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Politische und ökonomische Lage in den LPG

10. September 1956
Information Nr. 194/56 – Betrifft: Politische und ökonomische Lage in den LPG

Eine Reihe von Beispielen zeigen immer wieder, dass sich ein großer Teil der LPG nicht, gemäß den Beschlüssen von Partei und Regierung, politisch und ökonomisch gefestigt haben. Viele LPG arbeiten unrentabel, zahlen demzufolge zu niedrige Arbeitseinheiten, was zur Unzufriedenheit bzw. zu Austritten von Mitgliedern aus den LPG führt. Dies sowie die teilweise schlechte Wirtschaftsführung und Arbeitsmoral führt zu einer ablehnenden Einstellung von Einzelbauern gegenüber den LPG, was sie in ihren Diskussionen zum Ausdruck bringen.

Der Bericht gliedert sich im Einzelnen wie folgt auf:

  • 1.)

    die finanzielle Lage einiger LPG

  • 2.)

    Unzufriedenheit von Mitgliedern und Austritte aus den LPG

  • 3.)

    schlechtes Verhalten von einigen LPG-Vorsitzenden

  • 4.)

    Einstellung von Einzelbauern zu den LPG

Zu 1.)

Im Bezirk Karl-Marx-Stadt wurde festgestellt, dass ca. 80 % der LPG des Bezirkes unrentabel arbeiten und hohe Stützungskredite vom Staat erhalten. Die Arbeitseinheiten werden bis zu 6,00 DM, im Höchstfalle bis zu 7,00 DM vom Staat gestützt. Das Eigenaufkommen der LPG liegt mitunter nur bei 1,00 DM bis 3,00 DM und verschiedentlich noch niedriger. Z. B. liegt in der LPG Großzähern1 das Eigenaufkommen pro Arbeitseinheit bei 0,96 DM, sodass sie einen Stützungskredit von 123 000 DM aufnehmen muss. Von 20 bestehenden LPG des Kreises Rochlitz arbeiten 17 unrentabel und benötigen einen Staatszuschuss von insgesamt 956 000 DM. Im Kreis Brand-Erbisdorf bestehen 16 LPG, von denen 14 Staatszuschüsse in Höhe von 632 000 DM benötigen. Die Ursachen hierfür sind in jedem Kreis des Bezirkes Karl-Marx-Stadt fast die gleichen. Von den Verantwortlichen wurde keine genaue Planung durchgeführt. Bei Übernahme von neu hinzugekommenen Flächen wurden keine Zusatzpläne erarbeitet. Durch ungenügend vorhandene Fachkräfte sank der Ertrag von tierischen Produkten. Der Viehbestand steht in keinem Verhältnis zur Hektarzahl.

Im Kreis Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, ergab eine Überprüfung von 21 LPG – insgesamt bestehen 31 LPG –, dass nur 36,1% der für 1956 geplanten Geldeinkünfte realisiert werden können. Allerdings wurden bereits bei der Planaufstellung 1 239 TDM Kredite geplant, die voraussichtlich noch um 1 700 TDM überschritten werden. Der für dieses Jahr geplante Wert der Arbeitseinheit liegt um fast 20 % niedriger als der des Vorjahres.

Im Wesentlichen setzen sich die Ausfälle wie folgt zusammen:

  • Pflanzliche Produkte in 18 Fällen mit 438,8 TDM,

  • Schweinefleisch in 15 Fällen mit 482,1 TDM,

  • Überschreitung der Ausgaben in 8 Fällen mit 99,7 TDM,

  • Milch in 16 Fällen mit 532,8 TDM.

Besondere Schwerpunkte sind:

  • LPG Fischbeck mit einem Planverlust an Milch von 56 TDM und

  • LPG Wust mit 61 TDM,

  • LPG Zollchow2 mit einem Planverlust an Schweinefleisch von 151 TDM und

  • LPG Böhne mit 67 TDM.

Als Ursache wird im Allgemeinen die schlechte Futtergrundlage infolge Hochwasser usw. angeführt. Hauptsächlicher Grund ist aber die schlechte Arbeitsmoral. So wurden z. B. in den LPG Damerow, Toppel3 und Havelberg tagelang die Kühe nicht richtig und zum Teil überhaupt nicht abgemolken.

Im Kreis Meißen, [Bezirk] Dresden, haben 18 LPG ihren ursprünglichen Kreditplan überschritten. Trotzdem in mehreren Fällen bereits zwischenzeitliche Krediterhöhungen durch die Bank erfolgten, betragen die Planüberschreitungen bis zum 30.6.1956 insgesamt 566 TDM. Die Ursachen der Planüberschreitungen liegen in der Hauptsache im Fehlen der Einnahmen des freien Verkaufes von Tierprodukten.

Zu 2.)

Schlechte Stimmung und Austritte von Mitgliedern der LPG ist vielfach auf die Herabsetzung der Arbeitseinheiten zurückzuführen.

Z. B. wurde in der Hauptversammlung der LPG Hamersleben, [Bezirk] Magdeburg, bekannt gegeben, dass die Arbeitseinheiten auf 6,50 DM herabgesetzt werden. Daraufhin erklärten einige Mitglieder, mit diesem Verdienst nicht auszukommen und lieber in der Industrie arbeiten zu wollen. In den LPG Kayna und Roda, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, wurden die Arbeitseinheiten ebenfalls herabgesetzt und mehrere Mitglieder wollen deshalb austreten.

In einer Vollversammlung der LPG Börtewitz, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, sprachen sich mehrere Mitglieder – besonders ehemalige Umsiedler, darunter zwei Mitglieder unserer Partei, gegen die LPG aus. Z. B. äußerte einer der Genossen: »In der LPG muss man ja bald verhungern. Da habe ich doch als Landarbeiter mehr Deputate bekommen und wohnte außerdem mietfrei.« Bisher haben in dieser LPG sieben Mitglieder gekündigt und wollen am Jahresende austreten. Die Parteiarbeit in dieser LPG ist sehr schlecht. So hat sich die BPO noch nicht mit diesen sieben Mitgliedern beschäftigt. Von der Kreisleitung der SED wurde eine Brigade zur Überprüfung der Verhältnisse in der LPG eingesetzt.

In der LPG Kermen, [Kreis] Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, sind wegen der zu niedrigen Arbeitseinheiten sieben Mitglieder ausgetreten. Eine schlechte Stimmung herrscht in den LPG Haselhorst und Rustenbeck,4 [Kreis] Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, weil durch Nichterfüllung des Planes die Arbeitseinheiten von 7,00 DM auf 2,20 DM und von 8,90 DM auf 6,79 DM gesunken sind. Ähnlich ist es auch bei den LPG Abbendorf, [Kreis] Salzwedel und Wulferstedt,5 [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg.

In der LPG Luppenau, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, beträgt der reale Wert der Arbeitseinheiten 2,50 DM. Dies ist auf Verschuldung und Hochwasserschäden von 70 % zurückzuführen. Demzufolge besteht eine schlechte Stimmung unter den Mitgliedern und drei erklärten bereits ihren Austritt.

Zu 3.)

Ein weiterer Grund der Verärgerung von Mitgliedern in den LPG ist verschiedentlich das unsachliche bzw. anmaßende Verhalten von Vorsitzenden der LPG.

Z. B. herrscht unter den Mitgliedern der LPG Heidenau, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, über das herrschende und anmaßende Wesen des Vorsitzenden Empörung. Er besitzt die Fähigkeit die Pläne aufzustellen, aber um deren Realisierung kümmert er sich nicht. Zur Rechenschaft gezogen, verwahrte er sich gegen eine Bevormundung. Wenn er von der BPO zur Rede gestellt wird, schweigt er oder droht mit seinem Austritt aus der LPG.

In den LPG »Roter Oktober« in Schelkau, [Bezirk] Halle, und »Freie Scholle« in Köttichau, [Bezirk] Halle, besteht aus ähnlichen Gründen unter den Mitgliedern große Unzufriedenheit. In der erstgenannten LPG tritt der Vorsitzende wie ein Pascha auf und lässt sich von niemandem belehren. In der LPG »Freie Scholle« fühlen sich der Vorsitzende und der Parteisekretär als »Inspektoren« und treten dementsprechend auf.

In der LPG »Karl Marx« Rüdigsdorf, [Bezirk] Leipzig, besteht kein gutes Verhältnis zwischen den Mitgliedern und dem Vorsitzenden. Dieser trinkt oft und fehlt bei der Arbeit. Die Mitglieder scheuen aber vor einer offenen Kritik zurück, da er die Kritik unterdrückt. An einer guten Zusammenarbeit mit der MTS ist dem Vorsitzenden auch nicht gelegen.

In der LPG Glossen, MTS-Bereich Wiederoda, [Bezirk] Leipzig, herrscht eine schlechte Arbeitsorganisation, was die Mitglieder auf die Unfähigkeit des Vorsitzenden zurückführen. Sie äußerten deshalb, dass sie nicht mehr mitarbeiten wollen, wenn kein neuer Vorsitzender eingesetzt wird. Dem Rat des Kreises sind diese Dinge schon seit Längerem bekannt.

Zu 4.)

Die mitunter schlechte wirtschaftliche Lage der LPG wirkt keineswegs vorbildlich auf die Einzelbauern bzw. Dorfbewohner und es werden deshalb ablehnende Diskussionen geführt sowie der Beitritt in die LPG abgelehnt.

Z. B. wird in Heyda, [Bezirk] Suhl, von einem großen Teil der Bauern ablehnend über die dortige LPG, welche verschuldet ist, gesprochen. In einer öffentlichen Gemeindevertretersitzung stellte ein Bauer den Antrag, die LPG solle einmal ihren Halbjahresbericht abgeben, damit die gesamte Einwohnerschaft erfährt, wie viel Schulden die LPG hat. Ein anderer Einzelbauer erklärte, das 28. Plenum habe bestätigt, dass die Bauern von Heyda schon immer recht gehabt hätten. »Wir brauchen die freie Wirtschaft.«6

Unter der Bevölkerung von Spitzkunnersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, wird sehr schlecht über die dortige LPG gesprochen. Ein Arbeiter sagte, die LPG würde sehr schlecht wirtschaften und es sei deshalb kein Wunder, wenn sie einen schlechten Ruf habe. Er begründete es damit, dass in der LPG schon das diesjährige Heu verfüttert würde und die Felder wären in einem sehr schlechten Zustand. Dadurch erklären die Einzelbauern, dass sie »zu so einem Verein nicht gehen werden.«

Das Bestreben, in den Kreisen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt weitere LPG zu gründen, wird durch ablehnende Haltung und Diskussionen von Einzelbauern beeinträchtigt. So erklärte eine Bäuerin aus Marbach, [Kreis] Flöha: »Wir halten uns solange, wie wir können. Sollte eine LPG zustande kommen, haben wir nichts einzuwenden. Aber eins steht fest, unsere Einnahmen sind dann geringer.« Ein anderer Bauer des gleichen Ortes sagte: »Ich bin nicht gegen eine LPG. Aber meine Meinung ist, lasst in unseren Gebirgsgegenden bei den schlechten Bodenverhältnissen die Hände davon.«

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    10. September 1956
    Information Nr. 195/56 – Betrifft: Diskussion über unterschiedliche Festlegung der Bodenwertzahlen einiger Bauern in Pirna, [Bezirk] Dresden
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    8. September 1956
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