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Materialschwierigkeiten in den VEB

5. Juli 1956
Information Nr. 59/56 – Betrifft: Materialschwierigkeiten in den VE-Betrieben

Im Berichtszeitraum vom 21.6. bis 3.7.1956 wurden aus einer Anzahl der verschiedensten Industriebetriebe wieder in stärkerem Maße Materialschwierigkeiten bekannt, durch die diese Betriebe nicht in der Lage waren, ihren Exportverpflichtungen nachzukommen bzw. den Quartalsplan für das II. Quartal zu erfüllen. Des Weiteren führten die Materialschwierigkeiten dazu, dass in einigen Betrieben Wartestunden geschrieben werden mussten. Es ist vorauszusehen, dass diesen Betrieben auch in den nächsten Quartalen dadurch noch wesentliche Schwierigkeiten entstehen. Im Einzelnen ist zu erkennen, dass die Schwierigkeiten auf folgende Ursachen zurückzuführen sind:

  • 1.)

    mangelhafte Materiallieferung durch die Zubringerbetriebe,

  • 2.)

    zögernde Importeingänge,

  • 3.)

    ungenügende Fertigung und Lieferung von Normteilen.

1.) Mangelhafte Materialbelieferung durch die Zubringerbetriebe

Die mangelhafte Belieferung der Fertigungsbetriebe mit Material durch die Zulieferbetriebe führt am stärksten zu Störungen in der Produktion, wovon besonders die für den Export arbeitenden Betriebe betroffen sind.

  • So kann der VEB Bergmann-Borsig Berlin infolge mangelhaften Einganges an Stahl einige Aufträge, darunter auch Exportleistungen, nicht termingerecht ausführen. U. a. bereitet die Durchführung des Auftrages aus China über 170 Kesselwagen große Schwierigkeiten. Es steht fest, dass der Termin nicht eingehalten werden kann, da die Materialbeschaffung äußerst schwierig ist. Nach Erhalt des Auftrages im Februar dieses Jahres setze sich der Betrieb mit dem Walzwerk Ilsenburg in Verbindung. Da das Walzwerk keine Walzquote mehr frei hatte und angibt, das Material hätte schon im Sommer 1955 bestellt werden müssen, um eine ordnungsgemäße Belieferung zu gewährleisten, gestalte sich die Beschaffung der Bleche für den Betrieb äußerst schwierig. Die gleiche Situation besteht bei der Ausführung zweier weiterer Aufträge – darunter wiederum einer für China, infolge fehlenden Profilstahls. Es handelt sich hierbei um Stahl, den die Maxhütte Unterwellenborn nicht rechtzeitig liefern kann.

  • Seit längerer Zeit liegen die Schwierigkeiten beim VEB Funkwerk Berlin-Köpenick im Fehlen von Einbauteilen, wie Kondensatoren, Röhren, Motoren, Widerständen usw. Dieser Umstand ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Bestellungen zu spät erfolgten.

  • Im VEB Kabelwerk Berlin-Köpenick besteht ein besonderer Engpass an Eisendraht 0,3 und 0,4 mm. Ebenfalls nicht ausreichend vorhanden ist Perbunan,1 das zur Gummiherstellung benötigt und von den Leuna-Werken mangelhaft geliefert wird.

  • Im VEB Chemische Fabrik von Heyden Dresden-Radebeul bestehen ernste Schwierigkeiten in der Versorgung mit Salzsäure, die zur Verarbeitung aller Präparate benötigt und vom Schwefelwerk Nünchritz,2 [Kreis] Riesa, geliefert wird. Am 25.6.1956 war die Lage im Betrieb bereits so, dass nur noch Vorräte für ein bis zwei Tage vorhanden waren.

  • Dem VEB Mühlenbau Nagema Lohmen, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, fehlt es an Grauguss 18–22. Das Hauptlager Zschachwitz kann diesen Betrieb nicht mit diesem Material beliefern, da es selbst Mangel an diesen Materialien hat.

  • Im VEB Waggonbau Bautzen, [Bezirk] Dresden, fehlt es an trockenem Holz für den Bau von Weitstreckenwagen sowie an Rammblechen für den Unterbau. Im Betrieb musste deshalb schon teilweise die Arbeit unterbrochen werden.

  • Im VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden, fehlt es an 10 mm und 4 mm Blechen. Seitens Gießereien, die den Betrieb beliefern, wurde mitgeteilt, dass sie zzt. Regierungsaufträge zu erfüllen haben und aus diesem Grunde der Waggonbau nicht beliefert werden kann. Wenn nicht schnellstens Material geliefert wird, ist die Erfüllung des Planes im Waggonbau Niesky infrage gestellt.

  • Im VEB Fahrzeugwerk Wilsdruff, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, besteht ein besonderer Mangel an Laufachsen e 3, Bremsachsen e 3, Kugellagern und Winkelstahl. Diese Materialien wurden bereits Mitte 1955 in den Zubringerbetrieben bestellt, gehen jedoch äußerst schleppend ein.

  • Im VEB Görlitzer Maschinenbau hat sich der schon mehrfach berichtete Zustand des Material- und Auftragsmangels noch nicht verändert. Wenn nicht innerhalb kurzer Zeit eine Änderung erfolgt, steht ein großer Teil der Belegschaft voraussichtlich in ca. 3 Wochen auf Wartezeit. In den Monaten März/April 1956 wurden in den einzelnen Produktionsabteilungen folgende Wartezeiten registriert:

    • Gießerei: 84 Std. = 115 DM

    • mechanische Werkstatt: 5 770 Std. = 10 900 DM

    • Turbinenbau: 790 Std. = 1 700 DM

    • Dampfmaschbau: 500 Std. = 885 DM

    • Dieselmotorenbau: 240 Std. = 500 DM

    • Werkzeugbau: 34 Std. = 52,00 DM

      Dabei ist zu beachten, dass es sich nur um die registrierten Wartezeiten handelt, die Tatsächlichen liegen noch bedeutend höher.

  • Im VEB Härtolwerk Magdeburg ist die Planerfüllung durch fehlendes Cyannatrium3 gefährdet, welches nur in begrenzten Mengen vom VEB Gärungschemie Dessau geliefert werden kann.

  • Im VEB Pumpenfabrik Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, bestehen zzt. wesentliche Materialschwierigkeiten, sodass verschiedene Verträge, wie z. B. mit der Schiffswerft »Edgar André« in Magdeburg sowie mit der Volkswerft Stralsund über die Lieferung von Seewasserpumpen für Schiffe, die für den Export bestimmt sind, nicht eingehalten werden können. Insgesamt liegen im Betrieb für 750 000 DM Unterwasserpumpen fest, da die hierfür erforderlichen elektrischen Schalter erst im III. Quartal aus Grimma geliefert werden.

  • Im VEB »Ernst Thälmann«-Werk Magdeburg bestehen die Materialschwierigkeiten im Wesentlichen in Folgendem:

    • der Zulieferung von elektrischen Ausrüstungen, besonders vom EAW J. W. Stalin Berlin-Treptow,

    • der Unterbringung von Materialien besonders von 38 t Drahtseilen für den Exportkranbau,

    • in der Zulieferung besonders von Blechen aus Importen sowie

    • in den Terminverzögerungen durch die Gießereien.

  • Im Georgi-Dimitroff-Werk Magdeburg besteht ein besonderer Engpass an Walzmaterial und Schmiedestücken sowie an Blechen St. 52 aus Westimporten.

  • Der VEB »7. Oktober« in Magdeburg kann den Plan für das erste Halbjahr nur mit 97 % erfüllen. Die Ursache dafür ist die Terminverzögerung der Zulieferbetriebe, besonders des VEB Kugellagerwerkes Fraureuth bei der Belieferung von Kugellagern.

  • Im VEB Maschinen- und Apparatebau Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, ist ein ständiger Rückgang in der Planerfüllung festzustellen. Im Mai wurde der Plan nur mit 77,8 % erfüllt. Die Ursachen dazu sind in den Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung sowie in den Lieferverzögerungen der Zulieferbetriebe zu suchen. Besonderer Engpass besteht dabei bei Blech- und Stabstahl. Der Exportplan von zwölf Walzmühlen für die UdSSR mit 329 800 DM konnte infolge fehlender Motoren nicht realisiert werden. Zubringerbetrieb ist vor allem der VEB Elektromotorenwerk Wernigerode, der wiederum über Terminverzögerungen seitens seiner Lieferbetriebe klagt.

  • Im VEB Abus Aschersleben, [Bezirk] Halle, wird nach aller Voraussicht der Plan für das erste Halbjahr 1956 nicht erfüllt werden. Die Hauptursache der Nichterfüllung ist darin zu suchen, dass der Betrieb keinen Stahlguss geliefert bekommt. Weiterhin kann die Wasch- und Spülmaschine, die für die SU gebaut wird, nicht rechtzeitig ausgeliefert werden, weil das Getriebewerk Leipzig den Liefertermin vom 25.4.1956 nicht eingehalten hat.

  • Der VEB Stern-Radio Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hat Schwierigkeiten in der Beschaffung von Kondensatoren vom VEB Hescho4 in Thüringen. Aufgrund des Fehlens dieser Kondensatoren musste bereits die Arbeit am Gerät »Beethoven« eingestellt werden,5 sodass die Planerfüllung gefährdet ist.

  • Im VEB Peniger Maschinenfabrik, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist in der Planerfüllung bei Sprühgeräten ein Schwerpunkt aufgetreten, indem die benötigten Temperguss-Knie von Ueckermünde nicht rechtzeitig geliefert werden.

  • Der VEB Lederwarenfabrik Lengenfeld, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hat einen Engpass an Reißverschlüssen. Der erste Halbjahrplan sieht eine Lieferung von 15 000 m vor, jedoch wurden bis jetzt erst 10 000 m geliefert. Der Lieferbetrieb ist in Rathenow an der Havel.

  • Die Baustellen in Trattendorf, [Bezirk] Cottbus, haben Schwierigkeiten in der Anlieferung von Kies, wodurch Produktionsstörungen hervorgerufen werden. Weiterhin fehlt es an Rödel- und Bindedraht. Täglich werden 50 kg Bindedraht verarbeitet, jedoch werden nur wöchentlich 51 kg von der Zentrale Dresden geliefert.

  • Der VEB Keramik Triptis, [Bezirk] Gera, hat Schwierigkeiten in der Beschaffung von Kapselton. Die Zubringerbetriebe sind die vereinigten Tonwerke in Salzmünde, [Bezirk] Halle.6 Wenn der Betrieb weiterhin so unregelmäßig beliefert wird, ist mit einem Rückgang der Produktion zu rechnen.

  • Im VEB Dübelwerk Loitz, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, ist festzustellen, dass zzt. keine Kreissägeblätter in der Gr[öße] 300 mm × 2,4 vom Lieferbetrieb Schmalkalden geliefert werden. Ebenfalls erhält das Werk keine Schlossschrauben von der DHZ Güstrow. Die Vorräte reichen nur noch bis Ende Juli 1956 aus.

2.) Zögernde Importeingänge

Wesentlich ungünstig auf die Planerfüllung wirken sich auch in einer Anzahl von Betrieben die zögernden Importeingänge an Rohstoffen und Material aus.

  • So hat der VEB Lack- und Druckfarben Coswig, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, Schwierigkeiten in der Realisierung eines Exportauftrages für die ČSR, da Verzögerungen bei den Importen – an erster Stelle Pigmente von den Farbenwerken Hoechst und Ludwigshafen/Westdeutschland7 – eingetreten sind.

  • Der VEB Fortschritt Werk III Singwitz, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, kann ebenfalls seinen Exportplan nach den Volksdemokratien nicht erfüllen. So wurde z. B. der Termin für 15 Mähdrescher für Rumänien, welche am 16.6.1956 zur Auslieferung kommen sollten, nicht erfüllt. Für die Mähdrescher werden Räder mit einer breiten Lauffläche (Pneumatikräder) benötigt, die angeblich in der DDR nicht hergestellt werden können. Diese Bereifung wurde deshalb bei dem Werk Continental und die Felgen bei dem Kronprinzenwerk in Westdeutschland bestellt. Eine Belieferung vonseiten der westdeutschen Firmen kann nicht erfolgen, da Bonn für diese Teile keine Ausfuhrgenehmigung erteilt.

  • Der VEB Panther Schuhfabrik Ehrenfriedersdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hat Mangel an Boxcalf-, Rinds- und Velourleder, welches größtenteils aus Importen bezogen wird. Durch diese Schwierigkeiten können die Verträge mit den Handelsorganisationen nicht termingemäß eingehalten werden, sodass der Betrieb bereits Konventionalstrafen auferlegt bekam.

  • Im Deutschen Hydrierwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, besteht ein Engpass im Permöl, was zur Gefährdung des Planes führen kann. Dem Betrieb ist bekannt, dass in Bergen/Norwegen 500 Tonnen Permöl für das Werk bereit liegen, es jedoch an Tankern zur Abholung des Öles fehlt. Der DIA hat aber erst für den 18.6.1956 die Fahrt geplant, während das Produkt bereits bis spätestens 15.6.1956 gebraucht wird.

  • Das Sauerstoffwerk Bützow, [Bezirk] Schwerin, benötigt zur Versorgung der MTS, VEG und metallverarbeitenden Betriebe in Mecklenburg noch zusätzlich 3 000 bis 5 000 Stahlflaschen aus Importen. Anderenfalls ist das kommende Winterreparaturprogramm gefährdet.

  • Im VEB Gubener Wolle, Bezirk Cottbus, fehlt es an Wollcrylon, was aus Westdeutschland bezogen werden muss.

  • Der VEB Elektrokohle Berlin hat immer Schwierigkeiten in der Beschaffung von Koks, Ceriet-Flourid,8 Pech und Metanaxruß, was ausschließlich aus Importen beschafft werden muss. Es mussten deshalb schon Aufträge aus dem III. und IV. Quartal in Produktion genommen werden, um keine Wartezeiten zu schreiben.

3.) Ungenügende Fertigung und Lieferung von Normteilen

In einigen Betrieben führt auch die ungenügende Lieferung von Normteilen zu Schwierigkeiten in der Produktion. So ist im VEB »7. Oktober« Berlin9 im Jahre 1956 noch nicht ein Monatsplan erfüllt worden. Vom Betrieb werden schon seit längerer Zeit die Liefertermine nicht eingehalten, und auch neue Terminfestlegungen sind praktisch zwecklos, weil diese ebenfalls nicht eingehalten werden. So sind eine Anzahl von Maschinen, die bereits 1955 zur Auslieferung kommen sollten, noch immer nicht fertiggestellt. Zehn Zahnflankenschleifmaschinen, die für den Export bestimmt sind und im März dieses Jahres ausgeliefert werden sollten, stehen ebenfalls noch im Betrieb, und es ist fraglich, ob sie bis zu dem neuen Termin im Juli fertig sind. Einesteils liegen dafür die Schwierigkeiten im Fehlen von Normteilen, besonders Schrauben. Die DHZ ist nicht in der Lage, den Bedarf des Betriebes zu decken. Auch werden die Gussteile nicht termingemäß angeliefert. Zum anderen ist aber auch festzustellen, dass erhebliche Mängel in der Arbeitsorganisation des Betriebes bestehen und ein großer Teil der Wirtschaftsfunktionäre nicht die notwendige Qualifikation besitzt.

In der Zuckerfabrik Ketzin, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, wird zzt. ein Umbau im Werte von 800 000 DM durchgeführt, um die Maschinen für die Erntekampagne voll einsatzfähig zu machen. Um diesen Umbau termingemäß fertigstellen zu können, werden dringend Schrauben benötigt, die bereits im Januar 1956 bestellt und trotz Versprechen bisher noch nicht vom Lieferbetrieb DHZ Maschinen- und Fahrzeugbau Berlin-Oberschöneweide geliefert wurden.

Im Maschinenbaubetrieb Dietlas,10 [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, besteht ein Engpass an Schrauben und Muttern. Die Arbeiter sind darüber verärgert und verlangen eine Veränderung.

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