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Republikflucht im August 1956

9. Oktober 1956
Information Nr. 245/56 – Betrifft: Republikflucht im August 1956

I. Allgemeine Einschätzung und Zahlenübersicht

Während die Republikfluchten im Juli gegenüber dem Vormonat zurückgingen, zeigt sich nach den statistischen Unterlagen der HVDVP/HA PM ein Ansteigen von 22 763 im Juli auf 26 660 im August. Dabei ist bemerkenswert, dass der Rückgang im Juli vor allem durch die Zahl der Republikfluchten »aus Vormonaten« stammte und auch das Ansteigen im August hauptsächlich auf die Nachregistrierung »aus Vormonaten« zurückzuführen ist. Stellte man diese Zahlen gegenüber, so ergibt sich folgendes Bild:

[Tabelle 1:] Festgestellte Republikfluchten

[Zeitraum]

Juni [1956]

Juli [1956]

August [1956]

im Berichtsmonat

4 436

5 146

6 166

aus Vormonaten

22 405

17 617

20 494

Gesamt

26 841

22 763

26 660

Die amtlichen Zahlen der Antragsteller im Notaufnahmeverfahren in Marienfelde, Gießen und Uelzen1 betragen im gleichen Zeitraum:

[Tabelle 2:]

[Zeitraum]

Juni [1956]

Juli [1956]

August [1956]

[Zahl]

22 098

23 124

27 522

Die Zahlen der HVDVP/HA PM weisen also im Vergleich zu den Zahlen des Notaufnahmeverfahrens nur eine geringe Differenz auf und können somit als durchaus real betrachtet werden, obwohl sie durch die Nachregistrierung »aus Vormonaten« ständig Differenzen unterworfen sind.

In den Sommermonaten ist das Ansteigen der Republikfluchten besonders durch die Urlaubszeit bedingt. Hierbei werden die Besucher aus der DDR von ihren Verwandten und Bekannten so beeinflusst, dass sie in Westdeutschland bleiben. Besonders verfänglich wirkt die westliche Beeinflussung auf die Jugendlichen ein, die sich während ihres Urlaubes in Westdeutschland aufhalten. Bei ihnen spielt neben einigen anderen Gründen die Abenteuerlust eine wesentliche Rolle bei der Republikflucht. Erfahrungsgemäß werden solche Republikfluchten meist erst zu einem späteren Zeitpunkt bekannt und unter der Rubrik »aus Vormonaten« nachgemeldet.

Die zahlenmäßige Aufschlüsselung der Republikflucht im August ergibt gegenüber den Vormonaten folgendes Verhältnis:

[Tabelle 3.1: Fluchten nach Gruppe und Monaten Juni bis August 1956] Gesamtzahlen

[Gruppe]

[Zeitraum]

Juni

Juli

August

Männer

Berichtsmonat

1 673

1 918

2 336

[Männer]

Vormonate

8 406

6 972

7 965

[Männer]

Gesamt:

10 079

8 890

10 301

Frauen

Berichtsmonat

1 828

2 076

2 492

[Frauen]

Vormonate

9 939

7 890

9 110

[Frauen]

Gesamt

11 767

9 966

11 602

Kinder

Berichtsmonat

935

1 152

1 338

[Kinder]

Vormonate

4 060

2 755

3 419

[Kinder]

Gesamt

4 995

3 907

4 757

[Tabelle 3.2: Gesamtzahlen aus] Berichts- und Vormonaten [für Juni bis August 1956]

[Gruppe]

Juni

Juli

August

Männer

10 079

8 890

10 301

Frauen

11 767

9 966

11 602

Kinder

4 995

3 907

4 757

Gesamt

26 841

22 763

26 660

[Tabelle 4: Fluchten nach Tätigkeit mit Daten aus Berichtszeitraum, Vormonat und gesamt für Juni bis August 1956]

Soziale Aufgliederung

Juni Ber.

Juni Vorm.

Juni Ges.

Juli Ber.

Juli Vorm.

Juli Ges.

August Ber.

August Vorm.

August Ges.

Spezialarbeiter

109

644

753

98

457

555

155

554

709

Bergarbeiter

15

120

135

28

93

121

51

130

181

Arbeiter

1 129

6 572

7 701

1 404

5 672

7 076

1 839

6 806

8 645

Angestellte

624

3 309

3 933

693

2 598

3 391

755

2 896

3 651

Großbauern

8

29

37

7

9

16

2

14

16

Mittelbauern

29

65

94

19

46

65

19

40

59

Kleinbauern

29

107

136

26

82

108

26

75

101

Neubauern

22

45

67

24

41

65

17

36

53

LPG-Mitglieder

44

118

162

52

91

143

63

108

171

Bauern gesamt

132

364

496

128

269

397

127

273

400

Wissenschaftler

2

7

9

1

1

3

3

6

Künstler

3

9

12

1

7

8

Ingenieure

21

113

134

18

87

105

20

106

126

Chemiker

3

8

11

3

3

1

2

3

Ärzte

8

38

46

16

31

47

8

29

37

Techniker

3

45

48

1

18

19

4

21

25

Juristen

1

1

2

3

5

8

1

1

Lehrer an Universitäten

1

1

1

5

6

3

3

Mittelschulen

1

11

12

2

2

4

3

5

8

Volksschulen

11

73

84

13

27

40

47

89

136

Fachschulen

2

17

19

3

12

15

6

16

22

Lehrer gesamt

14

102

116

19

46

65

56

113

169

Studenten

13

146

159

16

112

128

15

76

91

Pfarrer

3

2

5

Handwerker

49

191

240

52

136

188

42

113

155

Geschäftsleute

61

205

266

47

161

208

53

208

261

Besitzer von Privatbetrieben

11

49

60

12

34

46

12

34

46

Rentner

139

742

881

154

701

855

157

746

903

Ohne Beschäftigung

485

2 579

3 064

584

2 085

2 669

683

2 495

3 178

Hausfrauen

676

3 099

3 775

718

2 247

2 865

840

2 462

3 302

[Tabelle 5: Fluchten nach Parteizugehörigkeit mit Daten aus Berichtszeitraum, Vormonat und gesamt für Juni bis August 1956]

Parteien

Juni Ber.

Juni Vorm.

Juni Ges.

Juli Ber.

Juli Vorm.

Juli Ges.

August Ber.

August Vorm.

August Ges.

SED

127

583

710

145

448

593

196

478

674

LDP

12

83

95

7

44

51

15

52

67

CDU

18

79

97

13

49

62

26

62

88

NDPD

19

48

67

17

40

57

23

56

79

DBD

12

27

39

19

22

41

13

23

36

FDJ

172

1 370

1 542

246

1 249

1 495

364

1 282

1 646

[Tabelle 6: Fluchten nach Geschlecht und Alter mit Daten aus Berichtszeitraum, Vormonat und gesamt für Juni bis August 1956] Altersgruppen

Alter

Geschlecht

Juni Ber.

Juni Vorm.

Juni Ges.

Juli Ber.

Juli Vorm.

Juli Ges.

August Ber.

August Vorm.

August Ges.

15–18

Männer

185

837

1 022

233

643

876

338

948

1 286

15–18

Frauen

197

781

978

213

601

814

330

1 005

1 335

15–18

Gesamt

382

1 618

2 000

446

1 244

1 690

668

1 953

2 621

18–25

Männer

334

2 599

2 933

562

2 257

2 819

705

2 568

3 273

18–25

Frauen

404

2 686

3 090

544

2 305

2 849

610

2 587

3 197

18–25

Gesamt

738

5 285

6 023

1 106

4 562

5 668

1 315

5 155

6 470

25–35

Männer

343

1 630

1 973

383

1 376

1 759

430

1 555

1 985

25–35

Frauen

393

2 260

2 653

448

1 711

2 159

519

1 882

2 401

25–35

Gesamt

736

3 890

4 626

831

3 087

3 918

949

3 437

4 386

35–40

Männer

129

510

639

135

455

590

158

520

678

35–40

Frauen

158

766

924

186

567

753

228

732

960

35–40

Gesamt

287

1 276

1 563

321

1 022

1 343

386

1 252

1 638

40–50

Männer

274

1 357

1 631

297

999

1 296

360

1 141

1 501

40–50

Frauen

375

1 694

2 069

375

1 228

1 603

460

1 421

1 881

40–50

Gesamt

649

3 051

3 700

672

2227

2 899

820

2 562

3 382

50–60

Männer

229

1 032

1 261

210

859

1 069

257

849

1 106

50–60

Frauen

222

1 181

1 403

200

928

1 128

234

915

1 149

50–60

Gesamt

451

2 213

2664

410

1787

2 197

491

1 764

2 255

über 60

Männer

79

441

520

98

383

481

88

384

472

über 60

Frauen

79

571

650

110

550

660

111

568

679

über 60

Gesamt

158

1 012

1 170

208

933

1 141

199

952

1 151

Nach Notizen der Westpresse meldeten sich in der Zeit vom 29.7. bis 31.8.1956 30 123 Personen aus der DDR im Bundesgebiet und Westberlin. Diese Zahlen werden nach Wochen folgendermaßen aufgeführt:

  • 29.7. bis 4.8.1956 – 5 502 Personen

  • 5.8. bis 10.8.1956 – 5 993 Personen

  • 11.8. bis 18.8.1956 – 6 110 Personen

  • 19.8. bis 25.8.1956 – 5 910 Personen

  • 26.8. bis 31.8.1956 – 6 608 Personen

  • [Gesamt:] 29.7. bis 31.8.1956 – 30 123 Personen

Dabei muss berücksichtigt werden, dass in der angegebenen Zeit drei Tage auf den Vormonat Juli fallen. Stellt man also der Zahl der Westpresse mit 30 123 die der HVDVP mit 26 660 gegenüber, so kann man unter Beachtung der angeführten drei Juli-Tage von einer gewissen Übereinstimmung sprechen. Ähnlich ist das Verhältnis im Monat Juli. Nach westlichen Pressemeldungen betrugen die Zahlen vom

  • 2.7. bis 7.7.1956 – 4 576 Personen

  • 8.7. bis 14.7.1956 – 5 309 Personen

  • 15.7. bis 21.7.1956 – 5 387 Personen

  • 22.7. bis 28.7.1956 – 5 910 Personen

  • [Gesamt:] 2.7. bis 28.7.1956 – 21 182 Personen

Auch hier ist bei der Gegenüberstellung der vorläufigen Zahlen der »Westpresse« mit 21 182 mit denen der HVDVP mit 22 763 eine gewisse Übereinstimmung festzustellen, da bei den Westzahlen drei Tage fehlen, die in der ersten Augustwoche mit angeführt werden.

Die Monate Juli und August zusammen zeigen im Verhältnis nur eine geringe Differenz.

[Monat]

amtliche Westzahlen:

HVDVP

Juli

23 124

22 763

August

27 522

26 660

Gesamt

50 646

49 423

II. Gründe für die Republikflucht

Bei der Ermittlung der Ursachen und Gründe konnten außer den bisher bekannt gewordenen keine neuen Momente für die Republikflucht festgestellt werden. Aus einigen Bezirken wird mitgeteilt, dass größtenteils die Gründe für die Republikflucht nicht festgestellt werden können. Deshalb werden oftmals die verschiedensten Vermutungen angenommen. Am häufigsten werden Beeinflussung durch Verwandte und Bekannte, familiäre und persönliche Belange sowie Verärgerung im beruflichen und privaten Leben usw. als Gründe für die Republikflucht angegeben. Hingegen treten Republikfluchten aus einer gegnerischen Einstellung heraus oder wegen krimineller Vergehen zahlenmäßig wenig in Erscheinung. Republikfluchten durch Abwerbung werden fast ausschließlich vermutet, da konkrete Einzelheiten hierüber entweder gar nicht vorhanden sind, oder nicht bekannt ist, welche Merkmale für eine Abwerbung vorhanden sein müssen.

a) Abwerbung

Hinweise für versuchte Abwerbungen von Spezialisten wurden aus den Bezirken Leipzig, Dresden und Halle bekannt.

Seit Mai 1956 wird von einer feindlichen Dienststelle versucht, den Chefkonstrukteur des VEB MAB Schkeuditz, [Bezirk] Leipzig, abzuziehen. Um ihn unsicher zu machen und zur Republikflucht zu veranlassen, drang eine unbekannte männliche Person in seine Wohnung ein, während er sich in der Sowjetunion befand. Als die Person von der Ehefrau des Chefkonstrukteurs überrascht wurde, stellte er sich als Staatssicherheit vor und zerschnitt beim Weggang die Telefonleitung. Im September erhielt die Ehefrau ein Telegramm, in dem sie mit ihren Kindern zum Ostbahnhof nach Berlin bestellt wurde. Das Telegramm trug die Unterschrift eines Residenten des amerikanischen Geheimdienstes, der sich mit der Abwerbung von SU-Spezialisten beschäftigt (noch nicht überprüft).

Durch den SU-Spezialisten B. aus dem VEB MAB Dresden wurde bekannt, dass dessen Eltern in Griesheim/Westdeutschland mehrere Male von einer Person aufgesucht wurden, die einen englischen Akzent sprach. Diese Person teilte mit, dass man für ihren Sohn in seinem Fachgebiet eine Anstellung mit hohem Verdienst hätte. Dies wurde B. von seinen Eltern mitgeteilt, als er bei ihnen zu Besuch weilte. Ein Automobilfachmann aus Halle wurde während eines Kuraufenthaltes im Juli von zwei männlichen Personen aufgesucht. Diese kamen aus Westdeutschland von der Firma Mercedes-Benz und boten ihm eine Stelle an. Dabei wurde er aufgefordert, im September die Mercedes-Generalvertretung in Westberlin aufzusuchen. Eine vermutliche Methode der Abwerbung wurde im Bezirk Schwerin festgestellt. Dort erhielten Reichsbahnangestellte (u. a. ein Rangiermeister und zwei Lokführer) von republikflüchtigen Kollegen Briefe aus Westdeutschland. Darin wurde ihnen mitgeteilt, dass sie bei der Bundesbahn weit bessere Verdienstmöglichkeiten hätten und dass es sich im Westen besser lebt als in der DDR. Bemerkenswert ist, dass bisher in keinem der angeführten Fälle eine Republikflucht vollzogen wurde.

Die Spitzensportlerinnen im Eiskunstlauf Hannelore Leuner2 und Marie-Luise Dostmann3 vom SC Einheit Berlin kamen aus ihrem Urlaub von Westdeutschland nicht zurück. Wie sich herausstellte, sollen sie von dem amerikanischen Eisrevue-Unternehmen »Holiday on Ice«4 abgeworben worden sein.

In der MTS Meßdorf, [Kreis] Kalbe, [Bezirk] Magdeburg, wurde im August der Arbeiter [Vorname Name 1] festgenommen. [Name 1] hatte nach seinen Angaben vom französischen Geheimdienst den Auftrag, Abwerbungen vorzunehmen. Die Republikflucht des Jugendlichen [Vorname Name 2], der von [Name 1] dazu beeinflusst wurde, konnte noch verhindert werden.

b) Republikflucht durch Beeinflussung

Die monatlichen Zahlen der Republikflüchtigen, die aus ihrem Urlaub in Westdeutschland nicht wieder in die DDR kommen, gemessen an der Gesamtzahl der Republikfluchten, lassen erkennen, dass die Beeinflussung durch Verwandte und Bekannte und durch persönlichen Aufenthalt in Westdeutschland zu einer verstärkten Republikflucht führt. Besonders ist das für die Urlaubssaison zutreffend, wo die Jugendlichen einen großen Raum einnehmen.

Bei der SDAG Wismut wurde bei der Analysierung der Gründe für die Republikflucht festgestellt, dass 90 % aller Republikflüchtigen mit einer PM 125 nach Westdeutschland in Urlaub fuhren und nicht in die DDR zurückkamen. Somit kann mit ziemlicher Gewissheit die westliche Beeinflussung mit als Hauptursache für die Republikflucht dieser Personen angenommen werden. Aus dem VEB Verlade- und Transportanlagenbau Leipzig wurden durch diese Art der Beeinflussung 18 Arbeiter und sechs Angestellte republikflüchtig. Aus dem Bezirk Magdeburg wurden 21 Lehrer, aus dem Bezirk Neubrandenburg 18 Lehrer und aus dem Bezirk Halle 23 Lehrer republikflüchtig, von denen der größte Teil nicht aus dem Urlaub in Westdeutschland zurückkam.

Eine weitere Beeinflussung wurde in Form von persönlichen Schreiben bekannt, die den Urlaubern aus der DDR in Westdeutschland zugestellt wurden. Von der Stadt Kempten im Allgäu werden an die dort befindlichen Urlauber aus der DDR Briefe verschickt, die vom Oberbürgermeister persönlich unterzeichnet waren. In diesen Briefen werden die Urlauber herzlich willkommen geheißen und ihnen angenehme Tage der Erholung und »Besinnung« gewünscht.

Auch Freikarten für Veranstaltungen sowie Freifahrtscheine für öffentliche Verkehrsmittel usw. werden an Urlauber und Besucher aus der DDR ausgegeben, was ebenfalls zur Beeinflussung beiträgt. Bemerkenswert ist hierzu eine westliche Pressemeldung aus der Zeitung »Die Welt« vom 6.10.1956, nach der von den Teilnehmern an den beiden großen Kirchentagen aus der DDR »nur ein unbedeutender Teil in der Bundesrepublik geblieben« ist. Beim Katholikentag in Köln blieben nur 20 Gäste aus der DDR in der Bundesrepublik.6

c) Republikflucht durch geringe Entlohnung

Republikfluchten, für die als Grund zu niedrige Entlohnung angegeben wurden, sind aus dem VEB »Welton« Wäschefabrik Meiningen, [Bezirk] Suhl, aus dem VEB Schuhfabrik »Banner des Friedens« in Weißenfels, [Bezirk] Halle, dem VEB Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, und dem [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, bekannt geworden. In der Wäschefabrik VEB »Welton« in Meiningen, [Bezirk] Suhl, wurden innerhalb weniger Tage 5 Arbeiterinnen wegen zu geringer Bezahlung republikflüchtig. Unter ihnen befanden sich zwei Arbeiterinnen, die Spezialmaschinen bedienten, für die zzt. keine Kräfte vorhanden sind. Der Leistungsgrundlohn in diesem Betrieb beträgt 0,98 DM. Um einen Durchschnittsverdienst von 240 bis 260 DM zu erreichen, muss die Norm mit 140 bis 160 % erfüllt werden. Dieser Betrieb gilt als Schwerpunkt in der Republikflucht.

Im VEB Schuhfabrik »Banner des Friedens« in Weißenfels, [Bezirk] Halle, sind 21 Personen mit PM 127 republikflüchtig geworden, weil durch betriebliche Umstellungen und Materialschwierigkeiten Lohnausfälle und Beschäftigung mit minder bezahlter Arbeit eintraten. Die entstandene Situation wurde durch ungenügende Aufklärung und Härteausgleich noch gesteigert. Aus dem VEB Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, verließen im Monat August 36 Personen wegen geringen Verdienstmöglichkeiten die DDR. Der Betrieb weist einen Planrückstand von 5,2 Millionen DM aus.

Im [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, bildet der Ort Schalkau einen Schwerpunkt in der Republikflucht, besonders unter jugendlichen Bauhandwerkern. Durch Aussprachen mit zurückgekehrten Jugendlichen wurde bekannt, dass ihnen der Verdienst als Bauhandwerker von 1,50 bis 1,90 DM pro Stunde zu gering war. In Westdeutschland erhielten sie 2,50 bis 3,00 DM Stundenlohn. Hierzu muss bemerkt werden, dass nach einer westlichen Pressemeldung vom 6.10.1956 in »Die Welt« der Anteil der Facharbeiter an der Gesamtzahl der Republikfluchten im ständigen Ansteigen begriffen ist. Im Juli betrug die Republikflucht von Facharbeitern 19,3 % und im August 21 %. Im September ist diese Zahl auf 24,7 % angestiegen, obwohl die Gesamtzahl der Republikfluchten im September gegenüber dem Vormonat um 1 875 = 6,8 % auf 25 647 zurückgegangen ist.8

d) Republikflucht aus negativer Einstellung

Der Anteil der Republikfluchten aus negativer Einstellung ist, gemessen an der Gesamtzahl, äußerst gering. So schreibt z. B. eine Angestellte der Sparkasse Gera nach ihrer Republikflucht, dass sie froh sei, nicht mehr an der staatspolitischen Schulung und an anderen Versammlungen teilnehmen zu müssen. Der republikflüchtige Leiter der Sonderschule in Eisenberg, [Bezirk] Gera, war Mitglied der NDPD. Er schrieb aus Westdeutschland, dass er nicht zurückkommt, da er erst im Westen gemerkt hätte, dass er dort nach seiner Überzeugung sprechen kann, was in der DDR nicht der Fall sei.

e) Republikflucht als Mittel zum Zweck

Aus den Bezirken Magdeburg, Gera, Dresden und Potsdam sind Stimmen bekannt geworden, dass es nicht richtig sei, dass Rückkehrer9 und Asylsuchende sofort Arbeit, Wohnung und auch finanzielle Hilfe vom Staat bekommen. Eine Anzahl von Arbeitern in diesen Bezirken fühlen sich dadurch benachteiligt und äußern sich, dass es zweckmäßig sei, erst republikflüchtig zu werden, um hier eine anständige Wohnung zu erhalten u. Ä.

Die Beschäftigten der VEB Hutfabrik Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, diskutieren sehr unzufrieden, über die Vergünstigungen, die Rückkehrern zuteilwerden. Sie sind nicht damit einverstanden, dass man Rückkehrern bevorzugt gute Wohnungen verschafft, wogegen viele Arbeiter aus der DDR immer nur vertröstet werden. Einige Kollegen äußerten: »Wenn wir einen besseren Arbeitsplatz oder gar eine Wohnung haben wollen, müssen wir erst ein paar Wochen nach dem Westen gehen. Wenn wir dann zurückkommen, bekommen wir alles.« Aus diesem Grunde können Republikfluchten als Mittel zum Zweck mit solchen Stimmungen im Zusammenhang gebracht werden, wie sie aus Magdeburg bekannt wurden.

Anfang des Jahres wurde der Schneidermeister [Name 3] aus Magdeburg republikflüchtig, der hier eine schlechte Wohnung hatte. Vor seiner Flucht äußerte er, dass er bald wiederkäme und dann eine schönere Wohnung erhalten würde. Ende Juli kam er als Rückkehrer wieder nach Magdeburg und erhielt sofort eine gute Wohnung in der Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft 42 und 2 000 DM Kredit. [Name 3] war nach seiner Flucht aus der SED ausgeschlossen worden und soll jetzt angeblich wieder aufgenommen werden. Die republikflüchtige Familie [Name 4] wohnte früher in Magdeburg [Adresse]. Sie kam ebenfalls als Rückkehrer nach Magdeburg zurück und erhielt auch in der Straße der DSF 42 eine gute Wohnung. Dazu äußerten sie, dass sie nun ihr Ziel erreicht hätten.

III. Schwerpunkte der Republikflucht

In den Kreisen Weißenfels, [Bezirk] Halle, und Oelsnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde in der letzten Zeit eine starke Republikflucht von ehemaligen Umsiedlern festgestellt. Im Kreis Weißenfels, [Bezirk] Halle, waren von 249 Republikflüchtigen im August 70 ehemalige Umsiedler, welche sämtliche Verwandte in Westdeutschland haben. In diesem Kreis wurden bei insgesamt 125 Republikfluchten familiäre Gründe ermittelt. In Oelsnitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, waren 99 % aller Flüchtlinge ehemalige Umsiedler und davon hauptsächlich Jugendliche, die ihren Urlaub in Westdeutschland verbrachten.

Als weitere Schwerpunkte werden die Kreise Gera und Jena gemeldet, aus denen sich hauptsächlich Arbeiter nach dem Westen absetzen. Im August waren von insgesamt 1 199 Republikfluchten im Bezirk Gera 432 Arbeiter. Aus dem VEB Zeiss Jena wurden im August 56 Personen republikflüchtig. Davon 22 Facharbeiter, 27 Hilfsarbeiter, drei Angestellte, ein Konstrukteur und drei Lehrlinge. Hierbei spielen die zahlreichen Verbindungen der Betriebsangehörigen zu republikflüchtigen ehemaligen Kollegen und anderen Personen im Zeiss-Werk Oberkochen/Westdeutschland eine Rolle.10 Im Juli verließen bereits 48 Personen aus dem VEB Zeiss Jena die DDR und es wird damit gerechnet, dass sich die Zahl im September noch erhöht.

Im Kreisgebiet Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, werden zzt. viele weibliche Jugendliche aus der Textilindustrie republikflüchtig. Auch in mehreren Textilfabriken in Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wird eine verstärkte Republikflucht unter den weiblichen Jugendlichen festgestellt. Die Gründe hierfür sind Abenteuerlust und die Vorstellung von einem besseren Leben in Westdeutschland. Der Kreis Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, gilt ebenfalls als Schwerpunkt. 32 % der seit Juni republikflüchtig gewordenen Personen arbeiteten bei der Wismut AG. Zum größten Teil wurden familiäre Gründe für die Republikflucht festgestellt.

Im VEB Baumwollspinnerei und Weberei Mittweida, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hat sich die Republikflucht im August gegenüber dem Vormonat fast verdoppelt. 80 % der Republikflüchtigen sind Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahren.

In Oberschlema, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, entstanden bei der Wismut AG durch Zusammenlegung der Schächte 15b und 6b besonders im Revier 5 schlechte Arbeitsbedingungen, was neben der Beeinflussung durch Verwandte und Bekannte und Verherrlichung des Westens in Diskussionen besonders unter den Kraftfahrern mit zur verstärkten Republikfluchten beiträgt. 92 % aller Republikflüchtigen aus dem Gebiet der SDAG Wismut führen mit einer PM 1211 auf Urlaub nach Westdeutschland und kamen nicht in die DDR zurück, was auf eine starke Beeinflussung schließen lässt. Der Grundorganisation des Schachtes 4 in Oberschlema, [Bezirk] Karl-Max-Stadt, war von den Republikfluchten in ihrem Bereich nichts bekannt. Sie konnte deshalb auch keine Maßnahmen entsprechend dem Beschluss der Gebietsparteileitung zur Eindämmung der Republikflucht durchführen.

In der Warnow-Werft Warnemünde, [Stadtteil von] Rostock, wurden 27 Personen republikflüchtig, die dort in Internatslagern untergebracht waren. Die beiden Internatslager »Hohe Düne« und »Neuland« sind alte Baracken, in denen mehrere Personen in einem Zimmer untergebracht sind. Sie liegen außerhalb der Stadt, wodurch die privaten Interessen eingeschränkt werden. Außerdem erfolgt eine schlechte kulturelle Betreuung und unzureichende Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs.

Schwerpunkte ergaben sich weiter im Bezirk Erfurt. Dort wurden aus dem VEB Automobilwerk Eisenach im August 18 Personen, aus dem VEB Optima Erfurt12 und aus dem VEB »Paul Schäfer« Erfurt13 je elf Personen republikflüchtig. Die Republikflüchtigen waren in der Mehrzahl Arbeiter. Die Gründe waren fast ausschließlich familiärer Art.

Ein Objekt, welches sich zum Schwerpunkt in der Republikflucht entwickeln kann, ist der VEB Braunkohlenwerk Völpke, [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg. Dort wurden im August sieben Arbeiter und ein Ingenieur republikflüchtig. Diese arbeiten jetzt im Braunschweiger Kohlenbergwerk bei Offleben, da ihnen dort Wohnung und mehr Lohn gegeben wurde. Bei Offleben wird ein neues Bergwerk errichtet, wo noch 400 Arbeitskräfte benötigt werden.

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    10. Oktober 1956
    Information Nr. 244/56 – Betrifft: CDU-Parteitag in Weimar (2. Bericht)
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    9. Oktober 1956
    Information Nr. 243/56 – Betrifft: Hetzschriftenverbreitung auf dem Postwege im Monat September 1956