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Materiallage bei der Deutschen Reichsbahn (2)

18. Dezember 1956
Information Nr. 385/56 – Betrifft: Materiallage in den Betrieben der Deutschen Reichsbahn (Diese Information enthält Material bis zum 1.12.1956)

Die Materialschwierigkeiten, die in den Betrieben der Deutschen Reichsbahn auftreten, sind fast die gleichen wie in den Betrieben des Schwermaschinen- und Allgemeinen Maschinenbaues. Hauptsächlich fehlen Walzerzeugnisse, DIN-Teile sowie Ersatzteile für Lokomotiven und Waggons. Das Fehlen von Material wirkt sich besonders nachteilig auf den Einsatz von Loks und Waggons des Betriebsdienstes aus. Um größeren Ausfällen bzw. Stillstandszeiten vorzubeugen, sind die Betriebe vielfach gezwungen, von abgestellten Loks oder Waggons Ersatzteile abzubauen, um sie dann für andere Fahrzeuge zu verwenden.

In der Materialplanung für das Jahr 1957 zeigen sich gewisse Schwierigkeiten, die erkennen lassen, dass mit Anlauf des Jahres 1957 die Kapazität einzelner Betriebe nicht voll ausgelastet ist, da zum Teil die geplanten Materialien erheblich gekürzt oder erst für spätere Termine bestätigt wurden. Dadurch besteht in einigen Betrieben für das I. Quartal 1957 kein Vorlauf an Material.

I. Materiallage in den Reichsbahnausbesserungswerken, Bahnbetriebswerken und Bahnbetriebswagenwerken

Die Materiallage kann allgemein als ungenügend bezeichnet werden. Das zeigt sich besonders darin, dass ein großer Teil des eingeplanten Materials für Neubauten und Reparaturen nicht zur Verfügung steht. Hemmend auf die Instandsetzung von Loks und Waggons wirkt sich auch die ungenügende Ersatzteilbelieferung aus, die von anderen RAW bezogen werden müssen. Dabei wird vielfach das RAW Meiningen genannt, welches Ersatzteile für die 44-er Lokbauweise (Schnellzugloks für Gebirgsstrecken) liefert, sowie das RAW »Einheit« Leipzig-Engelsdorf, welches Tragfedern aufarbeitet. Bei folgendem Material bzw. Ersatzteilen besteht ein größerer Engpass:

  • I- und U-Stahl

  • Bleche aller Art

  • nahtlose Rohre (Stahlrohre)

  • Plattenkupfer

  • Gussteile

  • Dichtungen aller Art

  • Kolbenringe

  • Puffer

  • Pufferfedern

  • Bremsklötze und Bremsklotzschuhe

  • Radsätze und Radreifen

  • Tragfedern

  • Achslager

  • Zughaken

  • Schrauben und Muttern aller Art und Größe

Dazu einige Beispiele zur Materiallage:

RAW Halle

[Material]

Bestand

Bedarf

Rundstahl

–,4 t

9,5 t

Winkelstahl

–,8 t

6,0 t

Kesselblech

–,8 t

18,0 t

Grobblech

2,5 t

27,0 t

Mittelblech

–,5 t

15,0 t

Rauchrohr

4,5 t

18,0 t

Plattenkupfer

2,0 t

Kupferschweißdraht

1,0 t

Tragfedern: Fehlbestand: 260 Stück

RAW Meiningen

Ein weiterer Schwerpunkt in der Materiallage ist das Fehlen von Kesselblechen. So wurden beispielsweise in der Zeit vom 1.1.1956 bis 31.10.1956 folgende Mengen geplant und ausgeliefert:

  • 16 mm: 19,7 t angefordert, ausgeliefert 13,6 t

  • 20 mm: 23,5 t angefordert, ausgeliefert 18,5 t

  • 11 mm: 107,0 t angefordert, ausgeliefert 48,0 t

Bei Grobblechen ergibt sich folgendes Bild:

  • [bei] 5 mm Blechen ist eine Fehlmenge von 33,2 t aufzuweisen

  • [bei] 6 mm Blechen ist eine Fehlmenge von 40,7 t aufzuweisen

  • [bei] 8 mm Blechen ist eine Fehlmenge von 2,7 t aufzuweisen

Rbd (Reichsbahndirektion) Bezirk Berlin

Der Bedarf an Lok- und Wagenersatzteilen für das Jahr 1956 (Stand vom 30.10.1956)

[Material]

geplant

geliefert

Pufferfedern

1 616 Stck.

395 Stck.

Zugapparatefedern

470 Stck.

91 Stck.

Bremsklotzstellfedern

730 Stck.

180 Stck.

Zughaken mit Bund

145 Stck.

80 Stck.

Schalenmuffen

270 Stck.

144 Stck.

Der Bedarf an wichtigen Materialien für RAW und BW (Stand vom 30.10.1956)

[Material]

geplant

geliefert

I- und U-Stahl

231,922 t

94,060 t

grober Stabstahl

235,897 t

99,982 t

Mittelbleche 3 mm

19,907 t

7,810 t

Gliederketten

1,996 t

0,030 t

Stahldrahtseile

22,804 t

8,002 t

Drahtseile auf Alu

5,454 t

0,489 t

gezogener Draht unter 100 kg Festigkeit

20,995 t

2,235 t

Schrauben und Muttern bis M 10

20 847,900 kg

3 584,220 kg

Aus diesen vorgenannten Beispielen, die noch erweitert werden können, ist ersichtlich, dass dadurch die Planerfüllung gefährdet werden kann, was unter den Arbeitern Unzufriedenheit hervorruft.

II. Schwierigkeiten, die durch das Nichtvorhandensein des eingeplanten Materials auftreten

Durch die ungenügende Belieferung von Material und Ersatzteilen treten in den einzelnen Betrieben verschiedenartige Schwierigkeiten auf, die sich in der Endkonsequenz auf den Betriebsdienst auswirken, da in der Reparatur und im Neubau erhebliche Verzögerungen eintreten. In der Hauptsache lassen sich diese Schwierigkeiten in folgenden Punkten zusammenfassen:

  • Erhöhte Kosten des Betriebes durch Aufarbeiten von altem Material;

  • Verlängerung der Stillstandszeiten bei Loks und Waggons;

  • Gefährdung des Transportplanes durch längere Liegezeiten der Fahrzeuge;

  • Unzufriedenheit unter den Beschäftigten, Forderung nach mehr Material.

Dazu folgende Beispiele:

In den nachgenannten RAW stehen Loks zur Ausbesserung, die dringend benötigt werden, aber aufgrund von Materialmangel nicht zum Einsatz kommen:

  • RAW Halle 19 Loks der Bauweise 94;

  • RAW Stendal 15 Loks der Bauweise 52;

  • RAW Zwickau zehn Loks der Bauweise 58.

Außerdem stehen in verschiedenen Bw Loks des Betriebsparkes, die wegen fehlender Ersatzteile nicht repariert werden können. So stehen z. B. im Durchschnitt zehn Loks in den Bw des Rbd-Bezirkes Halle, im Rbd-Bezirk Cottbus sind es im Durchschnitt fünf Loks und im Rbd-Bezirk Greifswald ebenfalls fünf Loks. Außerdem muss ein Teil der Waggons dem Verkehr entzogen werden, weil das zur Reparatur benötigte Material nicht vorhanden ist. Im RAW Potsdam können z. B. 134 Waggons nicht zum Einsatz kommen, da Radsätze und Federn fehlen. Im Bw Löbau, [Bezirk] Dresden, stehen ebenfalls 28 Waggons wegen Mangel an Radsätzen. Im RAW Magdeburg wurden bisher 16 Waggons abgestellt, die bis auf den Anbau der Bremsklotzschuhe fertig sind.

Der Mangel an Dampfeinlassreglern beim RAW Gotha hat zur Folge, dass gegenwärtig elf Reisewagen, welche im Arbeiterberufsverkehr für die Wismut eingesetzt sind, ohne derartige Regler laufen. Beim nächsten Reparaturausstoß sollen wiederum weitere 14 Reisewagen ohne derartige Regler für das Wismut-Gebiet das Werk verlassen.

III. Schwierigkeiten in der Materialplanung 1957

Für die Planung von Ersatzteilen und Material für das Jahr 1957 ergeben sich bestimmte Schwierigkeiten, d. h., nach den eingereichten Plansummen kann nicht hundertprozentig angeliefert werden. Außerdem bereitet die Unterbringung von Bauteilen in den Gießereien große Schwierigkeiten. Diese lehnen z. T. die Aufträge ab mit der Begründung, dass sie für den Export voll ausgelastet sind.

Wie aus dem vorliegendem Material ersichtlich ist, wird in der Materialbelieferung für das Jahr 1957 keine Besserung eintreten, wenn nicht gar eine Reduzierung des Planes gegenüber 1956. Beachtenswert ist dabei die Mitteilung, die bei einer Besprechung der MV-Leiter in Leipzig gemacht wurde, dass von dem bis Mai 1957 eingeplanten Material nur 33⅓ % ausgeliefert werden kann. Ein Grund für die Materialstreichung wurde nicht bekannt gegeben.

So treten z. B. im RAW Gotha, [Bezirk] Erfurt, in der Materialvorplanung für 1957 folgende Schwierigkeiten auf:

[Material]

Vorplanung

bestätigt

Hülsenpuffer

287 Stck.

170 Stck.

Ringpuffer

102 Stck.

52 Stck.

Schraubenkupplungen

710 Stck.

460 Stck.

Bremsklotzschuhe

600 Stck.

Tragfedern für

2,5 Mio. DM

0,5 Mio. DM

In den RAW und Bw des Rbd-Bezirkes Berlin ist folgende Situation: Für 1957 werden 940 Stck. Zugapparatefedern benötigt. Die Belieferung kann nur zu 23 % erfolgen. 2 900 Pufferfedern werden benötigt, geliefert werden nur 90,9 %, Bremsdreiecke werden 30 Stck. benötigt, geliefert werden 30 %. Tragfedern werden 360 Stck. benötigt, geliefert werden nur 35 %. Die weiteren Ersatzteile können ebenfalls nur im Durchschnitt zu 50 bis 60 % angeliefert werden.

Im RAW Greifswald und Eberswalde ist die Planung für 1957 abgeschlossen. Vonseiten des Ministeriums für Verkehrswesen, Hauptverwaltung RAW, wurde der Plan mit der Bemerkung angenommen, dass das vorgeplante Material aber nur bis zu 30 % oder höchstens 50 % geliefert werden kann, da kein Stahl vorhanden ist.

Das RAW »Einheit« Leipzig benötigt im Jahre 1957 für 19 Mio. DM Material. Verträge sind in Höhe von 12,5 Mio. DM an die Firmen abgeschickt worden und zum Teil abgeschlossen. Viele Betriebe haben die Verträge nur unter der Bedingung abgeschlossen, mit der Auslieferung im II. und III. Quartal zu beginnen. Begründet wird dies mit Vorrangigkeit von Export- und Schwerpunktaufträgen. Ähnliche Erscheinungen sind noch im RAW Cottbus und Dessau vorhanden.

Dem RAW Jena gelang es bisher noch nicht, für das Jahr 1957 die Fertigung von Achshaltern unterzubringen. Hiervon werden ca. 1 200 Stück benötigt. Das Kontingent für Bremsklotzschuhe, rund 60 t Stahlformguss, wurde noch nicht bereitgestellt. Kürzungen wurden bei Schraubenkupplungen von 380 auf 240 Stück sowie bei Hülsenpuffern von 1 200 auf 640 Stück vorgenommen. Außerdem erhält das RAW Jena für 1957 keine Tragfedern.

In den meisten RAW und Bw wurden gleiche Erscheinungen festgestellt.

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