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Materiallage bei der Deutschen Reichsbahn (1)

17. September 1956
Information Nr. 208/56 – Betrifft: Materiallage bei der Deutschen Reichsbahn

Als technischer Schwerpunkt ist gegenwärtig bei der Deutschen Reichsbahn die mangelhafte Überholung und Reparatur der Bahnanlagen zu sehen, da die geplanten Kontingente für das Jahr 1956 laufend geändert und stark gekürzt wurden. Die zur Verfügung gestellten Kontingente an Oberbaustoffen reichen bei Weitem nicht aus, um die Abgänge an Schienen und Schwellen, die durch Überalterung der Stoffe eintreten, zu ersetzen. Dies führt dazu, dass die bereits vorhandenen Langsamfahrstellen nicht beseitigt werden können, sondern noch weiter an Umfang zunehmen, d. h., dass die Durchlassfähigkeit der Strecken weiter herabgemindert wird bzw. die Fahrzeiten der Reisezüge erhöht werden müssen. Im Einzelnen zeigt sich in der Materiallage in den Rbd-Bezirken folgendes Bild:

Rbd-Bezirk Dresden

Die Planung der Rbd-Dresden für das Jahr 1956 an Oberbaustoffen ist aufgebaut auf der Materialzuweisung des Ministeriums für Verkehrswesen. So wurden geplant:

  • Schienen: 127 km

  • Betonschwellen: 26 000 Stück

  • Holzschwellen: 50 000 Stück

Ende Mai 1956 wurde vom MfV die Materialzuteilung der Oberbaustoffe wie folgt vermindert und neu zugewiesen:

  • Schienen: 34 km

  • Betonschwellen: 26 000 Stück

  • Holzschwellen: 24 900 Stück

Tatsächlich liegt der Bedarf wesentlich höher, und zwar:

  • altbrauchbare Schienen: 386 km

  • neue Schienen: 191 km

  • altbrauchbare Schwellen: 175 500 Stück

  • neue Schwellen: 366 000 Stück

Durch die Kürzung der Neustoffzuteilung musste die Schienenauswechslung mit altbrauchbaren Schienen um rund 31 km gekürzt werden. Im Rbd-Bezirk Dresden liegen zzt. etwa 130 km Schienen, welche die zulässige Abnutzungsgrenze bereits überschritten haben.

Der Zustand des Oberbaues im Bezirk der Rbd-Dresden gibt zu ernsten Sorgen Anlass. Er hat sich in den letzten Monaten wesentlich verschlechtert. Dies zeigen die durchgeführten Fahrten mit den Gleismesswagen. Die Langsamfahrstellen sind seit Ende des Jahres 1955 bis jetzt von 1 auf 29 gestiegen. Von den bestehenden Langsamfahrstellen werden etwa 14 mit 29,1 km Länge über das Jahr 1956 hinaus bestehen bleiben müssen. So ergibt sich aus der Einrichtung von La-Stellen an den Hauptstrecken, dass eine größere Anzahl aller verkehrenden Schnellzüge im Winterfahrplan 1956/57 eine längere Fahrzeit beanspruchen als gegenwärtig.

Beispielsweise benötigt der D 196 sowie die Eilzüge zwischen Dresden – Leipzig über Döbeln annähernd 8 Minuten längere Fahrzeit. Der D 84 Dresden – Wittenberg benötigt zehn Minuten längere Fahrzeit. Der D 184 wird nach dem neuen Winterfahrplan zwischen Dresden – Leipzig 35 Minuten längere Fahrzeit benötigen. Auf den Strecken Dresden – Karl-Marx-Stadt liegen die Vergrößerungen der Fahrzeit bei 4,3 und 6,4 Minuten. Auf der Strecke Gößnitz – Gera bei 2,3 Minuten, der Strecke Altenburg – Gutenfürst bei fünf Minuten und der Strecke Riesa – Karl-Marx-Stadt bei 8,6 Minuten.

Nach bisherigen Feststellungen ist die Hauptursache dieser verlängerten Fahrzeit in der Einrichtung neuer Langsamfahrstellen zu suchen, wodurch Zugkreuzungen in den meisten Fällen negativ beeinflusst werden.

Die Bedarfsplanung für das Jahr 1956 der Rbd-Dresden sieht vor: 191 km Schienen und 366 000 Schwellen. Vom MfV wurden aber nur 27 km Schienen und 66 000 Schwellen bewilligt.

Wie leichtsinnig und verantwortungslos im MfV in der HV Bahnanlagen gearbeitet wird, zeigt folgendes Beispiel: Einem Vertreter der Gruppe Bahnanlagen der Rbd-Dresden wurde bei einer Besprechung über die Planziffern für 1957 im MfV gesagt, »dass er wegen der bewilligten 27 km Schienen kein Aufsehen machen soll. Er würde außerdem noch 50 km Schienen zusätzlich bekommen, was er aber nicht so festlegen könne, um nicht andere Rbd-en in Mitleidenschaft zu ziehen bzw. zu verärgern.«

Neben der Materialbereitstellung ist es notwendig, die Zuweisung der Finanzbeträge besonders zu betrachten. Die Bereitstellung durch das Ministerium für Verkehrswesen für die Jahre 1955 bis 1957 ergibt folgendes Bild:

  • 1955: 48 856 TDM

  • 1956: 47 036 TDM

  • 1957: 44 530 TDM

Aus diesen Angaben ist ersichtlich, dass die bereitgestellten Mittel jährlich geringer wurden. Das Verhältnis wird noch schlechter, wenn man berücksichtigt, dass durch Einführung der Baufestpreise1 und der Preiserhöhung für Holz- und Walzstahlerzeugnisse2 relativ höhere Angaben gegenüber 1955 auftreten.

Rbd-Bezirk Greifswald

Im Rbd-Bezirk Greifswald ist die Materiallage gekennzeichnet durch laufende Planänderung. Bereits am 16.1.1956 erfolgte eine Neuverteilung der Stoffe, bei der das Kontingent geändert und bei Schienen auf 50 000 laufende Meter = 25 km Gleis, Schwellen 81 000 Stück festgelegt wurde. Am 30.6.1956 erfolgte wieder eine Änderung des Stoffkontingentes, und zwar wurden folgende Mengen festgesetzt: Schienen 24 500 laufende Meter = 12,25 km Gleis, Schwellen 45 250 Stück.

Für die Planung 1957 wurde nicht der Bedarf zu Grunde gelegt, sondern die Rbd erhielt Richtzahlen von der Hauptverwaltung Bahnanlagen des MfV, die wesentlich tiefer liegen als die bestätigten Zahlen des Planes 1956. Danach erhält die Rbd Greifswald für das Jahr 1957 folgende Mengen an Oberbaustoffen:

[Baustoff]

1956 (zum Vergleich)

1957

Schienen

24 500 lfd. M.

12 000 lfd. M. = 6 km Gleis

Schwellen

45 250 Stück

30 000 Stück

Weichen neu

60 Stück

38 Stück

Weichen alt

140 Stück

142 Stück

Während es bisher gelungen ist, abgesehen von vorübergehend eingerichteten Langsamfahrstellen auf der Strecke Pasewalk – Neubrandenburg – Malchin, dem Wunsche der Verwaltung Betriebe und Verkehr Rechnung zu tragen und die Gleise der I. Ordnung und Sonderklassen frei von Langsamfahrstellen zu halten, sind diese im Jahre 1957, bedingt durch die geringen Stoffkontingente und durch die angekündigte späte Anlieferung des Materials, nicht mehr zu vermeiden. Die betriebssichere Erhaltung der Nebengleise wird durch den Stoffmangel ebenfalls von Jahr zu Jahr schwieriger. Um die Sperrung von Bahnhofsgleisen möglichst einzuschränken, werden die Abnutzungsgrenzen besonders bei den Schwellen, heraufgesetzt, sodass hierdurch ein Ansteigen der Unfallziffer zu verzeichnen ist.

Nach den bisher getroffenen Feststellungen der Rbd Greifswald müssen folgende Strecken als Schwerpunkte gelten:

  • Bernau – Stralsund: etwa drei Langsamfahrstellen,

  • Stralsund – Saßnitz,

  • Pasewalk – Malchin je eine Langsamfahrstelle.

Durch den Mangel, besonders an Schwellen, ist die Situation bei den Nebenbahnen noch kritischer, weil bei diesen Strecken die vorhandenen Stoffe wesentlich älter sind. Hier wird die Einrichtung von Langsamfahrstellen in dem nachstehenden Umfang nötig werden:

  • Strecke Löwenberg – Prenzlau: drei Langsamfahrstellen,

  • Strecke Britz – Fürstenberg: zwei Langsamfahrstellen,

  • Strecke [Bad] Freienwalde – Hohenwötzen: eine Langsamfahrstelle,

  • Strecke Prenzlau – Straßburg: zwei Langsamfahrstellen,

  • Strecke Prenzlau – Löcknitz: zwei Langsamfahrstellen,

  • Strecke Jatznick – Ueckermünde: zwei Langsamfahrstellen,

  • Strecke Ahlbeck – Wolgaster Fähre: zwei Langsamfahrstellen.

Rbd-Bezirk Magdeburg

Der Plan für das Jahr 1956 sah Folgendes vor:

  • an Schienen: 80 km,

  • an Schwellen: 136 000 Stück,

    • davon 92 000 Holzschwellen,

    • 44 000 Betonschwellen.

Durch Kürzung des Stoffkontingents wurden nachstehende Stoffe vom Ministerium für Verkehrswesen bestätigt:

  • Schienen: 48,6 km,

  • Schwellen: 53 950 Stück Holzschwellen,

  • 44 000 Stück Betonschwellen.

Schwierigkeiten für die Bedarfsplanung 1957 sind bisher noch nicht aufgetreten.

Schwerpunkte im Rbd-Bezirk bilden die 68 Langsamfahrstellen, die durch Schäden am Oberbau entstanden sind. Dies wird sich störend auf die Abwicklung des Verkehrs bemerkbar machen und Zugverspätungen größeren Umfangs verursachen.

Rbd-Bezirk Halle

In diesem Bezirk traten in der Belieferung mit Materialien für den Oberbau keine Schwierigkeiten auf, da dieser Bezirk bevorzugt beliefert wird. Ebenfalls traten für die Bedarfsplanung des Jahres 1957 noch keine Schwierigkeiten auf.

Rbd-Bezirk Cottbus

Geplant waren für das Jahr 1956 an

  • neuen Schienen: 96 km,

  • alten Schienen: 90 km,

  • Schwellen: 124 000 Stück,

davon für den Bau des Anschlusses »Schwarze Pumpe«,

  • an Schienen: 60 km,

  • an Schwellen: 40 000 Stück.

Nach Kürzung durch die HV des Ministeriums für Verkehrswesen bleiben noch an Schienen 76 km, wobei für die Erneuerung vorhandener Gleisanlagen nur ein Rest von 10 km vorhanden ist. Die Schwellen wurden auf 96 000 Stück gekürzt, sodass für Generalreparaturen nur noch 55 000 Stück zur Verfügung stehen. Für 1957 sind der Rbd 26,5 km Schienen zugesagt sowie 65 000 Stück Neuschwellen. Um die Betriebssicherheit in den Anlagen zu erhalten, wäre es notwendig, dass an Schienen ca. 80 km und an Schwellen 150 000 Stück zur Verfügung gestellt werden müssten.

Diese ungenügende Stoffzuteilung führt zu erheblichen Langsamfahrstellen und zur Verschlechterung der Betriebssicherheit. So waren am 1.2.1956 zwei Langsamfahrstellen mit durchschnittlich 6 km Gesamtlänge vorhanden. Am 1.4.1956 waren neun Langsamfahrstellen mit fast 13 km Länge, am 1.7.1956 15 Langsamfahrstellen mit 43 km und am 28.8.1956 23 Langsamfahrstellen mit 76,5 km Länge vorhanden. Schwerpunkte sind dabei die Strecken Cottbus – Görlitz, Horka – Ruhland, Cottbus – Forst, Guben – Forst, Falkenberg – Uckro und Ruhland – Großenhain.

Durch die ungenügende Materialzuteilung muss damit gerechnet werden, dass im Frühjahr 1957 mit ca. 120 km Langsamfahrstellen zu rechnen ist. Durch die vorhandenen Langsamfahrstellen treten im gesamten Reise- und Güterzugverkehr Veränderungen ein, d. h. dass dadurch die Fahrzeiten verlängert werden müssen, was sich besonders im Arbeiterzugverkehr auswirkt.

Rbd-Bezirk Berlin

Die Planung sowie die Realisierung für das Planjahr 1956 zeigt Folgendes:

Schienen: Anforderung 351 000 lfd. M., bis zum 10.8.1956 wurden 31 % geliefert.

Schwellen: Anforderung 184 190 Stück, davon wurden bis zum 10.8.1956 nur 39 % geliefert. Ebenfalls besteht ein großer Engpass an Laschen und Schrauben. Der Bedarf an diesen Materialien kann bei Weitem nicht gedeckt werden.

Durch die nicht termingemäße Anlieferung der Materialien treten teilweise erhebliche Verzögerungen bei der Durchführung der Bauarbeiten ein. So waren Ende Juli im Bereich der Rbd-Berlin 20 Langsamfahrstellen, deren Einrichtung sich aufgrund der Oberbauarbeiten notwendig machte, vorhanden. Da durch die Stockungen in der Materialanlieferung die Arbeiten am Oberbau, welche für das I. und II. Quartal geplant waren, erst im III. und IV. Quartal erledigt werden können, macht sich die Einrichtung weiterer Langsamfahrstellen erforderlich.

Rbd-Bezirk Schwerin

Ebenfalls im Rbd-Bezirk Schwerin wurde vom Ministerium für Verkehrswesen eine erhebliche Kürzung des Planes durchgeführt. So sah der Plan für das Jahr 1956 eine Erneuerung von 20,4 km Schienenstrang vor. Nach der Kürzung können aber nur 4 km erneuert werden. Für Schwellenerneuerung waren im Plan 67 961 Schwellen vorgesehen. Diese wurden auf 46 800 gesenkt.

Größere Schwierigkeiten bestehen bei Schwellenschrauben der verschiedensten Typen sowie bei Laschenschrauben und Doppelfederringen. Trotz der ungenügenden Belieferung mit Material haben sich die Langsamfahrstellen ständig verringert und sollen bis zum 30.11.1956 restlos beseitigt werden.

Rbd-Bezirk Erfurt

Im Bezirk sind für Generalreparaturen 46,5 km Schwellen, 22 km Schienen und 3 km Bettung auszuführen. Von den benötigten Stoffen wurden bisher, obwohl die Plansumme vom Ministerium für Verkehrswesen bestätigt war, nur für 7,7 km Schwellen und 7,9 km Schienen geliefert. Die Nichtlieferung sowie der Einbau der restlichen Schwellen und Schienen hat zur Folge, dass nach Jahresablauf der weitaus größte Teil der geplanten und genehmigten Gelder verfällt bzw. bis zum Jahresende blockiert ist.

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    Information Nr. 209/56 – Betrifft: Stimmung zu Prämienfragen (6. Bericht)
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