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Zweiwochenbericht

7. August 1956
Informationsdienst Nr. 15 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Politische Diskussionen

Im Vordergrund der politischen Diskussionen standen in der Berichtszeit die Verhandlungen der Regierung der DDR in Moskau.1 Die Mehrzahl der Stimmen ist dazu positiv. Die Verhandlungen wurden nicht nur von den Beschäftigten in den Industrie- und Verkehrsbetrieben, sondern auch in der Landwirtschaft und unter der übrigen Bevölkerung stark beachtet. Die positiven Diskussionen beinhalten in der Hauptsache Folgendes:

  • die Herabsetzung der Besatzungskosten auf 50 %;

  • die Kreditgewährung;

  • die Lieferung von Material zur Auslastung der Betriebe.

In diesem Zusammenhang wird über die weitere Erhöhung des Lebensstandards, Preissenkung, Erhöhung der Renten und Einführung wichtiger Lebensmittel diskutiert. Charakteristisch sind dafür folgende Meinungen, die in allen Bezirken ähnlich auftreten.

So diskutierten z. B. die Arbeiter aus dem Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz, [Bezirk] Suhl, wie folgt: »Die SU hat wieder einmal bewiesen, dass sie uns und allen friedliebenden Völkern helfend zur Seite steht. Durch die Minderung der Besatzungskosten sowie Kreditgewährung wird bald eine Preissenkung zu erwarten sein. Auch das Fehlen verschiedener Mangelwaren wird damit behoben.«

Im VEB Schmiedewerke »Hermann Matern« Roßwein, [Kreis] Döbeln, äußerten zwei Angestellte: »Durch diese Hilfe der SU können die noch in der DDR bestehenden ökonomischen Schwierigkeiten beseitigt und ein schneller Aufschwung erzielt werden, der auch der Landbevölkerung in Westdeutschland die Augen öffnen wird.«

Jedoch bestehen auch in dieser Frage eine Reihe negativer Meinungen, die in folgenden Argumenten ihren Ausdruck fanden:

  • »Die Herabsetzung der Besatzungskosten ist eine Selbstverständlichkeit.«

  • »Die Verhandlungen sind nur Propagandarummel und das Ergebnis wird nur auf dem Papier stehen, jedoch die Bevölkerung wird nichts davon zu spüren bekommen.«

  • »Der Kredit, den uns die Russen geben, bedeutet ja doch nur eine Verschuldung und Abhängigkeit. Die reden hier immer von der Verschuldung Westdeutschlands an die USA, aber bei uns sieht es nicht anders aus.«

Die Diskussionen über die Verstaatlichung des Sues-Kanals sind fast ausschließlich positiv, indem die Maßnahmen der ägyptischen Regierung begrüßt werden.2 Jedoch treten vereinzelt Befürchtungen auf, dass diese Handlungsweise zu einem neuen Krieg führen kann. So äußerten sich einige Arbeiter von der Energieverteilung Eisfeld, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, dass hier zwei Länder aufeinander treffen, die verschiedene Ziele haben. Solche Gegensätze könnten zu einem Krieg führen. Ein Teil der Beschäftigten des Industriewerkes Dresden sind ebenfalls der Meinung, dass die Maßnahme in Ägypten zu einem Krieg führen kann, da sich England dieses nicht bieten lassen würde.

Ökonomische Probleme

Die bereits in den vorhergehenden Informationsberichten genannten Materialschwierigkeiten hielten auch in der jetzigen Berichtsperiode weiter an. Im verstärkten Maße traten diese Schwierigkeiten hauptsächlich in der Metall verarbeitenden Industrie auf. Jedoch ist damit nicht gesagt, dass die Materialschwierigkeiten in der Bauindustrie, Lederverarbeitungs- und Textilindustrie überwunden sind. Durch diese Schwierigkeiten besteht unter den Beschäftigten Unzufriedenheit, da sie zum Teil durch Wartestunden nicht ihren vollen Lohn erhalten.

Für die Lage in der Metallindustrie einige Beispiele:

  • Im VEB Kirow-Werk Leipzig fehlen z. B. 4 000 t Walzstahl und 400 t Stahlguss sowie elektrische Anlagen und für einen Exportauftrag der SU über zwölf Laufkräne die Wälzlager.

  • Im VEB Trafo- und Röntgenwerk Dresden fehlt es an Blechen von 1,5 mm bis 15 mm sowie Walzprofilen, Kugellagern und anderen Normenteilen. Der Exportauftrag für die Sowjetunion von 3 000 Transformatoren, von denen fast die Hälfte bisher ausgeliefert wurde, ist durch das Fehlen von 1,5-mm-Blech gefährdet.

  • Der VEB Kranbau Eberswalde benötigt noch für den Ausstoß im IV. Quartal 1956 und I. Quartal 1957 ca. 1 000 t Abnahmebleche und ca. 450 t groben Stabstahl. Diese Fehlkontingente bedingen, dass sämtliche innerdeutschen Aufträge, die im Produktionsplan enthalten sind, nicht ausgeführt werden können bzw. als Überhang für 1957 gelten. Hierbei handelt es sich um Aufträge für: Neumark, Buna, Leuna, DSU-Magdeburg, Warnow-Werft und Neptun-Werft.

  • Der VEB Bodenbearbeitungsgeräte Leipzig, welcher sehr viel Exportmaterialien anfertigt, ist aufgrund von Materialschwierigkeiten nicht in der Lage, die Termine einzuhalten. So besteht ein Exportauftrag für China über 400 Traktorenpflüge, dessen Termin in den Monaten Juli/August liegt. Die Produktion konnte aber bis Mitte Juli noch nicht begonnen werden, da 29 t Rundmaterial, ca. 95 t Vierkanteisen, ca. 50 t Bleche sowie ca. 17 t U-Profile fehlten.

  • Das Gleiche ist für einen Exportauftrag nach Italien über 610 Weinbergpflüge zu verzeichnen, wo ebenfalls der Termin Juli/August aufgrund des Fehlens von ca. 30 t Blech nicht eingehalten werden kann. Ein weiterer Exportauftrag läuft über 400 Traktoreneggen. Auch hier liegt der Termin Juli/August und es konnten ebenfalls bis Mitte Juli noch keine Eggen ausgeliefert werden, da auch hier ca. 18 t Vierkanteisen, 19 t Winkeleisen und 74 t Blech fehlen.

Weitere wesentliche Materialschwierigkeiten bestehen noch in folgenden VE-Betrieben:

  • Schwermaschinenbau »7. Oktober« Magdeburg,

  • Rohrleitungsbau Berlin,

  • Zeitzer Eisengießerei und Maschinenfabrik,

  • Schmiedewerk »Hermann Matern« Roßwein, [Bezirk] Leipzig,

  • Phänomenwerk Zittau,3 [Bezirk] Dresden,

  • »Ernst-Thälmann«-Werk Magdeburg,

  • Verlade- und Transportanlagen, vormals Bleichert, Leipzig,

  • Sachsenwerk Radeberg, [Kreis] Dresden[-Land].

Neben den Materialschwierigkeiten gibt es eine Reihe von Betrieben, in denen Absatzschwierigkeiten bzw. Auftragsmangel bestehen. Dies führt in einigen Betrieben dazu, dass Arbeitskräfte geschlossen ihren Urlaub nehmen bzw. in andere Betriebe oder in die Landwirtschaft umdisponiert werden mussten.

Dazu einige Beispiele:

Das Isoliermattenwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, musste am 25.7.1956 seine Produktion einstellen. Die Ursache dazu ist, dass die Schiffswerft Rostock keine Isolierung mehr abnimmt und die vertragsgebundenen Verträge mit der SU und Volkspolen rückgängig gemacht wurden. Die Belegschaft von 118 Mann geht geschlossen in Urlaub bzw. [die], die den Urlaub beendet haben, werden in die Landwirtschaft umgesetzt. Der VEB Radiotechnik Neustadt-Glewe, [Bezirk] Schwerin, musste in der Zeit vom 16. bis 23.7.1956 wegen Absatzschwierigkeiten die Arbeit einstellen. Die Beschäftigten mussten ebenfalls geschlossen in Urlaub gehen.

Weitere Absatzschwierigkeiten oder Auftragsmangel trat[en] noch in folgenden VE-Betrieben auf:

  • Baumwollspinnerei Karl-Marx-Stadt,

  • Plauener Netzwerk, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,

  • Trikotagenwerk Limbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt,

  • Nähmaschinenwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin,

  • Bekleidungswerk Seifhennersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden,

  • Pianoforte Seifhennersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden,

  • Vereinigte Hutwerke Guben, [Bezirk] Cottbus,

  • Holzverarbeitungswerke Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg,

  • Likörfabrik Neustadt,4 [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam,

  • Arzneimittelwerk Radebeul, [Bezirk] Dresden,

  • Möbelindustrie Oelsa-Rabenau, [Bezirk] Dresden.

Produktionsstörungen in der Zeit vom 20.7. bis 6.8.1956

  • Durch Ausfall von Baggern, Störungen an Absetzern sowie Wagenentgleisungen entstanden in den Braunkohlenwerken der Kreise Altenburg und Borna, [Bezirk] Leipzig, folgende Ausfälle: 288 964 cbm Abraum, 5 000 t Rohkohle, 987 t Brikett. Der finanzielle Schaden an Geräten, Maschinen und Produktionsausfall beträgt insgesamt 229 407 DM.

  • Am 27.7.1956 musste im VEB Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal, Blankenstein, [Bezirk] Gera, durch Ausfall der Kühlwasserpumpe eine Turbine abgeschaltet werden. Infolge Ausfalls des Kühlwassers waren 70 Kondensrohre geplatzt. Der Produktionsausfall beträgt 26 755 DM. Sachschaden 5 000 DM.

  • Am 25.7.1956 musste im Stahlwerk Gröditz, [Kreis] Riesa, der 5-t-Elektroofen infolge einer Trafostörung die Produktion einstellen. Dauer der Reparatur ca. 10 bis 14 Tage, Schaden ca. 22 000 DM.

  • Am 25.7.1956 wurde in der Filmfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld, bei Ausschachtungsarbeiten ein 5-kV-Kabel beschädigt, wodurch ein Kurzschluss in der Kraftzentrale entstand und ein Generator durchschlug. Durch die Stromunterbrechung entstand ein Ausfall von 39 000 DM. Schaden am Generator ca. 90 000 DM.

  • In der Kreisziegelei Themar, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, ist durch nachlässiges Arbeiten die Ziegelsteinpresse ausgefallen. Produktionsausfall ca. 100 000 Ziegelsteine.

  • Am 25.7.1956 explodierte im VEB Zewa in Staaken, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, ein Kompressor zur Wasserstoffabfüllung. Schaden am Kompressor ca. 6 000 DM. Produktionsausfall ca. 15 000 bis 20 000 DM.

  • Am 2.8.1956 explodierte im VEB Glaswerk Lauscha, [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl, ein Lufterhitzer, wobei ein Sachschaden von ca. 2 000 DM entstand. Durch diese Explosion konnte eine Schicht nicht arbeiten.

  • Am 22.7.1956 trat im Glaswerk Freital am Glasofen VI ein Durchbruch ein. Produktionsausfall 13 300 Stück Ladoflaschen (Holland), 43 300 Stück Industrieflaschen (Inland).

Brände entstanden

  • Am 2.8.1956 entstand aus noch ungeklärter Ursache im VEB Weberei Mittweida, [Kreis] Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Brand. Schaden ca. 300 000 DM.

  • Am 20.7.1956 entstand durch Wärmestauung im VEB Hartpappenwerk Langenhennersdorf,5 [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, ein Brand. Schaden ca. 20 000 DM.

  • Am 25.7.1956 brach im VEB Beleuchtungsglaswerk Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, durch fahrlässige Brandstiftung ein Brand aus. Schaden ca. 18 000 DM.

  • Am 19.7.1956 entstand durch Staubexplosion in der Feinrösterei des Konsumkaffeewerkes Magdeburg ein Brand aus. Schaden ca. 5 000 DM.

  • Am 1.8.1956 entstand durch Gasbildung im VEB Farbenfabrik Nerchau, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, ein Brand. Schaden ca. 300 000 DM und ca. vier Wochen Produktionsausfall.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgungslage hat sich in der letzten Zeit nicht wesentlich verändert. Der Mangel an HO-Butter und HO-Margarine besteht weiterhin und es kommt trotz verschiedentlichen Aufstockungen vor den Geschäften bei Anlieferung von Waren noch immer zu Schlangenbildungen. Größere Nachfrage besteht nach HO-Zucker, der besonders in ländlichen Gegenden nicht genügend vorhanden ist. Verärgert über den Mangel an HO-Zucker sind auch verschiedene Bauern, die erklären, dass sie mit der geringen Zuckerzuteilung nicht ausreichen6 würden und deshalb auf HO-Zucker angewiesen seien. Es wird deshalb oftmals von diesen der Wunsch geäußert, den Bauern mehr Zucker zu geben. So stellte z. B. auf einer agrarpolitischen Kommissionssitzung der DBD am 24.7.1956 eine Genossenschaftsbäuerin (DBD) aus der Gemeinde Elz, [Kreis] Röbel[/Müritz], [Bezirk] Neubrandenburg, den Antrag, dass die Bauern so viel Zucker wie auf einer Grundkarte erhalten sollten.7 Große Diskussionen gibt es unter der Bevölkerung über die Versorgung mit Frischgemüse. Die Bevölkerung bemängelt die schlechte Belieferung und die hohen Preise.

Die Diskussionen zur Versorgungslage haben sich nicht verändert und es werden im Wesentlichen die gleichen Argumente gebracht.

Überplanbestände

  • Im Lager der HO-Lebensmittel Prenzlauer Berg befinden sich ca. 11 t ungerösteter Kaffee. Zzt. bestehen große Absatzschwierigkeiten, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass ein Teil der Bewohner des demokratischen Sektors ihren [sic!] Bedarf an Kaffee in Westberlin deckt.

  • Im GHK Lebensmittel Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, gibt es per 1.8.1956 folgende Überplanbestände:

    • Käse: 5 t,

    • Zigaretten: 200 000 DM,

    • Wein – Spirituosen: 250 000 DM,

    • Getreide-Kartoffelerzeugnisse: 200 DM [sic!].

    • Weiße Bohnen: 25 t.

  • Im VEAB Betzschkau, [Kreis] Reichenbach: Weiße Bohnen: 80 t.

  • Im VEAB Auerbach: Weiße Bohnen: 30 t.

  • In der Kelterei des VEG Rottwerndorf,8 [Ortsteil von] Pirna, [Bezirk] Dresden, lagern für ca. 15 000 DM Apfel- und Mehrfruchtweine, die das GHK wegen angeblichen Absatzschwierigkeiten nicht abnimmt. Dem VEG sind dadurch erhebliche Mittel gebunden.

  • Bei der HO-Lebensmittel des Kreises Greifswald, [Bezirk] Rostock, liegen 2 279 000 Stück Zigaretten. Trotzdem soll der Betrieb im III. Quartal noch weitere 4 Mio. Stück binden.

Warenverderb

  • Am 25.7.1956 trafen auf dem Verschiebebahnhof Krippen, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, sechs Waggons Pfirsiche ein. Im Durchschnitt waren davon ca. 16 % verdorben. Von den eingetroffenen sieben Waggons Aprikosen waren ca. 21 % verdorben.

  • Die HO-Verkaufsstellen des Kreises Dippoldiswalde mussten den vom VEB Koba gelieferten englischen Kuchen wieder zurückgeben, weil der verdorben war. Der Kuchen wurde den Schweinen verfüttert. Der Kuchen findet keinen Absatz, weil der Preis zu hoch ist.

  • In der Verkaufsstelle Hötensleben, [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, sind 40 kg Frischfisch verdorben.

  • Am 14.7.1956 wurde dem kommunalen Großhandel Berlin von der Molkerei Neustadt, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, ein Waggon mit Milch und Quark abgeschickt. Während die Milch dort sofort ausgeladen wurde, verblieb der Quark im Waggon, weil er später ausgeladen werden sollte. In der Zwischenzeit wurde der Waggon auf das Nebengleis geschoben, wo er blieb. Der Quark (90 Zentner) ist dadurch verdorben. Jetzt will der kommunale Großhandel den Quark an die Molkerei zurückschicken, wo er aber nicht mehr verwertet werden kann.

  • Am 19.7.1956 traf in Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Waggon Rindfleisch aus Jugoslawien ein. Nach der Untersuchung des Fleisches wurde festgestellt, dass davon nur noch 50 % genießbar waren.

  • Im Kreisgebiet Dessau, [Bezirk] Halle, gibt es zzt. Schwierigkeiten im Absatz von Frisch- und Räucherfisch. Die Anlieferung in der Handelsniederlassung Fisch in Dessau-Alten ist so groß, dass nicht aller Fisch umgesetzt werden kann. Obwohl der Preis auf 1,00 DM pro kg herabgesetzt wurde, wurde der Fisch nicht abgesetzt.

Die Lage in der Landwirtschaft

Gegenwärtig steht in der Landwirtschaft vor allem die Einbringung der Ernte im Vordergrund. Dabei gibt es eine ganze Reihe Schwierigkeiten zu überwinden. Neben dem Mangel an Ersatzteilen, wodurch der reibungslose Einsatz der Maschinen nicht immer gewährleistet ist, gibt es auch Schwierigkeiten wegen Mangel an Arbeitskräften. Verschiedentlich wird auch über schlechtes Bindegarn geklagt, wobei am meisten bemängelt wird, dass das Bindegarn laufend reißt. Im VEG Rentz,9 [Kreis] Spremberg, [Bezirk] Cottbus, musste deswegen z. B. die Gerstenernte unterbrochen werden und anderes Bindegarn beschafft werden.

Ein anderes Problem ist, dass sich durch die Schlechtwetterperiode die Getreidemahd verzögert und unter den Bauern eine gewisse Besorgnis hinsichtlich der verlustlosen Einbringung der Ernte besteht. Vielmals ist es nicht möglich, Mähdrescher und andere Maschinen einzusetzen, weil die Gefahr besteht, dass die Maschinen absinken. Die Lage wird noch dadurch erschwert, dass beim Einsatz der Maschinen vielfach Reparaturen durchgeführt werden müssen.

Von Einzelbauern und LPG aus den Bezirken Halle, Suhl und Dresden wird bemängelt, dass die MTS die abgeschlossenen Verträge nicht einhalten.

Arbeitskräftemangel besteht vor allem in den Bezirken Suhl, Frankfurt/O., Schwerin, Potsdam und Karl-Marx-Stadt. So wird z. B. aus dem Bezirk Suhl berichtet, dass in der LPG Gehren, [Kreis] Ilmenau, noch 70 Morgen Heu geerntet werden müssen, aber dazu die Arbeitskräfte fehlen. Der Vorsitzende der LPG äußerte den Wunsch, dass von der Regierung Maßnahmen diesbezüglich eingeleitet werden müssten.

Im Bezirk Frankfurt/O. sind noch ca. 1 235 ha Rüben zu verziehen (Stand vom 21.7.1956). Es besteht einmal ein Mangel an Arbeitskräften und zum anderen setzen die MTS die Pflegemaschinen nur ungenügend ein. Es ist notwendig, dass schnellstens Arbeitskräfte eingesetzt werden, da sonst größere Rübenflächen umgebrochen werden müssen.

Zur Frage der Ersatzteilschwierigkeiten kann festgestellt werden, dass sich die Lage nicht verändert hat und in den gleichen Bezirken, wie bereits des Öfteren berichtet, Schwierigkeiten bestehen. Hinzu kommt, dass jetzt beim Einsatz der Maschinen auch wieder reparierte Maschinen ausfallen, weil verschiedene Ersatzteile entzweigehen. Vielfach konnte hierbei festgestellt werden, dass das zu Ersatzteilen verwendete Material zu weich ist und deshalb schnell verschleißt.

Im Bezirk Leipzig sind gegenwärtig noch 2 000 Jugendliche, davon 1 920 Mädchen, ohne Lehr- bzw. Arbeitsstellen. Die meist gewünschten Berufsstellen sind bereits besetzt. Andererseits stehen aber noch Lehrstellen offen. Die vorhandenen Lehrstellen in der Landwirtschaft sind erst zu 28 % besetzt.

In der VdgB/BHG Schlottwitz, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, sind in diesem Jahr die Spareinlagen sehr zurückgegangen, sodass die VdgB/BHG bald nicht mehr weiß, womit sie Dünger und andere wichtige Dinge für die Landwirtschaft bezahlen soll. Die Geldbestände, die Bauern der BHG Kubschütz, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, zur Verfügung stellen, sind in diesem Jahr ebenfalls sehr niedrig, obwohl Kredite in diesem Jahr um 50 % mehr als im Vorjahr gefordert werden. Der freie Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, vor allem Milch und Fleisch, liegt in diesem ersten Halbjahr um 50 % niedriger als im vergangenen Jahr.

Im Kreis Zittau, [Bezirk] Dresden, lagern, zzt. 200 t Futtermittel. Die Lagerböden, die für Getreidelagerung vorgesehen sind, mussten mit Futtermitteln belegt werden. Es ist eine zusätzliche Freigabe von Futtermitteln notwendig, da dieses durch die Witterungsverhältnisse verderben kann.

Am 22.12.1955 kaufte die LPG Fredersdorf, [Kreis] Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/O., auf Anweisung des Rates des Kreises von der BHG Hohen-Landin 3 130 kg Eiweißkonzentrat, was bereits zwei Jahre gelagert hatte. Im Juni dieses Jahres wurde das Eiweißkonzentrat zur Mast der Schweine verwendet. Unmittelbar nach der Fütterung erkrankten die Schweine. Vom Schweinemeister wurde versäumt, dieses dem LPG-Vorsitzenden mitzuteilen. Ca. 70 Schweine im Gewicht bis zu 50 kg verendeten. Der entstandene Schaden beläuft sich auf ca. 67 000 DM. Die restlichen Schweine sind durch die Fütterung von Eiweißkonzentrat am Wachstum behindert.

Im Kreis Bautzen, [Bezirk] Dresden, ist ein großer Anfall von Geflügel, vor allem Enten und Hühnchen, was darauf zurückzuführen ist, dass von den Bauern und LPG mit den zuständigen Stellen Verträge über Mast von Geflügel abgeschlossen wurden. Jetzt wird es den Bauern jedoch nicht abgenommen, da von der Hygiene-Inspektion der Verkauf des Geflügels in den Fleischverkaufsstellen für nicht statthaft erklärt wird, da die Enten Bakterien enthalten, die für den Menschen schädlich seien. Die Bauern diskutieren dahingehend, dass sie sich auf solche Verträge nicht mehr einlassen wollen.

Aus den Bezirken Magdeburg, Leipzig, Dresden und Halle wird berichtet, dass ein Mangel an Wofatox10 besteht. Durch die starken Regenfälle war es notwendig, mehrere Male zu bestäuben, sodass jetzt kein Wofatox mehr zur Verfügung steht. Es werden aber größere Mengen benötigt, da z. T. bereits größere Flächen Rüben von der Rübenfliege bzw. Blattlaus vernichtet worden sind.

Brände in der Zeit vom 20.7. bis 6.8.1956

In der Berichtszeit wurden insgesamt 24 Brände bekannt, davon fünf Brände durch Blitzschlag, drei Brände durch Fahrlässigkeit, fünf Brände unbekannt, zwei Brände durch vermutliche Brandstiftung, drei Brände durch Kinderhand, ein Brand durch vermutliche Fahrlässigkeit, ein Brand durch Kurzschluss, ein Brand durch Funkenflug durch Lok, ein Brand durch unvorschriftsmäßigen Bau eines Schornsteines, ein Brand durch Selbstentzündung, ein Brand durch vermutliche Selbstentzündung.

Bezirk Neubrandenburg

  • ein Deichbrand – Ursache unbekannt.

Bezirk Schwerin

  • zwei Scheunenbrände – Einzelbauer – LPG – Fahrlässigkeit, vermutliche Selbstentzündung;

  • ein Wohnhaus – Einzelbauer – vermutliche Fahrlässigkeit;

  • zwei Dachstuhlbrände – Mittelbauern – vermutlicher Kurzschluss und Fahrlässigkeit;

  • zwei Waldbrände – unbekannt;

  • eine Getreidemiete – LPG – vermutliche Brandstiftung.

Bezirk Potsdam

  • ein Scheunenbrand – Blitzschlag;

  • ein Siedlungshaus – Kleinbauer – Kinderhand;

  • ein Schonungsbrand – Funkenflug durch Lok.

Bezirk Magdeburg

  • drei Scheunenbrände: Großbauern – Blitzschlag, Altbauer – durch Kinderhand; werktätiger Bauer – unvorschriftsmäßiger Bau eines Schornsteines;

  • ein Diemenbrand – durch Kinderhand;

  • eine Feldscheune – Kleinbauer – Blitzschlag;

  • ein Sägewerk – unbekannt.

Bezirk Karl-Marx-Stadt

  • ein Stallgebäude – Mittelbauer – Selbstentzündung;

  • ein Scheunenbrand – Kleinbauer – Blitzschlag.

Bezirk Dresden

  • eine Scheune – Großbauer – vermutliche Brandstiftung;

  • ein Wirtschaftsgebäude – Genossenschaftsbauer – Blitzschlag.

Bezirk Suhl

  • ein Scheunenbrand – Einzelbauer – unbekannt.

Bezirk Halle

  • ein Brand im Kulturhaus – LPG – Fahrlässigkeit.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Industrie und Verkehr

Am 21.7.1956 wurde in der Schweißerei des VEB Montan Leipzig an einer Dreifachdüsenbrennmaschine festgestellt, dass die Zuleitungen von Sauerstoff und Acetylengas locker geschraubt und die Schraubenwindungen mit ölhaltigem Fett eingeschmiert waren. Des Weiteren wurde noch ein Zuleitungsschlauch zerstochen.

In der Zeit vom 22.7. bis 25.7.1956 wurde von unbekannten Tätern am Wasserturm des Wasserwerkes Neubrandenburg die Tür zur Wasserkammer gewaltsam geöffnet und der Entlüftungskanal eines Wasserbehälters beschädigt.

In der Nacht vom 27. zum 28.7.1956 entstand an einem Kesselwagen, welcher auf dem Werkgelände des VEB Kalischachtes Bleicherode stand und mit Chlorgas gefüllt war, ein Gasausbruch. Da die Gefahr bestand, dass das Gas mit der Frischluft in den Schacht gelangen konnte, wurde veranlasst, dass sämtliche Kumpel ausgefahren wurden. Ursache des Gasausbruches war, dass der Kesselwagen schadhaft war und Roststellen aufwies.

Am 26.7.1956 fiel auf der Wohnhausbaustelle Karl-Marx-Stadt, Bernhardtstraße, die Mörteltransportmaschine aus. Als Ursache wurde festgestellt, dass Dachpappe in den Transportschlauch eingeschoben war, wodurch die Zufuhr verstopfte.

Am 24.7.1956, gegen 1.45 Uhr, stießen auf dem Bahnhof Krossen, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera, zwei Güterzüge zusammen, wobei ein Sachschaden von 70 000 DM entstand.

Am 22.7.1956, gegen 2.00 Uhr, entgleisten auf der Strecke Dresden – Riesa zwischen den Stationen Niederau und Priestewitz vier Kessel- und zwei Topfwagen, wobei vier Wagen umstürzten. Die in den Topfwagen befindliche Salzsäure floss aus und erzeugte gasartigen Nebel, welcher sich auf die anliegenden Getreide- und Kartoffelfelder ausbreitete. Die umliegenden Häuser mussten wegen Brandgefahr und aufsteigenden Dämpfen geräumt werden.

Am 2.8.1956, gegen 12.20 Uhr, fuhr eine Zugmaschine mit Anhänger von der Bauhandwerksgenossenschaft Weißenfels, [Bezirk] Halle, an einem unbeschrankten Bahnübergang auf die Gleise und wurde von einem Güterzug erfasst. Die Zugmaschine und der Anhänger wurden total beschädigt, sodass ein Sachschaden von 25 000 DM entstand. Der Traktorist erhielt dabei tödliche Verletzungen.

Übrige Bevölkerung

Die im letzten Bericht gemeldeten Unzufriedenheiten der Reinigungskräfte und Arbeiter in medizinischen Einrichtungen halten noch an. Ein Teil der Reinigungskräfte von den Universitätskliniken Jena hat gekündigt und nimmt Arbeit in Großbetrieben auf. Dadurch müssen Krankenschwestern, die schon überlastet sind, Reinigungsarbeiten mit übernehmen. Die in der Küche im Städtischen Krankenhaus Buch Beschäftigten fragen: »Warum gibt es bei uns keinen Haushaltstag. Bei Hitler hatten wir ihn und im Arbeiter- und Bauernstaat ist es nicht möglich.«11

Im Städtischen Krankenhaus Babelsberg, [Stadtteil von] Potsdam, erkranken 80 % der entbindenden Frauen an der Brust. Ähnlich ist es in Müncheberg, [Bezirk] Frankfurt/O., und anderen Kreisen des Bezirkes Potsdam, z. B. in Zossen. Diese Krankheitserscheinungen treten schon seit mehreren Jahren auf, was dem Ministerium für Gesundheitswesen bekannt ist. Es kann aber angeblich nichts unternommen werden, da die Infektionsquelle den Geräten und Räumen anhaftet. Die Entbindungsstation im Kreiskrankenhaus Zossen sollte geschlossen werden, um den Bazillus zu entfernen. Dies war nicht möglich, weil andere Entbindungsstationen zu weit entfernt liegen.

Ärzte und Gesundheitshelfer beklagen sich in den letzten Wochen über die Überbelegung der Säuglingsheime im Bezirk Schwerin. Im Stadtgebiet Schwerin liegen über 300 dringende Anmeldungen vor. Die Hausfrauen und Mütter, die in der Produktion tätig sind, bringen zum Ausdruck, dass sich dieser Zustand nicht mit den Gesetzen vereinbart, für die Frau alles zu tun, um sie in den Produktionsprozess einzureihen. Die Kinderheime in Warin, [Kreis] Sternberg, Parchim und Perleberg sind bereits mit Kindern aus dem Stadtgebiet Schwerin belegt.

Ärzte

Alle Ärzte der Poliklinik Bad Liebenstein, [Bezirk] Suhl, sind bis auf zwei Ausnahmen vor ca. drei Wochen aus dem FDGB ausgetreten, weil sie keine Hilfe vom FDGB bekämen. Die Ärzte des Krankenhauses Meißen bestehen darauf, dass ihnen der Sonntags- und Nachtdienst auch dann bezahlt wird, wenn sie keine Patienten haben. Das ist gesetzlich nicht festgelegt. Bei einer deshalb einberufenen Versammlung der Ärzteschaft erklärten Vertreter des FDGB-Bezirksvorstandes, dass dieser Dienst auf jeden Fall bezahlt werden muss, auch wenn es ein Gesetz anders besagt. Als eine Angestellte des Krankenhauses vorschlug, die Versammlung zu beenden, erklärte eine Vertreterin des Bezirksvorstandes des FDGB: »Na hier sieht man ja wieder, dass ihr nicht um euer Recht kämpft.«

Im Rat des Kreises Brandenburg-Land, Abteilung Planung, haben vier Genossen am Fernstudium teilgenommen und legen Ende Juli 1956 ihr Staatsexamen ab. Drei Genossen haben die Kündigung beim Rat des Kreises eingereicht und wollen, nachdem sie ihr Staatsexamen abgelegt haben, zur Industrie übergehen. Begründung: Sie haben zurzeit ein Gehalt von 432 DM und später keine Möglichkeit, ihr Gehalt aufzubessern. In der Industrie bekommen sie nach Ablegung des Staatsexamens eine Sonderleistung zum Gehalt. Dadurch muss nach dem 1.8.1956 mit neuen Kräften gearbeitet werden, die noch keine Erfahrung in der Planung haben.

Eingemeindungen im Kreis Hildburghausen, [Bezirk] Suhl

Seit Juli 1956 gibt es im Kreis Hildburghausen Diskussionen gegen die vorgesehenen Eingemeindungen, die besonders von Angehörigen kleinbürgerlicher Parteien geführt werden. Aber auch SED-Mitglieder, meist Bürgermeister, wenden sich dagegen. Von den 25 vorgesehenen Gemeinden haben sich erst acht dazu bereit erklärt. Folgende Hauptargumente treten auf: »Wir sehen wohl ein, dass dadurch viel Geld eingespart wird (Gehälter für Bürgermeister usw.), aber ihr dürft nicht damit rechnen, dass nachher die werktätigen Bauern alles ehrenamtlich machen sollen.« (Birkenfeld);12 »Ich bin für die Eingemeindung erst dann, wenn ich eine gleichwertige Stellung nach der Eingemeindung erhalte.« (Bürgermeister in Schlechtsart,13 SED)

Im Kreis Zeulenroda, [Bezirk] Gera, wenden sich vor allem die Bauern in den kleinen Dörfern gegen Eingemeindungen, weil sie mit den schriftlichen Arbeiten auf den Bürgermeister angewiesen sind und auch – wenn sie einer Stadt eingemeindet werden – mehr Steuern bezahlen müssen.

In der Gemeinde Schlettau, [Kreis] Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist die Bevölkerung über die schlechten Wohnverhältnisse unzufrieden. Einwohner, die wegen Einsturzgefahr aus ihren Wohnungen gewiesen werden sollen, haben sich an die Kirchenleitung gewandt. Der Superintendent Auenmüller14 will angeblich bei der Regierung intervenieren und von sich aus Geld bereitstellen. Aufgrund dieser Propaganda orientiert sich ein größerer Teil der Bevölkerung wieder auf die Kirche. In einer Einwohnerversammlung wurde gefordert, eine Protestresolution sowie eine Delegation zur Regierung zu senden. Die Hauptargumente waren:

  • »Keine Kulturhäuser – sondern Wohnungen«;

  • »Das Geschwür muss man aufstechen. Die Herren in Berlin am grünen Tisch und in den Kulturhäusern sind nur Deputierte.«

  • »In den meisten Fällen stehen die Kulturhäuser leer und Wohnungen werden gebraucht.«

Ähnliche Argumente werden in Lobenstein, [Bezirk] Gera gebraucht, wo von 4 000 Einwohnern 200 [eine] Wohnung suchen.

In der Gruppe Bau und Technik der HA Verwaltungsangelegenheiten der Regierung besteht eine gewisse Opposition gegen die Gruppenleitung. Dort werden neue Arbeitskräfte auf höheren Planstellen eingesetzt, weil sie für wenig Geld nicht anfangen, aber dringend gebraucht werden. Dies verärgert die schon lange beschäftigten Kollegen, die gleiche Qualifikationen aufweisen, aber durch diese Regelung keine Weiterentwicklung sehen. Ein anderer Grund ist, dass nicht nach Leistungen sondern nach Qualifikationsmerkmalen bezahlt wird. So bekommt ein Diplom-Ingenieur stets mehr als ein Ingenieur, auch wenn er nicht so viel leistet. Außerdem ist die Materialbelieferung schlecht (Zement, Ziegelsteine).

Im Bezirk Leipzig haben in vier Fällen Kriegerwitwen bei der SVK Antrag auf Kriegswitwenrente gestellt. Sie beriefen sich dabei auf eine Aufforderung des Deutschlandsenders15 vom 30.7.1956, 18.00 Uhr. Diese Sendung war jedoch für Westdeutschland bestimmt und auch als solche bezeichnet.

Unter den Friseuren der Stadt Saalfeld sind zzt. Unruhen wegen folgender Vorkommnisse vorhanden: Bei Extrawünschen von Kunden haben die Friseure entsprechend die Preise verändert. Dies nahm der Preisprüfer [Name 1] zum Anlass und hat Geldstrafen bis zu 1 000 DM ausgesprochen. Eine Delegation der Friseure war bereits in Berlin, wo man ihnen Recht gab. Eine Änderung ist jedoch bis jetzt noch nicht eingetreten.

Anlage vom 7. August 1956 zum Informationsdienst Nr. 15

Feindtätigkeit in der Zeit vom 21.7. bis 6.8.1956

In der Berichtszeit erstreckt sich die Feindtätigkeit hauptsächlich auf das Anschmieren von Hakenkreuzen, Hetzlosungen gegen Partei und Regierung, Abreißen von Fahnen und Gerüchteverbreitung. Hakenkreuze wurden in Freital, [Bezirk] Dresden, und Niederebersbach, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, Gera, Halle, Brück, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, und Neuhaus-Schierschnitz, [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, angeschmiert. Hetzlosungen sind in Halle (4 Fälle), Leipzig (5 Fälle), Berlin O 17,16 Dresden, Gera, Karl-Marx-Stadt und Suhl festgestellt worden. Abreißen von Fahnen: in Leipzig neun Fahnen und in Dresden eine Fahne. Außerdem wurden in der Berichtszeit im Bezirk Dresden vier Straßensperren errichtet, meist von Jugendlichen.

Gerüchte

  • In Dresden unter Rentnern, »dass in der nächsten Zeit die Renten verdoppelt werden sollen«.

  • Unter den Einwohnern von Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/O.: »Jugendliche, die nach Berlin fahren wollen, werden von der VP in Bernau an der Sperre nicht durchgelassen.«

  • In der Gemeinde Marxwalde, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/O., und in Altfriedland, »dass im Zuge des Flugplatzbaues die Gemeinde Altfriedland geräumt wird«.17

  • In Gera unter Hausfrauen: »Ab 1. Oktober 1956 wird das Kartensystem für Mehl, Brot und andere Teigwaren wieder eingeführt.«18

  • In der Gemeinde Grawe und Wadow, [Kreis] Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, »dass der PM 12a19 an Bürger, die das 21. Lebensjahr überschritten haben, nur für zwei Tage ausgegeben wird«.

  • In Neustadt-Glewe, [Kreis] Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, dass »ein Teil der Jugendlichen über 15 Jahre, die früher in der DDR wohnhaft waren, nach Schweden transportiert werden«.

Landwirtschaft

  • In der Gemeinde Tucheim,20 [Kreis] Genthin, [Bezirk] Magdeburg, »dass alle Ackerbesitzer von zwei Morgen an im nächsten Jahr Sollveranlagung bekommen«.

  • Ein Großbauer aus Gantikow, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam: »Die SVK würde den Bauern beim Nachtdrusch keinen Unfallschutz mehr gewähren.«

  • In der Gemeinde Zachow, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam: »wenn sich ein werktätiger Bauer noch vor der Ernte nach dem Westen absetzt, erhält er in Westberlin eine Entschädigung von 2 000 DM West.«

  • Ein Bauer aus der Gemeinde Schwickershausen,21 [Kreis] Meiningen, [Bezirk] Suhl: »dass alle ausgesiedelten Bürger der 5-km-Zone22 demnächst wieder zurückkommen, ihre ehemaligen Betriebe wieder erhalten und eventuell in die LPG aufgenommen werden«. Dieses Gerücht führte dazu, dass diejenigen Bürger, die Wirtschaften von Ausgesiedelten übernommen haben, in ihrer Arbeitsmoral nachlassen und zum Ausdruck bringen: »Uns ist es egal was mit den Betrieben wird, da sie eines Tages ja doch wieder den Besitzern gehören. Wir haben jetzt nur als Knechte gearbeitet, indem wir diese Betriebe erhalten haben.«

Im angetrunkenen Zustand gerieten Anfang Mai der Bürgermeister und der Vorsitzende des Ortsausschusses der Nationalen Front23 aus Ebertshausen, [Kreis] Suhl[-Land], in Streit und Tätlichkeiten. Nach gegenseitiger Aussprache einigten sie sich wieder. Dieser Vorfall ist heute noch allgemeines Ortsgespräch in Ebertshausen. Z. B. sammelt der Konsumverkaufsstellenleiter [Name 2] (parteilos) aus Ebertshausen Unterschriften gegen den Vorsitzenden der Nationalen Front, Genossen Pabst, um diesen unmöglich zu machen. Nach Aussagen des Kreissekretärs der Nationalen Front, Genossen Tödtmann24, hat [Name 2] bis jetzt 17 Unterschriften erhalten.

In der Nacht zum 29.7.1956 wurden in Prenzlau in der Nähe des KVP-Objektes25 zwei KVP-Angehörige von unbekannten Tätern grundlos zusammengeschlagen. Die Täter flüchteten mit Fahrrädern.

In Wusterhausen, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, wurde eine Mitarbeiterin der FDJ-Kreisleitung, Gebietsinstrukteur für das Gebiet Dessow, von einer Gruppe Jugendlicher aus Wusterhausen gezwungen, das FDJ-Abzeichen und Abzeichen »Für Gutes Wissen« in Silber von ihrer Bekleidung zu entfernen. Die 18 bis 26 Jahre alten Jugendlichen waren zum Teil angetrunken.

Im Bezirk Erfurt wurde in der letzten Zeit eine verstärkte Feindtätigkeit gegen die GST durchgeführt: Auf dem Bezirksflugstützpunkt Bienstädt wurde kurz vor dem 17.6. in das Pumpenhaus eingebrochen, ein Hahn angedreht und das Pumpenhaus dadurch überschwemmt. In der Gemeinde Kleinfahner im Kreis Erfurt-Süd26 wurde ein durch die Grundorganisation selbst erbauter S-Schießstand vollkommen zerstört. Im Getriebe eines Motorrades der Grundorganisation Kleinbrüchter im Kreis Sondershausen wurden größere Metallstücke gefunden. In einer Flughalle in Nordhausen wurde eingebrochen. In der Halle und auf dem Fluggelände wurden Flugblätter abgelegt.

Im Ferienlager in Seifhennersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, wurde in einem Stück Kuchen ein 2½ cm langer Nagel gefunden. Der Kuchen war von der Konsumbäckerei Zittau geliefert worden.

Landwirtschaft

  • In der Nacht zum 30.7.1956 verendeten im VE Tierzuchtbetrieb Wernshausen, [Kreis] Eisenach, [Bezirk] Erfurt,27 zwei Rinder. Es besteht der Verdacht der Viehvergiftung. Zwei andere Rinder sind erkrankt. Von den Einwohnern sind in dieser Nacht zwei unbekannte männliche Personen in der Nähe des Tierzuchtbetriebes gesehen worden.

  • Einem Genossenschaftsbauern aus Effelder,28 [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, verendete am 24., 25. und 26.7.1956 je ein Schwein. Unbekannte Personen hatten an verschiedenen Stellen seines Grundstückes Phospormischung »Rattengift« ausgelegt.

  • In der LPG Meineweh, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, wurde in der Zeit vom 13. bis 15.7.1956 der Reifen einer Presse zerschnitten. Die zwei im Verdacht stehenden Personen sind seit dem 13.7.1956 republikflüchtig.

  • In der Zeit vom 23. bis 24.7.1956 wurde unter den Antriebsreifen eines Mähdreschers der MTS Rothenburg, [Kreis] Görlitz,29 [Bezirk] Dresden, ein Schwellennagel von 15 cm Länge schräg gegen den Reifen gestellt. Der Traktorist konnte den Nagel entfernen, sodass größerer Schaden verhindert wurde. Täter unbekannt.

  • In der LPG »Neuer Weg« Derenburg, [Kreis] Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, wurde in der vergangenen Woche (Meldung vom 3.8.1956) in ein Benzinfass von 800 Liter ca. 20 Liter Wasser zugegossen. Der Lagerraum ist verschlossen, es besteht aber die Möglichkeit durch das Fenster zu steigen.

  • Bei einem von der Werkstatt Pritzwalk, [Kreis] Potsdam, für die MTS Lindow, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, reparierten Mähdrescher wurde bei der Kontrolle in der MTS festgestellt, dass sich in der Ölwanne ein ca. 45 cm langer Drehspan befand.

  • Am 23.7.1956 wurden beim Bestäuben der Kartoffeln im Bereich des Brigadestützpunktes Neukalen, [Kreis] Malchin,30 [Bezirk] Neubrandenburg, in der Stäubebombe des Bestäubungsgerätes Lehmstücke gefunden, die die Zellenrädchen aus Porzellan zerbrochen hatten. Am 27.7.1956 arbeitete das Gerät ebenfalls nicht. In der Stäubebombe wurden abermals ein verrosteter Nagel, ein kleines Stück Blech und zwei Kieselsteine gefunden. Die Zellenrädchen waren wieder zerstört. Die MTS hat keine Zellenrädchen mehr. Es ist dringend nötig, dass Abhilfe geschaffen wird, da dieses Gebiet sehr von Kartoffelkäfern befallen ist.

  • Unbekannte Täter gossen in der Nacht zum 28.7.1956 auf dem Brigadestützpunkt der MTS Brüssow in der Gemeinde Gruenberg, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, zehn Liter Wasser mit Kunstdünger vermischt in den Tank eines Traktors IFA-Pionier. Der Traktor wurde am 27.7.1956, gegen 23.30 Uhr, von einem Traktoristen aus Grünberg in einem Schuppen des Stützpunktes abgestellt. Der Schuppen, in dem die Traktoren untergebracht werden, ist nicht verschlossen, obwohl Türen und Schlösser vorhanden sind. Der Täter wurde bisher nicht ermittelt.

  • Am 23.7.1956 wurde von einem Traktoristen aus Manschnow, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/O., festgestellt, dass an seinem Traktor die Flügelschraube entfernt und in das Getriebe Sand geschüttet worden war.

  • Die Brigade 4 in Vacha, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, erhielt von der Werkstatt der MTS Geisa zwei Mähbinder, bei denen sich im Getriebekasten Wasser befand. Außerdem waren die Schmiernippel verstopft, in den Lagern war noch altes Öl. Von der MTS wird das mit Mangel an Fachkräften entschuldigt.

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    7. August 1956
    Information Nr. 130/56 – Betrifft: Neue Hetzschriften
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    6. August 1956
    Information Nr. 129/56 – Betrifft: Missstimmung unter Lehrern und Angestellten in Quedlinburg, [Bezirk] Halle, über Ablehnung von Reisen nach Westdeutschland