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Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Industriewaren

9. November 1956
Information Nr. 317/56 – Betrifft: Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Industriewaren

Die Versorgungslage hat sich nicht wesentlich verändert. Aus den Bezirken wird weiterhin berichtet, dass es an HO-Butter, Quark und Käse, Zigaretten und verschiedenen Industriewaren mangelt.

HO-Butterversorgung

Nach wie vor ist das Angebot nicht ausreichend und die Nachfrage der Bevölkerung kann nicht befriedigt werden. Verschiedene Bezirke berichten, dass die Kontingente nicht ausreichen und Anträge auf Zusatzkontingente gestellt werden. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt reicht z. B. die Planmenge an HO-Butter nicht aus, wenn der Bedarf der Bevölkerung nur einigermaßen gedeckt werden soll. Im Bezirk Schwerin wird die Versorgung mit HO-Butter im IV. Quartal ein Engpass sein. Der Rat des Bezirkes hat 90 t Butter zusätzlich beantragt. Bis jetzt liegt keine Genehmigung vor. Außerdem wurden 100 t Margarine zusätzlich beantragt. Dem Handelsbereich Freital (HO-Wismut) wurden durch den HV der HO-Wismut 17 t HO-Butter gestrichen und dem Gebiet Ronneburg gutgeschrieben. Das rief unter der Bevölkerung Verärgerung hervor, weil diese z. T. durch die HO-Wismut mit versorgt wird. Im Bezirk Gera ist die Versorgung mit HO-Butter im Kreis Zeulenroda besonders schwierig. Bei Anlieferung von Butter stehen immer wieder große »Schlangen« vor den Geschäften.

Versorgung mit Quark und Käse

In der letzten Zeit gibt es aus den Bezirken häufig Klagen, dass die Versorgung mit Quark und Käse nicht ausreichend ist. Im Bezirk Potsdam wurde das Kontingent des Kreises Rathenow von 20 t auf 6 t herabgesetzt. Von der Abteilung Handel und Versorgung des Rates des Kreises wurde erklärt, dass wahrscheinlich deshalb so stark gekürzt wurde, weil sich der Kreis aus Eigenaufkommen versorgen soll. Die Versorgung der Bevölkerung leidet dadurch, weil jetzt vom Rat des Bezirkes vorgeschrieben wird, von welchen Firmen die Käsesorten bezogen werden müssen. In Jessen, [Bezirk] Cottbus, wurde schon längere Zeit kein Quark an die Bevölkerung verkauft. Die Molkerei erhielt erst Mitte Oktober ihre Aufträge. Quark und Käse fehlt in dieser Berichtsperiode besonders in den Bezirken Suhl und Dresden.

Fleischversorgung

Obwohl in den Bezirken die Fleischversorgung im Wesentlichen sichergestellt ist, gibt es unter der Bevölkerung eine große Unzufriedenheit, weil nicht genügend Rindfleisch zum Verkauf angeboten wird. Nach Meinung des Rates des Bezirkes Schwerin werden z. B. 200 t Rindfleisch nicht aufgebracht werden können. Dadurch werden insgesamt 1 500 t Lebendvieh weniger zur Verfügung stehen. Aus dem Kreis Neuhaus wird berichtet, dass dort Rind- und Kalbsfleisch fehlt. Selbst für Personen, die nach ärztlicher Verordnung nur Rind- oder Kalbfleisch essen dürfen, ist dieses nicht zu bekommen. Auch im Bezirk Dresden ist der Aufkauf von Rindern nicht gewährleistet. Im Bezirk Neubrandenburg ist das Aufkommen an Lebendvieh schlecht. Das zur Verfügung stehende Frischfleisch wird überwiegend zur Wurstproduktion verwendet.

Versorgung mit Tabakwaren

In den Bezirken Dresden, Schwerin, Karl-Marx-Stadt und Suhl ist die Belieferung mit Tabakwaren unzureichend. Besonders gefragt werden billige Zigarren, Stumpen und Feinschnitt. Im Bezirk Karl-Marx-Stadt lagern noch immer große Bestände an Zigarettensorten »1. Mai« und »Vorwärts«. Bei diesen Zigaretten besteht die Gefahr des Verderbens, wenn keine Änderung erfolgt.

Versorgung mit Industriewaren

Bei der Versorgung mit Industriewaren gibt es unter der Bevölkerung Verärgerung, weil nicht genügend Textilien, vor allem Wintertextilien, und Fernsehapparate sowie Radios zur Verfügung stehen. Aus dem Bezirk Erfurt wird berichtet, dass es nicht genügend Winterkleidung für Kinder zu kaufen gibt. Ähnlich ist es auch in den Bezirken Magdeburg und Dresden. Fernsehapparate fehlen vor allem in den Bezirken Frankfurt/O., Suhl, Potsdam, Karl-Marx-Stadt, Berlin und dem Wismut-Gebiet.

Überplanbestände

In einigen Bezirken gibt es Überplanbestände. Im Bezirk Schwerin lagern in VE- und privaten Mühlen zurzeit ca. 1 000 t Roggen- und Weizenkleie. Wenn diese nicht schnell abgenommen werden, können Produktionsstockungen eintreten. Der Rat des Bezirkes hat versucht, diese Mengen frei zu verkaufen, was aber nicht genehmigt wurde. In der HO Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, liegen für ca. 175 000 DM Zuckerwaren und kakaohaltige Erzeugnisse.

Im Kreiskonsum Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, liegen bereits seit einem Jahr Keks im Werte von 6 000 DM aus der ČSR. Sie konnten wegen zu hoher Preise nicht abgesetzt werden. Im Kreiskonsum Pritzwalk gibt es Überplanbestände von 1½ Mio. DM. Darunter befinden sich Lebensmittel im Werte von 650 000 DM. In dem HO-Lager Belzig, [Bezirk] Potsdam, lagern so viel Zuckerwaren, dass der Bedarf bis zum I. Quartal 1957 gedeckt werden könnte. Hier sind die Lieferungen für das IV. Quartal 1956 noch nicht eingerechnet.

Im Kreisverband der KG-Land, Dresden,1 lagern Zigaretten »Vorwärts« im Werte von 677 000 DM. Auch die Zigaretten aus der ČSR können nicht abgesetzt werden. Die DHZ Dresden, Abteilung Spielwaren, hat für ca. eine Mio. [DM] Spielwaren im Lager, deshalb können keine neuen Waren eingekauft werden.

In der Damenkonfektion Meerane, [Kreis] Glauchau, Werk 4, liegen im Stoffrestelager Waren im Werte von ca. 100 000 DM, die dem Verderb ausgesetzt sind. Auf Anweisung des Großhandelskontors durfte der Betrieb die Reste nicht verkaufen. Im VEAB und BHG des Bezirkes Karl-Marx-Stadt lagern größere Mengen Kleie. In der Mühle in Göhren, [Kreis] Rochlitz, liegen z. B. acht Waggons Kleie. In der BHG Burgstädt2 lagern 50 t Kleie. Die Ursache liegt darin, dass die landwirtschaftlichen Betriebe nur Kleie erhalten, wenn entsprechende Fleisch- oder Milchmengen abgeliefert werden. Es besteht die Gefahr, dass ein Teil dieser Kleie verdirbt.

  1. Zum nächsten Dokument Lage in der DDR (23) 8.–9.11.
    9. November 1956
    Information Nr. 319/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (vom 8.11., 8.00 Uhr, bis 9.11.1956, 8.00 Uhr, eingegangenes Material)
  2. Zum vorherigen Dokument Lage in der DDR (22) 8.11.
    8. November 1956
    Information Nr. 318/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik – in der Zeit von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr am 8. November 1956 eingegangenes Material