze zu beschaffen, weiter tritt für die Übernommenen zum größten Teil Lohnabbau ein. Im gesamten Bezirk gibt es negative Stimmungen über die Stromkontingentkürzungen, da durch Wartestunden geringere Verdienstmöglichkeiten eintreten. Die Arbeiter äußern: »dass sie diese Maßnahmen nicht verstehen und unsere höchsten Wirtschaftsfunktionäre unfähig wären die Wirtschaft zu lenken, – dass erst dann eine Veränderung erfolgt, wenn ein zweiter 17. Juni 1953 herbeigeführt wird«.

Erfurt: Im VEB Rheinmetall Sömmerda sind die Planrückstände durch Stromabschaltungen wieder auf 4,1 Mio. [DM] angestiegen. Die Stimmung der Arbeiter ist äußerst schlecht. Zur Sammlung für Ungarn1 sagten sie: »Gebt uns erst Arbeit, damit wir verdienen, dann werden wir auch spenden.« In den Textilbetrieben in Eisenach kommen durch Stromabschaltungen die Exportaufträge für die Sowjetunion in Gefahr.

Cottbus: Negative Diskussionen gibt es hier vor allem über die Energiekürzung in den Betrieben Fimag und der Schraubenfabrik Finsterwalde.

II. Landwirtschaft

Dresden: Am 2.11.1956 waren bei einem Großbauern in Großnaundorf, [Kreis] Kamenz, vier Großbauern versammelt, die in der Gemeinde wortführend sind, wobei vermutet wird, dass diese Zusammenkünfte benutzt werden um Maßnahmen gegen die DDR zu planen. Ein Instrukteur der DBD im Kreis Bautzen berichtet, dass im sorbischen Gebiet des Kreises die CDU eine verstärkte Werbung durchführen soll. Dabei werden folgende Argumente angewendet: die CDU hätte einen viel größeren Einfluss als die DBD. Außerdem hätte sich die CDU dafür eingesetzt, dass der Ablieferungstermin auf den 31.12.1956 festgelegt wurde.

Rostock: Der LPG-Vorsitzende Steinhusen2 aus Pinnowhof, [Kreis] Wismar, kündigte als LPG-Vorsitzender mit der Bemerkung: »In Ungarn hat man alle fortschrittlichen Menschen und Funktionäre aufgehängt und ich möchte dem aus dem Wege gehen«. St. leistete eine fachlich gute Arbeit.

III. Verkehr

Berlin: Unter den in Lichtenberg beschäftigten Arbeitern und Angestellten wird rege über den dauernden Ausfall von O-Bussen (Linien O 30 und O 37) diskutiert.3 Dazu wird geäußert: »Es vergeht fast kein Tag, wo nicht O-Busse ausfallen, man müsste die Zeit der Verspätung zusammenzählen und die Unkosten der BVG in Rechnung stellen«. Oder: »Wir werden mal vom Bahnhof Lichtenberg zu unserem Betrieb laufen, das gibt eine schöne Demonstration.«

Cottbus: Im RAW Cottbus wurde am 8.11.1956 in einer Toilette die Losung »Streik im RAW am 9.11.1956, 7.30 Uhr – Die Streikleitung« festgestellt.

IV. Besondere Vorkommnisse

Gera: Von »Zeugen Jehovas«4 wird bekannt, dass eine Anweisung ihrer Zentrale weitergegeben wird, wonach jetzt »die Schlacht bei Harmagedon begonnen habe und ein jeder etwas tun müsse um den Teufel zu vernichten.«5 Man müsse die Menschen veranlassen, Hamstereinkäufe zu tätigen um Unruhe zu stiften und die Menschen aufzuputschen.

Cottbus: Im Lehrlingswohnheim »Heinz Hamann«, Weißwasser, randalierten die Jugendlichen am 4.11.1956, zerstörten Einrichtungsgegenstände, zerschnitten [die] Telefonleitung und weigerten sich, am 5.11.1956 früh zur Arbeit zu gehen. Grund: schlechte Behandlung durch die Erzieher und unzureichende Verpflegung. (Z. B. war der Anlass zu diesen Ausschreitungen die Ausgabe von ranziger Butter am 4.11.1956.) Durch Aussprachen und eine Versammlung nahmen die Jugendlichen am 6.11.1956 ihre Arbeit wieder auf.

Potsdam: Am 6.11.1956, 9.30 Uhr, standen in der Mittelschule in Heiligengrabe,6 [Kreis] Wittstock, (9. Klasse) 25 Schüler (50 %) während des Unterrichts von ihren Plätzen auf. Auf Befragen durch die Lehrerin äußerte ein Schüler: »Wir gedenken jetzt derer, die von der Roten Armee erschossen wurden.«7

V. Feindtätigkeit

Magdeburg: In der Lungenheilstätte Rathmannsdorf, [Kreis] Staßfurt, wurde am 6.11.1956 von Patienten das Bild des Genossen Ulbricht von der Wand gerissen und in die Toilette geworfen.

Hetzschriften/Hetzlosungen

Gera: Am 7.11.1956 wurden in Pößneck zwei mit Maschine geschriebene Hetzschriften gefunden, die sich gegen die Sowjetunion richteten.

Leipzig

Hetzschriften wurden gefunden bzw. angeschmiert:

  • An den Laternen in der Jacobistraße in Leipzig, Text: »Langsam arbeiten«.

  • Osthalle Leipziger Bahnhof (selbstgefertigte Hetzschriften) »An das deutsche Volk«, Inhalt: »Das Volk steht nicht hinter der Regierung – wir werden von den Russen regiert – denkt an den 17. Juni, deshalb nieder mit den KPD-Bonzen und Spitzbart«.8

  • Im Briefkasten einen Genossenschaftsbauern ein Flugblatt der NTS.9

  • Im Briefkasten eines Studenten ein Flugblatt in das ND eingefaltet.

  • An der Hauswand einer Gaststätte in Leipzig N 26 zwei Hakenkreuze.

Dresden

  • Auf der Osterbergstraße Dresden – ein Hakenkreuz –.

  • Im VEB Elektrowerke Sörnitz, [Kreis] Meißen, in der Abteilung Gestellbau an der Wandzeitung ein Hakenkreuz.

  • Am 7.11.1956 [am] Eingang der MTS Kamenz am Straßenbaum ein Totenkopf mit weißer Farbe.

  • In der TH Dresden – Fakultät Bauwesen – an der Wandtafel ein Hetzzettel gegen die UdSSR und DDR mit der Forderung nach »freien Menschen« [sic!].

  • VEB Porzellanmanufaktur Meißen erhielt am 7.11.1956 das vom »Zentralen Lenkungsausschuss zur Errichtung der Demokratie« gefertigte »Ultimatum«, in dem am 12.11.1956 zum Generalstreik aufgerufen wird (Exemplar bereits bekannt).

  • Das Martin-Hoop-Werk Karl-Marx-Stadt erhielt am 7.11.1956 den gleichen Brief.

  • Am 5.11.1956, gegen 20.00 Uhr, wurden in der SED-Kreisleitung Dresden VIII Fenster eingeworfen. Durch die Fenster wurden Muttern geschmissen, an denen Hetzlosungen befestigt waren. »Euer Schwindel wird nicht mehr lange dauern – Nieder mit Ulbricht und Grotewohl – Ruhm und Ehre den ungarischen Freunden.«

  • Im VEB Edelstahlwerk Freital wurden am 7.11.1956 von der Wandzeitung die Bilder aus dem ND von den Gräueltaten der Konterrevolutionäre in Ungarn abgerissen.10

  • In der Nacht zum 7.11.1956 wurden vor der Kranzniederlegung zum 39. Jahrestag11 im Ehrenhain auf dem Friedhof in Radeberg von 61 Grabsteinen gefallener Sowjetsoldaten 59 umgeworfen und mit grüner Ölfarbe beschmiert. Auf je einen Grabstein wurde ein Buchstabe geschrieben, welche zusammen die Losung: »Unser Sieg, der Sieg ist uns gewiss« ergaben. Weiter wurden Abkürzungen SA, SS, HJ und Hakenkreuze angeschmiert.

Frankfurt/O.

  • An der Tür der 6. Klasse der Volksschule Lebus, [Kreis] Seelow, war folgende Losung angeschmiert: »SOS helft Ungarn – Russische Panzer schießen Freiheitskämpfer nieder«.

  • An der Oberschule Fürstenberg/Oder wurde festgestellt, dass die Flagge seit dem 29.10.1956 auf Halbmast hing.

Magdeburg

  • Am 5.11.1956 beim Rat des Kreises neben dem Eingang zum Abgeordnetenkabinett in Tangerhütte ein handgeschriebener Hetzzettel: »Raus mit den Russen und der SED«.

  • Im Briefkasten eines SED-Mitgliedes des VEB »Erich Weinert« Magdeburg ein Hetzzettel: »Weg mit Ulbricht«.

  • Der Bürgermeister von Seehausen (LDP) erhielt einen Hetzzettel mit dem Text: »Der dritte Baum in unserem Wald, ich wollt es wär ein Galgen, dann gäbe es im ganzen Land nicht halb so viel Kanaillen.«

Berlin: Am 7.11.1956 in Berlin-Mahlsdorf, Fritz-Reuter-Straße, auf Klebepapier geschriebene Hetzlosungen angeklebt, die sich gegen die Sowjetarmee und den Genossen Ulbricht richten.

Gera: In der Nacht zum 7.11.1956 an einer Haustür in Schleiz: »Wir wollen Krieg«. Die Losung war mit Kreide geschrieben.

Karl-Marx-Stadt: Im Kreis Zschopau wurden an verschiedenen Straßenbäumen Schilder (89 × 17,5 cm und 40 × 40 cm) mit folgenden Hetzlosungen angebracht: »Wir fordern Abzug der Russen – Rücktritt der Regierung und freie Wahl«. Im gleichen Kreis auf einem Kistendeckel (55 × 30 cm): »Wer die Freiheit liebt – kämpft gegen die rote Brut«.

Schwerin: In der Warnow-Werft Warnemünde in der Männertoilette mit Bleistift: »Wann befreien wir uns vom russischen Joch«.

Hetzbriefe

Berlin: Das MdI erhielt einen Brief, Aufgabeort Zittau, Inhalt: »Abzug der Besatzungsmacht – man will sich nicht länger von einer nicht gewählten Regierung provozieren lassen – Hass den SED- und SPD-Funktionären – Verhaftungen sind Ausdruck der Schwäche und bestätigen, dass wir uns durch nichts zurückschrecken lassen.«

Leipzig: Der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Leipzig-Land erhielt einen Brief. Inhalt: Hetze gegen die DDR, gegen führende Funktionäre der SED und der Regierung. Am 6.11.1956, gegen 15.45 Uhr, wurde die Sekretärin des Leiters des Benzinwerkes Böhlen, [Kreis] Borna, angerufen. Die unbekannte Person sagte: »Wer für die Ungarn (Kommunisten) spendet, ist ein Verräter am Vaterland.« Den gleichen Anruf erhielt ein Diplom-Ingenieur aus der Ingenieur-Zentrale.

Dresden: VEB Metallfabrik Zittau erhielt einen an Genossen Grotewohl gerichteten Brief. Inhalt: »Die Regierung würde das Vertrauen ihrer Wähler nicht mehr besitzen, die Arbeiter wollen folgende Punkte wissen:

  • 1.

    Wann wird unser Lebensstandard gebessert?

  • 2.

    Wann finden freie Wahlen statt?

  • 3.

    Wann ziehen die Russen ab?

Wenn nur die schönen Worte bleiben, brauche sich die Regierung nicht zu wundern, wenn sie eines Tages weggefegt würden.«

Gerüchte

Leipzig: In der Mitropa erzählte ein Gast, Polen würde seinen Verpflichtungen zur Lieferung von 3½ Mio. t Steinkohle an die DDR nicht nachkommen,12 wodurch der Eisenbahnverkehr lahmgelegt würde. Im Hotel »International« in Leipzig wurde von Gästen erzählt, nach Angabe der polnischen Sender hätte Gomulka in Polen die Bodenreform aufgehoben.13 Eine Fleischermeisterfrau in Leipzig C 1 erzählte, sie hätte eine Liste erhalten, wonach alles teurer wird.

Gera: Im Bezirk kursiert das Gerücht, dass das Geld verfällt. Ähnliche Diskussionen gibt es auch im Kreis Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, wo von einer Währungsreform gesprochen wird.

Magdeburg: Der Kraftfahrer [Name] aus Bergen, [Kreis] Wanzleben, erzählte, »dass die Bevölkerung in Rumänien pro Person wöchentlich nur 500 g Brot bekommt und Weintrauben und Wein viermal so teuer als in der DDR seien«. Unter den Bauarbeitern der Baustelle Möringen – Burgstall,14 kursiert das Gerücht, dass in Magdeburg und Stendal Unruhen ausgebrochen seien.

VI. Lage beim Gegner

Im Lager Spenerstraße 23 (Westberlin)15 wurden sämtliche Ungarndeutsche abgezogen. Über die weitere Unterbringung ist noch nichts bekannt. Im gleichen Lager wurden auf Anweisung des Notaufnahmelagers Berlin-Marienfelde16 in sämtliche Stuben ehemalige politische Häftlinge der DDR eingewiesen, die versuchen die Lagerinsassen gegen die Regierung der DDR aufzuhetzen. Sie wollen die gleichen Unruhen wie in Ungarn vorbereiten. Auch ehemalige Studenten aus der DDR, die sich im Lager befinden, werden zum Aufputschen benutzt. Unterstützt werden diese Elemente hauptsächlich durch die Kirche, vor allem durch die Sekte »Junge freiheitliche Christen« und die Parteien. Flüchtlinge, die sie »überzeugt« haben, erhalten Bekleidung, Geld und zusätzliche Verpflegung.

Die Streifenwagen der amerikanischen Militärpolizei sind in den Westberliner Polizeiinspektionen um je zwei Wagen verstärkt worden. Besetzung: zwei Amerikaner, ein Polizist; Bewaffnung: je Mann eine Pistole, je Amerikaner ein Schnellfeuergewehr, Polizist ein Karabiner.

Von der Demarkationslinie17 wurde bekannt, dass dieselbe auf westlicher Seite von Brochthausen bis Bad Sachsa/Worbis durch den Bundesgrenzschutz abgeriegelt wurde, sodass von westlicher Seite kein illegaler Übergang möglich ist.18 Der BGS soll durch Einheiten, die am Herbstmanöver teilgenommen haben, verstärkt worden sein. Im Raum Bad Neuheim – Mannheim – Frankfurt/M. sollen in Richtung Grenze Ost–Süd Panzereinheiten zusammengezogen sein. Am 8.11.1956 sollen am Hauptbahnhof Bamberg zwei Züge mit Amerikanern eingetroffen sein. Es soll sich um Angehörige einer Nachrichteneinheit handeln, die vermutlich von Frankfurt/M. nach der Demarkationslinie verlegt werden.19

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    9. November 1956
    Information Nr. 320/56 – Betrifft: Zur Lage in der LDP
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    9. November 1956
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