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Stimmung zu den Ereignissen in Polen

24. Oktober 1956
Information Nr. 271/56 – Betrifft: Stimmung zu den Ereignissen in Polen

Bisher haben die Diskussionen über die jetzige Situation in Polen und deren Auswirkung noch keinen allzu großen Umfang angenommen.1 Der Inhalt der bekannt gewordenen Argumente spiegelt meistens die westliche Propaganda wider. Zum Teil werden Vermutungen ausgesprochen und zum anderen äußern sich einige Personen gegen die Politik der Sowjetunion. Vereinzelt gibt es in diesem Zusammenhang Spekulationen, dass es in der DDR bestimmt auch anders kommt, weil auch in der DDR viele Arbeiter unzufrieden sind, u. a. wird gehofft, dass die Oder-Neiße-Grenze liquidiert wird. Argumente sind folgende:

  • »In Volkspolen versucht man einen ähnlichen Weg wie Tito2 zu gehen. Dies wird auch seine Auswirkungen auf die DDR haben.«

  • »Wenn Chruschtschow und andere führende Funktionäre der UdSSR so plötzlich nach Polen fahren,3 dann muss schon was los sein.«

  • »In unserer Presse und im Rundfunk geht man um die wirklichen Zustände in Polen herum.«

  • »Jetzt haben sich die Russen und die Polen in den Haaren, dadurch werden wir wieder in den Besitz der Ostgebiete kommen.«

  • »Polen will von den Russen nichts mehr wissen und sich nicht mehr unterdrücken lassen.«

  • »Chruschtschow soll sich geweigert haben, den ›Verräter‹ Gomulka4 zu begrüßen und erklärt haben, wenn auf die Forderungen der KPdSU betreffs der Zusammensetzung des polnischen ZK keine Rücksicht genommen wird, werden die sowjetischen Forderungen mit Waffen durchgesetzt.«

  • »Auch in der DDR sind die Arbeiter unzufrieden. In Polen ist es nur viel krasser. Wo die Unzufriedenheiten hinführen, sieht man ja in Polen.«

  • »Gomulka hat schon früher eine westliche Richtung vertreten und würde diese Linie jetzt durchsetzen.«

  • »Dass sich sowjetische Truppen in die Ereignisse in Polen eingemischt hätten.«

Im Kreis Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/O., wird darüber diskutiert, dass seit dem 19.10.1956 im Norden des Kreises Angermünde entlang der Grenze sowjetische Panzereinheiten stationiert wurden. Anfangs glaubte die Bevölkerung, es sei ein Manöver. Jetzt ist die Bevölkerung der Meinung, dass die Panzereinheiten an der Grenze stationiert sind, damit sie im Ernstfalle in Polen einrücken können. In der Gemeinde Hohenreinkendorf5 wird darüber diskutiert, dass sowjetische Panzer über die Saat fahren und sich Holz und Kartoffeln holen, wo etwas vorhanden ist. Im Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/O., zog ein Teil der Bevölkerung Vergleiche zum 17. Juni 1953, weil am 19. und 20.10.1956 ununterbrochen sowjetische Panzer durch Beeskow fuhren.

Im II. Chemischen Institut der Humboldt-Universität wurde von den Studenten, Assistenten und Dozenten die Frage gestellt, was in Ungarn los sei6 und folgendes Argument verbreitet: »Die Studenten in Ungarn wären aus dem Kommunistischen Jugendverband ausgetreten. Sie würden eine eigene unabhängige Organisation schaffen.«7 Dieses Argument wurde von westhörigen und bürgerlichen Studenten verbreitet.

Im VEB Jenapharm und im Kreis Rudolstadt, [Bezirk] Gera, wurde vereinzelt zum Ausdruck gebracht, dass sich die Ereignisse in Polen auch auf die DDR übertragen könnten.

In Berlin wurde viel über die Sicherstellung der »BZ Am Abend« am 22.10.1956 gesprochen.8 Es wurde erklärt, dass wohl zu scharf über Polen geschrieben wurde und warum das ND nicht die Rede Gomulkas veröffentlicht hat. Die Meinung ist: »Wenn aber im demokratischen Sektor die Zeitungen nicht darüber schreiben, holen wir uns welche aus Westberlin.«

In Westberlin wird über die Ereignisse in Polen viel diskutiert. In den Kreisen der ehemaligen Umsiedler ist besonders die Hoffnung gestiegen, wieder in ihre früheren Wohngebiete zurückzukehren. In den bürgerlichen Kreisen wird die Meinung vertreten, dass Polen jetzt den Weg Titos beschreiten wird, d. h. dass sich Polen von niemandem beeinflussen lasse und sich vor allem von der SU lösen wird. Zu den Verhandlungen mit Tito wird von bürgerlichen Kreisen diskutiert, dass Tito für die DDR nur wenig Sympathie hat und besonders gegen Walter Ulbricht stehe. Dies begründen sie damit, dass Walter Ulbricht neben Stalin einer der größten Gegner Titos gewesen wäre. Tito würde die DDR nur darum anerkennen, wenn »Ulbricht seiner Funktion enthoben würde«.

Feindtätigkeit

Inoffiziell wurde bekannt, dass der CIA seine Agenten beauftragt hat, nach Frankfurt/O. und Schwerin zu fahren, um dort festzustellen, ob Truppenverschiebungen nach Volkspolen (Einheiten, Fahrzeugtypen, Kennzeichen u. a.) zu verzeichnen sind.

In der Nacht vom 21. zum 22.10.1956 wurde auf dem Bahnhof in Hainspitz, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera, eine Güterlore auf beiden Seiten mit roter Wasserfarbe wie folgt beschriftet: »Polen ruft Deutschland – wir wollen Freiheit«! Am 23.10.1956 vormittags wurde im Walde zwischen Ragösen und Groß-Briesen, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, ca. 7 Meter vom Radfahrweg entfernt, an einem Baum ein DIN A4-Bogen mit der Hetzlosung »Schlagt die Kommunisten tot, sie sind Deutschlands Unglück« beschriftet, angebracht.

In Bad Blankenburg wurde einem Kampfgruppenleiter9 von einem Rückkehrer aus Westdeutschland erklärt: »Du Kampfgruppenkommandant kommst auch noch dran. Beschau Dir die Verhältnisse in Polen, wenn es bei uns so weit ist, hängst Du auch.«

  1. Zum nächsten Dokument Information zur Lage in der DDR (1)
    25. Oktober 1956
    Information Nr. 272/56 – Betrifft: Lage in der Deutschen Demokratischen Republik
  2. Zum vorherigen Dokument Schäden durch sowjetische Truppen im Kreis Templin
    24. Oktober 1956
    Information Nr. 270/56 – Betrifft: Schäden durch sowjetische Truppen im Kreis Templin, [Bezirk] Neubrandenburg