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Lage in der DDR (31) 13.11.

13. November 1956
Information Nr. 331/56 – Betrifft: Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik, in der Zeit vom 13. November 1956, 8.00 Uhr, bis 13. November 1956, 20.00 Uhr, eingegangenes Material

I. Industrie und Verkehr

Dresden

  • Im VEB Papierfabrik Hainsberg,1 [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, wurde Anfang vorheriger Woche in der Abteilung Arbeit über die Normen in der Holzschälerei diskutiert. Von den Arbeitern dieser Abteilung wurden Vorschläge über die Normen an die Abteilung Arbeit eingereicht. Die Arbeiter forderten einen Genossen mit den Worten auf: »Sieh zu, dass Du dies durchdrückst, damit keine Galgen gebaut werden brauchen.«

  • Als den Arbeitern im VEB Waggonbau Bautzen Abteilung Dreherei bekannt gegeben wurde, dass sie als Arbeitsschutzkleidung Anzüge, Lederschürzen, Unterhemden, Unterhosen und Socken erhalten, stellten sie die Forderung nach Schuhen. Ein parteiloser Arbeiter erklärte: »Wir werden zur BGL gehen, zur staatlichen Kontrolle, sollte sich das erfolglos auswirken [sic!], dann gibt es auch noch andere Mittel. Wir legen geschlossen die Arbeit nieder und in einigen Stunden haben wir die Schuhe.«

  • Im VEB Zellstoffwerk Pirna ergeben sich beim Bau der neuen Kocherei Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Blechen sowie Stahlkonstruktionen. Durch diese Materialschwierigkeiten wird voraussichtlich eine Inbetriebnahme der neuen Kocherei [in] nicht unter zwei Jahren erfolgen. Der Zustand der alten Kocherei mit ihren Nebenanlagen erfordert jedoch eine baldige Änderung, da sie nur noch unter Beachtung besonderer Sicherheitsmaßnahmen betrieben werden darf. Ein Stillstand der alten Kocherei oder eine Sperrung würde einen Ausfall von ca. 34 t Buchen-Textilstoff bedeuten.

  • In der VEB Porzellan-Manufaktur Meißen wurde am 8.11.1956 eine neue Arbeitszeit eingeführt. Dies löste unter der Belegschaft eine große Unzufriedenheit aus. Der Grund der Einführung war Einsparung von Strom in den Morgenstunden. Aufgrund der Missstände unter der Belegschaft wurde am 10.11.1956 die alte Arbeitszeit wieder eingeführt.

II. Landwirtschaft

Dresden: Die verschiedentlichen Preisherabsetzungen bei freien Schweinen können sehr leicht bewirken, dass im kommenden Jahr die Schweinehaltung stark zurückgeht, weil der materielle Anreiz nicht mehr gegeben ist. Es werden zum Beispiel im letzten viertel Jahr die Aufkaufpreise um ca. 80,00 DM pro Doppelzentner gesenkt. Im Dezember soll eine weitere Senkung stattfinden. Die Kalipreise dagegen steigen ab 1.1.1957 um 100 %. Am 3.11.1956 wurden anlässlich einer Zuckerrübenverladung in Stolpen, [Kreis] Bischofswerda,2 fünf Waggon Speisekartoffeln vom Volksgut Langenwolmsdorf ausgeladen. Arbeiter erzählten den Bauern, dass diese Kartoffeln an die Schweine verfüttert würden. Des Weiteren hätte das Volksgut noch ca. 5 ha zu roden und die gesamte Zuckerrübenernte auf dem Feld.

III. Handel

In Lommatzsch, [Kreis] Meißen, wurde festgestellt, dass vor den Geschäften Schlangen von Menschen stehen. Es treten dort Diskussionen auf, dass es keine Butter gebe. Diese würde jetzt wahrscheinlich nach Ungarn gebracht. Mandeln und Rosinen würde es auch nur wenige geben.

IV. Besondere Vorkommnisse

Potsdam: In der Gemeinde Friedersdorf und in den Nachbargemeinden, Kreis Königs Wusterhausen, herrscht seit längerer Zeit eine große Schwarzwildplage. Diese hat in letzter Zeit zugenommen. Die Funktionäre äußern, dass die politische Arbeit nicht vorangetrieben werden kann, wenn nicht Abhilfe geschaffen wird. Ein Brigadier des Forstwirtschaftsbetriebes erklärte, dass sie im Jahre 1955 eine Jagdschussziffer von 30 Stück hatten, sie aber Anfang dieses Jahres ihre Jagdberechtigung abgeben mussten, weil dieses Gebiet Sonderjagdgebiet eines Genossen Warbar von der ZKK wurde.

Berlin: In den Kreisverbänden der CDU Friedrichshain und Treptow zeigen sich in den letzten Wochen Bestrebungen auf Wiedereinrichtung auf CDU-Betriebsgruppen [sic!]. In einigen Fällen konnte beobachtet werden, dass sich für diese Forderung besonders Angehörige der Intelligenz einsetzen. Beim Vorschlag auf Wiedereinrichtung von Betriebsgruppen lassen sich die Betreffenden von folgenden Faktoren leiten:

  • 1.)

    Aktivität der CDU-Mitglieder zu steigern und das Parteileben zu verbessern.

  • 2.)

    Hätte die Partei in den betreffenden Objekten etwas mitzureden. Sie hätten Gelegenheit an breitere Schichten der Bevölkerung heranzukommen.

Am 21.10.1956 fand eine Tagung des Männerkreises Land Berlin der evangelischen Kirche statt.3 Anwesend waren acht Pfarrer und 68 Männer. Superintendent Himmel4 führte aus: »Liebe Brüder, ihr müsst den Menschen auf der Straße und in der Fabrik zeigen, dass ihr Christen seid, indem ihr euch mit den Menschen unterhaltet und auch als Betriebsrat oder Funktionär wählen lasst.« Des Weiteren wurde zum Ausdruck gebracht: »Wir wollen beten und hoffen, dass wir uns im nächsten Jahr wiedertreffen, uns Christus die Kraft geschenkt hat, alle unsere Widersacher abzuschütteln und die Kirche wieder eine Macht im Staate ist.«

V. Feindtätigkeit

Hetzschriften

Am 9.11.1956 wurden auf dem Bahnhof Gesundbrunnen durch zwei Verteiler am Ausgang Badstraße folgende Hetzschriften verteilt:

  • »Der Aufbruch«

  • »Die Nachrichten aus aller Welt«

Flugblätter

Berlin

  • Am 12.11.1956 wurden in der Voßstraße zwei Hetzschriften gefunden: »KgU«,5 »Der Terrorapparat der Partei auf der Anklagebank«.

  • Im Bezirk Friedrichshain wurden am 12.11. ca. 200 Flugblätter gefunden. Verschiedene Ausführungen Hetze gegen SU, gegen MfS, Herausgeber »KgU«.

  • Am 12.11.1956 wurden im Bezirk Treptow 1 000 Flugblätter »Der Tag« gefunden.6 Im Bezirk Weißensee und Lichtenberg wurden ebenfalls je 500 Hetzschriften »Der Tag« gefunden.

  • Am 8.11.1956 wurden in Berlin-Altglienicke von einer Schülerin die Reste eines Ballons mit ca. 2 000 Stück Flugblättern gefunden. Inhalt: »Bauern in der Sowjetzone – Recht gegen Unrecht«.

  • Auf dem Gelände des Bahnhofes Warschauer Straße sowie auf der S-Bahnstrecke zwischen Jannowitzbrücke und Alexanderplatz wurden insgesamt 17 Hetzschriften in russischer Schrift gefunden. Herausgeber »Zope«.7

  • Am 8.11.1956 wurden von zwei jüngeren männlichen Personen in der Gepäckabgabe des Bahnhofs Zoo zwei Karten zur Aufbewahrung abgegeben.8 Kontrolle ergab ca. 225 000 Streu- und Klebezettel in 15 verschiedenen Ausführungen.

Karl-Marx-Stadt

  • Nach übereinstimmenden Meldungen von der Grenzpolizei und den Aufklärungsgruppen fanden am 11. und 12.11.1956 Massenstarts von Hetzballons statt, Bereich Hof/Bayern. Sämtliche Ballons trieben in Richtung DDR.

    • Brand-Erbisdorf Fund von 3 500 Stück

    • Kreis Auerbach 1 000 Stück

    • Kreis Plauen 200 Stück

      Die Flugblätter stammen von der »KgU«, dem »Ostbüro«9 und der »Zope«. Inhalt: »Terrorapparat der Partei auf der Anklagebank« oder Aufforderung zum Langsamarbeiten. Die Zope-Flugblätter bringen Kommentare über Ungarn10 und Hetze gegen die SU.

Leipzig

  • Am 12.11.1956 wurde ein Hetzblatt des UfJ11 im Briefkasten des Messehauses Dresdner Hof gefunden.

Handgeschriebene Flugblätter

Karl-Marx-Stadt

  • Vor dem Betriebsgrundstück der DHZ Chemie wurde ein selbstgefertigtes Hetzblatt gefunden. Inhalt: Hetze gegen Regierung, Aufruf zum Widerstand.

Dresden

  • Am 9.11.1956 wurden in Reichenbach vier handgeschriebene Hetzzettel auf der Dorfstraße gefunden. Inhalt: »Wer rüstet bis an die Zähne, der Osten«. »Wann gibt es Butter«. »Die angeblichen Friedenskämpfer bereiten den Krieg vor.« […]12-NSDAP.

  • Am 12.11.1956 wurde in Rausslitz, [Kreis] Meißen, vor dem Schulhof ein Hetzzettel gefunden. »Nieder mit dem Kommunismus, fort mit Ulbricht und seiner Clique, hinaus mit den Russen.«

Hetzlosungen

Dresden

  • Auf dem Bahnhof Dresden wurde in der Herrentoilette eine Hetzlosung angeschmiert: »SED-Staat, nieder mit ihm«.

  • Am 11.11.1956 wurde in Niederau,13 [Kreis] Meißen, bei einem Bäckermeister die Losung angeschrieben »Russen raus sonst wie in Ungarn. Russen raus.«

  • Am 8.11.1956 wurde am Eingang der LPG-Hochschule Meißen angeschrieben: »SED-Verräter«.

  • Am 7.11.1956 wurde in der Großbaustelle Kraftwerk Hirschfelde, [Kreis] Zittau, angeschmiert: »Es kommt der Tag der Rache, wo wir abrechnen mit den Kommunistenhunden«.

  • Am 11.11.1956 wurde an der Martin-Andersen-Nexö-Oberschule in Dresden angeschmiert: »Der Marsch hat begonnen«.

Leipzig

  • An der Bahnunterführung in Leipzig N 35, Rathenaustraße, wurde eine Hetzlosung gegen die KPD angeschmiert.

  • In Altenburg, Hansastraße,14 und an der HO-Verkaufsstelle Leipzig O 5, Riesaer Straße, wurde je ein Hakenkreuz angeschmiert.

  • Am 11.11.1956 wurde am Schaufenster der Volksbuchhandlung Leipzig eine Schmiererei gegen den Kommunismus angebracht.

  • An der Mauer des Botanischen Gartens Linnéstraße wurde eine Hetzlosung gegen die SU angebracht. Am 11.11.1956 wurden anlässlich der Eröffnung der Atomausstellung der Messehalle VIII in Leipzig an der Seitenwand zwei Hakenkreuze festgestellt.15

Hetzbriefe

Dresden

  • Die Kreisleitung der SED Zittau erhielt durch die Post einen Hetzbrief, in welchem ein Zeitungsausschnitt mit den Gräueltaten der ungarischen Faschisten beinhaltete [sic!]. Des Weiteren ein Zettel: »Bald seid ihr an der Reihe«.

Leipzig

  • Am 8.11.1956 und 10.11.1956 erhielten ein FDGB-Funktionär, drei VP-Angehörige und der Bürgermeister von Pegau, [Kreis] Borna, durch Post je einen Hetzbrief. Inhalt: »dass sie zu bestimmten Zeiten an bestimmten Bäumen aufgehängt würden«.

  • Am 12.11.1956 ging auf der Kreisleitung der SED in Altenburg ein anonymer Brief ein, der an alle Funktionäre der SED und des SSD16 gerichtet ist und eine wüste Hetze gegen die DDR und SU enthält.

Berlin

  • Im Bezirk Prenzlauer Berg erhielt in der vorherigen Woche ein Bürger einen Hetzbrief mit folgendem Inhalt: »In der Gosse wird auch euer Leben enden – eure ganze Sippe, Du, Deine Tochter und jüdischer Schwiegersohn, dass ist die Absicht der Mieter des Hauses.«

  1. Zum nächsten Dokument Lage in der DDR (30) 13.–14.11.
    14. November 1956
    Information Nr. 332/56 – Betrifft: Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik, in der Zeit vom 13. November 1956, 8.00 Uhr, bis 14. November 1956, 8.00 Uhr, eingegangenes Material
  2. Zum vorherigen Dokument Lage in der DDR (29) 12.–13.11.
    13. November 1956
    Information Nr. 330/56 – Betrifft: Die Lage in der Deutschen Demokratischen Republik – in der Zeit vom 12. November 1956, 8.00 Uhr, bis 13. November 1956, 8.00 Uhr, eingegangenes Material