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Situation im VEB Industriewerk Ludwigsfelde

4. August 1956
Information Nr. 120/56 – Betrifft: Situation im VEB Industriewerk Ludwigsfelde, [Bezirk] Potsdam

Die gegenwärtige Situation im VEB Industriewerk ist gekennzeichnet durch den Stand der Planerfüllung, die zurzeit folgendermaßen aussieht:

  • 1. Halbjahr 1956 = 23,9 %

  • II. Quartal 1956 = 38,8 %

  • Monat Juni 1956 = 30,3 %.

Der Volkswirtschaftsplan des VEB Industriewerk Ludwigsfelde sah für das Jahr 1956 eine Fertigung von 9 000 Motorrollern »Wiesel« vor.1 Davon sollten im II. Quartal bereits 1 500 Roller ausgeliefert werden, 3 500 im III. Quartal und 4 000 im IV. Quartal 1956. Bis Mitte Juli 1956 ist es jedoch noch nicht gelungen, die Vorlaufserie in Höhe von 50 Stück vom Band und zur Auslieferung zu bringen. Die Montage, die am 1.5.1956 anlaufen sollte, war bis Mitte Juli noch nicht im vollen Umfang ausgelastet. Da bis zum 30.6.1956 noch kein Roller ausgeliefert wurde, muss das Werk ab diesen Tag täglich 3 000 DM Konventionalstrafe zahlen. Die Ursachen der Verzögerung liegen in Folgendem:

Der Motorroller SR 56 »Wiesel« sollte in einer Zeit von fünf Monaten als serienreifes Modell auf Band gelegt werden. Da diese Zeit nicht ausreichte, haben sich Schwierigkeiten eingestellt. Die Terminstellung wurde dem Konstruktionsbüro vom Werkleiter Singhuber2 auferlegt. Da das Konstruktionsbüro die Arbeit nicht bewältigen konnte, traten in der Materialbeschaffung sowie in der Bestellung von Ersatzteilen bei den Kooperationsbetrieben große Schwierigkeiten auf, die eine Verzögerung der Liefertermine mit sich brachten. Die Folge dieser Hinauszögerung der Liefertermine war, dass in der Halle 4 (Motorrollermontage) seit Jahresbeginn 57 818 Wartestunden anfielen. Das sind mehr als im gesamten Werk im Vorjahr.

Der Verantwortliche für die Motorrollerproduktion ist der Konstrukteur Engelhardt.3 Wie bekannt wurde, hat er die gegebenen Hinweise der Kollegen des Musterbaues nicht beachtet und die Erprobung vernachlässigt. Engelhardt war auch bei der Weiterentwicklung des »Pitty« beteiligt.4 Von verschiedenen Stellen des Werkes, wie BPO, BGL und Werkleitung, wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass sich diese Fehler nicht wiederholen dürfen. Jedoch wurden von Engelhardt keine ausreichenden Schlussfolgerungen daraus gezogen, sodass bei der neuen Rollerproduktion wiederum erheblicher Schaden entstand. So mussten z. B. Blenden aus Guss im Werte von 40 000 DM verschrottet werden, weil sie trotz Freigabe durch E. von der Kontrolle verworfen werden mussten.

Die Stellungnahme des Einfahrer-Kollektivs zum Motorroller »Wiesel« ist Folgende: Die Kollegen sind geschlossen der Ansicht, dass der Roller ohne grundlegende Änderung nicht serienreif ist. Die Hauptmängel sind Folgende: Der Roller schwimmt und springt stark seitlich weg, weil nach ihrer Ansicht das Hinterteil zu labil ist. Er schlägt bei einer Person Belastung hinten stark durch. Enorm hoher Reifenverschleiß bereits nach 7 000 km. Schwacher Rahmen, dadurch Rahmen- und Haubenträgerbrüche. Man hätte nach ihrer Meinung den »Pitty-Rahmen« weiterhin verwenden müssen, da dieser sich in den verschiedensten Leistungsprüfungen bewährt hat, wodurch man außerdem noch viel Geld eingespart hätte.

Finanzielle Lage des VEB Industriewerk Ludwigsfelde

Das Industriewerk Ludwigsfelde müsste laut Plan in jedem Monat 4,7 Mio. DM Einnahmen haben, erreichte aber in den letzten Monaten nur einen Durchschnitt von ca. 1,4 Mio. DM. Für Löhne usw. werden pro Monat ca. 1,8 Mio. DM benötigt. Die schwierige finanzielle Lage findet ihren Niederschlag im Überziehungskonto bei der Deutschen Notenbank, welches 6 Mio. beträgt. (Bei 8 % Zinsen heißt das, dass täglich 1 200 DM Zinsen an die Deutsche Notenbank zu zahlen sind.) Zurzeit muss das Industriewerk Ludwigsfelde 100 000 DM Vertragsstrafen und ca. 1 Mio. DM Annulierungskosten zahlen.

Die Kaderarbeit

Im Industriewerk ist die Zusammenarbeit zwischen der Werkleitung, der Kaderleitung, der Abteilung Arbeit und der Parteileitung ungenügend. So hat z. B. der Werkleiter den Hauptdispatcher auf eigene Faust eingestellt, obwohl dieser keine ausreichenden Kenntnisse hat. Der Planungsleiter und [der] Produktionsleiter haben gekündigt, da sie mit dieser Arbeitsmethode nicht einverstanden sind.

Arbeitskräftelage

Die Fluktuation von Arbeitskräften ist im Industriewerk Ludwigsfelde sehr hoch. Auf 44 Einstellungen kommen zzt. 104 Entlassungen. Diese Entlassungen sind zum größten Teil auf die ungenügenden Arbeitsmöglichkeiten zurückzuführen. Die Beschäftigten sind nicht damit einverstanden, dass keine Arbeit vorhanden ist, was sich darin zeigt, dass die Arbeiter der Halle 4 in ihrer Halle einen sogenannten Grabstein mit der Aufschrift »Hier ruht die Produktion« aufgestellt haben. In einer anderen Halle wurde ein Transparent mit Leuchtbuchstaben und der Losung: »Wir wollen Arbeit« angebracht. Von verschiedenen Funktionären wird dieses als Provokation aufgefasst.

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    4. August 1956
    Information Nr. 122/56 – Betrifft: Arbeitskräftefluktuation aus den Handelsbetrieben
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    3. August 1956
    Information Nr. 126/56 – Betrifft: Übungen sowjetischer Truppen in der Gemeinde Wartenburg, [Kreis Lutherstadt] Wittenberg, [Bezirk] Halle