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Lage in der DDR (3) 27.10. (2)

29. Oktober 1956
Information Nr. 284/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (27.10.1956, 14.00 Uhr, bis 28.10.1956, 22.00 Uhr, eingegangenes Material)

I. Lage in der Industrie

Wie schon mehrfach berichtet, wurde auch in dieser Berichtszeit wiederum Unzufriedenheit über Lohnfragen, Prämienfragen und Stromabschaltungen, die zu einer Arbeitszeitverlegung führen, bekannt. Durch diese aufgezeigten Probleme tritt zum Teil unter den Arbeitern eine große Verärgerung auf und führt verschiedentlich zur Androhung von Arbeitsniederlegung bzw. zur Voraussage eines neuen 17. Juni. Gleichzeitig werden diese Diskussionen in Zusammenhang mit den Ereignissen in Polen1 und Ungarn gebracht.2 Dazu wurden folgende Beispiele bekannt:

  • Die Bauarbeiter des VEB (K) Baubetriebe in Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind mit ihrem Grundlohn unzufrieden, welcher im Verhältnis zur Bezahlung in Westdeutschland zu niedrig sei. Verschiedene Bauarbeiter äußerten dazu: »Wenn das so weitergeht, sind wir nicht mehr weit von einem neuen 17. Juni entfernt.«

  • Die Kollegen des Fernmeldeamtes Magdeburg wollten an das ZK der SED ein Schreiben richten, in dem sie bessere Entlohnung fordern. Außerdem sei ihnen seit drei Jahren vom Ministerium für Post- und Fernmeldewesen ein Prämiensystem angekündigt, was bis heute noch nicht realisiert wurde.

  • Im VEB Webstuhlbau Karl-Marx-Stadt und VEB Schraubenfabrik Karl-Marx-Stadt sind die Arbeiter nicht damit einverstanden, dass Verwaltungsangestellte hohe Prämien erhalten haben, obwohl sie mit der Produktion gar nichts zu tun haben.

  • Die Arbeiter der Gießerei des VEB Spinn- und Zwirn Karl-Marx-Stadt3 diskutierten: »Wenn die Partei nicht bald für eine Veränderung des Prämiensystems Sorge trägt, werden die Funktionäre eines Tages die Jacke voll bekommen.«

  • Unter der Belegschaft des VEB Zwirnerei Sachsenburg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, gibt es Unstimmigkeiten, da durch Stromabschaltungen die Arbeiter mit Nebenarbeiten beschäftigt werden und der Stundenlohn nur 0,84 DM beträgt. Die Arbeiter haben gedroht die Maschinen auszuschalten, wenn keine Änderung eintritt.

  • In den Textilbetrieben des Kreises Hohenstein-Ernstthal, im VEB Sachsendruck Plauen und im VEB Elite-Diamant Karl-Marx-Stadt4 sowie in allen Großbetrieben des Kreises Glauchau treten negative Diskussionen über eine Änderung der Arbeitszeit (Nachtschicht) durch die Stromversorgung auf.

Die aufgeführten Beispiele könnten noch erweitert werden. Arbeitsniederlegung wurden in der Berichtszeit nicht bekannt.

II. Die Lage in der Landwirtschaft

Unzufriedenheit in der ländlichen Bevölkerung treten auf:

  • über die niedrige Auszahlung der Arbeitseinheiten in den LPG,

  • über das ungleiche Abgabesoll zwischen Einzelbauern und LPG,

  • sowie über die Preisgestaltung für landwirtschaftliche Produkte in nächsten Jahr.

So bringen z. B. in der LPG Freyenstein,5 [Kreis] Wittstock, [Bezirk] Potsdam, die Mitglieder einer Brigade (15 bis 20 Personen) zum Ausdruck, »dass sie zu wenig Geld (7,– DM pro Arbeitseinheit) verdienen würden. Sie fordern die ihnen zustehenden Naturalien, um sie für Geld zu verkaufen.« Diese Naturalien können jedoch nicht ausgehändigt werden, da die LPG ihr Soll noch nicht erfüllt hat. In Diskussionen wird gesagt: »Wenn unsere Forderung nicht erfüllt wird, dann müssen wir eben streiken.«

Ein Mittelbauer aus Wünschendorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, äußerte: »So eine Ungerechtigkeit hat es noch nie gegeben, dass ich mit 19 ha Gesamtfläche 60 dz Sollgetreide abliefern muss, während die LPG mit einer Gesamtfläche von 85 ha nur 30 dz abzuliefern braucht.«

Unter einem Teil Bauern des Bezirkes Potsdam besteht Unruhe wegen der Preisgestaltung für landwirtschaftliche Produkte im nächsten Jahr. Zzt. ist ein hohes Angebot an Schlachtvieh, besonders an Schweinen zu verzeichnen. Ebenfalls wird bekannt, das Getreide zurückbehalten wird, um damit Schweine zu füttern, die noch in diesem Jahr verkauft werden.

III. Besondere Vorkommnisse

Am 25.10.1956, gegen 13.00 Uhr, brach im Eisenwerk West Calbe, [Bezirk] Magdeburg, in der Umkleidebaracke ein Brand aus. Dabei wurden die Baracke und ca. 450 Spinde vernichtet. Der Schaden beträgt ca. 100 000 DM.

IV. Feindtätigkeit

Hetzlosungen

Der Inhalt der Hetzlosungen richtet sich hauptsächlich gegen den Genossen W. Ulbricht, gegen die DDR und zur Aufforderung zum Streik. Wie z. B.

  • »Nieder mit Ulbricht, wann beginnt der Aufstand.«

  • »Walter Ulbricht abtreten.«

  • »Wir stecken hier im Dreck, darum muss Ulbricht weg.«

  • »Hunger und Streik, Freiheit für die DDR

  • »Werktätige der DDR, fordert die Herabsetzung der Preise um 50 %.«

  • »Arbeiter von Budapest unser Vorbild.«

  • »Russen schießen auf Arbeiter.«6

Die festgestellten Hetzlosungen befanden sich vielfach an Güterwagen, vereinzelt in Betrieben sowie an Häuserwänden und auf Straßen. Ein Schwerpunkt der Schmierereien ist die Stadt Jena, [Bezirk] Gera, wo in den frühen Morgenstunden des 28.10.1956 an sechs Stellen der Innenstadt mit Zahnpasta und Kreide »Freiheit« angeschmiert war.

Hetzschriften

Zur Hetzschriftenverbreitung kam es in der Berichtszeit lediglich in Rogätz, [Kreis] Wolmirstedt,7 [Bezirk] Magdeburg, wo ein Ballon mit ca. 1 500 Hetzschriften niederging. Die Überschrift der Hetzschriften lautete: »Länger leben, langsamer arbeiten.« Des Weiteren wurde in Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, aus einem fahrenden Pkw ein Flugblatt des UfJ geworfen.8

Am 28.10.1956 wurde bekannt, dass bei der Redaktion des »Telegraf« ein Flugblatt gedruckt wurde, welches die Überschrift hat: »SSD-Chef Wollweber nach Moskau«.9 Der Inhalt dieses Flugblattes ist nicht bekannt.

Gerüchte

  • Im Ministerium für Kultur wird durch ein Mitglied der SED die Mitteilung verbreitet, dass rund um Berlin sowjetische Truppen zusammengezogen werden.

  • In der Straßenbahn von Leipzig wurde davon gesprochen, dass man die Volkskammersitzung verschoben habe,10 weil das ZK auseinandergefallen sei und Walter Ulbricht in Bautzen inhaftiert wäre.

  • Im Kreis Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde verbreitet, dass die Westzeitungen die Meldung bringen, – Genosse Walter Ulbricht verhaftet – Transport von politischen Gefangenen von Waldheim nach Bautzen darunter Herrnstadt,11 Wollweber und Merker.12

V. Stimmung zu den Ereignissen in Polen und Ungarn

Aus den bekannt gewordenen Diskussionen ist in fast allen Bezirken zu erkennen, dass die Menschen vielfach westliche Sender abhören und auch Hetzmeldungen der Westsender als Diskussionsgrundlage benutzen. Dabei wird vielfach zum Ausdruck gebracht, dass von der DDR nicht genügend Informationen gegeben werden. Im Allgemeinen kann festgestellt werden, dass der Umfang an negativen Diskussionen zunimmt. Dazu folgende Beispiele:

  • Bei einer Parteiversammlung im VP-Krankenhaus in Berlin kam zum Ausdruck, dass durch verzögerte und ungenügende Stellungnahme der Partei und Regierung eine erhebliche Unzufriedenheit auch unter der Bevölkerung entsteht und damit faschistischen Provokateuren die Arbeit erleichtert wird.

  • Ein Tischlermeister aus Oberlungwitz, [Kreis] Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, äußerte: »In Polen und Ungarn tut sich was, bei uns fehlt nur noch der Anstoß. Im Feinstrumpfwerk Oberlungwitz stehen sofort 100 Mann bereit, die dann mit eingreifen würden.«

  • Ein Kumpel aus dem Wismutschacht 31 – Johanngeorgenstadt, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Die Stimmung ist bei uns soweit reif, es müssten ein paar beherzte Männer aufstehen und wir hätten wieder einen 17. Juni. Die Verhältnisse sind bei uns genau wie in Ungarn. Man sollte nicht Adenauer13 ablösen, sondern die Regierung der DDR. Ein kleiner Funke würde genügen, um bei uns einen Aufstand anzufangen.«

  • Im VEB Schachtbau Pörmitz,14 [Bezirk] Gera, äußerten sich einige Kumpels: »Wir brauchen nur loszuschlagen, die anderen Betriebe warten darauf, dass wir anfangen.«

  • In der wissenschaftlichen Hauptabteilung des VEB Zeiss Jena, [Bezirk] Gera, wird folgendermaßen diskutiert: »Man spricht laufend von Fehlern, die gemacht wurden und entschuldigt sich über die Vorfälle in Polen und Ungarn, aber selbst lernt man nichts daraus. Es geht solange, bis bei uns der Aufstand ausbricht, vielleicht wird es dann besser.«

  • Im VEB Umspannwerk Remptendorf, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera, sind ca. 80 % der Beschäftigten der Meinung, »dass die Vorkommnisse in Polen und Ungarn gut wären. Da wüssten wenigsten die Russen, dass sie nicht beliebt sind.«

  • Unter den Umsiedlern aus dem Kreise Grimma, Oschatz und Wurzen, [Bezirk] Leipzig, tauchen Meinungen auf, »dass sich Polen jetzt selbst befreit und sie bald in ihre alte Heimat zurückkehren können.«

  1. Zum nächsten Dokument Lage in der DDR (4) 28.–29.10.
    29. Oktober 1956
    Information Nr. 286/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik (vom 28. bis 29.10.1956, 22.00 Uhr bis 7.00 Uhr, eingegangenes Material)
  2. Zum vorherigen Dokument Lage an den Universitäten und Hochschulen
    28. Oktober 1956
    Information Nr. 285/56 – Betrifft: Lage an den Universitäten und Hochschulen der Deutschen Demokratischen Republik (Zusammenfassung)