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VdgB-Vorstandswahlen und Vorbereitung des V. Deutschen Bauerntags

9. November 1956
Information Nr. 322/56 – Betrifft: Durchführung der Wahlen der Vorstände der VdgB und Vorbereitung zum V. Deutschen Bauerntag

Die Neuwahlen der Vorstände der VdgB haben in den Gemeinden vielfach noch nicht begonnen. Im Bezirk Rostock wurden z. B. bis zum 5.11.1956 vom Kreisvorstand Rostock 14 Wahlen durchgeführt. Im Kreis Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden in elf Ortschaften Vorstandssitzungen durchgeführt, die zur Vorbereitung der Wahlversammlungen dienen sollten. Sie waren nur schlecht besucht. Im Kreis Meißen führten von 64 Ortsorganisationen erst fünf Gemeinden Mitgliederversammlungen, die ebenfalls schwach besucht waren, durch.

Zum Teil ist auch die Vorbereitung schlecht. So musste z. B. in Toitenwinkel, [Stadtteil von] Rostock, die Wahlversammlung abgebrochen werden, weil diese schlecht vorbereitet war. Es waren aber auch Missstände in der Gemeinde und bürokratische Arbeit des Rates des Kreises die Ursache dafür. Es wurde eine Delegation von drei werktätigen Bauern gebildet, die die bestehenden Missstände beim Oberbürgermeister der Stadt klären sollten. Im Gebiet der MTS Neckanitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, war von einer Wahl der VdgB-Vorstände Mitte Oktober noch nichts zu merken. Der Vorsitzende der VdgB hatte in dieser Frage noch nichts unternommen.

Welche Erscheinungen zeigen sich bei den Wahlen

Anhand der Beispiele ist Folgendes zu ersehen:

  • Großbauern versuchen bei den Wahlen ihren Einfluss geltend zu machen bzw. wollen in den Vorstand gewählt werden. Dabei wird verschiedentlich das Statut angegriffen.1

  • Die fungierenden Vorstände wollen nicht wieder gewählt werden. Die Begründungen dazu sind verschiedenartig. In der gegenwärtigen Periode gibt es Tendenzen, dass man Funktionen deshalb nicht wieder übernehmen will, weil man glaubt, »wenn es anders käme, man zur Verantwortung gezogen würde«.

  • Oftmals werden wirtschaftliche bzw. örtliche Missstände auf den Wahlversammlungen in den Vordergrund gestellt.

  • Verschiedentlich werden auch Forderungen nach »Freier Wirtschaft« erhoben.

Dazu aus den Bezirken folgende Beispiele:

Rostock

In einer Ortsorganisationswahlversammlung in Rodde, [Kreis] Grimmen, diskutierte ein Bauer (ehemaliger Ortsbauernführer,2 der nach 1945 inhaftiert war) wie folgt: »Ich habe einige Regierungen überlebt, werde auch diese überleben. Diese Regierung hat uns Bauern keine sozialen Verbesserungen gebracht.« Die Bauern dieser Gemeinde hören auf diese Meinung und werden von ihm beeinflusst. In der Versammlung kam es zu Zwischenrufen »Niemals LPG«. In der Gemeinde Groß Schwaß, [Kreis] Rostock[-Land], unterstützt die CDU besonders die Wahl der Großbauern.

Schwerin

Bei den Wahlen war zu beobachten, dass ein Teil der bisherigen Mitglieder es ablehnt, weiterhin die Funktionen in der Ortsleitung auszuüben. Der Vorsitzende (SED) in Kaliß,3 [Kreis] Ludwigslust, erklärte in der Versammlung: »Ich mache nicht mehr mit, jetzt sollen andere auch mal sehen, wie sie fertig werden.« Das führte dazu, dass alle Vorstandsmitglieder ablehnten, weiterhin Funktionen zu übernehmen. Gleiche Tendenzen sind auch von der BHG Sarmstorf,4 [Kreis] Güstrow, bekannt. Dort trat besonders ein Großbauer gegen die Ortsleitung auf und kritisierte, dass er sie wiederholt statt im Büro im Lokal angetroffen hätte. Weiterhin erklärte er, dass sie von der landwirtschaftlichen Arbeit keine Ahnung hätten. In Wittenförden,5 [Kreis] Schwerin-Land, wurde in der Versammlung der Bürgermeister kritisiert: Er würde sich nicht um die Belange der BHG kümmern.

Magdeburg

In den Gemeinde Riebau, [Kreis] Salzwedel, wurde ein Großbauer (CDU) für den Vorstand vorgeschlagen. Ein werktätiger Bauer erklärte, als der Einwurf gemacht wurde, dass das laut Statut nicht zulässig sei – sie würden sich die Bauern wählen, die ihr Vertrauen hätten. Wenn das Statut nicht im Interesse der Bauern sei, müsse es abgeschafft werden. Auf dieser Versammlung wurden außerdem »freie Wirtschaft« und »freie Wahlen« gefordert. In der Gemeinde Mechau, [Kreis] Salzwedel, stellte ein Bauer die gleichen Forderungen.

Frankfurt/O.

In den Gemeinden Heinersdorf und Welsow erklärte sich keiner für die Funktion des Vorsitzenden bereit. In Werbellin, [Kreis] Eberswalde, erklärte ein Bauer, auf dem V. Bauerntag müssten solche Beschlüsse gefasst werden, die den Großbauern wieder Rechte einräumten.6 Grund dafür sei die Lage in Ungarn7 und Polen.8 Ähnlich wurde in der Gemeinde Alt Rosenthal, [Kreis] Seelow, von einem Bauern diskutiert. Aufgrund der Lage in Ungarn und Polen müssten Eingeständnisse9 gemacht werden. Ein Bauer aus Neuzelle, [Kreis] Fürstenberg, vertrat die Meinung, man müsste die VdgB auflösen. Wenn man sich jetzt wählen ließe, gäbe man nur die Schwäche zu. Ungarn gäbe das Beispiel, es genau so zu machen. Im Kreis Fürstenberg wurden von elf Ortsorganisationswahlversammlungen in acht Großbauern in den Vorstand gewählt. Zwei Großbauern wurden zu Delegierten des Kreisbauerntages gewählt.

Neubrandenburg

In den Gemeinden Berkholz10 und Hardenbeck,11 [Kreis] Templin, wurden Großbauern in die Vorstände gewählt. Begründung: Die Großbauern hätten ihr Soll erfüllt und würden auch ihre Arbeiter gerecht behandeln und entlohnen.

Halle

In einer Wahlversammlung in Langendorf, [Kreis] Weißenfels, sagte ein Bauer, man solle sich die Berufskollegen in Polen zum Vorbild nehmen.

Leipzig

In der Gemeinden Schkölen und Zitzschen,12 [Kreis] Leipzig[-Land], wird »freie Wirtschaft« gefordert. In der Gemeinde Ossig, [Kreis] Döbeln, wurde ein Großbauer in den Vorstand vorgeschlagen und gedroht, wenn dieser nicht in den Vorstand gewählt würde, käme kein Vorstand zusammen. In der Gemeinde Zitzschen, [Kreis] Leipzig[-Land], treten Mitglieder der SED für die Wahl eines Großbauern ein. Weiterhin fordern im Bezirk Leipzig die Zuckerrübenanbauer, dass diese die gleichen Zuckermengen wie die Stadtbevölkerung erhalten.

Karl-Marx-Stadt

In Sehma, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde von der Vorstandssitzung eine sogenannte »geheime Sitzung« abgehalten, was bei den Altbauern den Eindruck erweckte, als wolle man [mit] ihnen nichts zu tun haben. Weiterhin wird im Bezirk von vielen Funktionären der VdgB eine Wiederwahl im kommenden Jahr abgelehnt. Ein werktätiger Bauer aus Reinsberg, [Kreis] Freiberg, äußerte z. B., dass er und seine Berufskollegen eine Wiederwahl ablehnen, weil sie der Meinung seien, dass es einmal anders käme und die Funktionäre dann zur Rechenschaft gezogen würden. Im Kreis Rochlitz treten diesbezüglich besonders die Großbauern negativ in Erscheinung, weil sie nicht in die Vorstände gewählt würden. Ein Großbauer aus Königshain sagte z. B.: »Das ist eine schöne Demokratie. Wir als Großbauern können nur arbeiten wie die Schweine. Weiter haben wir nichts zu sagen.«

In den Gemeinden Bösenbrunn, Burkhardtsgrün,13 Oberwürschnitz und Dreihöf,14 [Kreis] Oelsnitz, wurde heftig über die Arbeit der VdgB diskutiert. In Dreihöf wurde z. B. der Referent der VdgB von einigen Bauern in einer Versammlung niedergeschrien. Außerdem wurde von Großbauern gefordert, die VdgB aufzulösen.

Dresden

In den Ortsorganisationen Munzig, Seeligstadt und Burkhardswalde wurde von den Mitgliedern einstimmig verlangt, dass wegen der schlechten Zuckerrübenernte noch vor der Aufhebung der Rationierung eine Regelung für die Landbevölkerung getroffen werden müsste. (Es ging hierbei vor allem um die Zuteilung von Zucker.) In einer Vorstandssitzung in Kemnitz, [Kreis] Löbau, wurde vorwiegend über wirtschaftliche Dinge gesprochen. Im Zusammenhang damit brachten die Kleinbauern zum Ausdruck, dass wirtschaftliche Missstände letzten Endes zu solchen Auswirkungen wie in Ungarn führen könnten. Beim Rat des Kreises Freital gingen bisher aus 16 Gemeinden von den Ortsausschüssen Protestschreiben gegen die Erhebung des Zuckerrübenanbaues ein. Als Begründung dafür wurde angegeben, dass die Bauern keine Arbeitskräfte hätten und zum anderen die Zuckerrüben schlecht bezahlt würden.

Bei den Wahlen in Görlitz vertreten die Bauern folgende Linie: Vonseiten des Zentralvorstandes wird dahingehend eingewirkt, die Ortsvorstände nicht zu groß zu gestalten. Von den Bauern aller Gemeinden des Kreises Görlitz werden aber 10 bis 15 Kandidaten vorgeschlagen. In der Gemeinde Burkhardswalde,15 [Kreis] Meißen, stellten drei Großbauern die Frage, warum Großbauern nicht in die Vorstände gewählt würden, weil die Kleinbauern nicht ihre Interessen vertreten würden. Der Bürgermeister (SED) vertrat die Interessen der Großbauern, indem er den Vorschlag unterbreitete, dass der V. Bauerntag das Statut in dieser Weise ändern müsste. Im Kreis Niesky lehnen es einige Vorstände ab, weiterhin im Vorstand mitzuarbeiten.

Cottbus

Im Kreis Finsterwalde wird aufgrund der Ereignisse in Ungarn und Polen diskutiert, dass geheime VdgB-Wahlen durchgeführt werden müssten. In Groß Särchen16 wurden Stimmzettel abgegeben, auf dem Großbauern »freie Wirtschaft« fordern. In Birkwalde wurde ein Großbauer für den Vorstand vorgeschlagen. Ebenso wurden in der Gemeinde Breitenau ein Großbauer in den Vorstand und einer als Delegierter zum Kreisbauerntag gewählt.

RIAS

In einer Sendung »Für die Landbevölkerung« wird zur Vorbereitung des V. Bauerntages Stellung genommen und u. a. erklärt, dass die VdgB/BHG keine »Vertretung des Berufsstandes« sei. Sie würde sich seit Bestehen nur darauf beschränken zu Maßnahmen der SED »Ja und Amen« zu sagen wie z. B. bei der »Erhöhung der Ablieferungsnormen«. Es wird u. a. auch die Frage aufgeworfen, ob die Möglichkeit bestünde, bei einer Neuwahl die Verhältnisse nachhaltig zu ändern. Dazu wird zunächst erklärt, dass bereits auch auf den Dörfern schon eine freiere und offenere Sprache geführt würde, als das noch vor zwei Jahren der Fall gewesen wäre. Die SED sei während dieser Zeit durch die Kritik der Bauern gezwungen worden, in verschiedenen Dingen, wie Aufhebung des Viehhalteplanes, Stundung der Ablieferungsschulden, nachzugeben. Abschließend fordert der RIAS in dieser Sendung auf, in die Kerbe wie die SED zu schlagen. (Bezieht sich auf wirtschaftliche Missstände, die von der Partei aufgedeckt werden.) Die erste Gelegenheit würden dazu die kommenden VdgB-Wahlen bieten, bei denen versucht werden soll, »wieder die richtigen Männer an die Spitze des Dorfes zu stellen,17 trotz gegenteiliger Machenschaften der SED …«. »Es soll nicht verkannt werden, dass der Entschluss, einen Posten in der VdgB zu übernehmen, für viele anständig denkende Bauern nicht leicht ist. Aber uns scheint, dass die Übernahme eines solchen Postens heute mehr Aussichten auf Erfolg verspricht als noch vor zwei Jahren.«

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